![]() Artistenleben
Das Interview mit Kerstin Stutterheim im Wortlaut: Sind Artisten- oder Zirkusfamilien immer außergewöhnliche Lebensgemeinschaften? Ich habe da nicht so ganz die einschlägige Erfahrung. Aber die, die ich jetzt in der Arbeit an dem Film machen konnte, hat mich schon darin bestärkt, dass es in gewisser Weise wohl so sein muss. Die Thuranos haben zwar gesagt, es gibt auch andere Familien, in denen es nicht so funktioniert wie in ihrer. Aber ich denke, alleine durch die Tatsache, dass die sehr darauf angewiesen sind zusammen zu arbeiten und zu leben, unterscheiden sie sich schon von anderen heutigen Familien in industrialisierten Gesellschaften. Woher kennen Sie die Thuranos und wie sind Sie auf die Idee gekommen, gerade diese Familie und diese spezielle Familiengeschichte in einem Film zu dokumentieren? Niels Bolbrinker und ich haben diesen Film gemeinsam gemacht. Wir haben vorher an einem Film gearbeitet, der hieß „It don't mean a thing, if it ain't got that swing“ über Musik. Dabei ging es um Musiker, die in den dreißiger Jahren zum Swing kamen. Dafür haben wir recht oft im Wintergartenvariété in Berlin gedreht. Die Mitarbeiter im Variété haben den Kontakt hergestellt. Sie haben uns praktisch auf die Thuranos aufmerksam gemacht, weil die Familie eigentlich auf der Suche war nach einem Autoren für ein Buch über Konrad Thur. Dann haben wir uns kennen gelernt und sie in der Show gesehen. Wir waren gleich der Meinung: Das muss man unbedingt auch visuell festhalten und einen Film über die beiden machen. Wie ist es Ihnen gelungen, dass die einzelnen Familienmitglieder ganz offen und bereitwillig über ihre Arbeit und auch über ihr Privatleben sprechen? Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, es war recht bald klar für die Thuranos, dass wir in einer gewissen Weise ähnlich professionell arbeiten wie sie. Ich hatte schon das Gefühl, dass sie auch erst mal kritisch geguckt haben, was wir da machen und inwieweit wir dem gerecht werden, was sie machen. Und wir hatten dann eben den Vorteil, dass sie gerade zu der Anfangsphase des Films in Berlin gastiert haben. Ich war praktisch zweimal in der Woche bei den Thuranos zu Besuch. Zunächst haben wir Gespräche geführt und Interviews, um überhaupt einen Eindruck zu bekommen von diesem unglaublich vielfältigen langen Leben, was Konrad Thur geführt hat. Und so haben wir uns Stück für Stück diese Vertrauensbasis erarbeitet. Wir haben die Thuranos auch begleitet, haben zwischendurch gezeigt, was wir schon gemacht haben, damit sie sehen, dass es somit dem auch gerecht wird, was sie auf der Bühne tun. Auf diese Weise haben wir über die Phase der Dreharbeiten so ein Verhältnis halten können. Beim Anschauen des Films gewinnt man den Eindruck, dass es innerhalb der Familie Thurano ein ganz großen Zusammenhalt und Respekt gibt. Glauben Sie, dieses Verhalten ist auch auf das Zirkusumfeld zurückzuführen? Ein "Leben auf dem Drahtseil", wie die Thuranos es führen, ist ja immer auch mit einer ungewissen Zukunft und mit Gefahr verbunden. Haben Sie das bei Konrad Thurano oder bei den anderen Familienmitgliedern auch gespürt? Das Faszinierende an dem Konrad Thur ist, dass er ein so unglaublicher und beeindruckender Artist und Clown ist. Aus dem, was ich in diesen zweieinhalb Jahren erfahren habe, lässt sich schließen, dass Konrad jemand ist, der nie wirklich Angst vor der Zukunft oder vor dem Abstürzen hatte. Als junger Mann hat er auf diesen ganz hohen Masten gearbeitet und ist nie versichert worden. Es gab keine Krankenversicherung oder Unfallversicherung, die ihn versichert hätte. Was übrigens anderen Artisten durchaus genauso geht. Aber Konrad hat eine Mentalität, dass er nie wirklich Angst hatte vor der Zukunft, weil er sich gewiss war auf eine ganz uneitle Art, dass er ein herausragender Artist ist. Er hatte schon immer die Sorge, das sagte er auch im Film, dass er die Familie versorgen muss. Es ging ihm ja zwischendurch in Südafrika überhaupt nicht gut. Aber ich glaube, das ist ein Mensch, der eine unglaubliche Zukunftsgewissheit hat, was ihn dann auch dazu bewegt hat, solche Schicksalsschläge zu überleben und jeweils neu anfangen zu können. Das war Dr. Kerstin Stutterheim über ihren neuen Dokumentarfilm "Die Thuranos".
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Der 94-jährige Drahtseilkünstler Konrad Thur steht noch immer regelmäßig mit seinem Sohn John auf der Bühne und übt nach wie vor seinen Beruf als Zirkus- und Variétékünstler aus. Dabei wirkt er eher wie ein rüstiger Siebzigjähriger; sein wahres Alter nimmt man ihm nicht ab. Hören Sie hier ein Interview mit Konrad und John Thur über ihr Artistenleben und ihre Arbeit und weiter unten ein Interview mit der Filmautorin Kerstin Stutterheim, die die Artistenfamilie Thur, die sich "die Thuranos" nennt, in dem gleichnamigen Film festgehalten hat.

