5. August 2001

ImHerzen des Festivals


METROPOLIS
von Rintaro

 

Drehbuch:
Katsuhiro Otomo nach einem Manga von Osamu Tezuka
Musik:
Toshiyuki Honda
Produktion:
Madhouse Productions
Internationale Rechte: Sony Pictures
2001 - 35 mm - Farbe - 90 Min.

 

Beim Filmfestival von Locarno läuft derzeit außerhalb des offiziellen Wettbewerbs eine Retrospektive zum Thema "Asiatische Künstler und das amerikanische Kino", über die an anderer Stelle noch berichtet wird.

Parallel dazu wurde in der Kategorie "Cinéastes du Présent" einmalig der in diesem Jahr fertiggestellte Manga Metropolis des Japaners Rintaro gezeigt.
Ausgangspunkt ist eine Geschichte von Osamu Tezuka, dem hochangesehenen Meister des Manga-Genres, die wiederum Anleihen bei Fritz Langs Film "Metropolis" macht.

Metropolis handelt von einem politischen Komplott, in das der Privatdetektiv Shunsaku Ban und sein Kollege Kenichi verwickelt werden, sowie von einem Machtkampf, in dem ein Android in Gestalt einer Heiligen namens Tima eine Schlüsselrolle spielt.

Rintaro schafft ein bizarres Universum, in dem er Zeichentrickfiguren vor den synthetischen Hintergrundbildern der Stadt agieren lässt.
Sein Ansatz enthält poetische Elemente, doch die Beziehung zwischen Mensch und Roboter wird in ihrer ganzen Brutalität gezeigt.
Rintaros fiktive Welt trägt auch nostalgische Züge, was dem Zuschauer endgültig jegliche Orientierung nimmt: Die Gesichter der Figuren entsprechen voll und ganz dem Manga-Stereotyp, doch die Körper und Bewegungen erinnern an die Zeichentrickfilme der 30er- und 40er-Jahre.

Zeitweise hat man den Eindruck, es gerade mit einem Betty Boop- oder Popeye-Film zu tun zu haben.
Dieser bewusste Verzicht auf Stimmigkeit in Verbindung mit der kühlen Sachlichkeit der Digitalbilder erzeugt eine völlig ungekannte Atmosphäre und flößt dem Zuschauer ein Gefühl von Unbehaglichkeit ein, das perfekt zum Sujet des Films passt. Hinzu kommt, dass Rintaro nicht mit den üblichen Manga-Figuren - Jugendlichen mit androgynen Zügen - arbeitet, sondern noch einen Schritt weitergeht: Er besetzt Erwachsenenrollen mit Kindern, und man hat den Eindruck, Erwachsene mit Kinderstimmen vor sich zu haben.
Auch darin spiegelt sich die allgegenwärtige Gewalt wider. Am Ende des Films, dessen Handlung übrigens höchst komplex ist, stellt man sich die Frage nach der Zielgruppe: Wendet sich der Film nun eigentlich an Kinder oder Erwachsene?

Dem westlichen Zuschauer, der noch ganz geblendet ist vom Farben-Feuerwerk auf der Leinwand, bleibt jedenfalls die Gewissheit, einen Film gesehen zu haben, der sich seiner eigenen Kultur völlig entzieht. Eigentlich auch keine schlechte Erfahrung...

 

 

O.Bombarda

 


Jean-Marie Straub und Danielle Huillet
Filme und ihre Orte - Eine Ausstellung und Hommage an das Künstlerpaar

Jean-Marie Straub und Danielle Huillet sind für ihre Kompromisslosigkeit und Entschlossenheit bekannt.
Viele ihrer Filme wurden bereits beim Filmfestival von Locarno gezeigt; in diesem Jahr ist ihnen auch eine Ausstellung gewidmet.

Das jüngste Werk der Straubs, Operai, Contadini, lief bereits bei den turbulenten Filmfestspielen von Cannes 2001; doch das ruhigere Locarno bietet für diesen Film einen viel würdigeren Rahmen.
Nach Projekten in Deutschland, Frankreich und Italien begannen die beiden Regisseure, sich intensiv mit dem Werk des kommunistischen Schriftstellers Elio Vittorini (1908-1966) zu befassen.
Sicilia! (1999) beruht auf Vittorinis Buch Conversazione in Sicilia (deutscher Titel: Gespräche in Sizilien).

 

Straub und Huillet haben die Nüchternheit ihrer Filme immer damit begründet, dass die volle Integrität literarischer Texte respektiert werden müsse, sowohl bei der räumlichen als auch der zeitlichen Übertragung, und dass nicht auf Adaptionen zurückgegriffen werden könne.
Trotz dieses radikalen Postulats beinhalten ihre Filme auch geheimnisvolle Momente der Schönheit.

Mit Operai, Contadini ist ein weiteres Vittorini-Projekt entstanden:
Der Film zeigt mehrere Menschen, die mitten im Wald aus Vittorinis Werk lesen und dabei in die Rolle seiner Figuren schlüpfen.
Vittorini beschreibt die Schwierigkeiten einer marxistischen Landwirtschaftskooperative in Italien bei der Umsetzung der marxistischen Dogmen im Alltag.
Doch die wohlklingenden Theorien können zutiefst menschliche Regungen wie Angst, Neid und Eifersucht nicht verhindern - und das, obwohl die Rezitation nicht auf dem Bauernhof oder dem Feld stattfindet, sondern inmitten eines idyllischen Waldes, der in keiner Weise der alltäglichen Umgebung dieser Bauern entspricht.
Sind sie zu Widerstandskämpfern geworden?
Kommt die Arbeiterklasse ins Paradies, wie im Film des Regisseurs Pietro Germi aus den 70er-Jahren behauptet wird?
Wir werden es nie erfahren.

Der vorliegende Spielfilm ist - dem Buch nach - politisch unnachgiebig, doch der Stoff kann sich der ästhetischen Schönheit des Mediums Film nicht entziehen- man betrachte nur die idyllische Landschaft, in der die Straubs die Handlung angesiedelt haben. In der Kategorie "Cinéastes du Présent" laufen gegenwärtig drei Dokumentationen über das Werk von Jean-Marie Straub und Danielle Huillet, die von Freunden und Mitarbeitern des Künstlerpaars gedreht wurden.
Die Filme geben Antwort auf einige der aufgeworfenen Fragen.
Sie machen deutlich, dass die Straubs ihre Arbeit sehr bewusst in dieser Form gestalten und sie keineswegs dem Bild der zornigen Revolutionäre und Einzelkämpfer entsprechen, das manchmal von ihnen gezeichnet wird.

Im Mittelpunkt der Ausstellung, die während der Filmfestspiele von Locarno gezeigt wird, steht der Begriff des Raumes.
Somit findet die den Straubs so wichtige Maxime Bestätigung, der zufolge ein Film zunächst ein Ort ist, auf den man sich einlassen muss, bevor man überhaupt anfangen kann zu filmen.

Julien Welter