Femmes en Miroir Regie: Yoshida Kiju Japan, 2002, 129 Min. Mit Okada Mariko, Kawaseai Tanaka und Masako Issikisae Offizielle Auswahl – Außerhalb des Wettbewerbs
Zusammenfassung Aï, eine alte Frau, lebt mit ihrer Enkelin Natsuki, die sie in allem an ihre eigene, bei der Geburt des Kindes gestorbene Tochter Masako erinnert. Eines Tages begegnet sie einer Frau, die Masako sein könnte und die ihr Gedächtnis verloren hat. Sie erinnert sich nur an ein Wort: Hiroshima. Die drei Frauen dieser „wieder“ hergestellten Familie fahren also in diese Stadt, die 1945 durch eine Atombombe zerstört wurde. Sie wollen versuchen, die verschiedenen Teile der auseinandergerissenen Familiengeschichte wieder zusammenzufügen und herauszufinden, ob in ihren Adern tatsächlich das Blut der gleichen Familie fließt.
Kritik Bei einer Auswahl wie der von Cannes, die eine Unmenge von Filmen anbietet, findet man nur wenige, die sich den Luxus erlauben, vom allgemeinen Pfad abzuweichen. Von den Filmen, denen das gelingt, geht im allgemeinen eine im entgegengesetzten Sinn wirkende Verführung aus: Sie erzeugen zunächst Entrüstung, die sich schon bald in renitente Erinnerung verwandelt, wie sie für Werke mit echtem Tiefgang typisch ist, auch wenn sie unbequem sein mögen. In dieser Weise prägend und als einmalig gerühmt (und damit auch den Zuschauer störend, der so müde ist, dass er nichts anderes zu leisten imstande ist, als auf seinen festgefügten Meinungen zu beharren), gibt es dieses Jahr lediglich den Film voll apokalyptischer Poesie von Werner Schroeter („Deux“) und das verwirrend-elegische, ästhetizistische Werk von Aleksandr Sokurow („Russian Ark“). „Femmes en miroir“ gehört ebenfalls zu dieser Kategorie Film, es ist die Arbeit eines Filmemachers, der aus der japanischen Avantgarde der 60er Jahre hervorgegangen ist und einen in Bezug auf die formalen zeitgenössischen Herausforderungen und demzufolge auf die Codices der Verführungskunst von Cannes völlig anachronistischen postmodernen Stil verkörpert. Mit der Schilderung des Versuchs, eine zerbrochene Familie wieder zusammenzuführen, liefert Yoshida Kiju selbst ein bis zur Abstraktion fragmentiertes und gleichzeitig sinnreiches Werk. Jede - ästhetisch einwandfreie - Aufnahme hebt sich von der vorangegangenen ab, ganz wie die Klaviernoten auf dem Tonband, die jeweils durch eine nachfolgende Pause voneinander getrennt werden. Die drei Frauen bauen sich einen Stammbaum, dessen Verzweigungen künstlich sind und das Ergebnis von Erfindung oder Lüge zu sein scheinen. Wer ist wessen Mutter? Wer hat wem das Leben geschenkt? Offensichtlich keine. „Femmes en miroir“ ist ein düsteres Werk, es präsentiert sich als ein Film des Chaos und letztendlich der Unfruchtbarkeit. Die Aufnahmen sind von größter Sparsamkeit, mitunter sogar vollkommen leer, sie zeigen Innenräume, aus denen das Leben nach und nach verschwunden ist. Das verfremdete Spiel der Darstellerinnen vermittelt den zusätzlichen Eindruck, dass sie außerhalb der Geschichte und der Dekoration, in der sie gefilmt werden, stehen. Nicht von ungefähr wählte der Regisseur Hiroshima, die von einer Wasserstoffbombe zerstörte Stadt mit ihrer unfruchtbar gemachten Erde, in der nichts mehr wachsen kann, als den Ort, an dem diese Geschichte spielt. Dieser aporetische Film bietet dem Zuschauer keine Möglichkeit, irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Er sollte sich jedoch von der schwierigen und vergifteten (weil einmaligen und ungezügelten) Schönheit der Filme von Yoshida Kiju gefangen nehmen lassen.