|
Geboren
1956 in London, kam Peter Kosminsky 1980
zur BBC und begann 1985 für Yorkshire
Television Dokumentarfilme zu produzieren,
die zum Teil prämiert wurden (THE FALKLANDS
WAR: THE UNTOLD STORY, 1987). Seit 1989
realisiert Kosminsky auch Fernsehfilme.
Auf ARTE waren zu sehen: DIE ERNTE DER
GIER (20.11.99), ein Film über die Bürgerkriegswirren
in Liberia und Somalia 1990/92 und GESTOHLENE
KINDHEIT (12.11.99), der das Schicksal
eines Mädchens schildert, für das Gewalt
und sexueller Missbrauch in der Familie
zum Alltag werden. 1992 hat Kominsky außerdem
eine neue Kinofassung von WUTHERING HEIGHTS
mit Ralph Fiennes und Juliette Binoche
gedreht.
Der 1999 produzierte zweiteilige Fernsehfilm
WARRIORS - EINSATZ IN BOSNIEN wurde auf
der FIPA und beim Internationalen Fernsehfestival
in Monte-Carlo vorgestellt und jeweils
mit Gold prämiert. Ferner wurde er
mit einem British Academy Television Award
und dem Prix Italia 2000 ausgezeichnet.
- Im
Gespräch mit Peter Kosminsky
Wann
kam Ihnen die Idee für den Film WARRIORS?
Im Juni 1993 hatte ich ein erstes Schreiben
an die Verantwortlichen im britischen
Verteidigungsministerium mit der Frage
gerichtet, ob es möglich wäre, sich
bestimmte militärische Ausrüstungsgegenstände
für die Dreharbeiten zu einem Fernsehfilm
über den Konflikt in Ex-Jugoslawien
auszuleihen. Die Anfrage wurde schlicht
und einfach abgelehnt. Danach habe ich
ab und zu noch einmal angerufen, um
sie dazu zu bringen, ihre Meinung zu
ändern. Die beiden ersten Jahre habe
ich also mit dem Versuch zugebracht,
eine gemeinsame Sitzung zu organisieren,
um das Projekt zu besprechen. Ohne Panzerfahrzeuge
hätte der Film einfach nicht gemacht
werden können.
Ab 1995, also zum Zeitpunkt des Dayton-Abkommens,
änderte sich die Situation. Die britischen
und französischen Truppen operierten
damals im Rahmen des IFOR-Mandats in
Bosnien, womit die Militärs besser zurechtkamen.
Die britische Armee erklärte sich bereit,
bei der Realisierung eines Films mitzuhelfen,
der eine kritische Analyse der ersten
Phase des Eingreifens in Ex-Jugoslawien
liefern würde. Mir wurde ein Treffen
zugesichert. Daraufhin konnte ich dann
der BBC mein Projekt unterbreiten. Denn
bis dahin hatte ich noch nichts Konkretes
anzubieten, nur das Projekt, wie ich
es mir vorstellte.
Hatten
Sie von Anfang an beschlossen, in diesem
Film die einfachen Soldaten zu zeigen?
Ja.
In den ersten zehn Jahren meiner Laufbahn
als Regisseur habe ich Dokumentarfilme
gedreht, hauptsächlich Kriegsberichts-erstattungen,
an Schauplätzen wie Kambodscha, Afghanistan,
den Falkland-Inseln, Afrika. Und immer
standen die jungen Soldaten im Mittelpunkt.
Es war mir schon immer ein Anliegen
zu beobachten, wie normale Leute in
außergewöhnlichen Situationen reagieren.
Diese Perspektive regt den Zuschauer
zum Nachdenken darüber an, wie er selbst
in vergleichbarer Situation gehandelt
hätte. Sie erlaubt auch aufzuzeigen,
wie außergewöhnliche Ereignisse die
Menschen verändern. Wenn diese Soldaten
heimkehren, dann haben ihre Freunde,
ihre Familienangehörigen einen neuen
Menschen vor sich.
