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1. Was hat Sie dazu bewegt, ein Lexikon über Stephen King zu schreiben? Ich habe schon als
Kind gerne gelesen, bevorzugt moderne, phantastische Literatur. Dabei
bin ich, natürlich, auch auf Stephen King gestoßen. Ich fand
seine Schreibe umheimlich faszinierend, so alltäglich, so umgangssprachlich,
wie aus dem Leben gegriffen. Ja, King hat mich in seinen Bann gezogen.
Ja, ich kann sagen, ich wurde ein richtiger Fan von ihm. Je mehr Romane
und Erzählungen ich von ihm gelesen habe, umso auffälliger wurde
der komplexe, dicke, rote Faden, der einem Großteil seiner Werke
zugrunde lag. Jeder Roman, der neu hinzukam, bildete auf faszinierende
Weise ein Paralleluniversum zu den bereits erschienenen Geschichten von
King; die feinen Verwebungen, die er zwischen ihnen zunehmend anstellte,
waren bisweilen amüsant, oftmals hilfreich, inzwischen aber gewaltig.
Sie ließen es selbst eingefleischten
Fans bisweilen schwerfallen, sich in dem Dschungel der Querverweise,
im modernen Computerjargon, Links genannt, zurechtzufinden. King war es
gelungen, einen eigenen Makrokosmos zu entwickeln, in dem alle seine Romane
- neben der sogenannten Realität - parallele Wirklichkeiten bilden,
durch die sich, und das ist das besondere, wiederum eine gesonderte Roman-Saga,
die des Dunklen Turms nämlich, und dessen Held, der Revolvermann
Roland, hindurchbewegten und noch bewegen. Ein verwirrendes und komplexes
literarisches Experiment, das zu entschlüsseln ich mir mit dem Lexikon
zur Aufgabe gemacht hatte. 2. Wie sehen Sie King - ein Mann, der sein Publikum stets mit neuen "Späßen" ins Staunen versetzt (wie die Veröffentlichung seines neuen Buches Riding the Bullet im Internet zeigt) und der sich mit seinem rebellischem Charakter gegen die Anpassung an vorgefertige Rollen auflehnt? Ich denke nicht, dass Veröffentlichungen wie Riding the Bullet ein "Spaß" sind. Und ich glaube auch nicht, dass er einen rebellischen Charakter hat. King hat selbst einmal behauptet, er sähe seine Romane als "literarisches Äquivalent zum Big Mäc mit einer großen Portion Pommes". Wo, bitte schön, ist bei einem Big Mäc ein rebellischer Charakter? Wie King selbst in Interviews erklärt, testet er mit einer Aktion wie dem eBook Riding the Bullet und der Online-Geschichte The Plant einfach nur die Möglichkeiten eines neuen Mediums, dem Internet. Im weitesten Sinne bleibt er gerade mit The Plant, die er eigenständig für einen Dollar pro Kapitel per Download von seiner Homepage verkauft, seinem Thema treu: es ist Horror. Horror für die Verleger, die damit überflüssig werden... 3. Wie kann es sich erklären lassen, dass King einige seiner Werke anfangs und auch Jahre später wieder unter dem Pseudonym Richard Bachman veröffentlichte? Das hatte anfangs, zumindest für King, gute Gründe. Er wählte Ende der 1970er, Anfang der 1980er das Pseudonym Richard Bachman, um den Markt nicht mit dem Erfolgsnamen Stephen King zu übersättigen. Was im nachhinein völlig überflüssig war. Denn als durch einen dummen Verlagspatzer publik wurde, dass King und Bachman ein und die selbe Person waren, wurden auch die Bachman-Bücher innerhalb kürzester Zeit ein Bestseller. Allerdings zeigte sich, dass King doch nicht gleich Bachman war. Denn Bachman schrieb stürmischer und reißerischer. Irgendwo wilder. Er kam schneller auf den Punkt. Forcierte die Handlung. Das war auch der Grund, warum er 1996 mit Regulator das Pseudonym wieder auferstehen ließ. Es war zeitgleich auch ein Experiment. Während er in Desperation unter Stephen King die epische Breite wählte, und sich sehr viel Zeit für die Charaktere nahm, schilderte er in Regulator unter Richard Bachman die gleiche Geschichte, abgesehen von einigen Modifikationen, viel ungestümer, härter und brutaler. Ich würde sagen: Experiment geglückt. 4. Wie kommt es, dass Kings Bücher, trotz der großen Anzahl, nicht an Beliebheit verloren haben, sondern, im Gegenteil, dass sich die Leser um sie reißen? King hat einmal erklärt:
"Wenn der Verfasser eines Buches, tot oder lebendig, plötzlich
aus den Seiten herausgreift und einen am Hals packt und sagt: 'Du gehörst
mir, Baby! Du gehörst mir! Versuch doch zu fliehen! Möchtest
du deinem Mann das Essen kochen? Zu schade! Möchtest du ins Bett?
