Unknown Pleasures China 2002, 113 min. Regie: Jia Zhang-Ke mit Zhao Tao, Zhao Wei Wei, Wu Quiong, Zhou Quinge Feng
Synopsis Die beiden arbeitslosen Jugendlichen Xiao Ji (Wu Quiong) und Bin Bin (Zhao Wie Wie) verbringen viel Zeit miteinander: sie sind beste Freunde. Bin Bin hat eine Freundin, die nach Peking gehen will, um dort zu studieren. Die beiden Jungs haben solche Pläne nicht, sie hängen einfach in der chinesischen Kleinstadt Datong ab. Xiao Ji verliebt sich in eine Tänzerin, die eine Promotour für einen Likör begleitet. Quiao Quiao hat aber einen Freund, und findet die Flirtversuche von Xiao Ji gar nicht lustig. Xiao Ji kümmert das nicht, denn er hält es mit dem Motto amerikanischer Filme: ‚Live fast die young.’
Kritik Eigentlich sollte UNKNOWN PLEASURES ein Dokumentarfilm werden. Regisseur Jia Zhang-Ke fuhr in die mittelgroße chinesische Industriestadt Datong, was übersetzt soviel wie ‚Große Harmonie’ bedeutet. Er beobachtete dort die erste Generation Jugendlicher, die ohne Geschwister aufgewachsen sind, nachdem unter Deng Xiao-Ping die Geburtenkontrolle eingeführt wurde, und jede Familie nur mehr ein Kind haben durfte.
Aus dem geplanten Dokumentarfilmprojekt erwuchs ein Spielfilm, dem jedoch genaue Beobachtungen der Wirklichkeit zu Grunde liegen. Die Langeweile der Jugendlichen, die weder Geld noch Lebenspläne haben, mit ihren Mofas ziellos durch die Gegend fahren oder einfach nur herumhängen prägt die Atmosphäre des Films.
Jeder ist einsam in UNKNOWN PLEASURES, und auch gemeinsam weiß man nur bedingt etwas miteinander anzufangen. Bin Bin ist ein großer Fan von Animationsfilmen. Zusammen mit seiner Freundin sieht er sich immer wieder MONKEY KING. Ihr intimster Moment ist es, als sie - sich an den Händen haltend - auf dem Sofa sitzen und gemeinsam einen Karaokesong intonieren. Auch Xiao Ji, der die hübsche Tänzerin Quiao Quiao wie ein hartnäckiger Fan verfolgt, weiß gar nichts mit ihr anzufangen, als sie beide endlich allein in ihrem Hotelzimmer sind.
Jia Zhang-Ken baut in seinen Film viele Aktualitätsbezüge ein: da berichtet das Fernsehen, wie Peking als Austragungsort für die Olympiade 2008 ausgewählt wird. In China wird ein junger Bankräuber gefangengenommen und verhört. Und auch China als Mitglied der World Trade Organisation ist Thema. Jia Zhang-Ken will damit zeigen, dass sich China in den letzten Jahren progressiv entwickelt hat, und bei internationalen Fragen durchaus eine Bedeutung hat. Doch der neuen Generation ist es dennoch noch nicht gelungen, die (neuen) Freiheiten des Individuums sinnvoll zu nutzen: ziellos lungern die meisten von ihnen herum, und nur die wenigsten, wie etwa Bin Bins Freundin haben eigene Lebenspläne.
Zeit ist ein weiteres wichtiges Sujet für den Filmemacher. Kompromisslos nimmt er sie sich einfach, und zeigt etwa fünf Minuten lang – in Echtzeit – wie schwierig es sein kann, ein Mofa zu starten. (In der Pressevorführung gab es von einem ungeduldigen Zuschauer einen Szenenapplaus, als der Hauptdarsteller das Mofa endlich anbekommen hat) Diese Momente sind nicht mit den Schauspielern abgesprochen. Das Mofa sprang einfach tatsächlich nicht an. Die Kamera bleibt auf den Schauspielern, und mit wachsender Anstrengung gewähren sie einen Einblick in ein tieferes Ich, das zwischen dem Schauspiel und der Persönlichkeit des Schauspielers liegt. Auf diese Momente wartet Jia Zhang-Ken, sie sind ihm sehr wichtig. Tarkowski ist dabei ein großes Vorbild für ihn: meisterhaft versteht er es, mit Zeit im Film umzugehen. Jia Zhang-Ken probiert außerdem gerne Momente aus, die an der Grenze zum Absurden liegen: Quiao Quiao etwa versucht zehn Mal nacheinander aus einem Bus auszusteigen, und ihr Freund hält sie immer wieder zurück. Diese ständige Wiederholung birgt eine absurde Qualität, doch Jia Zhang-Ken ist überzeugt davon, ‚dass das eigentliche Leben noch wesentlich absurder ist.’