TAURUS
Internationale Filmfestspiele in Cannes 2001
Sélection Officielle: Wettbewerb
Regie & Kamera: Alexander Sokurov
Drehbuch: Yury Arabov
Darsteller: Leonid Mozgovoi, Maria Kuznetsova
Produzent: Lenfilm
Synopsis
Kamerad Lenin verbringt das Ende seines Lebens zurückgezogen,
um nicht zu sagen als Gefangener, in einer wunderschönen,
einsam gelegenen Villa auf dem Lande. Grübelnd, an
Bett und Rollstuhl gefesselt, wartet er auf seinen
Tod. Er versucht, die Bilanz seines Lebens zu ziehen,
doch mit jedem Tag verliert sein Denken ein Stück
mehr von seiner Klarheit. Die Villa wird zur Bühne,
die Wachen zu Komparsen, Lenin zur Theaterfigur, pathetisch
und absurd.
1923:
Ein Mann, der mit seiner Revolution den Lauf der Geschichte
verändert und die Welt erschüttert hat, liegt sterbend
in einem Bett in einem fremden Haus, umgeben von fremden
Dienern, Ärzten und Wächtern. Sein Name: Wladimir
Iljitsch Lenin. Alles hektische Treiben, das um ihn
herum veranstaltet wird, wird seinen Tod nicht aufhalten
können. Trotz seiner schwindenden geistigen und körperlichen
Kräfte ist der Diktator hellsichtig genug, um das
Scheitern seiner Ziele zu ahnen, die Millionen Russen
das Leben gekostet und Armut und Hunger über das Land
gebracht haben. Schon schleicht Stalin, sein skrupelloser
Nachfolger, als höflicher Besucher getarnt, um seine
Tür. Umso verzweifelter klammert er sich an seine
Macht und die welken politischen Ziele. Eigentlich
aber führt Lenin, der Gott aus seiner Seele herausoperiert
hatte, bereits einen Dialog mit dem Nichts, dem einzigen
verbliebenen Begleiter Beichtvater und Richter. Taurus
ist der zweite Film einer geplanten Tetralogie des
eigenwilligen russischen Regisseurs Alexander Sokurow.
Während er in Moloch (1999 gewann der Film
in Cannes den Preis für das beste Drehbuch) den Tyrannen
Hitler als erbärmliche Karikatur gezeichnet hat, erscheint
Lenin, der asketische Intellektuelle und dämonische
Heilsbringer als tragische Figur, für dessen erbärmliches
Ende Sokurow sogar Mitleid zu empfinden scheint. Inszeniert
in Form eines auf einen einzigen Tag beschränkten
Kammerspiels, zeigt Sokurov den Menschen Lenin im
Angesicht des Todes mit all seinen Schwächen. Leonid
Mozgovoi, der bereits die Rolle Hitlers in Moloch
verkörpert hatte, spielt ihn als hilflos vor sich
hin brabbelnden jähzornigen Tyrannen, der sein Personal,
vor allem aber seine Frau - die einzige Vertraute
seines einsamen Lebens - tyrannisiert. Der Landsitz,
dessen Besitzer er einst per Dekret umbringen ließ,
wird zu einem feindseligen Gefängnis, in dem sein
ihn umgebender kommunistischer Hofstaat längst die
respektvolle Distanz vor der Ikone verloren hat, in
dem die ihn umgebenen Requisiten den Diktator daran
erinnern, dass er immer nur für die Macht und nie
die kleinen alltäglichen Dinge und Werte des Lebens
gekämpft hat. Wie schon in Moloch stand Sokurov
selbst hinter der Kamera und hat für seine Arbeit
die eigens dafür angefertigen, eingefärbten Objektive
verwendet. Das grünstichige Licht, der milchige Schleier,
in den er seine Landschaften und Interieurs taucht,
macht aus jeder Einstellung ein Gemälde, die an die
Ikonografie der Sowjetunion und ihrer Filme erinnern.
