
Intersexualität: Wenn der kleine Unterschied fehlt von Anke Sparmann
erschienen in: GEO WISSEN "Frau & Mann" / Sept.2000 mit freundlicher Genehmigung der Redaktion GEO Wissen
Durch einen ärztlichen Kunstfehler verlor ein Junge seinen Penis und wurde als Mädchen aufgezogen. Der spektakuläre Fall schien zu beweisen: Erziehung ist mächtiger als Biologie. Doch dann widerlegte die Realität die Thesen der Zwitter-Forschung.
Winnipeg, Kanada, 27. April 1966. Im St. Boniface Hospital ist für den frühen Morgen die Operation der Geschwister Reimer angesetzt. Die Vorhaut von Bruce und Brian, gerade acht Monate alten eineiigen Zwillingen, soll ein wenig gekürzt werden. Bei beiden Jungen ist sie verengt, was relativ häufig vorkommt. Weil der Dienst habende Arzt nicht greifbar ist, wird der 46-jährige Allgemeinmediziner Jean-Marie Huot für die Operation eingeteilt. Und Huot wählt für den Eingriff kein gewöhnliches Skalpell, sondern einen so genannten Kauter. Zwei Mal setzt er die glutheiße Nadel an. Nicht geschieht. Als das Gerät ein weiteres Mal die Vorhaut von Bruce berührt, zischt es plötzlich, Qualm kräuselt auf. Was von dem kleinen Penis übrig bleibt, gemahnt den Vater später an ein Stück Holzkohle. In den nächsten Tagen verdorrt der schwarze Stummel. Dann fällt er ab.
Mit Huots Kunstfehler beginnt eine Geschichte, die von Verzweiflung handelt, von Leichtsinn und wissenschaftlicher Hybris: Auf den Rat des Sexualforschers John Money hin beschließen die Reimers, ihren verunglückten Sohn als Mädchen aufzuziehen. Im Alter von knapp zwei Jahren wird aus Bruce Brenda. Den Berichten von John Money zufolge gedeiht die Kleine prächtig. Und was könnte den Sieg der Erziehung über die Biologie eindeutiger belegen als ein Zwillingspaar mit ursprünglich gleichem Geschlecht, dessen einer Part als Mädchen heranwächst und der andere als Junge?
Johns Hopkins Medical Centre, Baltimore, 1952. Der Psychologe John Money hat einen Ruf hierher erhalten, an eine der renommiertesten Kliniken und Forschungsstätten der USA. Gemeinsam mit dem Wissenschaftlerpaar John und Joan Hampson studiert er die Fälle von über hundert Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die eines gemeinsam haben: Bei ihrer Geburt war äußerlich nicht eindeutig zu erkennen, ob sie männlich oder weiblich waren. Manche hatten nur rosige, fingerhutgroße Knubbel zwischen den Beinchen - einen "Mikropenis" oder eine üppig ausgefallene Klitoris. Mit zarten Wölbungen, die Hodensäcke andeuten konnten oder, ebenso gut, Schamlippen. Anhand von Langzeitbeobachtungen glaubt das Forschertrio eines festhalten zu können: Über 95 Prozent der mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen zur Welt Gekommenen wachsen in die Rolle hinein, die ihnen Chirurgen nach der Geburt buchstäblich auf den Leib geschneidert haben.
Aus diesen Studien ziehen die Wissenschaftler eine elementare Schlussfolgerung: Neugeborene mit intersexuellem Geschlecht sind neutrale Wesen. Und erst die Erziehung verleiht ihnen eine Identität als Junge oder Mädchen, Mann oder Frau. John Money - er ist der Leiter der Studie - formuliert in der Konsequenz einen wissenschaftlichen Freibrief für Chirurgen und Endokrinologen am Johns Hopkins Hospital, das sich als erste Klinik weltweit auf die Behandlung von intersexuellen Babys spezialisiert hatte: Diese sollten mit Skalpell und Hormongaben wahlweise in eine der beiden angelegten Richtungen geschickt werden können. Und weil es, so der Chirurgenjargon, "einfacher ist, ein Loch zu graben als einen Mast zu bauen" - zumal beim damaligen Stand der plastischen Chirurgie - verlassen nunmehr Eltern im Zweifelsfall mit einem kleinen Mädchen die Klinik.
