Irréversible Frankreich 2002, 99 min. Regie: Gaspar Noé mit Vincent Cassel, Monica Bellucci, Albert Dupontel
Synopsis Eine junge Frau wird brutal vergewaltigt und zusammengeschlagen. Ihr Freund begibt sich zusammen mit dem Ex-Freund seiner Freundin auf die Suche nach dem Täter. Die Rache für seine Tat wird grauenvoll sein.
Kritik TIME DESTROYS EVERYTHING (Zeit zerstört alles) ist in fetten Lettern am Ende des Films zu lesen. Das klingt wie eine banale Weisheit in protzigen Lettern und genau das ist es auch: GASPAR NOÉS neuer Film IRRÉVERSIBLE kommt optisch unwahrscheinlich cool daher und versucht so, seine Zuschauer zu fangen.
Zuerst einmal funktioniert dies auch: Der Vorspann von IRRÉVERSIBLE wirkt wie eine optische Täuschung, oder man hat einfach das Gefühl, der Vorführer hat aus Versehen den Film falsch herum eingelegt, und gleichzeitig aus Versehen bis zum Ende gespult. Die Buchstaben sind spiegelverkehrt zu sehen, der Ton wirkt minimalistisch verzerrt. Die Journalisten in der Pressevorführung werden unruhig, man ist ja einiges gewohnt. Sie warten ab, schon fast bereit, nach dem Vorführer zu rufen. Aber kann das sein, dass ein Wettbewerbsfilm falsch herum eingelegt ist? Der gesunde Menscheninstinkt verlangt danach einfach abzuwarten, zu sehen was passiert, und genau das erweist sich als Lösung.
Brutal wird der Zuschauer direkt nach diesem seltsamen Vorspann ins eigentliche Ende des Films hineingebeamt, mitten in die Klimax. Die Kamera bewegt sich so wirr hin und her, als wäre sie am Körper eines Menschen befestigt, der brutal zusammengeschlagen wird. Die beiden Freunde Marcus (Vincent Cassel) und Pierre (Albert Dupontel) befinden sich im Darkroom eines Schwulenclubs, in dem sich der Vergewaltiger von Marcus Freundin aufhält. Als ein Typ Marcus vergewaltigen wollen, schlägt Pierre ihn brutal zusammen. Immer und immer wieder schlägt er mit einem Feuerlöscher auf ihn ein, bis dieser völlig entstellt blutüberströmt liegen bleibt. Die Kamera verkörpert all die wirre, bis zum Äußersten aufgebrachte Energie von Marcus und Pierre, weil es so dunkel ist, ist kaum etwas von der Handlung zu sehen. Diese Emotion überträgt sich – unterstützt durch flirrende, minimalistische Musik – auf den Zuschauer, der verwirrt auf Aufklärung hofft. Die ersten zehn Minuten dieses Films sind ein wirkliches Experiment. Wem leicht schwindlig oder unwohl wird, der sollte darauf besser verzichten.
Fragmentarisch erzählt daraufhin Gaspar Noé seinen Film rückwärts, indem er mit dem eigentlichen Anfang der Geschichte endet. Je mehr er sich zurückbewegt, umso ruhiger wird die sich überschlagende Handkamera des Endes, bis sie schließlich in langen, um sich kreisenden Einstellungen endet.
Je mehr der Zuschauer sich auf die eigentliche Geschichte konzentrieren kann und nicht unter dem starken Einfluss der schwindelverbreitenden Handkamera steht, um so mehr bemerkt er, dass gar keine Geschichte existiert. Die völlig nichtssagende Handlung – zwei Freunde üben Rache an dem Vergewaltiger der Freundin – lässt sich in einem Satz zusammenfassen. Die Charaktere sind blass und unterentwickelt.
Marcus Freundin Alex (Monica Bellucci) bleibt durchgehend Objekt der Begierde. Auch ihr Freund sieht das nicht anders, er besitzt sie. Er sagt ihr gegenüber: ‚Ich habe dich Pierre gestohlen’, worauf sie erwidert: ‚Nein, ich bin doch kein Objekt.’ Genau das ist und bleibt sie aber, und auch das macht den Film so uninteressant. Der stets präsente Voyeurismus ist penetrant und oberflächlich. Sowohl in den Liebesszenen zwischen Alex und Marcus als auch bei der – relativ ästhetisch in einer 9-minütigen (!) Einstellung gefilmten Vergewaltigung ist der Voyeur anwesend. Diese im Detail gezeigte Tat rechtfertigt für den Regisseur wiederum die etwa eben solange Anfangs/End/Szene im Schwulenclub, bei der ein Mann – der vermeintliche Vergewaltiger – brutal zu Tode geschlagen wird. Bei Kieslowskis Dekalogfilm EIN KURZER FILM ÜBERS TÖTEN, hatte die ungefähr ähnlich lange Einstellung, bei der ein Taxifahrer bis zum Tod stranguliert wird, einen Sinn. Die Geschichte rechtfertigte die Szene.
Gaspar Noé dagegen will nur oberflächlich schockieren. Das ist sehr schade, denn hätte der visuell interessante Ansatz seines Films eine geeignete Geschichte gefunden, hätte sein Wettbewerbsbeitrag ein spannendes Experiment werden können. So bleibt nur ein schaler Nachgeschmack und ein extrem teuer produziertes, extrem ästhetisches Presseheft, das ebenso wie der Film Form ohne Inhalt präsentiert.