Hinter dieser verschwommenen Oberfläche macht Sokurov
den wahren Charakter dieses modernen Taurus
sichtbar, der, Opfer und Bösewicht zugleich, übermenschliche
Macht ansammelte und als einsamer, von der Welt abgeschnittener
Mensch endete. Martin
Rosefeldt
Mit "Taurus", nach "Moloch" der
zweite Teil einer Trilogie über die großen Machthaber
der Geschichte, liefert Alexander Sokurow eine ikonoklastische
Vision der Dämmerstunden des Vaters der russischen
Revolution. Dabei ist der Film keinesfalls revolutionär,
wurde er doch mit Unterstützung des russischen Kulturministeriums
gedreht, von einem Sokurow, der heute als Regisseur
offizielle Anerkennung findet und weitgehend im Einklang
mit dem politischen Klima seines Landes steht. In
eben dieser Harmonie mit der Logik der Epoche liegt
zugleich die Grenze, die das Projekt nicht zu überschreiten
vermag. "Moloch" (1999), eine unerbittliche
Studie über den langsamen Fall des Adolf Hitler, eingemauert
in seinem Berchtesgadener Adlerhorst, war eine eigenartige
und interessante Verschmelzung deutscher und russischer
Kultur. Hitler und Eva Braun erschienen darin als
Figuren, deren Vaterschaft ein Tschechow nicht verleugnet
hätte. Die Ästhetik Sokurows, der grün-feuchte Grundton
seiner Bilder, vermittelte das Klima der Fäulnis,
in dem der Diktator sich immer tiefer in Einsamkeit
und Senilität verlor. In "Taurus" dagegen ist
die russische Kultur ohne Gegenüber, allein mit sich
selbst. Daher wohl der unangenehme Eindruck von Leerlauf
oder von reiner Auftragsarbeit : ein Film mehr, den
Sokurow nur deshalb drehte, weil die Kulturbehörden
ihn finanzierten. Selbst die merkwürdig verfremdeten
Bilder, die sonst so charakteristisch für ihn sind,
wirken diesmal willkürlich und rein dekorativ (da
ist es nicht mehr weit bis zur erotischen Verschwommenheit
eines David-Hamilton...) und der Niedergang des politischen
Führers gerät zur vorhersehbaren Wiederholung. Einige
Szenen, etwa der Auftritt Stalins als Spielteufel,
sind freilich sehr gelungen. Doch wer Sokurow kennt,
misst den Abstand, der diesen Film von den so beeindruckenden
"Tagen der Finsternis" (1988) trennt. Julien Welter
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Nanni Moretti
LA
STANZA DEL FIGLIO
(THE SON'S ROOM)
Regie: Nanni Moretti,
mit Nanni Moretti, Laura Morante
Italien 2000
Synopsis
Eine intakte italienische Kleinfamilie wird mit dem
überraschenden Tod ihres Sohnes konfrontiert. Wie
geht jeder Einzelne damit um?
An
dem Drehbuch zu ‚La Stanza del Figlio' arbeitet
der italienische Regisseur Nanni Moretti schon seit
1993, nach seinem Erfolgsfilm ‚Liebes Tagebuch'.
Doch da seine Frau Silvia zu diesem Zeitpunkt schwanger
war, empfand er es als unpassend, an einem Film über
den Tod eines Kindes zu arbeiten. Zusammen mit den
Autorinnen Linda Ferri und Heidrun Schleef schrieb
er über längere Zeit das Drehbuch und recherchierte
sorgfältig die einzelnen Patientenfälle des Familienvaters
und Psychiaters Giovanni, den er selbst spielt. Dass
die Probleme seiner Patienten sehr sorgfältig ausgewählt
sind, wird spätestens dann klar, wenn Giovanni in
dieselbe Denkfalle wie eine seiner Patientinnen gerät:
Diese fühlt sich für alles was passiert verantwortlich,
und kann ihren Schuldgefühlen nicht entkommen. Giovanni
versucht sie zu beruhigen, indem er ihr erklärt, dass
der größte Teil des Lebens aus unabwendbarem Schicksal
besteht, für das man selbst nicht verantwortlich ist.