Hätte John Money seine Theorie von einer "Geschlechtsneutralität bei der Geburt" auf Intersexuelle beschränkt, wäre Bruce Reimer wohl nicht um einen guten Teil seiner Kindheit betrogen worden. Doch Money spannt den Bogen vom Besonderen zum Allgemeinen: Sexualverhalten und sexuelle Orientierung als Mann und Frau habe keine angeborene oder instinktive Basis. Der Begriff "gender", in Deutsch am besten mit "sozialem Geschlecht" übersetzt, wird durch Money aus dem Schattendasein geführt, umreißt fortan die durch Erziehung erworbene Geschlechtsidentität. Der englische Ausdruck "sex" hingegen bleibt biologisch definiert - durch Chromosomen, innere und äußere Geschlechtsorgane und Hormone. Fast niemand kratzt an Moneys Glaubenssatz.
University of Kansas, Herbst 1958. Als Milton "Mickey" Diamond, ein junger Biophysiker aus New York, hierher in den Mittleren Westen kommt, um bei dem Anatomieprofessor William C. Young sein Studium zu beenden, bahnt sich eine Sensation an. Gut bekannt ist zu diesem Zeitpunkt bereits, welche Rolle Hormone bei der vorgeburtlichen Ausbildung der inneren und äußeren Geschlechtsorgane von Menschen spielen. Nun prüfen Young und seine Leute anhand von Nagetieren, ob das männliche Nagerhirn anders strukturiert ist als das weibliche. Die Wissenschaftler injizieren in die Gebärmütter trächtiger Meerschweinchen großzügig Testosteron - ein männliches Sexualhormon aus der Gruppe der Androgene. Wie erwartet, kommt der weibliche Nachwuchs mit solchen Klitorides zur Welt, dass sie mit Penissen fast zu verwechseln sind. Gespannt harren die Forscher der Geschlechtsreife und beobachten dann Ungeheuerliches: Statt den Männchen ihr Hinterteil zu präsentieren, wie es ihrem genetischen Geschlecht angemessen wäre, bespringen die Weibchen ihre Geschlechtsgenossinnen. Ein Verhalten, das ihnen nur das pränatale Extra an Testosteron eingegeben haben kann.
Professor Young mahnt sein Team, die Ergebnisse nicht zu großzügig zu interpretieren. Erste Veröffentlichungen beschränken sich deshalb darauf, die Wirkung pränataler Testosterongaben auf das Geschlechtsverhalten von Meerschweinchen zu beschreiben. Erst Milton Diamond zieht sechs Jahre später, 1965, aus den Tierexperimenten Rückschlüsse auf die Biologie der Menschen. Der junge Forscher greift Moneys Theorie frontal an: Neutralität bei Geburt? Von wegen! Mag sein, dass intersexuelle Babys wirklich mit gleichgewichtiger Prognose zur Frau oder zum Mann tendierten; vielleicht seien sie ja vor ihrer Geburt Hormoneinflüssen ausgesetzt gewesen, die das Gehirn, also die Zentrale der Verhaltenssteuerung, in einen ähnlichen Sowohl-als-auch-Zustand versetzt hätten wie die Genitalien. Doch was den Rest der Menschheit angeht, so stellt Milton Diamond lapidar fest: "Uns ist bisher kein Fall eines normalen Individuums präsentiert worden, das unzweifelhaft als ein Junge geboren und dann erfolgreich als ein Mädchen aufgezogen worden wäre."
