
Spurensuche in der Ukraine und Israel Wie und wo an Bruno Schulz erinnern?
Interview mit Benjamin Geissler, Autor des Dokumentarfilms „Bilder finden“ >> Klicken Sie hier, um das Interview zu hören!
Bruno Schulz hat Weltliteratur geschrieben. Bei uns und in Frankreich ist der Autor aus dem ehemals galizischen, heute ukrainischen Städtchen Drohobycz relativ unbekannt. Wie sind Sie auf Bruno Schulz gestoßen?
Also eigentlich war es mein Vater, der Schriftsteller Christian Geissler, der mich auf die Idee brachte. Er hatte in einem Ausstellungskatalog des „Grafischen Werks“ von Bruno Schulz einen Hinweis auf diese Wandmalereien gefunden, die Bruno Schulz während der deutschen Besatzung für einen Wiener SS-Mann gemacht hat. Mein Vater hat mich darauf hingewiesen, dass es diese Bilder gibt und dass er Lust hätte, sie mit mir zu suchen. Das war für mich sofort interessant, denn in Christian Geisslers erstem Buch „Die Anfrage“ ging es um die Schuld der Väter und ich dachte mir, es ist sehr interessant, wenn Vater und Sohn auf die Suche nach diesen Bildern gehen, weil Vater und Sohn auch ein Hauptmotiv in der Arbeit von Bruno Schulz ist. Und so ist es zu dieser Idee gekommen.
Welche Rolle spielte das Judentum im Werk des Bruno Schulz, also in der Literatur und in seinem grafischem Werk?
In der Literatur kommt es eher indirekt vor, aber hauptsächlich ist das jüdische Element in dem grafischen Werk sichtbar. Also, er hat zum Beispiel schon Anfang der dreißiger Jahre - er war ja Zeichenlehrer am Gymnasium - das Armenviertel von Drohobycz gemahlt. Und Schüler haben ihn gefragt: „Warum malst Du das?“. Er hat dann gesagt: „Ja, weil es das bald nicht mehr geben wird. Es wird aussterben“. Das ist ja dann auch tatsächlich auf ganz andere Art und Weise so geschehen. Bruno Schulz ist ein Schriftsteller, der in einer Zeit gelebt hat, in der es in Galizien große Umwälzungen gab, schon vor dem Krieg, wo 1905 5 % der weltweiten Erdölproduktion herkam. Seine Heimatstadt Drohobycz wandelte sich von einer kleinen Handelsstadt zu einem kleinen Texas. Und deshalb sind ganz viele Dinge vorweggenommen worden, dort, in dieser Region. Bruno Schulz hat diesen Wandel betrachten können, so ähnlich wie wir jetzt vor einem großen Wandel stehen. Und deshalb hat er uns auch heute noch so viel zu sagen.
Die Wandfresken des Bruno Schulz galten lange Zeit als verschollen – bis zum Februar 2001, als Sie sie entdeckten. Warum ist gerade Ihnen der Fund gelungen und das nach so langer Zeit?
Es haben ja viele Leute vor mir schon gesucht, auch der wichtigste Schulz Biograf Jerzy Ficowski. Aber ich glaube, dass es dort Blockaden gab. Denn Jerzy Ficowski hat auch sehr unter der deutschen Besatzung gelitten. Und was wir anders gemacht haben als meine Vorgänger ist, dass wir viel stärker in unserer Suche die Shoa mit den letzten Tagen von Bruno Schulz und den Werken von Bruno Schulz verbunden haben. Das ist natürlich für die Leute vor Ort sehr wichtig gewesen, dass dort Vater und Sohn auf die Suche nach dieser Arbeit von Bruno Schulz gehen - wohlwissend unter welchen Umständen sie entstanden ist und dass es nicht nur Bruno Schulz war, der von den Nazis ermordet worden ist, sondern auch 15 000 andere Juden in diesem Ort.
Und was gab es für Blockaden in der Sowjet
In der Sowjetunion war das, was Bruno Schulz gemacht hat, unabhängig von dem starken Antisemitismus, der mit Stalin aufgekommen ist, einfach eine verpönte Art von Kultur: zu avantgardistisch, zu weit weg von diesem sozialistischen Realismus. Und deshalb hat dieses Werk von Bruno Schulz in der Ukraine bis heute zu großen Teilen gar keine Rolle gespielt. Das ist leider ein Problem, aber mit dem Finden der Bilder hat sich das geändert, denn es hat eine große Diskussion in der Ukraine ausgelöst.
Und wurden auch in anderen Gebäuden Bilder von Bruno Schulz gefunden? Er hat ja nicht nur in der Villa des Felix Landau gemalt.