Aber
als Giovannis Sohn Andrea kurz darauf beim Tauchen
mit Freunden ums Leben kommt, lädt er die ganze Schuld
für diesen Unfall auf sich. Er ist unfähig, den Rat,
den er seiner Patientin gab selbst zu befolgen. In
seinem Kopf spielen sich diverse Szenarien ab, wie
er den Tag gemeinsam mit seinem Sohn hätte anders
gestalten können, so dass dieser nicht mit seinen
Freunden Tauchen gegangen wäre. Giovanni bekommt -
im Gegensatz zu seiner Frau Paola (Laura Morante)
oder seiner Tochter Irene (Jasmine Trinca) - sein
Leben nach dem Tod des Sohnes nicht wieder in den
Griff. Es wird unmöglich für ihn seinen Beruf auszuüben,
weil er sich nicht mehr auf die Probleme anderer Menschen
einlassen kann. Die einst so intakte Kleinfamilie
löst sich mehr und mehr auf, indem jeder seinen eigenen,
persönlichen Weg geht, um mit dem Schmerz und der
Trauer fertig zu werden.
‚La Stanza del Figlio' unterscheidet sich stark
von Morettis anderen, spielerisch leichten Filmen
wie etwa ‚Liebes Tagebuch'. Auf eine sehr einfühlsame
Weise befasst sich Moretti mit einem existentiellen
Thema. Dabei wird er allerdings manchmal zu explizit.
Etwa wenn Giovanni in seinem Leiden vor seinen Patienten
weint oder seine Lieblingsteekanne mit großen Worten
zerstört. Das hält den Zuschauer auf unnötiger Distanz
und bindet ihn emotional nicht ein. In einer Szene
aber hat Moretti die Trauer in wirklich bewegenden,
leisen Bildern eingefangen: Giovanni sitzt vor seiner
Stereoanlage und hört sich einen 5-sekündigen Teil
einer CD seines Sohnes wieder und wieder an. In seinem
Kopf läuft dazu eine Szene wieder und wieder ab: Andrea
und er joggen gemeinsam, sein Sohn lacht ihm zu, und
der Loop der Musik dient als wiederkehrendes Moment
seiner imaginären Vorstellung, die nie ein Ende finden
wird. Nana
A.T. Rebhan
Bei seiner vierten Teilnahme in Cannes stellt Nanni
Moretti eine Tragödie vor, die jetzt schon Anspruch
auf den Preis der Tränen des Publikums erheben kann
und sich getrost zu den ernsthaften Kandidaten für
die Goldene Palme zählen darf. Die schon bekannte
Methode des italienischen Filmemachers findet man
auch diesmal wieder: seine Doppelrolle vor und hinter
der Kamera, die Beschäftigung mit einem sozialen Milieu,
das er gut kennt, und - last but not least - Ironie
und Selbstironie. Altbekanntes also ? Nicht ganz.
Denn, wie Moretti selbst sagt, "The son's Room"
soll auch sichtbar machen, dass ihn die reine Karikatur
nicht länger interessiert. In der Tat ist in diesem
Film ein Wille zur "Wahrheit" spürbar, eine
Art von Ehrlichkeit und Authentizität, die ihm den
Anschein größter Einfachheit verleihen. Morettis Realismus,
der jedoch nicht mit Naturalismus verwechselt werden
will (das Wort ist ihm beinahe verhasst), gründet
sich in erster Linie auf seinen Wunsch, Schauspieler
zu sein. Der Ausgangspunkt des Films ist durchaus
egozentrisch. Der Filmemacher erwartete mit Ungeduld
den Tag, an dem er sich reif genug fühlte, die Rolle
eines Psychoanalytikers zu spielen, anders, toleranter,
ernster und weniger in Marotten verstrickt als seine
früheren Figuren. Das im Kollektiv geschriebene Drehbuch
(Linda Ferri und Heidrun Schleef zeichnen als Ko-Autorinnen),
das den Tod des Sohnes einer glücklichen, bourgeoisen
Familie in Szene setzt, wurde extra dafür maßgeschneidert.
Doch das Thema des Todes bietet Moretti Gelegenheit,
sein Talent zu beweisen und zugleich stilistische
Neuerungen gegenüber seinen früheren Filmen einzuführen,
besonders die Verwendung von Nahaufnahmen, die bisher
bei ihm selten waren. Er verlässt auch Rom, stille
Hauptdarstellerin in vielen seiner Filme, zugunsten
eines abgelegenen Städtchens, in dem die Menschen
noch in Gemeinschaft leben. Das ergibt denn auch eine
Reihe von Porträts, in denen Menschen aus einer von
Moretti zuvor unerreichten Nähe dargestellt werden.
