Diese Sondervorführung war als eines der aufregendsten Ereignisse dieses 55. Festivals von Cannes angekündigt worden: Martin Scorsese präsentierte seine Hommage für den vor kaum einem Monat verstorbenen Regisseur Billy Wilder und zeigte anschließend zwanzig Minuten seines mit Spannung erwarteten nächsten Films "Gangs of New York", der sich seit fast einem Jahr im Schnitt befindet. Für diese außergewöhnliche Voraufführung stieg Scorsese mit den beiden herausragenden Schauspielern dieses Films aufs Podium: Leonardo di Caprio und Cameron Diaz. Nach langem Applaus, den das Publikum dem "großen kleinen Mann" des amerikanischen Films spendete, begann Scorseses seine Hommage mit seiner ersten Filmerinnerung an Billy Wilder: "Sunset Boulevard". Er hatte den Film als achtjähriger Junge gesehen und schilderte nun seine Faszination für dieses fast gotische, beinah "schwarze" und in großen Zügen fantastische Werk, durch das er zum ersten Mal etwas von Hollywood hörte. Als Kind hatte er gemeint, einen von müden Gespenstern bevölkerten Horrorfilm zu sehen, als Erwachsener stellte er dann fest, dass ein Film über Hollywood nichts anderes als ein Horrorfilm sein konnte (sic)! Die anrührende Beschreibung seiner Begegnungen mit Billy Wilder in den 70er und 90er Jahren bestätigten das Bild, das man sich in seinen Filmen von ihm macht: Er war ein sensibler, humorvoller und gleichzeitig erschreckend weitsichtiger Künstler. Es folgten fünf oder sechs Ausschnitte, die der Autor der "Reise durch den amerikanischen Film" unkommentiert zeigte: "Sabrina", "Frau ohne Gewissen", "Das Apartment", "Sunset Boulevard", und endete mit dem obligatorischen "Nobody's perfect", der wundervollen letzten Replik von "Manche mögen's heiß". Die Unersättlichen unter den Kinobegeisterten kamen natürlich nicht ganz auf ihre Kosten, sie hatten gehofft, noch mehr von dem großartigen Filmliebhaber Scorsese zu hören, der für sein schwindelerregendes Sprechtempo bekannt ist. Von manchen Dingen kann man eben nie genug kriegen! Dafür bekamen sie, sozusagen als Sahnehäubchen auf der Torte, zwanzig Minuten aus "Gangs of New York" zu sehen, die diese Veranstaltung auf etwas merkwürdige Weise abschlossen. Oder wie soll man es sonst nennen, wenn man zwanzig Minuten eines Films sieht, ohne irgendetwas zu erkennen? Kein Vorspann, keine zusammenhängende Sequenz, sondern nur Ausschnitte, die versuchen, den Handlungsstrang des Films durch Filmstücke voller Bravour und ohne jegliches Maß zu erklären: Liebesszenen, Kampfszenen in dem nachgebauten New York von 1850, emotionsgeladene Szenen über Verrat, Rache und Schuld. Kein Hinweis, um sich irgendeine Vorstellung von dieser Arbeit, vom Rhythmus des Films oder auch von seiner Inszenierung machen zu können. Das Ganze zeigte mehrere Höhepunkte und hinterließ doch ein schmerzliches Gefühl, als ob man während des Films auf irgendeinem Kabelkanal herum gezappt hatte. Nicht den Film also haben wir gesehen, sondern ein paar durchs Schlüsselloch erhaschte Bilder. Man weiß nun: Daniel Day Lewis spielt mit unglaublicher Intensität den "Schlächter", den absoluten Herrscher über den Underground eines noch barbarischen New York, die von Dante Ferreti stammende Ausstattung und von Snady Powell entworfenen Kostüme werden die Oscars 2003 abräumen, und: Der Film ist fertig, entgegen allen anderslautenden Behauptungen. Scorsese erfüllt sich mit diesem Werk ganz sicher einen lang gehegten Traum: Er erzählt in seinem Film, von dem man hofft, dass er ebenso hart wie Michael Ciminos "Die durch die Hölle gehen" sein wird, die Entstehung der Mafia und der Stadt New York als Folge einer unaufhörlichen und unkontrollierten Einwanderung, er erzählt die Geburt Amerikas.