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56. Internationale Filmfestspiele in Cannes: Außer Konkurrenz. Synopsis: Als Anna mit ihrer Familie in ihr abgelegenes Wochenendhaus kommt, haben sich dort Fremde breit gemacht. Anna's Mann wird vom Familienoberhaupt der Eindringlinge erschossen. Für die Mutter und ihre Kinder beginnt eine Odyssee durch eine von einer Apokalyse heimgesuchte Landschaft, in der die Menschen ohne Wasser und Strom vor sich hinvegetieren.
Kritik: Was bleibt von unserer Zivilisationsdecke, von unseren ewigen Werten übrig, wenn man uns Menschen einer Extremsituation aussetzt? Diese Frage beschäftigt Michael Haneke, der letztes Jahr mit "Die Klavierspielerin" von der Croisette gleich zwei Goldene Palmen mit nach Österreich heimbringen konnte, auch in seinem neuesten Film "Wolfszeit". Ein Film, der ‚Außer Konkurrenz' gezeigt wird, weil der französische Regisseur Patrice Chéreau in diesem Jahr in Cannes nicht nur als Schauspieler im Haneke-Film zu sehen ist, sondern zugleich als Präsident der diesjährigen Jury vorsteht. Aber auch im Wettbewerb hätte dieses Drama wohl nicht unbedingt zu den Favoriten gezählt: zu unzugänglich, zu schwerblütig ist Hanekes Variation auf das Genre des Katastrophenfilms. Der Titel "Wolfszeit" bezieht sich auf den "Codex Regius", dem im 12. Jahrhundert erschienenen, ältesten überlieferten deutschen Gedichtzyklus. Im darin enthaltenen "Lied des Sehers" wird die Zeit kurz vor dem Weltuntergang beschrieben. Die Apokalypse hat Haneke in unsere im Überfluss lebende, post-industrielle, von westlichen Werten geprägte Gesellschaft verlegt. Haneke interessiert sich in "Wolfszeit" keineswegs für die Natur, Ort und Zeitpunkt der Katastrophe. Denn letzten Endes ist es egal, ob ein Terrorakt, ein außer Kontrolle geratener Atommeiler oder ein Krieg sie verursacht haben. Interessant ist, wie diese Familie und die Leidensgenossen, die ihr Schicksal teilen, reagieren. Haneke lässt sie in einer von dickem Nebel eingehüllten, himmellosen und fast immer verdunkelten Landschaft herumirren, die ansonsten keinerlei futuristische Attribute aufweist. Im Gegenteil: die Menschen und die Gegenstände, die sie mit sich tragen, um sie gegen ein bisschen Wasser und Nahrung einzutauschen, stammen mitten aus unseren eigenen, vertrauten Welt. Dass es bei Haneke nicht lange dauert, bis die Familie auseinanderfällt und in der Schicksalsgemeinschaft, der sie sich anschließt, die Menschlichkeit dem Gesetz des Stärkeren geopfert wird, verwundert kaum. Es wird viel gehadert, gestritten und gestritten auf dem verlassenen Bahnhofsgelände, wo die Umherirrenden auf einen Zug warten, dessen Ankunft in eine ungewisse Zukunft verlegt wird. Die intimsten, schönsten Momente gehören wie so oft bei Haneke den Kindern. Ben (Lucas Biscombe), Eva (Anais Demoustier) und der Wolfsjunge (Hakim Taleb), der sich der Familie anschließt, sind die eigentlichen Opfer dieser gewalttätigen Gesellschaft. Mit ihren verletzlichen, verzweifelten Gesten offenbaren sie uns den einzigen Hoffnungsschimmer, der uns Menschen in der "Wolfszeit" übrig geblieben zu sein scheint.
Kritik : Neun Jahre schon war es Michael Hanekes Wunsch gewesen, dieses Thema zu verfilmen, doch er schob das Projekt immer wieder vor sich her. „Le Temps du Loup“ geht auf eine der ältesten germanischen Schriften, „Das Lied der Seherin“ aus dem Codex Regius, zurück, der die Urzeit, „Ragnarök“, das Ende der Welt,“ beschreibt. Wo die Handlung spielt, gibt Michael Haneke nicht preis. Der Film enthält keinerlei geographische Hinweise, damit sich der Zuschauer ganz auf das eigentliche Sujet konzentriert. Haneke zeigt schwer zuordenbare weitläufige Landstriche, die man meistens nur in der Nacht sieht. Für die Kamera zeichnet der hochgeschätzte Jürgen Jürgs verantwortlich. Aus dieser Zusammenarbeit ist ein ästhetisches Meisterwerk entstanden: Die Hell-Dunkel-Kontraste, die Schatten und der morgendliche Nebel erinnern an „Stalker“ von Andrej Tarkowski und schaffen eine beklemmende, beängstigende Atmosphäre. Michael Haneke ist alles andere als zartbesaitet und gehört zur kleinen Gruppe der Regisseure, die die Darstellung der Grausamkeit zu einem ihrer Leitmotive gemacht haben. Dies wird von Beginn des Films an deutlich, als die hilflose Anne den Mord an ihrem Mann mit an sehen muss. Diese Szene steht symbolisch für das Werk des österreichischen Regisseurs: Haneke misst dem Ton eine besondere Bedeutung bei und beherrscht die Kunst der eskalierenden Gewalt vollkommen. Isabelle Huppert, seit dem Film „Die Klavierspielerin“ mit Hanekes Arbeitsstil vertraut, verleiht der Not und Verzweiflung Annes durch entsprechende Stimm-Modulationen in beeindruckender Weise Ausdruck. „Le Temps du Loup“ lebt auch von den beiden Schauspielern Lucas Biscombe und Anaïs Demoutier, die Annes Kinder verkörpern und Gefangene dieser apokalyptischen Tragödie sind. Wie auch Albert Camus in seinem Buch „Die Pest“ geht es für Haneke in erster Linie um die Beziehungen zwischen Männern und Frauen in Extremsituationen. Die Besetzung liest sich wie ein Who’s who des französischen Films: Daniel Duva., Patrice Chéreau und Béatrice Dalle spielen Figuren, deren Worte eine ungeheure zerstörerische Wirkung entfalten. Doch angesichts der Qualen, die sich durch den gesamten Film ziehen, und der von Haneke gewählten Distanz hat der Zuschauer keine Möglichkeit, sich auch nur ansatzweise mit den Figuren zu identifizieren. Es entsteht der Eindruck einer gewissen Gefühlskälte, und man hofft, dass sie vom Regisseur nicht gewollt ist. Diesen Mangel an Sensibilität, den Haneke selbst auf die Einhaltung bestimmter filmischer Prinzipien zurückführt, wurde ihm schon in der Vergangenheit zum Vorwurf gemacht. Obwohl Schwäche, Feigheit, Egoismus und Hingabe wichtige Themen in Hanekes Film sind, stellt die Insensibilität dennoch eine Konstante dar und schlägt an einigen Stellen leider in Langeweile um. Olivier Bombarda |
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Wolfzeit

Martin Rosefeldt 




