
Heinrich Breloer Buch und Regie
"Offene Form", so nennt Heinrich Breloer die von ihm und Horst Königstein entwickelte Mischung aus Spielszenen und dokumentarischem Material - eine Spielart des Doku-Dramas, mit der er im Fernsehen immer wieder für Aufsehen sorgte. Zuletzt gelang ihm dies mit dem Mehrteiler "Todesspiel", 1997 im Ersten. Hierin zeichnete Heinrich Breloer den "Deutschen Herbst" von 1977 und die Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer nach und wurde dafür mit dem Bayerischen Fernsehpreis, dem Tele-Star, dem Bambi und dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.
Von 1961 bis 1970 studierte Heinrich Breloer in Bonn und Hamburg Literaturwissenschaft und Philosophie und promovierte mit einer Arbeit über "Persönliche Erfahrung und ästhetische Abstraktion". Seit 1972 arbeitet er als freier Autor und Regisseur. Im Medienbereich machte er zunächst als Journalist mit Film- und Fernsehkritiken für eine Hamburger Tageszeitung auf sich aufmerksam. Zudem verfasste er zahlreiche Hörfunkbeiträge. Im Anschluss konzentrierte er sich bei seiner Arbeit fürs Fernsehen auf die Themen Literatur, Medienkritik, die jüngere und jüngste deutsche Geschichte und realisierte sie zunächst in der Form von Dokumentarfilmen, für die intensive Beobachtungen und Gespräche vor der Kamera charakteristisch sind. Im Laufe der Jahre entstanden weit über 30 viel beachtete Produktionen, darunter Arbeiten über den jungen Bertolt Brecht ("Bi und Bidi in Augsburg", WDR/ NDR 1978) und der Dreiteiler "Geschichte des III. Fernsehprogramms" (NDR 1986). Für die medienkritische Reihe "Fernsehauge" drehte Heinrich Breloer "Tagesschau - Eine Woche wie jede andere" und - zusammen mit Horst Königstein - "Auch ein Bericht aus Bonn" und "Mein Leben war auch kein Spaß" (NDR/WDR 1974).
Ebenfalls mit Königstein verfilmte er 1981 den Arnold-Zweig-Roman "Das Beil von Wandsbek" (Das Erste, 1982) - zum ersten Mal als mittlerweile charakteristische Montage aus Dokumentation und Spielszenen. Sie wurde im Jahr der Ausstrahlung mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet und mit vielen weiteren - auch internationalen
- Preisen bedacht. Zwei Jahre später realisierten Breloer und Königstein für den NDR/WDR das Klaus-Mann-Projekt "Treffpunkt im Unendlichen", das eine Verfilmung des gleichnamigen Romans (Buch und Regie Horst Königstein) und einen Dokumentarfilm über die "Lebensreise Klaus Manns" (Buch und Regie Heinrich Breloer) umfasste. Heinrich Breloer erhielt dafür den Grimme-Preis mit Gold. Bei der Verwirklichung des Projekts kam es zu ersten Kontakten mit der Familie Mann, so mit Golo und Monika Mann.
Es folgten Dokumentationen wie "Kampfname: Willy Brandt" (ZDF 1984), in der er den Emigranten und Widerstandskämpfer Willy Brandt im Exil porträtierte. Den Grimme-Preis mit Silber erhielt Breloer drei Jahre später für den Zweiteiler "Eine geschlossene Gesellschaft" (WDR 1987) - filmische Erinnerungen an die eigene Schulzeit, die er in den fünfziger Jahren in dem katholischen Internat Canisianum im westfälischen Lüdinghausen verbrachte. "Entschlossen rückt Breloer in einer geglückten Mischung aus Interviews mit ehemaligen Mitschülern und nachgestellten Szenen diesem Katholischen Paradies von Hostien, Weihrauch, lateinischen Vokabeln und dem Gitter des Beichtstuhls' zu Leibe", kommentierte damals die "Süddeutsche Zeitung". In weiteren Produktionen nahm er sich erneut brisanten politischen und zeitgeschichtlichen Themen an - Fernsehfilme, bei denen Heinrich Breloer nicht nur Regie führte, sondern auch die Drehbücher verfasste. Die Hintergründe der Kieler Affäre um den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel wurden in "Die Staatskanzlei" (Das Erste, 1989) ausgeleuchtet; "Kollege Otto - Die co op-Affäre" (Das Erste, 1991, Grimme-Preis mit Gold) beschäftigte sich mit dem co op-Skandal und der Lebensgeschichte des langjährigen co op-Vorstandsvorsitzenden Bernd Otto.
In dem Zweiteiler "Wehner - Die unerzählte Geschichte" (Das Erste, 1993, Grimme-Preis) schilderte Breloer das Leben des 1990 verstorbenen Sozialdemokraten. Erstmalig war es gelungen, Einblick in die Akten des Moskauer Komintern-Archivs und des zentralen Parteiarchivs der SED zu nehmen und die bis dahin verschwiegene Seite des kommunistischen Terrors gegen die eigenen Kader aufzuzeigen. Zwei Jahre später wurde "Einmal Macht und zurück - Engholms Fall" im Ersten (1995) ausgestrahlt. Sein Thema: Aufstieg und Fall des früheren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten und SPD-Kanzlerkandidaten Björn Engholm.
Die gewaltige Stoffmenge, die Heinrich Breloer bei den Recherchen zu den Doku-Dramen sammelte, fand darüber hinaus in Buchveröffentlichungen seinen Niederschlag. So in "Blutgeld - Materialien zu einer deutschen Geschichte", das er 1981 in Zusammenarbeit mit Horst Königstein zu ihrer gemeinsamen Verfilmung des "Beil von Wandsbek" veröffentlichte. 1997 folgte mit "Todesspiel. Von der Schleyer-Entführung bis Mogadischu" eine dokumentarische Erzählung zu den Geschehnissen im Herbst 1977. Weitere Veröffentlichungen: "Mein Tagebuch - Geschichten vom Überleben 1939 - 1947" (1984) und "Geheime Welten. Deutsche Tagebücher aus den Jahren 1939 - 1947" (1999), "Die Manns - Ein Jahrhundertroman" mit Horst Königstein (2001), "Unterwegs zur Familie Mann" (2001).
Der mehrfache Grimme-Preisträger ist mit vielen weiteren Preisen ausgezeichnet worden. Abgesehen von den bereits genannten Auszeichnungen konnte Breloer u.a. 1991 den Bayerischen Fernsehpreis, 1993 den Prix Europa, 1994 und 1998 den DAG-Preis in Gold und 1995 den Tele-Star in Empfang nehmen.
1999 wurde Heinrich Breloer mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.
|
|
|
      |