Winnipeg, weniger als ein Jahr nach der missglückten Beschneidung des kleinen Bruce. Dessen Eltern sehen fern. Vom Bildschirm spricht ein distinguierter Endvierziger: John Money. Der Wissenschaftler berichtet über die Erfolge, die man am Johns Hopkins Hospital bei der Behandlung Intersexueller erziele. Als die Reimers - Janet ist gerade 20, Ron 21 Jahre alt - im März 1957 in Moneys Büro in Baltimore sitzen, haben sie den Eindruck, mit ihrem Problem - endlich - in den besten Händen zu sein. Als Zeitspanne, in der die sexuelle Identität Wurzeln schlägt, hat Money die ersten beiden Lebensjahre ausgemacht. Richtungweisend seien die jeweiligen äußeren Geschlechtsorgane: Das Kind entdecke seine Genitalien und nehme Ähnlichkeiten mit denen anderer Personen in seiner Umgebung wahr. Bestärkt werde es in seiner Entwicklung entweder als Mädchen oder als Junge von seiner Umwelt, die sich ebenfalls an den sichtbaren anatomischen Merkmalen orientiere.
Bruce Reimer ist bereits 19 Monate alt, und während in seinem Schoß einige Zentimeter gut durchbluteten Gewebes fehlen, sind seine Hoden intakt.
Die Geburt eines Kindes, dessen Geschlecht der Dienst habende Arzt nicht eindeutig identifizieren kann, gilt in der westlichen Welt als Notfall: Eilig tritt ein Expertenteam zusammen, um möglichst schnell Klarheit zu schaffen. Weder Junge noch Mädchen zu sein - oder, wie man es nimmt: sowohl als auch - bedroht zwar in der Regel nicht das Leben eines Säuglings. Doch in einer Welt, die selbst bei Wegwerfwindeln kleine Unterschiede kennt, wollen die Eltern rasch Gewissheit: Junge oder Mädchen? Was ein Laie für eine homogene Gruppe halten mag - "die Intersexuellen" -, zersplittert aus medizinischer Sicht in mehr als hundert Störungsbilder. Mal ist es ein zusätzliches X-Chromosom (also 47, XXY - das Klinefelter-Syndrom) oder das Fehlen desselben (also 45, XO - das Turner-Syndrom), das Verwirrung stiftet, wenn sich die Zellen im frühen Entwicklungsstadium nicht korrekt teilen. Mal ist ein ererbter Gendefekt die Ursache, der den Hormonhaushalt so durcheinander wirbelt, dass das äußere Erscheinungsbild (der Phänotyp) vom genetischen Geschlecht (dem Genotyp) abweicht. In seltenen Fällen kann auch eine Mutation eines sich auf dem X- oder Y-Chromosom befindlichen Gens die Abweichung von der Norm bewirken.
Schätzungsweise zwei bis drei von 1000 Kindern kommen mit einer Störung zur Welt, die jenem weiten Feld der Intersexualität zuzurechnen ist. Danach würden in Deutschland pro Jahr 1400 bis 2800 intersexuelle Babys geboren. Doch nicht alle Unstimmigkeiten offenbaren sich gleich. Manchmal treten erst mit der Pubertät verstörende Zeichen auf: Bartwuchs bei Mädchen etwa, und es ist schon vorgekommen, dass Jungen plötzlich durch den Penis menstruierten. Sehr selten kommt es vor, dass Mediziner bei einem Säugling Hoden ertasten und das Ultraschallbild Eierstöcke aufweist. "Wahre Hermaphroditen" heißen die Betroffenen, die den Begriff vom Intersexuellen in Reinkultur verkörpern. Bei diesen Menschen haben sich Gonaden, Geschlechtsdrüsen, beiderlei Geschlechts entwickelt - Folge einer Genmutation entweder auf dem X- oder dem Y-Chromosom. Hier sind selbst bei der Geschlechtsbestimmung sonst mutige Ärzte mit ihrer Weisheit am Ende. Denn ein Organ verschließt sich bei allen Differenzierungsstörungen der Inspektion: das Gehirn. Welche Spuren können pränatale Hormoneinwirkungen hier hinterlassen haben? Spiegelt sich - wie Milton Diamond vermutete - die geschlechtliche Ambiguität in den Strukturen des Zentralnervensystems? Und wenn ja, mit welchen Konsequenzen?
