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BIOGRAFIE EDITH PIAF

„Non, Je Ne Regrette Rien“ – Edith Piaf hat dieses Lied im November 1960 aufgenommen, nicht einmal drei Jahre vor ihrem Tod. Es wurde ihre Hymne, es ist ein Fazit, es wirkt im Blick zurück fast wie eine Entschuldigung gegenüber den Freunden, den Fans, den französischen Landsleuten, so früh von ihnen gegangen zu sein: „Nein, ich bereue nichts“!
Kein Text, kein Titel all ihrer anderen großen und kleinen Chansons spiegelt ihr Lebensmotto besser wider:Genieße das Leben in vollen Zügen, ohne Hemmungen, ohne Kompromisse.

Der Name Edith Piaf steht wie kaum ein anderer für diese pure Lust am Leben, für alle Höhen, für berauschende Erfolge, aber auch für die Last des Lebens, für viele Tiefen und zahlreiche Schicksalsschläge.
Vor allem vom Tod des Boxers Marcel Cerdan, ihrer wahrscheinlich größten Liebe (er verunglückte 1949 bei einem Flugzeugabsturz), hat sie sich nie wieder richtig erholt. Sie flüchtete in Drogen und Alkohol und drehte auf ihrer ständigen Suche nach Liebe und Glück immer schnellere Runden auf dem Karussell des Lebens.

So wie sie lebte und liebte, so hat sie gesungen, kraftvollinbrünstig, voller Emotionen, traurig und tragisch, mit einer Stimme, die sie zu einer der größten Sängerinnen unseres Jahrhunderts werden ließ. Ihr Freund Jean Cocteau schrieb einmal: „Sie singt jedes Mal so, als ob sie ihre Seele ein allerletztes Mal zum Weinen bringt“.
Ihr Leben ist längst Legende, ihre Gefolgschaft immer noch Legion. Ein Besuch ihres Grabes auf dem Friedhof Pere Lachaise in Paris ist stets mit dem Bild eines Blumenmeeres verbunden. Und der Mythos wird weiter gepflegt. Eine Tafel am Haus Rue De Belleville, Nr. 72, besagt, daß hier „am 19. Dezember 1915, auf den Stufen der Eingangstür, Edith Piaf geboren wurde, deren Stimme später die Welt bewegen sollte“. Sie soll es also von Beginn an eilig gehabt und noch nicht einmal auf die Ambulanz gewartet haben. Genauere Nachforschungen haben inzwischen ergeben, daß es ihre Mutter Anita Maillard, Kaffeehaussängerin italienischer Herkunft, dank der Hilfe zweier Polizisten noch bis ins Hospital Tenon in der Rue De La Chine geschafft hat und erst dort ihr Kind zur Welt brachte.




Schon bald jedoch wird Edith Giovanna von der Mutter im Stich gelassen. Louis Gassion, Edith’s als Zirkusakrobat rastlos umherziehender Vater, gibt sie in die Obhut seiner eigenen Mutter, die als Köchin in einem Bordell in der Normandie angestellt war. Im Alter von sechs Jahren erleidet Edith eine Hornhautentzündung, die fast zu ihrer Erblindung führte, doch dank der Gebete an die Heilige Theresa und eines Wunders im Angesicht der Statuette – Legende – und der Kunst eines guten Arztes – Wahrheit – erlangt sie ihr Augenlicht zurück. Wenig später nimmt der Vater sie mit auf Tournee. Das harte entbehrungsreiche Leben auf der Straße, die Trunksucht und die Gewalt des Vaters, die diversen „Stiefmütter“, die Wärme des Absinth, den man sich nur leisten kann, wenn der herumgereichte Hut ein paar Münzen mehr als üblich hergibt, all das prägt sie zutiefst. Und es ist die Zeit, in der sie ihr vokales Talent entdeckt.

Im Alter von 15 Jahren löst sie sich endgültig vom Vater. Sie arbeitet kurzzeitig als Kellnerin, hört in ihrer Kneipe via Schallplatten die großen französischen Chanson-stimmen jener Zeit und beschließt, wieder zurück auf die Straße zu gehen, um zuerst im Osten von Paris ihr Geld als Sängerin zu verdienen. Ihr erster Liebhaber ist gleich auch Vater ihrer Tochter Marcelle, die jedoch nur 18 Monate alt wird. Um dies zu vergessen, zieht sie weiter nach Westen, zum Place Pigalle und nach Montmartre, dann in die feineren Gegenden um die Champs-Elysees. Hier wird sie von dem Nachtklubbesitzer Louis Lepleé entdeckt, er verschafft ihr Engagements im „Gerny’s“ und gibt ihr den Namen „La Mome Piaf“, was in etwa soviel heißt wie „Kleiner Spatz“.


