Marie-Jo and her two loves Frankreich 2001, 124 min., Regie: Robert Guédiguian, mit Ariane Ascaride, Jean-Pierre Darroussin, Gérard Meylan.
Synopsis Marie-Jo (Ariane Ascaride) ist glücklich: sie hat zwei Männer. Sie liebt ihren Mann Daniel (Jean-Pierre Darroussin) und ihren Geliebten Marco (Gérard Meylan). Dieser nimmt nach und nach eine immer größere Rolle in ihrem Leben ein. Dadurch gerät das fragile Gleichgewicht - in dem sich die Dreierbeziehung befindet - durcheinander und am Ende hat das Glück alle Beteiligten verlassen.
Kritik Mit seinem nunmehr elften Film ist es Robert Guédiguian endlich gelungen, einmal im Wettbewerb von Cannes dabei zu sein. Erneut drehte der in Marseilles geborene Regisseur in seiner Heimatstadt, im einfachen Arbeiterviertel Estaque. Ariane Ascaride, Jean-Pierre Darroussin und Gérard Meylan, die auch in seinem ersten Film, LAST SUMMER 1980 die Hauptrollen spielten, sind auch jetzt wieder Robert Guédiguians Wunschbesetzung. Robert Guédiguian ist eben eine treue Seele, seiner Heimatstadt und seinen Schauspielern fühlte er sich stets verbunden. Auch Marie-Jo ist im Grunde ihres Herzens ein treuer Mensch, daran ist nicht zu zweifeln. Sie liebt ihren Mann Daniel wirklich – aber sie liebt eben auch Marco. Anfangs kann sie diese Liebe noch ganz gut geheim halten, sie fühlt sich wie ein Teenager mit Schmetterlingen im Bauch. Doch es wird zusehends schwieriger für sie, Daniel nichts von ihrem Glück zu erzählen. Sie leidet darunter, mit dem Mann, den sie (auch) liebt, nicht alle Gefühle teilen zu können. Schuldgefühle kennt sie nicht, denn was kann falsch daran sein, glücklich zu sein? Robert Guédiguian beschreibt psychologisch präzise die Vorgänge, die zwischen den drei beteiligten Personen stattfinden. Eine der großen Stärken des Films ist es, dass er das innere Drama von Marie-Jo, Daniel und Marco nicht in Dialoge packt. Es wird – für einen französischen Liebesfilm – verhältnismäßig wenig gesprochen. Robert Guédiguian und sein Schauspielertrio finden die richtigen Blicke, Gesten und Handlungen um die innere Spannung sichtbar zu machen. Körper sind für Robert Guédiguian wichtiger als Worte. Oft zeigt er Marie-Jo, Daniel und Marco nackt. Sie fühlen sich wohl in ihrer Haut, das teilt sich dem Zuschauer auf unaufdringliche Weise mit. Als Daniel von Marco erfährt, weiss er zuerst gar nicht, wie er Marie-Jo anfassen soll. Sein Griff ist ungewollt brutal, denn er will sich nehmen, was ihm gehört; Marie-Jo ist ja schließlich seine Frau. Aber als Marie-Jo sehr erschrocken auf seine Härte reagiert, wird er schnell wieder mild, und berührt sie ganz sanft und vorsichtig. Und da kommt auch sie wieder auf ihn zu. Nur noch beim Sex fühle sie sich glücklich, gesteht Marie-Jo gegen Ende des Films. Und was am Anfang so verlockend und erfrischend wirkte – geradezu wie ein Jungbrunnen – das weiß Marie-Jo am Ende zu bedauern: ‚Wenn du einen Mann liebst ist dein Herz voll, sagt sie. Wenn du zwei liebst, ist es leer.’
Leider lässt sich das Wachsen der Liebe für Marco für den Zuschauer kaum nachvollziehen. Er wird mehr oder weniger vor vollendete Tatsachen gestellt. Das schafft eine ungewollte Distanz. Noch viel unglücklicher gestaltet sich das pathetische Ende des Films. Sicherlich ist es sehr schwer, aus dieser Sackgasse, in die sich die Liebenden hineinmanövriert haben wieder herauszukommen. Aber diese ‚deus ex machina’ Lösung überzeugt nicht. Auch die moralisch-überzogen reagierende Tochter – die wohl einen starken Kontrast zum Schweigen des Vaters darstellen soll – nervt nach einer Weile. Die Konzentration auf die drei Hauptfiguren Marie-Jo, Daniel und Marco verbunden mit einem offenen Ende hätte dem Film sicher gut getan. Für gewisse zwischenmenschliche Konstellationen gibt es eben keine Lösung – ein erzwungenes Ende hilft da auch nicht weiter.