Montag,
den 26. Februar 2001
20.45 Sue - eine Frau in New York
00.10 Nach Liebe habt ihr nicht gefragt
20.45
Sue - eine Frau in New York
Die packende Geschichte einer Frau, deren Leben aus den Fugen gerät
im grausamen, gleichgültigen Manhattan. Die beeindruckende, fragile
Anna Thomson zeigt uns eine unmögliche Suche nach dem Glück.
USA
1997
90 Min.
Buch und Regie: Amos Kollek
Mit: Anna Thomson (Sue), Matthew Powers (Ben), Tahnee Welch (Lola),
Tracee Ellis Ross (Linda) u.a. Kamera: Ed Talavera
Ton: Theresa Radka
Ausstattung: Charlotte Bourke
Schnitt: Liz Gazzara
Musik: Chico Freeman
Produktion: Orly Films, Paradis Films
ARTE FRANCE / ARD
FIPRESCI-Preis und Preis der Kirchen der Ökumenischen Jury auf der Berlinale
1998
Sue ist um die Vierzig. Sie ist elegant und diskret, ihre Sinnlichkeit
versteckt sie hinter einer dicken Sonnenbrille.
Sie
zieht allein durch New York auf der Suche nach einem Job, damit sie
ihre Miete bezahlen kann. Die Männer drehen sich nach ihr um. Gerne
gibt sie ihnen ein Stück von sich, redet mit Unbekannten, so lange sie
fühlt, dass in deren Blicken Mitgefühl oder Verlangen
liegen. Durch Bekanntschaften und Enttäuschungen lässt Sue sich wie
ein führerloses Schiff durch Manhattan treiben, eine Stadt, die sie
anzieht, sie zerfrisst, sie schließlich verschlingt.
S.O.Sue
Anna Thomson, Amos Kolleks Lieblingsschauspielerin, der wir auch in
Fiona (1998) und Fast Food, Fast Women (2000) wieder begegnen,
verkörpert hier die Sirene, die an der allzu großen Stadt leidet. Eine
bindungslose Frau in einem überbordenden Manhattan, die offensichtlich
einem Alptraum erlebt. Sue ist einsam, verletzlich, krankhaft nett und
dürstet nach menschlichen Kontakten. Positive, sanfte Erlebnisse hat
sie mit Ben und Linda, weniger eindeutige, fast aggressive mit Lola
und den zahlreichen Unbekannten, denen sie sich hingibt. Sex ist die
einzige Beziehung mit anderen, über die Sue Kontrolle hat. Gehetzt und
zerstört sucht sie die Kontakte, vor denen sie gleichzeitig flieht.
Unfähig zum Glück bewegt sich Anna Thomson wie eine Seiltänzerin mit
der eleganten Würde einer Audrey Hepburn über dem Abgrund, der unter
ihren zögernden Schritten immer tiefer wird. Ihr Gesicht und ihr Körper
wirken mal anziehend, mal abstoßend, verstören, bevor sie faszinieren.
Die Schauspielerin beherrscht die Leinwand mit ihrer blassen, begehrenden
Schönheit auf einmalige Weise. Der Film, ausschließlich mit der Handkamera
und fast ohne Proben gedreht, verfällt nie in leere Geschäftigkeit.
Großartige, präzise Einstellungen, in denen die Dauer des Lebens selbst
sichtbar wird, winden dieser Höllenfahrt einen Gnadenkranz. Ein schöner,
ein unerträglicher Film.
00.10
Nach Liebe habt ihr nicht gefragt
Filmregisseur Amos Kollek
Dokumentation von Eva Kammerer
Deutschland 2000
63 Min.
ZDF
Amos Kollek, der Regisseur von Sue - eine Frau in New York
und Sohn des bekannten ehemaligen Bürgermeisters von Jerusalem Teddy
Kollek lebt in Israel und arbeitet in New York. Porträt.
In
Gesprächen bei der Arbeit und im Familienkreis in Israel und New York
spricht der Filmemacher Amos Kollek über seine Kindheit, sein Leben
zwischen zwei Ländern und natürlich auch seine Filme. Sein Vater war
28 Jahre lang Bürgermeister von Jerusalem, und durch ihn lernte der
junge Amos schon früh die Berühmtheiten Israels und der USA von Shimon
Peres bis Frank Sinatra kennen. Amos, der von den Stars fasziniert war,
"lernte Englisch, indem er die Autogramme der Schauspieler entzifferte".
Er begann aber als Schriftsteller (sein erster Roman, Nach Liebe
fragt ihr nicht, ist bei DTV auf Deutsch erschienen). Später war
er selber Mitautor des Drehbuchs für die Verfilmung des Werkes (Don't
ask me if I love, 1979) und drehte danach eine Komödie über eine
Amerikanerin im Kibbuz, Goodbye, New York. In Double Edge
(Drei Wochen in Jerusalem, 1992) filmte er in einer Mischung
aus Spiel- und Dokumentarfilm die Schauspielerin Faye Dunaway bei Interviews
mit führenden palästinensischen und israelischen Politikern - für Kollek
die Gelegenheit, einige offene Rechnungen mit seinem Land zu begleichen.
Immer wieder beschäftigte sich Amos Kollek mit Randgestalten der Gesellschaft,
er führte zahlreiche Interviews mit New Yorker Prostituierten, die er
dann auch als Schauspielerinnen in Whore 2 (Huren, 1994) einsetzte.
Internationale Anerkennung fand Kollek jedoch erst, als er mit Anna
Thomson den Film Sue - eine Frau in New York drehte, ein Film,
der fast gänzlich improvisiert ist und mit der Handkamera an Originalschauplätzen
entstand.