Die Hauptdarsteller bestechen durch die meisterhafte
Beherrschung ihres Spiels. Laura Morante zeichnet
das Porträt einer Mutter, dessen emotionale Kraft
auf jene Sanftheit antwortet, mit der Giuseppe Sanfelice
ihren Sohn verkörpert. Und Nanni Moretti selbst erweist
sich durchaus auf der Höhe seiner neuen Ambitionen:
Seine Darstellung von Unglück und Verlorenheit bleibt
stets subtil. "The Son's Room" ist ein kluger
und sensibler Film, der dem italienischen Kino neuerlich
den Zugang zu einem breiten Publikum eröffnen sollte. Olivier
Bombarda
Et
là-bas, quelle heure est-il ?
von Tsai Ming-Liang mit Lee Kang-Sheng,
Chen Shiang-Chyi, Lu Yi-Ching Taiwan /
Offizieller Wettbewerb
Synopsis
Hsia Kang ist Uhrenverkäufer. Kurz nach dem Tod seines
Vaters trifft er Shiang-Chyi, eine junge Frau, die im
Begriff steht, nach Paris abzureisen. Ihr völlig verfallen,
beginnt Hsia, alle Uhren, die ihm unterkommen, auf die
französische Zeit umzustellen.
Tsai Ming-Liang, bereits 1998 mit "The Hole"
in Cannes vertreten, bleibt auch diesmal seinem kontemplativen
Stil und seinem Lieblings-Schauspieler Lee Kang-Sheng
treu. Sein ewiger Wegbegleiter Lee war es auch, der
ihn zu " Et là-bas, quelle heure est-il ?" inspirierte.
Tsai und Lee hatten beide innerhalb einiger Monate ihre
Väter verloren. Von der Melancholie fasziniert, die
Lees Gesicht ausstrahlte, beschloss Tsai, einen Film
über das Thema des Verlustes zu drehen. Ohne sich jedoch
in der bloßen Tragik dieses Ausgangspunktes zu erschöpfen,
entwickelt der Autor von "Vive l'amour" eine
ganze Serie von merkwürdigen, fast magischen Entsprechungen
zwischen Taipei und Paris, zwei Großstädten, in denen
die beiden Hauptdarsteller jeweils den sanften Irrsinn
ihrer Mitmenschen und ihre eigene Einsamkeit erleben.
Einige Zitate aus Truffauts "Quatre cent coups"
(und ein kurzer Auftritt von Jean-Pierre Léaud) schlagen
die kulturelle Brücke. Das Ergebnis ist ein schöner,
illusionsloser Film, dessen lange, in einem Zug gedrehte
Szenen auf wunderbar distanzierte Weise die existenzielle
Angst und die soziale Bedrückung vermitteln, die seine
Figuren empfinden. Am stärksten aber sind jene Augenblicke,
in denen Tsai Ming-Liang seiner leichten Tendenz zur
Versteinerung entflieht, indem er sich an die Grenzen
der Burleske vortastet. Mag Tsai auch von der "Mechanik
des Lachens" sprechen, mögen die Elemente, die sie
in Gang bringen, auch fast gelehrt und von höchster
Komplexität sein, das Ergebnis ist umwerfend. Man sehe
sich nur an, wie er eine (unendlich langsame) Verfolgungsjagd
zu inszenieren weiß, die ihren Ausgang - wie könnte
es anders sein ? - von einer Uhren-Hehlerei nimmt, und
wie er es versteht, sie in einer Szene abzuschließen,
die auf höchst komische und zugleich beunruhigende Weise
klassische Mechanismen der Komödie mit äußerst zwiespältigen
sexuellen Motiven verbindet. Tsai Ming-Liangs Genie
besteht in seiner Fähigkeit, uns hinzuhalten, um uns
dann umso sicherer zu überraschen. Mit einer Schluss-Szene
etwa, die in einem unscheinbaren Wunder eine verblüffend
einfache Lösung findet, die diesem (vielleicht eine
Spur zu) perfekt beherrschten Film - ausnahmsweise -
eine fast optimistische Note verleiht. Yann Gonzalez