![]() Scorsese meets Sokurov
Aki Kaurismaki Freitag, den 17. Mai 2002 Herzlich willkommen in Cannes!
Vor allen Eingängen des „Bunkers“ stehen eifrige Sicherheitsbeamte und die Polizeipräsenz wurde in diesem Jahr verstärkt: Diese fast militärisch anmutende Organisation ist in diesem Jahr notwendig, denn über den Filmfestspielen mit dem ungeheuren Medienaufgebot hängt der schwarze Schatten der Bedrohung durch den Terrorismus. Im Wettbewerb laufen sowohl ein palästinensischer Film, „Intervention divine“ von Elia Suleiman, als auch ein israelischer Film, „Kedma“ von Amos Gitaï. Die jährlich strenger werdenden Auflagen erhöhen die Aufregung und Nervosität. Vor den Räumen, in denen die Pressekonferenzen stattfinden, herrscht eine allgemeine Panik, und nur den wagemutigsten Journalisten gelingt es, tatsächlich in den Saal zu gelangen. In diesem Jahr scheinen Aussagen wie „Es tut uns leid, aber das ist unmöglich“ und „Es tut uns leid, aber wir haben nur ganz wenige davon“ eine Art Leitmotiv des Festivals zu sein. Die Journalisten berichten also vom Event bzw. Nicht-Event, d.h. von den goldenen Worten der Regisseure und ihrer Teams und von den ach so glamourösen Stars, die im Blitzlichtgewitter die berühmten Stufen zum Festivalpalast erklimmen. Doch auch wenn die ganze Welt die Pailletten und den Flitter bestaunen darf, sollte man nicht vergessen, dass das Entscheidende im Bauch des „Bunkers“ passiert. An den 10 Festivaltagen werden weitab der Fernsehkameras Verträge im Umfang von mehreren Milliarden Dollar geschlossen. Aber Träumen ist ja bekanntlich erlaubt, und so kann man immer noch hoffen, dass dieses Festival nicht zum Tanz um das goldene Kalb wird, sondern eine Huldigung an den Filmgott in seiner ganzen Herrlichkeit. Delphine Valloire |
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ARTE war exklusiv dabei beim amerikanisch-russischen Filmgipfel zwischen Martin Scorsese und Alexander Sokurov, der am 23. Mai in aller Heimlichkeit auf einer Dachterrasse des Palais du Festival stattfand. Am Anfang stand ein Fax Sokurovs an den hochgeschätzten Regiekollegen aus New York, mit der Frage, ob Scorsese nicht sein schwer finanzierbares Experimentalprojekt "Russian Ark" moralisch unterstützen könne. Martin Scorsese antwortete prompt und outete sich gleichzeitig als exzellenter Kenner und großer Fan des Regiesonderlings aus Leningrad. 3 Jahre später nun wurde aus einem auf nur 5 Minuten angesetzten Treffen eine knapp zweistündige leidenschaftliche Diskussion zweier Ausnahmeregisseure, die gegen alle Kommerzialitätsgebote der Industrie immer wieder neu darum kämpfen müssen, ihre Projekte zu finanzieren und die künstlerische Kontrolle über sie zu behaupten. So wußte
Martin Scorsese über seine immer noch nicht fertige New-York-Gangstersaga "Gangs of New York" zu berichten, wie schwierig es ist, gegen seine Produktionsfirma ‚Miramax' und ihre Chefs, die Weinstein-Brüder, den Director's durchzusetzen. Da hat es Alexander Sokurov in Rußland dennoch ungleich schwerer - ohne ausländische Finanziers würden seine enigmatischen Filme wohl nie auf der Leinwand erscheinen. Martin Scorsese jedenfalls nahm Sokurovs Einladung nach Leningrad freudig an, mit der festen Absicht, Rußland irgendwann seine filmische Referenz zu erweisen.
Aki Kaurusmäki war in Feierlaune bei der Cannes-Party zu Ehren der Premiere seines neuen Films "The Man without a Past", bei der Anniki Tähti, die grosse alte Dame des finnischen Schlagers und Kaurusmäkis Lieblingsband "Marko Haavisto & Poutahaukat", die im Film als "The Savation Army Band" auftreten, für ausgelassene Stimmung sorgten
Die 55. Filmfestspiele in Cannes beginnen wie jedes Jahr in einer Atmosphäre, hektischer Betriebsamkeit. Alles scheint hier gigantische Ausmaße anzunehmen. Tausende Vertreter der Filmindustrie und der Medien aus aller Welt strömen in den Festivalpalast, um sich die begehrte Akkreditierung zu holen. Diese trägt man dann gut sichtbar mit sich herum und ist schon von weitem leicht zu erkennen, je nach Schrift und Farbe des Ausweises. Dieses System verdeutlicht die perfekte Organisation dieses internationalen Festivals, doch das Ganze hat gleichzeitig auch einen schalen Beigeschmack: Man fühlt sich unwillkürlich an die Einteilung der Menschen in Alphas, Epsilons und Deltas in Aldous Huxleys „Schöner neuer Welt“ erinnert.



