(Frankreich, 2003, 167 Min.) Von Vincent Dieutre Mit Vincent Dieutre
Synopsis: Ein etwa vierzigjähriger Mann unternimmt in Begleitung eines Jungen, den dessen Mutter ihm anvertraut hat, eine Reise nach Deutschland. Für den Mann ist Deutschland ein weites Feld, schmerzliche Wiederbegegnungen mit alten Freunden bieten Gelegenheit, Fragen an die Kultur, den Geist, die deutsche Vergangenheit und schließlich auch an sich selbst zu stellen. Er versucht, dem Jungen davon etwas mitzuteilen, während sie beide in ihrem Auto durch das winterliche Deutschland fahren.
Kritik: Was bedeutet Deutschland für einen literarisch gebildeten homosexuellen Vierzigjährigen, der sich zwischen mal ergreifender, mal bissiger Desillusionierung bewegt? Die Freunde, die die Bombenangriffe des zweiten Weltkrieges erlebt und sich in den 70er Jahren in terroristischen Zellen organisiert hatten, stehen für ein Deutschland, das das vergangene Jahrhundert repräsentiert. Andere haben eine Zeit lang in der DDR gelebt oder sind gestorben, vor allem an AIDS. Das Deutschland Vincent Dieutres, der mit einem Jungen reist, der im direkten wie im übertragenen Sinne kein Gepäck mit sich trägt, ist von Geistern bevölkert, von denen ihm manche bekannt sind und manche nicht. Der Austausch zwischen ihnen ist unsicher, die Absicht jedoch ist aufrichtig. Gewisse, ganz unterschiedliche Dinge sind mit ihnen noch möglich. Dieutre rankt seinen Film um von ihm selbst gesprochene Monologe bzw. Sequenzen, die zwischen dem Jungen und dem Vierzigjährigen, den er selbst darstellt, aufgeteilt sind. Manchmal sind diese Sequenzen in Dialogform, der Zuschauer hört jedoch das Ergebnis kaum. Er versucht sich auch in einigen für ihn neuen, meist stummen komödiantischen Szenen, in ästhetischen Travellings über die deutsche Winterlandschaft, die ihm vertrauter sind, und in Szenen, in denen ein Trio die "Winterreise" von Franz Schubert spielt. Als ein Mensch mit hohen intellektuellen Meinungen, der sich in einem ständigen inneren Konflikt zu befinden scheint, bereitet Dieutre in seinem Film zahlreiche Überraschungsmomente, indem er in origineller, weder illustrativer noch kontrapunktierender Weise die Musik in den Film einbringt. Nach den Brüchen in der Kameraführung, die den reibungslosen Ablauf seines vorangegangenen Films "Bonne nouvelle" gestört hatten, war Dieutre darauf bedacht, die Filmvorrichtung (Kamera oder Mikro) in das Bildgeschehen, seien es Musikproben oder Lektüre poetischer Texte, einzuführen. Der ästhetisch und sichtbar ungestörte Ablauf des Films wird ebenfalls beeinträchtigt, wenn auch dieses Mal eher vom Gefühl als vom Verstand her, so wie das persönliche deutsche Erbe Dieutres solche Brüche zu verlangen scheint, vor allem angesichts der unberührten Jugend seines jungen Reisegefährten. "Mon voyage d'hiver" evoziert Erbe und Erinnerung zwischen Herablassung, Depression und Weitsicht, eine Winterreise, die im inspirierten Sinn ein wirklich schöner deutsch-französischer Film ist.