Russian Ark (Die russische Arche) Offizieller Auswahl - Wettbewerb Regie : Aleksandr Sokurow Russland, 2002, 95 Min. Mit Sergej Drejden (Fremder), Aleksandr Sokurow (Off-Stimme), Marija Kusnetsowa (Katharina II.), Leonid Mosgowoj (Spion) und etwa neunhundert weiteren Schauspieler
Zusammenfassung Ein für seine Umgebung unsichtbarer zeitgenössischer Regisseur wird auf wundersame Weise in die Sankt Petersburger Eremitage zu Beginn des 18. Jahrhunderts versetzt. Dort trifft er einen zynischen französischen Diplomaten aus dem 19. Jahrhundert. Während einer außergewöhnlichen Reise durch die Zeit und die turbulente Geschichte Russlands bis in die Gegenwart werden die beiden Männer enge Vertraute.
Kritik Für „Russian Ark“ musste Sokurow den ehemaligen „Winterpalast“ in Sankt Petersburg und damit drei Jahrunderte russischer Geschichte mit einem einzigen Blick, in einer einzigen Vision, entlang der Wände der Eremitage umfangen und in diese Umarmung sein ganzes Herz legen. Warum ein Museum? Die Antwort liegt in der Kunst, die die Matrix des Films bildet. In diesem Heiligtum befindet man sich in Russlands Innerstem. Die unglaubliche technische Organisation, derer es für diese durchgehende anderthalbstündige Bildfolge bedurfte, war für die Entstehung dieses in der Traumwelt angesiedelten Films lediglich ein Mittel, nicht jedoch Thema oder gar Ziel. Von manchen Kritiken vielleicht etwas leichtfertig als „für die reaktionäre Ideologie vergebliches Schauspiel“ bewertet, drückt der Film die bohrende Sehnsucht nach den längst vergangenen Zeiten aus, die im Bewusstsein eines ganzen Volkes noch lebendig sind. Dieses nostalgische Gefühl kommt in jedem Bild und in jedem Dialog zum Ausdruck, z. B. wenn der Fremde dem unsichtbaren Regisseur und damit der Kamera und uns mit einem unendlich traurigen Blick zuraunt: „Das ist vorbei!“, dann meint er damit viel mehr seine Jugend, an die ihn der Ball erinnerte, als den Ball selbst. Der Umweg über die Geschichte gibt so manch friedlich anmutenden Szene den Charakter einer Tragödie, wie z. B. das gemeinsame Mahl der Familie des Zaren Nikolaus II., denn hinter den Pastellfarben der Bilder, die voller „Ordnung und Schönheit“ sind, zeichnet sich die geplante Ermordung dieser Modellfamilie ab. Denn natürlich spielt die Politik auch eine Rolle beim Rundgang in diesen Mauern, die so viele Regime gesehen haben. Wie schon in „Taurus“ oder „Moloch“ setzt Sokurow auch hier seine düstere und symbolische Lesart vom Spiel mit gezinkten Karten fort: Von der russischen Zarin Katharina der Großen, die durch den ganzen Film immer nur rennt, so schnell rennt, dass die armen Sterblichen nicht hinterher kommen (fast so wie das Kaninchen in „Alicia im Wunderland“), bis zu Gorbatschow, der sich in einem der verdunkelten Säle fragt, wie man den zerrissenen Bezug des Throns restaurieren könnte. Manchmal verschwindet alle Zivilisation und Kunst hinter dem Horror, wenn Sokurow zum Beispiel eine der Museumstüren aufmacht und schnell wieder zumacht und einige Minuten lang an die Belagerung Leningrads erinnert, um einen kurzen Augenblick lang das Tabuthema des grausigen Kannibalismus anzusprechen, den es in dieser 900 Tage lang eingeschlossenen hungernden Stadt gegeben hat. Die durch die Bildwiedergabe und die leichte Anamorphose der Bilder an Technicolor der 50-er Jahre erinnernden satten Farben lassen den Eindruck eines Tagtraums unter einem Gewitterhimmel entstehen. Man muss sich schon eine gewisse kindliche Unschuld bewahrt haben, die man an die Hand nimmt, um mit ihr zusammen diesen fantastischen Spaziergang durch die Zeit und die in den riesigen Barocksälen dieses Museums ausgestellte Kunst zu machen und den Film zu mögen. Nur naive Herzen, Verliebte, Weise und Vampire werden sich auf die Reise durch die in diesem Museum stehen gebliebene Zeit begeben. Ein einmaliger Film, denn er hat eine Seele, eine russische Seele.