Oasis Korea 2002, 132' Von: Lee Chang-dong Mit: Sol Kyung-gu, Moon So-ri Fipresci 2003 - Semaine de la Critique
Synopsis: Hong Jong-du kommt aus dem Gefängnis frei. Es fällt ihm sehr schwer, sich an seine Familie und die Gesellschaft anzupassen, nicht nur weil er ein wenig geistig zurückgeblieben ist. Als ihm die junge Han Gong-ju begegnet und er sich in sie verliebt, lernt er das erste Mal in seinem Leben Verantwortung zu übernehmen. Han Gong-ju leidet unter spastischen Störungen, die durch Hirnschäden verursacht sind, und ist deshalb kaum bewegungsfähig.
Kritik: Hong Jong-du (Sol Kyung-gu) steht im Mittelpunkt von Lee Chang-dongs märchenhaft-realistischem Drama. Anfangs ist es etwas befremdlich, diesem zurück - und dadurch Kind gebliebenem Mann zu folgen, doch nach und nach versteht der Zuschauer, wie er tickt. Hong Jong-du beginnt sich zu verändern, als er Han Gong-ju kennen- und lieben lernt. Erstmals in seinem Leben beginnt er sich um einen anderen Menschen wirklich zu sorgen, er wäscht für sie, er fährt sie im Rollstuhl auf die Dachterrasse, er nimmt sie sogar mit zu einem Familienfest. Doch seine Familie empfindet das fremde, behinderte Mädchen als eine Zumutung. Sie finden es typisch, dass Hong Jong-du - das schwarze Schaf der Familie - nur weiteren Ärger anbringt, und bitten ihn zu gehen.
So haben beide keine Chance, sich in die Gesellschaft normal zu integrieren, obwohl Hong Jong-du sogar die Energie aufbringt, KFZ-Mechaniker zu lernen, weil er vor Han Gong-ju einen richtigen Beruf haben will. Immer wieder flüchtet er sich jedoch in die Scheinwelt seiner Oase, in der Han Gong-ju ein gesundes, freches Mädchen ist, mit der er viele lustige Stunden verbringt. Sein Traum einer Oase gipfelt in der Vorstellung, dass ein Elefant, ein kleiner blütenstreuender Junge und eine Inderin um sie herum tanzen, während er seine Freundin küsst.
Als Han Gong-ju ihn bittet, mit ihr zu schlafen, willigt er ein. Während des Aktes kommt Han Gong-jus Bruder in ihr Appartement, und ruft die Polizei, weil er denkt, es sei eine Vergewaltigung. Hong Jong-du versucht sich nicht zu erklären, weil ihm ohnehin niemand glauben würde, und Han Gong-ju ist zu aufgeregt, um reden zu können. Als er aus dem Gefängnis fliehen kann, vollbringt er eine letzte große Liebestat für seine Geliebte: er sägt die Äste des Baumes vor ihrem Fenster ab. Diese hatten stets nachts Schatten geworfen, vor denen sie Angst hatte.
Lee Chang-dong erzählt eine ungewöhnliche, traumhafte und doch gleichzeitig sehr realistische Liebesgeschichte, die nicht nur wegen ihrer Intensität an eine asiatische Version von Leo Carax LES AMANTS DU PONT NEUF erinnert.
Nana A.T. Rebhan
Synopsis: Hong Jong-Du, der bei seinen Mitmenschen als gestört gilt, wird aus dem Gefängnis entlassen. Bei seinem beschwerlichen Weg zurück in die Gesellschaft hilft ihm seine Familie eher widerwillig. Hong Jong-Du ist der ungeschickte Junge geblieben, der er immer war, was seine Wiedereingliederung zu einer abenteuerlichen Unterfangen macht. Außerdem interessiert sich der junge Mann für die behinderte Hang Gong-ju. Sie ist die Tochter des Mannes, den Hong Jong-Du bei einem Verkehrsunfall tötete, was ihn damals ins Gefängnis brachte. Die Familien der beiden jungen Leute sind von der Beziehung aufgrund der Behinderung der jungen Frau und der makabren Vorgeschichte alles andere als angetan.
Kritik: "Peppermint Candy", der letzte Film des Koreaners Lee Chand-dong, lief vielbeachtet auf zahlreichen Festivals. Auch sein neuestes Werk "Oasis" ist wie ein Atemholen der Seele und bringt frischen Wind in die Welt des asiatischen Kinos, das in der letzten Zeit etwas träge geworden war. In seinen Filmen beschreibt Lee Chand-dong die im Wandel begriffene südkoreanischen Gesellschaft, in die der Kapitalismus Einzug gehalten hat und wo nun das Gesetz des Wettbewerbs die alten Werte nach und nach verdrängt. In "Oasis" zeichnet der Regisseur das Porträt einer typisch südkoreanischen Familie, die sich an die gesellschaftlichen Veränderungen anpassen und daran gewöhnen muss, dass die traditionelle Zurückhaltung vom Egoismus abgelöst wird. Es fällt Lee-Chang-dong folglich nicht schwer, mit seinen Spitzen zu provozieren, in einem Film, der komische, aber auch brutale Züge trägt. Der linkische Hong Jong-Du, der in einen witzigen Fettnapf nach dem anderen tritt, ist das hässliche Entlein im modernen Südkorea, der Tölpel, der mit seinen ungehobelten Späßen die Engstirnigkeit der neuen Gesellschaft aufdeckt. Doch obwohl der Regisseur den Menschen mit seinem Film einen Spiegel vorhält, arbeitet er nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Im Mittelpunkt des Films steht vielmehr die bewegende Liebesgeschichte der beiden behinderten jungen Menschen. Dabei wirft der Regisseur die Frage auf, wer eigentlich krank ist, Hong Jong-Du und Hang Gong-ju oder die Gesellschaft, in der sie leben müssen. Die Gesellschaftskritik ist im Film jedoch insgesamt eher zweitrangig: Entstanden ist eine mitreißende Liebengeschichte und gleichzeitig eine ideenreiche Komödie, in der die Zuschauer mit immer neuen witzigen Einfällen und den seit langem originellsten Liebenszenen überrascht werden.