Nein. Bisher ist dort nichts weiter gefunden worden. Die Reithalle, die dieser Felix Landau hat bauen lassen, in der Schulz auch Malerein angefertigt haben soll, zerfällt. Es ist heute ein Autobus-Depot. In dem ehemaligen SS-Casino hat vor mir ein Hamburger Filmemacher gesucht und leider nichts gefunden. Für mich und meinen Vater war es ganz wichtig, an dem Wohnort von Felix Landau zu suchen, weil es da diesen wichtigsten und persönlichsten Kontakt zu einem Mörder gab. Und die Bedrohung und das Ausgesetztsein viel größer waren als in solchen offiziellen Räumen, wo auch andere Menschen Zugang hatten.
Drei Monate ungefähr nach Ihrem Fund wurden 3 der Fresken von Yad Vashem Mitarbeitern aus dem Mauerwerk herausgelöst und nach Israel transportiert. Wie bewerten Sie diese Aktion?
Diese Wandmalereien gingen ja ursprünglich über 3 Wände. Man kann also nicht von 3 Fresken sprechen, sondern es sind 3 Fragmente, die aus der Gesamtkomposition heraus getrennt worden sind. Und zwar drei große Fragmente. In der Ukraine sind weitere fünf kleinere Fragmente verblieben, die jetzt auch schon in einer Ausstellung in Polen gezeigt worden sind, in Warschau, Breslau und Danzig. Das Problem dabei sehe ich vor allen Dingen darin, dass die Gesamtkomposition zerstört ist und dass dieses Bild, was hier noch vordergründig ein Märchenbild ist, einen tieferen Sinn hatte. Es war die letzte Arbeit des Bruno Schulz, mit der er eine Botschaft vermitteln wollte. Bei diesem Bild handelt es sich um eine Darstellung der Shoa in Drohobycz. Da gibt es beispielsweise ein Fragment – es ist in der Ukraine geblieben - mit einem Reiter, es könnte dieser Felix Landau sein. Dann gibt es eine Königin, dass könnte seine Geliebte und spätere Frau Gertrude Segel sein. Und es gibt ein weiteres Fragment, das in der Ukraine geblieben ist, ein Wald Fragment (hier im Bild zu sehen). Es könnte der Wald von Bronica sein, wo 15 000 jüdische Menschen erschossen worden sind. Und diesen Ort der Erschießung hat Felix Landau ausgewählt. Auf einem anderen Fragment, heute in Yad Vashem , ist ein Kutscher zu sehen, welcher eindeutig Ähnlichkeiten mit den Selbstportraits von Bruno Schulz aufweist. Wenn man das sieht, dann denke ich, ist es in jedem Fall notwendig, dass diese Bilder wieder zusammengeführt werden können, damit sie nicht nur aus kunsthistorischer Sicht, sondern auch unter dem Aspekt der Erforschung der Shoa analysiert werden können. Es ist zu fragen, was Bruno Schulz mit diesem letzten Bild sagen wollte. Deshalb plädiere ich immer noch dafür, dass diese Bilder zusammenkommen und der beste Ort dafür wäre halt Drohobycz, der Ort an dem Bruno Schulz als Österreicher geboren wurde, als Pole gelebt hat und als Jude erschossen worden ist.
Sie meinen also, Heilungsarbeit sollte dort stattfinden, wo auch die Traumatisierung stattfand. Es fragt sich dann nur: kann diese Heilungsarbeit geleitstet werden, wenn nicht genug Gelder da sind, wenn vielleicht nicht genug Interesse da ist? Die Juden, die dort leben sind ein paar wenige...
In beiden Regionen, die zu Drohobycz gehören, leben insgesamt ungefähr 10 000 Juden. Ich denke mal, auch diese jüdischen Menschen haben ein Recht auf ihre Geschichte. Und vor allen Dingen gibt es jetzt eine junge Generation von Ukrainern und Intellektuellen, die sich durchaus mit diesen Kapiteln der Geschichte, und auch mit der Kollaboration der Ukrainer mit den Nazis auseinander setzten. Und für sie ist es sehr wichtig, dass sie einen Ansatzpunkt haben, an dem sie diese ganze Geschichte aufrollen können. Gerade auch weil die Ukraine und dieser Ort Drohobycz demnächst nur noch 50 km von der EU Außengrenze entfernt sind und die Ukrainer sind dann die direkten Nachbarn der Europäischen Union, unsere Nachbarn sind, ist es wichtig, dass wir einen gemeinsamen Konsens finden über die Einschätzung dessen, was während des zweiten Weltkrieges unter deutscher Besatzung und mit Hilfe von Ukrainern geschehen ist.
Ich danke Ihnen für das Gespräch Herr Geissler.
Das Interview führte Angelika Schindler, Februar 2004.
Abbildungen: In der Ukraine verbliebene Fragmente einer Freske von Bruno Schulz, 1941
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