| Autor: Martin
Ehrmann Das Skelett von Thomas Hasler:
Laut Guiness-Buch der Rekorde war er der größte
Bayer, der je gelebt hat - 2 Meter 35 groß und
etwa 150 Kilogramm schwer. Er starb 1876 im Alter
von nur 25 Jahren und war zeitlebens ein
Ungeheuer - wegen seiner Größe und seinen
Mißbildungen am Schädel. Nach einem Hufschlag
an den Kopf begann er im Alter von neun Jahren
rapide zu wachsen, und wuchs unaufhörlich bis zu
seinem Tode.
Sein bedauernswertes Schicksal spielte sich
vor 140 Jahren am bayerischen Tegernsee ab. Mit
11 Jahren mußte er die Schule verlassen, er
paßte nicht mehr in die Schulbänke.
Seine letzten Jahre verbrachte er in der
Scheune des elterlichen Bauernhofs.
Im Deutschen Medizinhistorischen Museum in
Ingolstadt war sein Skelett bis vor kurzem
ausgestellt. Anlaß war eine Nachunter- suchung
des 1876 präparierten Skeletts an der
Universität München. Man wollte nachträglich
die Ursachen für das Riesenwachstum und die
Mißbildungen am Schädel herausfinden.
Die Lebensgeschichte von extrem großen
Menschen war früher immer eine
Leidensgeschichte. Sie waren Monster oder
Kirmesattraktion - Behinderte, deren Behinderung
nicht erkannt wurde. Die meisten waren krank und
schwach. Sie konnten keinen Beruf ergreifen,
waren immer nur Objekt.
Prof. Christa Habrich:
Es gab eine Konjunktur immer wieder für
solche Schaueffekte, vor allem in der
Renaissance, als die Fürsten dann zu Repräsen-
tationszwecken Hofriesen angeschafft hatten, die
dann bei Turnieren die Staffage bildeten. Das
imponiert. Riesen sind immer was Imponierendes.
Wir haben ja auch die langen Kerls in Preußen.
Das waren ja keine kraftvollen Soldaten, sondern
eben nur Staffage."
Krankhafter Riesenwuchs geht in fast allen
Fällen mit körperlicher Schwäche einher. Nicht
nur das Skelett hört nicht auf zu wachsen, auch
die Organe vergrößern sich ständig. Wenn das
Herz das kritische Gewicht von 500 Gramm
überschreitet, kann es durch seine eigenen Masse
erdrückt werden. Ohne besondere k körperliche
oder geistige Fähigkeiten blieb vielen Riesen
deshalb nur noch die Vermarktung ihrer eigenen
Monstrosität übrig, um ihren Lebensunterhalt zu
verdienen.
Groos: Wenn man öfter
Riesen sah auf der Kirmes und mit ihnen reden
konnte, sah man, daß sie eigentlich ganz
freundliche, oft ziemlich dumme Leute waren. Die
waren nicht dumm, weil sie wirklich dumm waren,
sondern sie waren dumm, weil sie nichts gelernt
hatten. Die wurden nicht in die Schule geschickt.
Die eltern schämten sich für diese Leute. Über
die Intelligenz von Riesen kann man gar nichts
sagen, da haben wir zu wenig Riesen."
Die Hirnanhangsdrüse in Gehirn steuert über
ein Hormon das Wachstum des Menschen.
Normalerweise stoppt diese Hormonproduktion im
Alter von 18 bis 20 Jahren. Bei Thomas Hasler
bildete sich ein Tumor an dieser Drüse, die
deshalb ständig weiterarbeitete. Zusätzlich
litt er an Knochenauftreibungen, die sein Gesicht
zum Monster verunstalteten.
Nerlich: Am Schädel
finden wir die Kombination dieser beiden
Grunderkrankungen, nämlich diese primäre
Knochen- bildungsstörung der fibrösen
Dysplasie, die durch den Riesen- wuchs
hervorgerufen wird und durch eine massive
Ausschüttung von Wachstumshormonen
explosionsartig zum Wachsen gebracht worden ist.
So zumindest muß man es sich vorstellen. Es gibt
keine sonstigen Untersuchungen oder Belege, aber
das wäre eine sehr plausible Ansicht der
Assoziation zwischen beiden Erkrankungen, die bei
ihm gerade eben am Schädel diese monströsen
Verbildungen hervorgerufen haben."
Durch das schnelle Wachstum und die
zusätzliche Erkrankung sind die Knochen porös,
weich und biegsam, so daß mit zunehmendem Alter
jede Bewegung schwieriger wurde.
Nerlich: Sie haben
jetzt den Blick auf das Innere des Schädels. Sie
sehen, daß an der Vorderseite des Schädels der
Knochen bis zu 6 Zentimeter breit ist. Auffällig
nun ist, daß hier die Hirnanhangs- drüse, also
jene Drüse, die bei uns Wachstumshormone und
andere Regulationshormone ausschüttet im
Gegensatz zu der hochgradigen Einengung des
gesamten Volumens ausgewalzt, vergrößert ist.
Und an der Rückseite hier ein allerdings leider
später ausgefüllter Defekt, den wir auf den
Originalfotos als Lochdefekt identifizieren
konnten. Also zweifellos hier eine Neubildung von
Gewebe im Bereich der Hirnanhangsdrüse und dies
eben als typisches Beispiel für eine exzessive
Wachstums- hormonproduktion, die zu dem
Riesenwuchs geführt hat.
Riesenwüchsige Menschen leiden oft an
verschiedenen Krankheiten gleichzeitig. Die
Fehlfunktion der Hirnanhangsdrüse ist der
Auslöser für mehrere Beschwerden.
Durch den Tumor, der das Gehirn immer weiter
einengte, war Thomas Hasler schwerhörig und auf
einem Auge fast blind.
Nerlich: Zum einen
kann man durch Medikamentengabe die Ausschüttung
von Wachstumshormonen versuchen zu bremsen - das
wäre die vergleichsweise wenig eingreifendste
Methode. Wenn das nicht möglich ist oder wenn
die Raumforderung bereits zu weiteren
Beeinträchtigungen, zu Schäden geführt hat,
würde man versuchen, den Tumor operativ zu
entfernen und wenn das nicht möglich ist durch
unglückliche Lage oder durch bereits
eingeschränkte Leistungsfähigkeit des Patienten
würde man eine Bestrahlung durchführen."
Gab es mythische Riesen wie den einäugigen
Polyphem, gegen den Odysseus kämpfte,
tatsächlich?
Nerlich: Wir werden
sicherlich nie das Skelett des Goliath oder des
Polyphems finden, aber es ist durchaus plausibel,
daß die Leute an dem Beispiel von riesenhaften
Personen ihre Geschichten, ihre Mythen
festgemacht haben und sie darum gerankt haben,
auch wenn natürlich das historische Beispiel
dann sicherlich nichts mit der Geschichte per se
zu tun hat.
Hätte Thomas Hasler hundert Jahre später
gelebt, wäre ihm sein trauriges Schicksal
erspart geblieben. Durch die moderne Medizin ist
das Krankheitsbild des Riesenwuchses heute in
unseren Breitengraden so gut wie verschwunden.
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