Nach Abschluß des St. Ignatius College, einer Londoner
Jesuitenschule, fing der junge Hitchcock als Ingenieur bei der Hanley Telegraph
Company an und arbeitete anschließend für die Londoner Niederlassung der
Famous Players Lasky aus Hollywood, der späteren Paramount. Dort machte
er Untertitel für Stummfilme (1922-1922). Schnell bekam er Einblick in die
wichtigsten Filmberufe, arbeitete als Assistent, Produzent, Drehbuchautor
und sogar als Dekorateur an mehreren englischen Firmen. Während seines kurzen
Aufenthaltes bei der UFA (1925-26) entdeckte er Paul Leni und Fritz Lang,
stritt aber später ab, von deren Werk beeinflusst worden zu sein, obwohl
dies offensichtlich ist. Nach einem gescheiterten Versuch (1922) drehte
Hitchcock im Jahre 1925 seinen ersten Film. Er führte zunächst in nicht
sehr anspruchsvollen Produktionen und Literaturverfilmungen (Melodramen,
Gesellschafts- und Kriminalkomödien usw.) Regie. Seine persönliche Handschrift
zeigte sich bereits in Der Mieter (1926), vor allem aber in Erpressung
(1929). Es folgte eine Phase der Stagnation. Ende der dreißiger Jahre arbeitete
er immer
stärker an den einzelnen Phasen der Filmproduktion mit. Inzwischen hatte
sich Hitchcock einen Namen gemacht: Kurz vor Ausbruch des Krieges wurde
er von Selznick in die USA eingeladen, wo er sich 1940 auch niederließ.
1948 wurde er sein eigener Produzent. In den 50er Jahren produzierte und
präsentierte er die Fernsehserie Alfred Hitchcock presents. Er führte
selbst die Regie bei über hundert „short subjects". Es gab eine Zeitschrift
und Spielzeug mit seinem Label. Hitchcock litt zunehmend unter Lähmungen
und starb schließlich während der Vorbereitungen zu seinem letzten Film,
der The Short Night heißen sollte. Der Altmeister der Spannung hatte
seine britische Staatsbürgerschaft behalten und wurde kurz vor seinem Tod
von Königin Elisabeth II. in den Ritterstand erhoben. Sir Alfred Hitchcock
erhielt auch einen „Spezial-Oscar", den ersten seiner Karriere..
Hitchcocks
künstlerische Laufbahn läßt sich recht einfach nachzeichnen: Während sein
Filmschaffen bis 1940 von wechselnder Qualität war, sollte er später über
verschiedene Formexperimente seine wahre Schöpferpersönlichkeit finden.
Unter Verwendung seiner gelungensten Lösungen begann er dann, eine wahre
„Weltanschauung" zu vermitteln, und zwar nicht über seine Themen, noch
weniger über ideologische Botschaften, sondern über den Aufbau und die
eigentliche Ausführung seiner amerikanischen Werke (zumindest der besten).
Bei ihm trat der seltene Fall ein, dass ein Regisseur von der Kritik (vor
allem in Frankreich) hochgelobt wurde, während seine Filme sich ostentativ
als reine Unterhaltung darstellten. Dann fing er mit den Enthüllungen
an, doch sehr behutsam, mit so vielen Umschreibungen und Dementis, daß
er den Wert einiger seiner Filme (z. B. von Der unsichtbare Dritte)
geradezu herunterspielte. Schließlich legte er in Truffauts Buch Hitchcock
seine Arbeitsweise in einer „Beichte" offen. Darin zeigt sich, daß die
abstrusesten Deutungen seines Werkes gerechtfertigt sind, da Hitchcocks
Fabeln selbst
immer freier wurden und die Handlung ihm nur noch als Vorwand diente.
Und doch hat „der Meister der Spannung" den Zuschauer niemals hintergangen:
Was die Story angeht, wetterte er gegen die Vertreter des klassischen
Kriminalfilms, in dem es lediglich um die Entlarvung eines x-beliebigen
Missetäters und um billige Tricks gehe, mit denen Angst oder Überraschung
verursacht werden sollten. Seine besten Filme - oder die Kabinettstücke
aus fast all seinen Filmen nach 1943 - ergeben eine „dramatische" Welt
(„Drama, das ist das Leben ohne die langweiligen Momente"), in der selbst
die Romantik nach einem letzten Aufbäumen (in Vertigo) zugunsten
der Selbstbestimmung des Films als geistiges „Reizmittel" verschwindet.
