TAG 10: 18.05.2001
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> Interview
Abel Ferrara
220
28
It: P. Cavanno / O. Bombarda

Rxmas
Regie: Abel Ferrara,
mit: Drea de Matteo, lilo Brancato Jr, Ice T,
USA 2000



Trailer

TAURUS
Internationale Filmfestspiele in Cannes 2001
Sélection Officielle: Wettbewerb
Regie & Kamera: Alexander Sokurov
Drehbuch: Yury Arabov
Darsteller: Leonid Mozgovoi, Maria Kuznetsova
Produzent: Lenfilm

Synopsis
Kamerad Lenin verbringt das Ende seines Lebens zurückgezogen, um nicht zu sagen als Gefangener, in einer wunderschönen, einsam gelegenen Villa auf dem Lande. Grübelnd, an Bett und Rollstuhl gefesselt, wartet er auf seinen Tod. Er versucht, die Bilanz seines Lebens zu ziehen, doch mit jedem Tag verliert sein Denken ein Stück mehr von seiner Klarheit. Die Villa wird zur Bühne, die Wachen zu Komparsen, Lenin zur Theaterfigur, pathetisch und absurd.




1923: Ein Mann, der mit seiner Revolution den Lauf der Geschichte verändert und die Welt erschüttert hat, liegt sterbend in einem Bett in einem fremden Haus, umgeben von fremden Dienern, Ärzten und Wächtern. Sein Name: Wladimir Iljitsch Lenin. Alles hektische Treiben, das um ihn herum veranstaltet wird, wird seinen Tod nicht aufhalten können. Trotz seiner schwindenden geistigen und körperlichen Kräfte ist der Diktator hellsichtig genug, um das Scheitern seiner Ziele zu ahnen, die Millionen Russen das Leben gekostet und Armut und Hunger über das Land gebracht haben. Schon schleicht Stalin, sein skrupelloser Nachfolger, als höflicher Besucher getarnt, um seine Tür. Umso verzweifelter klammert er sich an seine Macht und die welken politischen Ziele. Eigentlich aber führt Lenin, der Gott aus seiner Seele herausoperiert hatte, bereits einen Dialog mit dem Nichts, dem einzigen verbliebenen Begleiter Beichtvater und Richter.
Taurus ist der zweite Film einer geplanten Tetralogie des eigenwilligen russischen Regisseurs Alexander Sokurow. Während er in Moloch (1999 gewann der Film in Cannes den Preis für das beste Drehbuch) den Tyrannen Hitler als erbärmliche Karikatur gezeichnet hat, erscheint Lenin, der asketische Intellektuelle und dämonische Heilsbringer als tragische Figur, für dessen erbärmliches Ende Sokurow sogar Mitleid zu empfinden scheint. Inszeniert in Form eines auf einen einzigen Tag beschränkten Kammerspiels, zeigt Sokurov den Menschen Lenin im Angesicht des Todes mit all seinen Schwächen. Leonid Mozgovoi, der bereits die Rolle Hitlers in Moloch verkörpert hatte, spielt ihn als hilflos vor sich hin brabbelnden jähzornigen Tyrannen, der sein Personal, vor allem aber seine Frau - die einzige Vertraute seines einsamen Lebens - tyrannisiert. Der Landsitz, dessen Besitzer er einst per Dekret umbringen ließ, wird zu einem feindseligen Gefängnis, in dem sein ihn umgebender kommunistischer Hofstaat längst die respektvolle Distanz vor der Ikone verloren hat, in dem die ihn umgebenen Requisiten den Diktator daran erinnern, dass er immer nur für die Macht und nie die kleinen alltäglichen Dinge und Werte des Lebens gekämpft hat. Wie schon in Moloch stand Sokurov selbst hinter der Kamera und hat für seine Arbeit die eigens dafür angefertigen, eingefärbten Objektive verwendet. Das grünstichige Licht, der milchige Schleier, in den er seine Landschaften und Interieurs taucht, macht aus jeder Einstellung ein Gemälde, die an die Ikonografie der Sowjetunion und ihrer Filme erinnern. Hinter dieser verschwommenen Oberfläche macht Sokurov den wahren Charakter dieses modernen Taurus sichtbar, der, Opfer und Bösewicht zugleich, übermenschliche Macht ansammelte und als einsamer, von der Welt abgeschnittener Mensch endete.
Martin Rosefeldt

