Ten von Abbas Kiarostami 55. Internationale Filmfestspiele in Cannes: Wettbewerb
Zusammenfassung „Ten“ besteht aus zehn Bildfolgen über das Gefühlsleben sechs verschiedener Frauen. Der Film zeigt die Herausforderungen, denen sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens stellen müssen. Doch diese zehn Sequenzen könnten auch für das Gefühlsleben ein und derselben Frau stehen.
Pressekonferenz „Ten“ war in Cannes als ein Film angekündigt, der für den Neubeginn des Schaffens Abbas Kiarostamis stehe. Er stellt in der Tat etwas Neues dar, denn der Regisseur arbeitete ausschließlich mit einer Digitalkamera, wobei die gesamte Handlung im vorderen Teil eines Pkw spielt und mit einem zwischen Stoßdämpfer und Handschuhfach geklemmten Objektiv gedreht wurde. Dabei bevorzugte der Regisseur Bildfolgen von einer Länge, die nur mit dieser neuen Technik möglich sind. Bezugsperson für den Zuschauer ist eine während des ganzen Films am Steuer sitzende Frau, deren Mitfahrer bzw. im wesentlichen Mitfahrerinnen an ihrer Seite wechseln. Die Idee zu dieser Konstellation und der Entschluss, nur einen Handlungsort zu wählen, war Kiarostami aufgrund einer Geschichte über eine Psychoanalytikerin gekommen, die ihre Konsultationen gewöhnlich im Auto abhielt. Der iranische Regisseur gestand, dass er die gleiche Angewohnheit habe und seinen Wagen als ein rollendes Büro betrachte, von dem aus er nach Lust und Laune alles beobachten könne. Kiarostami verwies darauf, dass ihm die Digitaltechnik und ihre leichte Handhabung die Möglichkeit gäben, nicht ständig präsent zu sein und nicht dauernd neben seinen meist nicht professionellen Darstellern zu stehen. Natürlichkeit und Spontaneität der Figuren seien eine Grundvoraussetzung dieses Films. Sie entstünden im wesentlichen durch die Schauspieler, die sich vollkommen frei fühlen müssten. Kiarostami fügte hinzu, dass dieses schwierige und störanfällige Gleichgewicht durchaus nicht einfach herzustellen sei: Auf der einen Seite müsse er den Akteuren völlige Freiheit lassen und andererseits alles kontrollieren. Kiarostami habe sich in „Ten“ nach eigenen Aussagen von einem der größten Übel des Films, von dem Wort „cut“, das die Schauspieler terrorisiere, befreit. Der Regisseur bestätigte schließlich, dass die Digitaltechnik ein durchaus zufriedenstellendes Ergebnis erzeuge und die Möglichkeit schaffe, sich wieder in die Welt des „barfüßigen Kinos“ zurückzuversetzen und alle überflüssigen Filmelemente zu vermeiden. Der Produzent des Films Marin Karmitz führte diese Idee weiter aus und bemerkte, dass „Ten“ für ihn der erste Film sei, der dieser neuen Technik einen wirklichen Inhalt zu geben vermochte. Digital drehen heiße aber auch, die Bildprojektion mit kleinen Projektoren zu vervielfältigen, denn diese Geräte könnten ganz zwanglos überall hin mitgenommen werden. Ganz wie in diesem Film, der uns fast zwei Stunden lang im Auto mitten durch die Emotionen der Protagonisten fahren lässt.