|
Jean-Marie
Straub und Danielle Huillet
Filme und ihre Orte - Eine Ausstellung und Hommage an das Künstlerpaar
Jean-Marie Straub
und Danielle Huillet sind für ihre Kompromisslosigkeit und Entschlossenheit
bekannt.
Viele ihrer Filme wurden bereits beim Filmfestival von Locarno gezeigt;
in diesem Jahr ist ihnen auch eine Ausstellung gewidmet.
Das
jüngste Werk der Straubs, Operai, Contadini, lief bereits bei den turbulenten
Filmfestspielen von Cannes 2001; doch das ruhigere Locarno bietet für
diesen Film einen viel würdigeren Rahmen.
Nach Projekten in Deutschland, Frankreich und Italien begannen die beiden
Regisseure, sich intensiv mit dem Werk des kommunistischen Schriftstellers
Elio Vittorini (1908-1966) zu befassen.
Sicilia! (1999) beruht auf Vittorinis Buch Conversazione in Sicilia (deutscher
Titel: Gespräche in Sizilien).
Straub und Huillet
haben die Nüchternheit ihrer Filme immer damit begründet, dass die volle
Integrität literarischer Texte respektiert werden müsse, sowohl bei der
räumlichen als auch der zeitlichen Übertragung, und dass nicht auf Adaptionen
zurückgegriffen werden könne.
Trotz dieses radikalen Postulats beinhalten ihre Filme auch geheimnisvolle
Momente der Schönheit.
Mit Operai, Contadini
ist ein weiteres Vittorini-Projekt entstanden:
Der Film zeigt mehrere Menschen, die mitten im Wald aus Vittorinis Werk
lesen und dabei in die Rolle seiner Figuren schlüpfen.
Vittorini beschreibt die Schwierigkeiten einer marxistischen Landwirtschaftskooperative
in Italien bei der Umsetzung der marxistischen Dogmen im Alltag.
Doch die wohlklingenden Theorien können zutiefst menschliche Regungen
wie Angst, Neid und Eifersucht nicht verhindern - und das, obwohl die
Rezitation nicht auf dem Bauernhof oder dem Feld stattfindet, sondern
inmitten eines idyllischen Waldes, der in keiner Weise der alltäglichen
Umgebung dieser Bauern entspricht.
Sind sie zu Widerstandskämpfern geworden?
Kommt die Arbeiterklasse ins Paradies, wie im Film des Regisseurs Pietro
Germi aus den 70er-Jahren behauptet wird?
Wir werden es nie erfahren.
Der vorliegende Spielfilm
ist - dem Buch nach - politisch unnachgiebig, doch der Stoff kann sich
der ästhetischen Schönheit des Mediums Film nicht entziehen- man betrachte
nur die idyllische Landschaft, in der die Straubs die Handlung angesiedelt
haben. In der Kategorie "Cinéastes du Présent" laufen gegenwärtig drei
Dokumentationen über das Werk von Jean-Marie Straub und Danielle Huillet,
die von Freunden und Mitarbeitern des Künstlerpaars gedreht wurden.
Die Filme geben Antwort auf einige der aufgeworfenen Fragen.
Sie machen deutlich, dass die Straubs ihre Arbeit sehr bewusst in dieser
Form gestalten und sie keineswegs dem Bild der zornigen Revolutionäre
und Einzelkämpfer entsprechen, das manchmal von ihnen gezeichnet wird.
Im Mittelpunkt der
Ausstellung, die während der Filmfestspiele von Locarno gezeigt wird,
steht der Begriff des Raumes.
Somit findet die den Straubs so wichtige Maxime Bestätigung, der zufolge
ein Film zunächst ein Ort ist, auf den man sich einlassen muss, bevor
man überhaupt anfangen kann zu filmen.
Julien Welter
|