Mit "Taurus", nach "Moloch" der zweite Teil einer Trilogie über die großen Machthaber der Geschichte, liefert Alexander Sokurow eine ikonoklastische Vision der Dämmerstunden des Vaters der russischen Revolution. Dabei ist der Film keinesfalls revolutionär, wurde er doch mit Unterstützung des russischen Kulturministeriums gedreht, von einem Sokurow, der heute als Regisseur offizielle Anerkennung findet und weitgehend im Einklang mit dem politischen Klima seines Landes steht. In eben dieser Harmonie mit der Logik der Epoche liegt zugleich die Grenze, die das Projekt nicht zu überschreiten vermag. "Moloch" (1999), eine unerbittliche Studie über den langsamen Fall des Adolf Hitler, eingemauert in seinem Berchtesgadener Adlerhorst, war eine eigenartige und interessante Verschmelzung deutscher und russischer Kultur. Hitler und Eva Braun erschienen darin als Figuren, deren Vaterschaft ein Tschechow nicht verleugnet hätte. Die Ästhetik Sokurows, der grün-feuchte Grundton seiner Bilder, vermittelte das Klima der Fäulnis, in dem der Diktator sich immer tiefer in Einsamkeit und Senilität verlor. In "Taurus" dagegen ist die russische Kultur ohne Gegenüber, allein mit sich selbst. Daher wohl der unangenehme Eindruck von Leerlauf oder von reiner Auftragsarbeit : ein Film mehr, den Sokurow nur deshalb drehte, weil die Kulturbehörden ihn finanzierten. Selbst die merkwürdig verfremdeten Bilder, die sonst so charakteristisch für ihn sind, wirken diesmal willkürlich und rein dekorativ (da ist es nicht mehr weit bis zur erotischen Verschwommenheit eines David-Hamilton...) und der Niedergang des politischen Führers gerät zur vorhersehbaren Wiederholung. Einige Szenen, etwa der Auftritt Stalins als Spielteufel, sind freilich sehr gelungen. Doch wer Sokurow kennt, misst den Abstand, der diesen Film von den so beeindruckenden "Tagen der Finsternis" (1988) trennt.
Julien Welter



> Nanni Moretti

LA STANZA DEL FIGLIO
(THE SON'S ROOM)
Regie: Nanni Moretti,
mit Nanni Moretti, Laura Morante
Italien 2000

Synopsis
Eine intakte italienische Kleinfamilie wird mit dem überraschenden Tod ihres Sohnes konfrontiert. Wie geht jeder Einzelne damit um?



An dem Drehbuch zu ‚La Stanza del Figlio' arbeitet der italienische Regisseur Nanni Moretti schon seit 1993, nach seinem Erfolgsfilm ‚Liebes Tagebuch'. Doch da seine Frau Silvia zu diesem Zeitpunkt schwanger war, empfand er es als unpassend, an einem Film über den Tod eines Kindes zu arbeiten. Zusammen mit den Autorinnen Linda Ferri und Heidrun Schleef schrieb er über längere Zeit das Drehbuch und recherchierte sorgfältig die einzelnen Patientenfälle des Familienvaters und Psychiaters Giovanni, den er selbst spielt. Dass die Probleme seiner Patienten sehr sorgfältig ausgewählt sind, wird spätestens dann klar, wenn Giovanni in dieselbe Denkfalle wie eine seiner Patientinnen gerät: Diese fühlt sich für alles was passiert verantwortlich, und kann ihren Schuldgefühlen nicht entkommen. Giovanni versucht sie zu beruhigen, indem er ihr erklärt, dass der größte Teil des Lebens aus unabwendbarem Schicksal besteht, für das man selbst nicht verantwortlich ist.