Ersten Plattenaufnahmen 1935 folgt ein weiterer Tiefschlag. Ihr Förderer Lepleé wird ermordet. Die mysteriöse Tat wird nie aufgeklärt, und obwohl Edith Piaf von jeglichem Verdacht der Mitwisserschaft freigesprochen wird, flüchtet sie vor dem Skandal in die Provinz. 1937 zurückgekehrt, lassen Konzerte auf den legendären Bühnen der Hauptstadt („Bobino“, „L‘Européen“, „ABC“) und Live-Auftritte im Radio ihren Stern mehr und mehr steigen. Während der deutschen Besatzung bleibt sie in Paris. Sie gibt Konzerte für Kriegsgefangene, schmuggelt dabei Paßfotos aus und gefälschte Papiere in die Lager, und ermöglicht so einigen Soldaten die Flucht außer Landes.




1946 unterschreibt sie einen Plattenvertrag beim Label Pathe-Marconi (heute EMI France), für das sie in der Folgezeit weit mehr als 200 Titel aufnimmt, gleich zu Beginn einige ihrer berühmtesten wie z.B. „La Vie En Rose“ und „Les Trois Cloches“. Ihre Karriere ist nicht mehr aufzuhalten. Sie erobert ihr Publikum im Sturm - Paris, Frankreich, Europa, schließlich auch Amerika. Sie weiß ihre Bühnenauftritte mit maximalem Effekt zu zelebrieren, dreht Filme, landet in den 50ern einen Chansonerfolg nach dem anderen. Sie steht im absoluten Mittelpunkt des Interesses, stellt in puncto Popularität all ihre Zeitgenossen in den Schatten.

Aber: Erfolg schafft natürlich Neid. Die Gazetten weiden sich an ihrem Schicksal, ihren Allüren und Affären. Die Autos konnten ihr nicht schnell genug sein (1951 und 1958 hatte sie jeweils heftige Unfälle), die Männer waren immer jung und attraktiv. Doch die Piaf nimmt nicht nur, sie gibt auch zurück. Sie fördert ihre Freunde und/oder Liebhaber, wo sie nur konnte, junge Talente, die später selbst Stars der Film- und Musikszene wurden wie Charles Aznavour, Gilbert Becaud, Eddie Constantine, Yves Montand, Georges Moustaki, Jacques Pills (ihr erster Mann, Heirat 1952, Scheidung 1956), Francis Lai oder die Compagnons De La Chanson.

Ende der 50er muß sie ihrem heftigen Leben letztlich Tribut zollen. Sie bricht während eines Konzertes in Stockholm auf offener Bühne zusammen, gleiches wiederholt sich wenig später in New York. Die Ärzte diagnostizieren Krebs, sie kämpft verbissen gegen die unheilbare Krankheit an,spritzt sich Morphium, hat ständig eine Krankenschwester an ihrer Seite. Doch von Schonung keine Spur, sie tritt weiterhin auf. Vier Monate lang gibt sie jeden Abend ein Konzert, rettet damit das „Olympia“ vor der drohenden Schließung. Mit „Milord“ landet sie im Sommer 1960 ihren größten Hit (im July auch für vier Wochen Platz 1 der deutschen Charts).

1962 heiratet sie ein zweites Mal, den zwanzig Jahre jüngeren Sänger Théo Sarapo. Mit ihm reist sie im Sommer des darauffolgenden Jahres zur Erholung an die Cote D’Azur. Cannes wird ihr letzter Aufenthaltsort. Edith Piaf stirbt in der Nacht auf den 11. Oktober 1963. Damit der Mythos vom „Spatz von Paris“ keinen Kratzer bekommt, läßt ihr Ehemann den Leichnam auf schnellstem Wege zurück in „ihre“ Stadt bringen. Mehr als 100.000 erweisen ihr die letzte Ehre.

Heute, gegen Ende des Jahrhunderts, ist die Faszination ungebrochen, ist ihre Stimme, sind ihre Chansons lebendig wie eh und je, stellt sie im Rückblick eine ureigene, bis heute unerreichte Dimension in der Gesangskunst dar. La Piaf est morte! Vive La Piaf!

(capitolmusic.de)



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