Baltimore, 3. Juli 1967. Im Alter von 22 Monaten - mithin innerhalb der Zeitspanne, in der Money zufolge eine Geschlechtsumwandlung problemlos über die Bühne gehen sollte - wird Bruce Reimer im Johns Hopkins Hospital kastriert. Nachdem der Chirurg die Haut des Scrotum deren eigentlicher Funktion beraubt hat, nämlich die Hoden zu bergen, formt er daraus das rudimentäre Äußere einer Scheide. Für Bruce beginnt ein neuer Lebensabschnitt - als Brenda. Szenen, an die man sich in anderen Familien später vielleicht fröhlich erinnert hätte, bringen im Haus Reimer die mühsam bewahrte Fassade der Normalität ins Wanken: So, als sich Brenda mit knapp zwei Jahren ein Spitzenkleidchen vom Leib zerrt; als Brenda mit vier den Vater beim Rasieren nachahmt; als die Erstklässlerin Brenda steif und fest an ihrem Berufswunsch Müllmann festhält - "leichte Arbeit, gut bezahlt". Und als Brenda, allen elterlichen Mahnungen zum Trotz, im Stehen pinkelt. Nun sind die Geschlechterkategorien der Psychologen nicht so starr, als dass sie für das Benehmen von Mädchen und Jungen nicht manchen gemeinsamen Fachausdruck parat hätten, etwa tomboy behaviour - "Lausbubenverhalten". Es kommt phasenweise bei vielen Mädchen vor, so wie auch Jungen durchaus "mädchenhafte" Vorlieben zeigen.
Im Erwachsenenalter allerdings passt sich das Verhalten dann den Rollenerwartungen weitgehend an.
Die Entwicklung der geschlechtlichen Identität und des sexuellen Verhaltens als Frau oder Mann gilt vielen Wissenschaftlern heute als Prozess, bei dem die biologischen Gegebenheiten, psychische Entwicklung und soziales Leben einander fortwährend beeinflussen. Dazu passen Erkenntnisse von Hirnforschern, denen zufolge die Strukturen des Gehirns flexibel sind und sich unter dem Einfluss äußerer Reize unablässig neu organisieren.
Bereits im frühen Alter teilt sich die Kinderwelt wie in Gut und Böse auch in Mädchen und Jungen. Auf welcher Seite sich der Einzelne oder die Einzelne dann fühlt, ist auch Ergebnis einer Erfahrung, die ständiger Bestätigung bedarf. Deshalb entwickelt sich bei manchen Intersexuellen statt völliger Identifikation mit einem der beiden Geschlechter nur ein tiefes Gefühl des Andersseins. Erste Hinweise darauf, dass die Prägung des verstümmelten Bruce Reimer auf ein Mädchen doch nicht so problemlos gelang, gab es bereits Ende der siebziger Jahre. Ein Team des englischen Senders BBC besuchte damals die Reimers. Statt dass die Reporter ein artiges Mädchen mit einer Vorliebe für Kleider und Haarbänder vorfinden, wie John Money den umfunktionierten Zwilling in seinen Veröffentlichungen beschreibt, treffen sie auf einen kreuzunglücklichen Teenager, der durch hölzerne Gestik und rüden Umgangston auffällt. Wenig später gesteht der Vater seiner "Tochter" die Wahrheit. Im Juli 1981 findet die erste einer Reihe von Operationen statt, die den jungen Mann mit einem allerdings weitgehend gefühllosen Penis ausstattet.
Die gesamte Tragödie wird jedoch erst 1997 öffentlich, 30 Jahre nachdem aus Bruce Brenda geworden war: Milton Diamond publiziert gemeinsam mit dem Psychologen Keith Sigmundson eine Dokumentation, die das Scheitern des Experiments in allen beklemmenden Einzelheiten beschreibt.
Drei Jahre später treten die unmittelbar Beteiligten in einem Buch aus der Anonymität heraus. David Reimer ist heute verheiratet; seine Frau brachte drei Kinder mit in die Ehe, denen er ein liebevoller Vater ist. Sex im Sinne von Geschlechtsverkehr hat das Paar "gelegentlich". Männlichkeit bedeutet für David Reimer im wesentlichen, eine Familie zu versorgen.
Für die Eltern David Reimers ist die Vergangenheit ihrer Familie ein düsteres Kapitel, und sie fühlen sich schuldig. Die Phimose Brian Reimers schließlich, des Zwillingsbruders, wurde nie behandelt. Sie wuchs sich von selbst aus.
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