Aber als Giovannis Sohn Andrea kurz darauf beim Tauchen mit Freunden ums Leben kommt, lädt er die ganze Schuld für diesen Unfall auf sich. Er ist unfähig, den Rat, den er seiner Patientin gab selbst zu befolgen. In seinem Kopf spielen sich diverse Szenarien ab, wie er den Tag gemeinsam mit seinem Sohn hätte anders gestalten können, so dass dieser nicht mit seinen Freunden Tauchen gegangen wäre. Giovanni bekommt - im Gegensatz zu seiner Frau Paola (Laura Morante) oder seiner Tochter Irene (Jasmine Trinca) - sein Leben nach dem Tod des Sohnes nicht wieder in den Griff. Es wird unmöglich für ihn seinen Beruf auszuüben, weil er sich nicht mehr auf die Probleme anderer Menschen einlassen kann. Die einst so intakte Kleinfamilie löst sich mehr und mehr auf, indem jeder seinen eigenen, persönlichen Weg geht, um mit dem Schmerz und der Trauer fertig zu werden.

La Stanza del Figlio' unterscheidet sich stark von Morettis anderen, spielerisch leichten Filmen wie etwa ‚Liebes Tagebuch'. Auf eine sehr einfühlsame Weise befasst sich Moretti mit einem existentiellen Thema. Dabei wird er allerdings manchmal zu explizit. Etwa wenn Giovanni in seinem Leiden vor seinen Patienten weint oder seine Lieblingsteekanne mit großen Worten zerstört. Das hält den Zuschauer auf unnötiger Distanz und bindet ihn emotional nicht ein. In einer Szene aber hat Moretti die Trauer in wirklich bewegenden, leisen Bildern eingefangen: Giovanni sitzt vor seiner Stereoanlage und hört sich einen 5-sekündigen Teil einer CD seines Sohnes wieder und wieder an. In seinem Kopf läuft dazu eine Szene wieder und wieder ab: Andrea und er joggen gemeinsam, sein Sohn lacht ihm zu, und der Loop der Musik dient als wiederkehrendes Moment seiner imaginären Vorstellung, die nie ein Ende finden wird.
Nana A.T. Rebhan

Bei seiner vierten Teilnahme in Cannes stellt Nanni Moretti eine Tragödie vor, die jetzt schon Anspruch auf den Preis der Tränen des Publikums erheben kann und sich getrost zu den ernsthaften Kandidaten für die Goldene Palme zählen darf. Die schon bekannte Methode des italienischen Filmemachers findet man auch diesmal wieder: seine Doppelrolle vor und hinter der Kamera, die Beschäftigung mit einem sozialen Milieu, das er gut kennt, und - last but not least - Ironie und Selbstironie. Altbekanntes also ? Nicht ganz. Denn, wie Moretti selbst sagt, "The son's Room" soll auch sichtbar machen, dass ihn die reine Karikatur nicht länger interessiert. In der Tat ist in diesem Film ein Wille zur "Wahrheit" spürbar, eine Art von Ehrlichkeit und Authentizität, die ihm den Anschein größter Einfachheit verleihen. Morettis Realismus, der jedoch nicht mit Naturalismus verwechselt werden will (das Wort ist ihm beinahe verhasst), gründet sich in erster Linie auf seinen Wunsch, Schauspieler zu sein. Der Ausgangspunkt des Films ist durchaus egozentrisch. Der Filmemacher erwartete mit Ungeduld den Tag, an dem er sich reif genug fühlte, die Rolle eines Psychoanalytikers zu spielen, anders, toleranter, ernster und weniger in Marotten verstrickt als seine früheren Figuren. Das im Kollektiv geschriebene Drehbuch (Linda Ferri und Heidrun Schleef zeichnen als Ko-Autorinnen), das den Tod des Sohnes einer glücklichen, bourgeoisen Familie in Szene setzt, wurde extra dafür maßgeschneidert. Doch das Thema des Todes bietet Moretti Gelegenheit, sein Talent zu beweisen und zugleich stilistische Neuerungen gegenüber seinen früheren Filmen einzuführen, besonders die Verwendung von Nahaufnahmen, die bisher bei ihm selten waren. Er verlässt auch Rom, stille Hauptdarstellerin in vielen seiner Filme, zugunsten eines abgelegenen Städtchens, in dem die Menschen noch in Gemeinschaft leben. Das ergibt denn auch eine Reihe von Porträts, in denen Menschen aus einer von Moretti zuvor unerreichten Nähe dargestellt werden. Die Hauptdarsteller bestechen durch die meisterhafte Beherrschung ihres Spiels. Laura Morante zeichnet das Porträt einer Mutter, dessen emotionale Kraft auf jene Sanftheit antwortet, mit der Giuseppe Sanfelice ihren Sohn verkörpert. Und Nanni Moretti selbst erweist sich durchaus auf der Höhe seiner neuen Ambitionen: Seine Darstellung von Unglück und Verlorenheit bleibt stets subtil. "The Son's Room" ist ein kluger und sensibler Film, der dem italienischen Kino neuerlich den Zugang zu einem breiten Publikum eröffnen sollte.
Olivier Bombarda

