![]() CODE 46
Venezia 60 Concorso
Kritik: Inspiriert wurde Michael Winterbottom zu CODE 46, als er seinen letzten - sehr dokumentarisch anmutenden Film IN THIS WORLD drehte. Dort flüchteten zwei junge Afghanen aus ihrer Heimat nach London. Ihr größtes Problem waren stets die richtigen Dokumente - Pässe, Visas und die damit verbundene Bürokratie. In CODE 46 nimmt Winterbottom genau dieses Thema erneut auf, diesmal bindet er es aber in eine Geschichte ein, die in der nahen Zukunft spielt. Dennoch ist CODE 46 nicht einfach ein Science Fiction, eher eine ungewöhnliche Liebesgeschichte mit futuristischen Elementen. Ungewöhnlich ist die Geschichte deshalb, weil William als Hindernis seiner Liebe zu der illoyalen Mitarbeiterin Maria nicht nur eine Frau und ein Kind hat, sondern weil Maria auch noch dieselbe DNA hat wie Williams längst verstorbene Mutter. Genauer gesagt, sie ist ein Klon der Mutter. Damit bringt Michael Winterbottom zusätzlich eine futuristische Variante des Ödipuskomplexes mit ins Spiel. Doch trotz dass der Film in der Zukunft angesiedelt ist, spielt er an Orten der Gegenwart. Das liegt daran, dass Winterbottom nicht in Studios drehen mag, weil da bei ihm kein richtiges Gefühl fürs Inszenieren aufkommen will. Und billiger ist es so natürlich auch. Nur beim Zuschauer mag sich so nicht so recht das richtige Gefühl einstellen - weder für die Science Fiction Geschichte, noch für die Love Story. Zuviel in diesem Film ist einfach behauptet und macht eigentlich keinen Sinn, etwa die Sache mit der DNA der Mutter. Doch wenn die Geschichte es nicht vermag, den Zuschauer in ihren Bann zu ziehen, so sind dem Kameramann Alwin Kuchler doch einige sehr gute Aufnahmen von hypnotischer Wirkung gelungen: etwa als Maria in einem Club bei Stroboskoplicht tanzt, und er ihr Gesicht in Großaufnahme zeigt. Da hat sie für wenige Momente etwas Rätselhaftes und Verführerisches, eine Qualität, die dem Film sonst leider fehlt.
Blicken Sie jetzt Kritik: Eine weitere Metamorphose im Werk des so überaus vielseitigen und produktiven Michael Winterbottom. Nach "24 Hour Party People", der schrägen Pseudo-Dokumentation und Hommage an die wilden Rock'n'Roll-Jahre der Musikszene in Manchester und der sehr engagierten Flüchtlingsgeschichte "In This World", die in diesem Jahr in Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, wendet sich Winterbottom jetzt mit "Code 46" dem anspruchsvoll-intellektuellen Sci-Fi-Genre zu, wie wir es von "Blade Runner" oder "Minority Report" kennen, allerdings mit weitaus bescheidenerem Aufwand. Ein gewagtes Unterfangen, mit dem man durchaus auch auf die Nase fallen kann. Doch trotz aller kleinen Fehler und vorhandenen Unzulänglichkeiten gelingt es ihm, schon mit den ersten Einstellungen eine überzeugend dichte Atmosphäre zu schaffen, die auf unbestimmbare Art fasziniert, ein Gefühl der totalen Bezuglosigkeit und gleichzeitig der Kohärenz. Diese futuristische Welt wirkt überaus realistisch, erschreckend glaubwürdig in ihrer Beschreibung der pervertierten Folgen sozialer, technologischer und virtueller Entwicklungen. Die Szenerien und Landschaften des Films, die Winterbottom aus Bildern von Shanghai,.Dubai und Jaipur zusammengeschnitten hat, tun ihr übriges, um diese bedrohlich-bedrückende Stimmung unter die Haut gehen zu lassen. Ein äußerst sensibler Umgang mit dem Licht und die präzise Kameraführung von Marcel Zyskind lassen einen unweigerlich an die unwirklichen Fotografien von Andreas Gursky denken, auf denen der Mensch wie verloren in der modernen Monumentalarchitektur oder in den Weiten der Wüsten wirkt. Aus "In This World", seinem Flüchtlingsdrama über zwei afghanische Kinder, hat Winterbottom das Thema der verbotenen Grenzüberschreitungen übernommen und weiterentwickelt, die Auseinandersetzung mit Gesetzen und Vorschriften, die den Menschen verachten und manchmal auch zerstören. Die Erahnbarkeit des Geschehens, die ethischen Fragen und der Hauch von "Film noir" in "Code 46" bilden einen starken Kontrast zu der Liebesgeschichte, die den Kern des Films darstellt. Die Beziehung zwischen Michael und Maria ist wohl auch deshalb so anrührend und spricht unsere Gefühle so direkt an, weil sie an ein Tabu rührt: Maria ist genetisch ein Klon der Mutter von Michael. Hier treffen Technologie und tragisches Schicksal aufeinander, High-Tech-Zukunftsvisionen und Urgefühle. Sie können nicht anders als sich zu lieben, doch diese Liebe verstößt gegen den Code 46, dieses verhängnisvolle Gesetz, dass gefährliche Verbindungen zwischen genetisch verwandten Individuen verbietet. Erstaunlich gefühlvoll zeigen uns Tim Robbins und Samantha Morton diese Liebe zwischen den beiden Hauptfiguren des Films, dieses schreckliche Verlangen, durch das sie sich außerhalb der Gesellschaft stellen und zu Ausgestoßenen werden. "Code 46" ist ein bedrückender Film, der aufwühlt und manchmal mit absolut wundervollen Bildern überrascht, wenn etwa die Kamera einen Blick in die Nacht einfängt oder ein Stück Haut aus allernächster Nähe zeigt. Dieser Film erzeugt eine unglaubliche innere Unruhe wie kein anderer. |
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Nana A.T. Rebhan
Synopsis: Ein Ausflug in eine nicht allzu ferne, trostlose Zukunft. William kommt nach Shanghai, um dort bei der Sphinx Corporation das Verschwinden von Ausweisen aufzuklären. Identität, Biographie, Vermögen, alles ist auf diesen Pässen verzeichnet; wer keinen hat, lebt vor den Toren der Stadt als Ausgestoßener. Er verdächtigt die Angestellte Maria Gonzales, deckt sie jedoch, weil er sich in sie verliebt hat. Sie verbringen die Nacht miteinander. William kehrt nach Seattle zu Frau und Kind zurück. Doch Damian, ein Freund Marias, dem einer der gestohlenen Pässe zu einem neuen Leben verhelfen soll, stirbt, und William wird nach Shanghai zurück gerufen. Dort kommt es zu einem Wiedersehen mit Maria, und die beiden beschließen, dem Ruf ihrer Gefühle zu folgen, auch wenn sie damit gegen ein genetisches Gesetz verstoßen, das ihre Liaison verbietet: den Code 46. 




