Dokumentation von Henri-François Imbert Frankreich 2003 70 Min., Quinzaine des réalisateurs
Synopsis: Der Dokumentarfilmer Henri-François entdeckte als Kind bei seinen Großeltern in einem Dorf an der spanischen Grenze drei Postkarten. Zwanzig Jahre später geht Imbert den Postkarten auf den Grund: Sie zeigen Szenen aus dem Leben spanischer Republikaner, die vor Francos Truppen nach Frankreich flohen. Die Bilder dienten dem Regisseur als Ausgangspunkt für seine Nachforschungen, im Zuge derer er auf Internierungslager für Flüchtlinge in der Nähe der Grenze stieß.
Kritik: „Doulaye, une saison de pluies" aus dem Jahr 1999 wurde für Henri-François Imbert zur inneren Entdeckungsreise. Der Film handelte von der Suche nach einem Freund des Vaters, dem der Regisseur in seiner Kindheit begegnete, Im vorliegenden Film befasst sich Imbert mit dem Schicksal der Republikaner während des spanischen Bürgerkrieges, der Ende der 30er-Jahre stattfand.
Wie auch bei „Doulaye" sind seine Nachforschungen geprägt von einer großen Offenheit und kritischen Fragestellungen. Diesem hehren, humanistischen Prinzip folgt Imbert konsequent. Den Ausgangspunkt bilden wenige Fotos; im Laufe des Films tauchen unerwartet weitere - verschollen geglaubte - Bilder auf. Man stellt fest, dass sie nicht alle das Gleiche aussagen, so dass man Gewissheiten in Frage stellt und neue Aspekte in Betracht zieht. Die Entdeckung und chronologische Darstellung der Bilder geht einher mit Begegnungen mit einigen der wenigen Überlebenden, deren Worte manches in einem anderen Lichte erscheinen lassen. Imbert verweilt in seiner Dokumentation lange bei den Fotografien und hat so die Möglichkeit, diese angemessen zu kommentieren. Dabei ist die Stimme des Kommentators immer eine leise, die sich an den Menschen selbst wendet. Der Zuschauer hat die Möglichkeit, sich sein eigenes Bild zu machen. Trotz des fragmentarischen Bildmaterials führt der Regisseur eine eingehende Untersuchung durch, die auch mit Rückblenden arbeitet und seinen Standpunkt verdeutlicht: Das Postulat nach einer Unschuld, die das Gegenteil der einseitigen politischen Doktrin darstellt, die zu dem führte, was man zunächst als „Internierungslager" und später als „Konzentrationslager" bezeichnete. Im Zuge seiner Nachforschungen reist Imbert zu einem Campingplatz, dem Ort, an dem sich vor 40 Jahren ein Internierungslager befand. Auch heute findet man dort noch Spuren der Vergangenheit, so wie es auch noch Flüchtlinge gibt, die den Unwägbarkeiten der aktuellen Politik ausgeliefert sind. Aus diesem Grund hat der letzte Teil des Films seine Berechtigung. Es ist ein Bericht über das Flüchtlingslager Sangatte am Ärmelkanal, das vor vier Monaten geschlossen wurde.
Seit den 30er-Jahren scheint sich nichts verändert zu haben, bis auf die Suche nach dem Sinn des menschlichen Lebens, und sei er auch noch so schwierig zu erkennen. „No Pasaràn, Album Souvenir" ist ein gelungenes Projekt, das jegliche deterministische Sicht der Vergangenheit in Frage stellt und an die Träume, den Idealismus und die Hoffnung eines jeden Menschen appelliert.
Die Dokumentation beinhaltet all das, was Spielfilmen eine ganz besondere Qualität verleiht.