Et là-bas, quelle heure est-il ?
von Tsai Ming-Liang mit Lee Kang-Sheng,
Chen Shiang-Chyi, Lu Yi-Ching Taiwan /
Offizieller Wettbewerb

Synopsis
Hsia Kang ist Uhrenverkäufer. Kurz nach dem Tod seines Vaters trifft er Shiang-Chyi, eine junge Frau, die im Begriff steht, nach Paris abzureisen. Ihr völlig verfallen, beginnt Hsia, alle Uhren, die ihm unterkommen, auf die französische Zeit umzustellen.

Tsai Ming-Liang, bereits 1998 mit "The Hole" in Cannes vertreten, bleibt auch diesmal seinem kontemplativen Stil und seinem Lieblings-Schauspieler Lee Kang-Sheng treu. Sein ewiger Wegbegleiter Lee war es auch, der ihn zu " Et là-bas, quelle heure est-il ?" inspirierte. Tsai und Lee hatten beide innerhalb einiger Monate ihre Väter verloren. Von der Melancholie fasziniert, die Lees Gesicht ausstrahlte, beschloss Tsai, einen Film über das Thema des Verlustes zu drehen. Ohne sich jedoch in der bloßen Tragik dieses Ausgangspunktes zu erschöpfen, entwickelt der Autor von "Vive l'amour" eine ganze Serie von merkwürdigen, fast magischen Entsprechungen zwischen Taipei und Paris, zwei Großstädten, in denen die beiden Hauptdarsteller jeweils den sanften Irrsinn ihrer Mitmenschen und ihre eigene Einsamkeit erleben. Einige Zitate aus Truffauts "Quatre cent coups" (und ein kurzer Auftritt von Jean-Pierre Léaud) schlagen die kulturelle Brücke. Das Ergebnis ist ein schöner, illusionsloser Film, dessen lange, in einem Zug gedrehte Szenen auf wunderbar distanzierte Weise die existenzielle Angst und die soziale Bedrückung vermitteln, die seine Figuren empfinden. Am stärksten aber sind jene Augenblicke, in denen Tsai Ming-Liang seiner leichten Tendenz zur Versteinerung entflieht, indem er sich an die Grenzen der Burleske vortastet. Mag Tsai auch von der "Mechanik des Lachens" sprechen, mögen die Elemente, die sie in Gang bringen, auch fast gelehrt und von höchster Komplexität sein, das Ergebnis ist umwerfend. Man sehe sich nur an, wie er eine (unendlich langsame) Verfolgungsjagd zu inszenieren weiß, die ihren Ausgang - wie könnte es anders sein ? - von einer Uhren-Hehlerei nimmt, und wie er es versteht, sie in einer Szene abzuschließen, die auf höchst komische und zugleich beunruhigende Weise klassische Mechanismen der Komödie mit äußerst zwiespältigen sexuellen Motiven verbindet. Tsai Ming-Liangs Genie besteht in seiner Fähigkeit, uns hinzuhalten, um uns dann umso sicherer zu überraschen. Mit einer Schluss-Szene etwa, die in einem unscheinbaren Wunder eine verblüffend einfache Lösung findet, die diesem (vielleicht eine Spur zu) perfekt beherrschten Film - ausnahmsweise - eine fast optimistische Note verleiht.
Yann Gonzalez

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