Mit
WARRIORS haben Sie sich für das fiktionale
Genre entschieden. Bedeutet das, dass
das Sujet nicht in Form eines Dokumentarfilms
behandelt werden konnte?
Nein.
Aber was mich daran interessiert hat,
war, eine sehr realistische Fiktion
daraus zu machen. Ich kann die Wirkung,
die ich mit einem Fernsehfilm beabsichtige,
nicht von meinen persönlichen Erfahrungen
als Regisseur trennen. Als Spielfilm
kann der Film auch in Sendeplätzen mit
hohen Einschaltquoten gezeigt werden.
Der erste Teil des Films wurde z.B.
auf BBC 1 an einem Samstagabend, der
Folgeteil am folgenden Sonntagabend
gezeigt, jeweils um 21.00 Uhr. Millionen
von Zuschauern haben ihn gesehen. Ein
Dokumentarfilm zum gleichen Thema hätte
bestimmt nicht einen so günstigen Sendeplatz
zugewiesen bekommen. Das Fernsehfilmformat
diente meinem Zweck besser. Ich wollte,
dass die Zuschauer darüber nachdenken,
was diese Militäreinsätze zur Friedenserhaltung
an Problemen aufwerfen. Großbritannien,
wie übrigens Frankreich auch, müssen
als ständige Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates
solche Eingriffe durchführen.
Wie
beurteilen Sie die Berichterstattung über
diesen Konflikt in den Nachrichtensendungen
der Fernsehanstalten?
Direkt
nach der Ausstrahlung von WARRIORS hat
man mich aufgefordert, an einer Arbeitsgruppe
der BBC teilzunehmen, die die Programme
des Senders auswerten sollte. Die Verantwortlichen
der News-Abteilung waren verunsichert.
Die Journalisten, die 1992 und 1993
über den Konflikt Bericht erstattet
hatten, beurteilten meinen Film als
eine wahrheitsgetreue und triftige Wiedergabe
der Ereignisse. Sie fragten sich, warum
es ihnen nicht gelungen war, die Emotion
zu vermitteln, die in der Fiktion zum
Ausdruck kommt, und ob sie anders hätten
vorgehen sollen. Ich sagte ihnen daraufhin,
und davon bin ich heute noch überzeugt,
dass eine Kurzreportage über ein brandaktuelles
Ereignis niemals so objektiv sein kann
wie ein dreistündiger Spielfilm, der
fünf oder sechs Jahre danach mit dem
notwendigen Abstand realisiert wird.
Ich denke, es ist notwendig, über beide
Gesichtspunkte zu verfügen. Außerdem
hat WARRIORS gerade deshalb so viel
Durchschlagskraft gehabt, weil die britischen
Fernsehzuschauer noch die Reportagen
über das Thema im Gedächtnis hatten,
die sie einige Jahre zuvor im Fernsehen
gesehen hatten.
Hat
sich ihre Einstellung zum Jugoslawien-Konflikt
durch diesen Film verändert?
Für
mich ist WARRIORS der Friedenserhaltung
gewidmet. Er veranschaulicht, wie im
Grunde Unbeteiligte unversehens in einen
Krieg verwickelt werden können.
Diese Thematik ist universell. Es geht
um junge Leute, die zum Kämpfen
- bzw. zum Töten - herangezogen
werden, denen man klare Ziele gesteckt
hat, die sich aber auf die von ihnen
verlangte Aufgabe nicht ausreichend
vorbereitet fühlen. Diese jungen
Leute stehen plötzlich im Zentrum
von Kampfhandlungen, sozusagen als Zuschauer,
ohne eingreifen zu dürfen. Diese
Situation wurde von den Soldaten als
äußerst belastend empfunden.
Sie hat ein schreckliches Ohnmachtsgefühl
gegenüber der begangenen Gräueltaten
hervorgerufen. Zahlreiche Soldaten haben
psychische Schäden davongetragen
und versuchen heute noch, die Folgeerscheinungen
dieses Ohnmachtsgefühls zu überwinden.
Das
Interview führte Antoine Schoen
|