
Ein Dokumentarkrimi
„ ... Nicht ohne Ursache kehren heute jene fernen Träume zurück. Da fällt mir ein, dass kein Traum, mag er noch so absurd und albern sein, im Weltall verloren geht. Im Traum ist ein Hunger nach Wirklichkeit beschlossen, eine Forderung, welche die Wirklichkeit verpflichtet, unmerklich zur Glaubwürdigkeit, zu einem Postulat heranwächst, zu einem fälligen Wechsel, der nach Deckung verlangt. ...” Aus "Republik der Träume" von Bruno Schulz
Montag, 23. Februar 2004 um 22.20 Uhr
Bilder finden
Dokumentarfilm von Benjamin Geissler Deutschland 2002, MDR, Erstausstrahlung, 16:9, 102 Min.
Im Februar 2001 entdeckt der Filmemacher Benjamin Geissler in der Ukraine seit Jahrzehnten verloren geglaubte Wandfresken des jüdischen Schriftstellers und Malers Bruno Schulz. Drei Monate später - noch während der Dreharbeiten - entführen Mitarbeiter der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Teile der Fresken nach Israel.
Der Film dokumentiert minutiös die Suche, das Entdecken und auch das teilweise Verschwinden der Wandmalereien von Bruno Schulz. Der berühmte polnisch-jüdische Schriftsteller und Maler, schuf - um sein Leben zu retten - in den Jahren 1941/42 in der ostgalizischen Kleinstadt Drohobycz in der vom SS-Führer Felix Landau okkupierten Villa Wandfresken für dessen Kinder. Am 19. November 1942 wurde Bruno Schulz von der SS erschossen. Die Wandbilder sind nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges trotz intensiver Suche nicht zu finden. Am 9. Februar 2001 hat das Filmteam des Dokumentarfilmers Benjamin Geissler die lange verschollenen Bilder entdeckt. Dabei ist ein spannender Film entstanden, der die Suche nach den Bildern auf poetisch eindringliche und minutiöse Weise zeigt. Nachdem polnische und ukrainische Kunstexperten Stück für Stück die ersehnten Bilder vor der Kamera freigelegt hatten, wurden im Mai 2001 Fragmente dieser Wandmalereien von Mitarbeitern der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem in einer geheimen Aktion aus den Wänden der Villa herausgetrennt und illegal nach Israel ausgeführt. Dieses Vorgehen führte zu einer weltweiten Kontroverse. Geisslers Film verwandelt sich in einen Dokumentar-Krimi, der zu einer eindrücklichen Reflexion über das dokumentarische Schaffen an sich wird.
Bruno Schulz (1892-1942) gehört zu den wichtigsten Schriftstellern polnischer Sprache des 20. Jahrhunderts. Seine Werke, u. a. "Die Zimtläden" wurden in über 26 Sprachen übersetzt. Seine Zeichnungen und Grafiken werden in Europa, Amerika und Israel ausgestellt. Jede Generation entdeckt Schulz aufs Neue. Er liefert nicht nur eine Beschreibung seiner Welt, sondern ist gleichzeitig ein Visionär, dessen Kreativität auf das Engste mit seinem Lebensort Drohobycz verbunden war. Diese Kleinstadt an den nordöstlichen Ausläufern der Karpaten im ostgalizischen Erdölgebiet liegt heute in der Ukraine und war vor dem Zweiten Weltkrieg eines der wichtigsten Zentren der jüdischen Kultur in Osteuropa, sowohl ökonomisch als auch kulturell geprägt von starken Gegensätzen. Während der deutschen Besatzung wurden die meisten Juden in dem Vernichtungslager Belżec und im Wald von Bronica ermordet. "Bilder finden" stellt Überlebende des Holocaust vor, die Schulz persönlich kannten, und verbindet die heutige Welt mit den poetischen und furchtbaren Visionen im Werk von Bruno Schulz.
Der Dokumentarfilm wurde auf zahlreichen internationalen Filmfestivals gezeigt, u. a. in Locarno, Krakau, Montreal und New York. Beim Olomouc International Filmestival 2003 erhielt "Bilder finden" den AFO Grand Prix.
Das Hörspiel "Zwillingsgassen" von Christian Geissler, produziert vom SWR in der Regie von Ulrich Lampen, sendet der Hessische Rundfunk am 24.3.2004 um 20.05 Uhr auf hr2, der Deutschlandfunk am Dienstag, den 11. Mai 2004, um 20.10 Uhr.
Abbildung: In Israel verbliebenes Fragment einer Freske von Bruno Schulz, 1941
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