
Star mit Weltgeltung
[...] Die einzige Bindung, die im Leben von Romy Schneider Bestand hatte, war die zur Kamera gewesen. Die Umstände ihrer Biographie erhellen das hinlänglich. Ihr Spiel auf das Bild hin war von einer Intensität, die fern von allem Tragödinnengestus sonst nur in heroischen Momenten des Stummfilms erreicht worden ist. Großaufnahmen ihres Gesichts prägten sich in ganz anderer Weise ein als die schönen Hervorhebungen, die üblich waren. Zu beobachten ist eine existentielle Äußerung, die den Zuschauer ganz unmittelbar zu erreichen vermochte. Hierin lag der Schlüssel zu ihrem Erfolg. Sie war nicht in jener Weise ein Star, dass sie zum Idol werden konnte, sondern sie bezwang durch eine Individualität, die bedingungslos echt war. Dabei wechselte sie vielfach die Rollen und schließlich auch die Nationalität. Und sie entzog sich der Gewöhnung immer dann, wenn diese sie einzuholen drohte, und kehrte im Widerspruch zur Erwartung zurück. [...]
Sie setzte sich durch und war da – akklamiert von einem Publikum, das sich ihr, wenn auch mit Schwankungen, ergab. Doch die Risiken blieben unübersehbar. Die Karriere hing trotz aller Selbstbehauptung von den Angeboten ab, die zur Entfaltung notwendig waren. Erzeugte nun die Individualität der Schauspielerin die dankbar zu akzeptierenden Rollen, die man ihr in Paris in größerer Zahl bot, oder hatte Romy Schneider nur das Glück, in Frankreich auf eine intelligente Filmindustrie mitsamt einem wachen Publikum zu treffen – beides stark genug, auch sie zu tragen?
Angesichts der Umwege und falschen Fährten, die für sie in Deutschland und in den USA, auch in England ausgelegt worden sind, besaß man offensichtlich nur in Frankreich ein Empfinden für sie und ihre Eigenart. So verdankte sie diesem Land ihre Formung und endgültige Gestalt. Das war ihr ohne Zweifel bewusst, und sie versuchte, darauf intensiv und mit Anspruch zu reagieren. Einfach und unkompliziert war wohl auch diese Beziehung nicht, aber sie beruhte zumindest auf gegenseitiger Achtung. Und schließlich am Ende der Karriere hatte sie sich zur Zuneigung gesteigert. Wenn es der geborenen Österreicherin einmal in ihrem Leben gelungen war, irgendwo anzukommen, dann hier. Aber vermutlich ahnte sie, wie verhängnisvoll diese lang ersehnte Ankunft sein konnte – sie ließ keinen Ausweg mehr zu.[...]
Hatte vorher Romy Schneider Österreich exkulpiert, so trieb sie nun trotz heimatlicher Ablehnung die deutsch-französische Verständigung voran. Was auf der politischen Bühne zwei alte Männer zu realisieren versuchten, vollzog die Actrice auf ihre Art, indem sie sich mit einem Kollegen im anderen Land verband. Eher marginal war dabei, dass dieser – Alain Delon – gut zum Erwecker taugte, aber kaum für eine längere Bindung geeignet war. Der Schmerz muss prägend gewesen sein, aber auch fördernd. Und in Frankreich hatten sich ja auch andere Freundschaften ergeben, die der Karriere besser helfen konnten. Der italienische Regisseur Luchino Visconti hatte dem Paar, als es noch eines war, die Bewährung auf dem Theater ermöglicht, und Coco Chanel war dazu ausersehen worden, Romy Schneider beizubringen, wie sie sich anzuziehen habe.
Der Prozess einer Erziehung hatte begonnen, und die Schülerin erwies sich als formbar. Vielleicht war die Gelehrigkeit ein deutsches Erbteil. Doch es gab auch Vergeblichkeiten und Pausen: einige Filme in Hollywood, die nichts brachten, und die Heirat mit dem Schauspieler und Regisseur Harry Meyen, die Romy Schneider wieder für einige Zeit nach Deutschland ziehen ließ. Schließlich fand sie 1969 mit Claude Sautet den Regisseur, der ihre Fähigkeiten wohl am besten einzuschätzen wusste. Damals war Romy Schneider einunddreißig Jahre alt, und es folgten fünf gemeinsame Filme: Die Dinge des Lebens, Das Mädchen und der Kommissar, César und Rosalie, Mado, Eine einfache Geschichte. Letzterer kann mit seinem Titel auch für die anderen stehen, immer handelt es sich um Erzählungen der menschlichsten Art. Hierbei war oft, wie auch in anderen Filmen, Michel Piccoli ihr Partner. Man kann von einer idealen Zusammenarbeit sprechen.
Wiederholungen ähneln sich, aber sie leisten sich Abweichungen im Detail. Vierzig Jahre früher war Marlene Dietrich, damals achtundzwanzig Jahre alt, in Berlin dem Regisseur Josef von Sternberg begegnet. Das hatte zu einer Symbiose geführt, die ihre Fortsetzung in Hollywood fand und schließlich sieben gemeinsame Filme zeitigte. Auf den ersten Blick verbindet nur der Umstand die beiden Frauen, dass sie ihren Durchbruch im Ausland erfuhren und dass sie an ihrer Herkunft aus Deutschland litten. Ähnlichkeiten des Typs lassen sich nicht feststellen. Dennoch ist Romy Schneider die einzige Nachfolgerin der Dietrich auf dem Weg gewesen, ein deutscher Star mit Weltgeltung zu werden.
Klaus-Jürgen Sembach: Auszüge aus dem Vorwort des neu erschienenen Bildbandes "Adieu Romy", Schirmer Mosel Verlag
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