56. Internationale Filmfestspiele in Cannes: Außer Konkurrenz. Regie: Errol Morris. USA, 2003.
Synopsis: Errol Morris’ Porträt des ehemaligen amerikanischen Verteidigungsministers Robert S. McNamara, einer der einflussreichsten und zugleich meist gehassten Politiker des 20. Jahrhunderts.
Kritik: Als der frisch gewählte amerikanische Präsident John F. Kennedy im Dezember 1960 den gerade erst 6 Wochen amtierenden Präsidenten der Ford-Werke Robert McNamara bittet, ihm als Verteidigungsminister zu dienen, wird das für den 44-jährigen Harvard-Absolventen aus bescheidenen Verhältnissen die folgenschwerste Entscheidung seines Lebens. Bei allem Stolz lässt der inzwischen 85-jährige, immer noch sehr lebhafte McNamara, durchblicken, wie das Amt ihn und seine Familie während des Vietnam-Kriegs beinahe zerbrochen hat. Bis heute gilt McNamara und weniger der nach Kennedy’s Ermordung ernannte Präsident Lyndon B. Johnson als Hauptverantwortlicher der Eskalation des Vietnam-Konflikts. Nicht nur für die 68er-Generation, sondern auch für viele Historiker war er ein technokratischer, eiskalt kalkulierender Falke, der das Leben hunderttausender Zivilisten auf dem Gewissen hat. Errol Morris hat dieses Urteil mit „The Fog of War" zwar nicht revidiert, aber doch zumindest problematisiert. Anhand bisher unveröffentlichter Tonbandaufzeichnungen aus dem Oval-Office wird ersichtlich, wie McNamara zunächst Kennedy einen Plan zum vollständigen Rückzug amerikanischer Militärberater unterbreitet. Später bittet er den Rückzugsgegner Johnson, den Erfinder der ‚Dominoeffekttheorie’, nach der die Amerikaner speziell in Vietnam nur mit massiver Truppenpräsenz den Vormarsch des Kommunismus hätten aufhalten könnten, zur Beendigung der Flächenbombardements auf Nordvietnam. Eine Taube wird in Errol Morris Porträt aus McNamara deshalb noch lange nicht - denn zugleich hat sich der Verteidigungsminister immer devot dem Wunsch seines Präsidenten untergeordnet, den Krieg bis zum Sieg fortzuführen. McNamara war ein loyaler Staatsdiener, der die persönliche Überzeugung jederzeit dem Amt unterordnete. Errol Morris hat seinen Film in 11 „Lektionen" unterteilt. Diese Lektionen stammen allesamt aus dem Erfahrungsschatz von Robert McNamara. Eine der Lektionen, die McNamara erfolgreich in seiner Politikerlaufbahn angewandt hatte, lautete: „Antworte nie auf die Fragen, die dir gestellt werden". Dass jemand, der mit seinen unverbindlichen Antworten früher hunderte von Journalisten genarrt hatte, von der ersten Minute an mit großer Offenherzigkeit antwortete, liegt nicht zuletzt an der besonderen Interviewtechnik, die Morris im Verlauf des Filmemacherlebens entwickelt und perfektioniert hat: „Interrotron" ist ein Verfahren, bei dem ein direkt über der Kamera angebrachter Teleprompter den Interviewten mit dem Monitorbild von Morris konfrontiert. So lassen sich die Reaktionen, die Blicke der interviewten Personen präzise und natürlich einfangen. Bereits in den ersten 5 Minuten der ersten Interviewsitzung gewährte McNamara seinem Gegenüber neue Einblicke in von Amerikanern begangene Kriegsverbrechen, wie die Flächenbombardements auf Tokio und 6 andere japanische Städten kurz vor dem Abwurf der beiden Atombomben 1945, die hunderttausende Zivilisten das Leben kosteten. Überraschend offenherzig erklärt McNamara hierzu, dass die Amerikaner wohl nur deshalb nicht vor dem Kriegsgericht landeten, weil sie zu den Siegern dieses schrecklichen Krieges zählten.
In Momenten wie diesen bekommt das in Amerika längst festgeschriebene Bild von McNamara eine neue, komplexere Dimension. Wir hören einem alten Mann zu, dessen Widersprüchlichkeit zwischen Selbstmitleid, Verdrängung und Momenten luzider Wahrheitssuche zwar unauflösbar bleiben, der uns allen darin aber auch sehr ähnlich ist.