In dieser Hinsicht versöhnen sich der eine Hitchcock, der mit den bissigen
Bemerkungen („Ein Film ist nicht ein Stück Leben, sondern ein Stück Torte",
„Ich lege viel weniger Wert auf die Story, die ich erzähle, als auf die
Art, wie ich sie erzähle") und der andere Hitchcock, der von der Problematik
des Bösen und von gewissen abstrakten Gedanken besessen ist, zum Beispiel
der perversen Leichtigkeit, mit der sich Werte in ihr Gegenteil umkehren
lassen.
Das
soll nicht heißen, dass Hitchcock in seinen Filmen Exhibitionismus betreibt
oder sich „austobt". Was er in dieser Hinsicht gesteht (seine langwährende
sexuelle Unreife z. B.) ist ebenso schwer auszumachen wie ein Ödipuskomplex,
der über die Jahre hinweg - allerdings um den Preis eines gewissen Pessimismus
- eher sublimiert als verarbeitet worden ist, oder wie die offensichtlichen
Grenzen seines Geschmacks (die beispielsweise in dem Alptraum in Vertigo,
in den Farben von Bei Anruf Mord oder im vereinzelten Einsatz expressionistischer
Stilmittel zum Vorschein kommen). Er ist nicht der einzige humorvolle
Mensch, dem es nicht gelingt, einen durch und durch auf Humor aufgebauten
Film (Nichts als Ärger mit Harry zieht sich in die Länge) zu drehen,
und in seiner englischen Zeit vertrug sich sein Humor nicht mit den anderen
Zutaten seines Erfolgs (sogar in Die 39 Stufen fällt das auf).
Daneben gibt es noch den Hitchcock, den man immer
wieder mit Vergnügen sieht, den man somit als Klassiker bezeichnen kann
(während er in den fünfziger Jahren noch als „Avantgardist" galt), bei
dem Themenwahl und Stil eine Einheit bilden. Seine Schnitt-Technik (sehr
häufige Bildwechsel, die sich jedoch ergänzen und nicht widersprechen)
ist nur eines seiner Merkmale: Er war Moralist und Metaphysiker, doch
auch Gastronom, ein „Händler" als Perfektionist des visuellen Konsums.
Er hat eine besondere filmische Ausdrucksweise geschaffen und sich auf
sie berufen, den point of view, bei dem sich der Filmemacher nicht
„vollständig" hinter der objektiven Erzählung verschanzt (Howard Hawks),
bzw. der Schöpfer in despotischer Manier auf Distanz geht (Fritz Lang),
sondern der den Zuschauer auffordert - zumindest eine Sequenz lang - teilweise
und bewusst in die Haut einer Figur zu schlüpfen. Hitchcock war ein Chronist
unserer Zeit, er zeichnete die vulgären Symbole des „gesellschaftlichen
Erfolges" und die Obsessionen des Bösen (Spionage u.a.) auf - bis hin
zum Grundgedanken in Topas. So war es nur folgerichtig, dass er
sich für den Einsatz seiner Präzisionsgeräte für die „freie Zeit" (Urlaub,
James Stewarts unfallbedingte Bewegungsunfähigkeit in Das Fenster
zum Hof) und die Grauzone der „internationalen Agenten" entschied.
Die (heruntergekommenen oder scheinfrigiden) Heldinnen seiner Filme haben
weniger mit Puritanismus als mit Hochglanzmagazinen zu tun: Als einer
der Regisseure, die dem Fantastischen größtes Misstrauen entgegenbringen,
flüchtete sich Hitchcock ebenfalls in die zweideutige Unabhängigkeit des
Traums (heutige Horrorfilme persiflieren den Meister, indem vermeintliche
Hitchcock-Tricks verwendet werden). Aber innerhalb dieser Unabhängigkeit
tauchten natürlich die Grundbestandteile der Freudschen Psychoanalyse
auf, die immer stärker zum Stoff von Hitchcocks Filmen selbst wurden (offen
in der Konferenz am Ende von Psycho; verdeckt in zahlreichen anderen
Filmen): Hitchcocks Filmschaffen, das auf einer Kafka und Chesterton verwandten
Vision beruht, erweitert sich in Notorious - Berüchtigt, Sklavin
des Herzens (Fensterszene), in Das Fenster zum Hof, in Vertigo,
in Marnie (und sogar in Die Vögel und in Familiengrab) um
einen Diskurs über die Inszenierung und deren „transzendente" Bedeutung.
Diese (vor allem) durch die Angst geträumte Transzendenz kann sich als
sinnlos erweisen (in Der unsichtbare Dritte); das Filmwerk jedoch
bleibt bestehen. .
G.L.
Übersetzt aus: Dictionnaire du cinéma
Editions Larousse
eibt bestehen. G.L. Übersetzt aus: Dictionnaire du cinéma - Editions
Larousse
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