Verfluchte Scheiße! Du bist mein! Du gehörst mir!'" Das
ist Kings Vorstellung, wie ein gutes Buch funktionieren sollte. Ich finde,
wenn eine Geschichte der Angst erfolgreich sein soll, müssen Figuren
und Situationen so gestaltet sein, dass sie sofort Assoziationen im Leser
wecken. Der Leser muss an der Handlung teilhaben. Er muss mit dem Helden
glauben, fühlen, sorgen, sich identifizieren mit den eigenen Kümmernissen
des Lebens. Und genau das ist es, was bis heute den Reiz der King-Erzählungen
ausmacht: alle sind sie in einem modernen, der Wirklichkeit nachempfundenen
Schauplatz angesiedelt, den der Leser sofort als seine vertraute Umwelt
erkennt. Ein mit wohligem Behagen geschildertes Stück banalen, täglichen
Leben, das jeder kennt. 5. Wie ordnen Sie Kings Bücher ein? Handelt es sich dabei schlicht und einfach um Science-fiction Romane oder steckt hinter den Horrorgeschichten auch politisches Engagement oder Gesellschaftskritik? Nur wenige Geschichten
von Stephen King sind Science Fiction. Science Fiction legt, wie der Name
schon sagt, Schwerpunkte auf die Technik und die Wissenschaft. Wie sieht
die Technik in 50 Jahren aus? Wie könnte die Gesellschaft sich innerhalb
der nächsten 100 Jahre entwickeln. Utopien, Dystopien, Zukunftswelten
und Raumfahrt, das ist Science Fiction. Damit hat Stephen King nur wenig
am Hut. Ihn interessiert die Gesellschaft hier und heute, und ihr Einfluss
auf den Menschen. Alltagshorror, so würde sich das am besten beschreiben
lassen, was King uns immer wieder präsentiert. Der Schrecken, der
vor der Tür lauert. Seine Monster und Mörder sind im Endeffekt
nur die personifizierten Schrecken unserer zivilisierten Welt. Elektronische
Geräte, die wir nicht verstehen, und die uns einen Streich nach dem
anderen spielen. Familien, hinter deren heiler Fassade das Monster des
prügelnden, 6. Stephen King hat sehr früh begonnen, zu schreiben. Sind in seinen Büchern vom Beginn seiner Karriere bis heute Entwicklungen sichtbar? Ja, wie schon gesagt:
Den Bachman-Büchern lag eine sozialkritische Haltung zugrunde. Die
ersten King-Bücher waren sehr auf den Schrecken und den Horror ausgerichtet,
wobei King nicht selten Elemente bekannter Horror-Romane adaptierte und
sie geschickt in seinen Alltag einbaute. In meinen Buch Das große
Lexikon über Stephen King habe ich versucht, diese Vorbilder
aufzuschlüsseln. 7. King ist bekanntlich ein großer Rock-Fan. Kann man diese Leidenschaft in irgendeinen seiner Büchern wiederfinden? Haben seine Werke andere autobiographische Züge? Abgesehen davon, dass King seinen Büchern und darin den Kapiteln grundsätzlich Passagen aus Songtexten bekannter Rockmusiker voranstellt, sind seine Helden immer auch eifrige Hörer regionaler Rockmusikstationen. Natürlich besitzen seine Werke auch autobiographische Züge. Wer so häufig wie King den Alltag geschildert hat, der kommt nicht drumherum, eigene Erlebnisse in die Geschichten zu transportieren. Nur ein kleines Beispiel: In der bekannten Geschichte Die Leiche schwimmen Jungs in einem Teich. Als sie herauskommen, sind sie vollkommen bedeckt mit Blutsaugern. Das, so hat King mehrfach betont, sei ihm wirklich passiert. Und zwar war es so, dass er aus dem Wasser kam, und er eine von diesen Nacktschnecken abstreifte und entdeckte, dass ein großer Blutegel mitten in seinem Nabel steckte. 8. Welches Buch ist ihrer Meinung nach Kings "magnus opus"? Eine schwierige Frage.
Letztendlich sieht jeder Leser jedes Buch anders, und die Wahl eines magnus
opus ist sehr subjektiv. Mich persönlich hat Es beeindruckt.
Mit Es hat King sehr viele Ängste, die ich als Kind hatte,
in mir wachgerufen; sie in diesem netten Clown Pennywise personifiziert.
Im übrigen war mir viel von dem, was den sechs Jungs während
ihrer Kinder- und Jugendzeit in Es passierte, geläufig. |
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