La Chatte à deux têtes Frankreich, 2002, 87 Min. Von Jacques Nolot mit Jacques Nolot, Vittoria Scognamiglio, Sébastien Viala und Olivier Torres Offizielle Auswahl – Un Certain Regard
Zusammenfassung In einem Porno-Kino entspinnt sich eine Liebesgeschichte zwischen der Kassiererin des Kino, einem fünfzigjährigen Mann und einem deutlich jüngeren Filmvorführer. Die Kassiererin nutzt die Naivität des Vorführers, um den Fünfzigjährigen anzubaggern. Dieser wiederum macht mit Hilfe der Kassiererin den jungen Vorführer an. Die Kassiererin outet sich: Mit 16 war sie von zu Hause weggegangen, wurde Prostituierte und hatte eigentlich das gleiche Leben wie der fünfzigjährige Mann, der mit viel Humor erzählt, dass er irgendwann zunächst Schriftsteller und dann Gigolo war.
Kritik Hinter dem beinah fantastisch anmutenden Titel „La Chatte à deux têtes“ (Die Katze mit zwei Köpfen), der auf einen Roman von Edgard Poe verweist, verbirgt sich einer jener französischen Pornofilme, die noch in Zelluloid gedreht wurden und in den entsprechenden Kinos bis Ende der 80er Jahre die Säle füllten. Jacques Nolot filmte in einem dieser Kinos das Stammpublikum. Er setzt die Zuschauer in Szene, die gesichts- und namenlos, mit oder ohne Grund jeden Tag in dieses Kino kommen. Er lässt sich auf die Wette ein, den Kopf nicht aus diesem dunklen, schmierigen Saal heraus zu strecken und in diesem Rahmen weit weg von der Realität zu bleiben, um so besser zu erfassen, was in diesem Dunkel passiert (und wer sich wie bewegt). Wer hierher kommt, sucht einen sehr relativen Genuss: schnellen Sex und Masturbieren, man holt sich schnell einen runter. Hier wird verstohlen beobachtet, man hat nichts zu tun, und die Welt mit ihrer Realität ist weit weg. Es ist gar nicht so lange her, dass diese Pornokinos noch existierten (die letzten wurden Anfang der 90er Jahre geschlossen). Die Darstellung hat auch nichts mit einer gewissen künstlichen „Porno-Nostalgie“ wie in dem amerikanischen Film „Boogie Nights“ von Paul Thomas Anderson zu tun. Jacques Nolots kleine Welt ist eher das Underground-Pendant des von Claude Sautet gefilmten Kneipenmilieus. Man betritt einen engen, von der Kamera klar kartografierten Raum (dunkle Ecken, die Kasse usw., als ob es für diesen Film ein Storyboard gäbe). Hier, an diesem ehemals öffentlichen Ort, der inzwischen von Einzelkabinen, Sex Shops und anderen Sexodroms oder Backrooms abgelöst wurde, kreuzen sich lauter einsame Leben, die deshalb noch lange keine Gemeinschaft bilden. Eine wohl bemessene Nostalgie in Sepia ist hier am Werk, und der bitter-süße filmische Ansatz ist ihr durchaus gemäß.