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DIE KUNST DES
VERSCHLÜSSELNS Noch
ist es ein weiter Weg, bis Systeme wie der
Quantencomputer das Verschlüsseln, aber auch das
Entziffern von Daten revolutionieren werden. Immer
kompliziertere Mechaniken haben sich die Menschen seit
jeher einfallen lassen, um Mitteilungen voreinander
geheimzuhalten.
Dr. Ross Anderson,
University of Cambrige
Früher war das ein reines
Regierungsgeschäft. Kryptographie wurde für die
Kommunikation zwischen Soldaten, Diplomaten und
Spionen genutzt. Nun hat es in den letzten zwanzig
Jahren eine Explosion von kommerziellen Anwendungen
gegeben. Automatische Kassen, ferngesteuerte
Schließvorrichtungen, Diebstahlsicherungen oder
Autobahnzahlstellen. Viele solcher Anwendungen sind
entstanden.
Das alte Privileg der Geheimdienste
gilt nicht mehr. Je näher die Menschheit der sogenannten
Informationsgesellschaft kommt, desto bedeutender werden
Verschlüsselungspraktiken für das Leben in ihr. Kein
technischer Vorgang funktioniert ohne Geheimnummer, ohne
irgendeinen PIN - oder Benutzercode. Selbst für
alltägliche Vorgänge wie Einkauf, Bewegung oder
Kommunikation aller Art benutzen werden Magnetkarten
immer wichtiger.
Dr. Hannes Federrath,
TU Dresden
Es geht nicht so sehr darum, immer schnellere
undneuere Verfahren zu entwickeln. Die Anforderung
kommt automatisch, wird auch automatisch mit
erfüllt. Primär ist das wichtigste, glaube ich, die
Sicherheit dieser Verfahren zu gewährleisten. Das
können wir nur, wenn diese sehr gut untersucht
werden.
Dem heutigen Wissensstand liegen
die Erkenntnisse aus der Geschichte der Kryptologie zu
Grunde.
Die geheime Kommunikation ist so alt wie die menschliche
Kultur, sie entspringt scheinbar einem Urbedürfnis. Mit
dem systematischen Gebrauch von
Verschlüsselungstechniken begannen um 1200 die
päpstlichen und weltlichen Regierungen in Italien. Mit
Hilfe von Chiffrier-Tabellen konnten Botschaften
übersetzt und verstanden werden.
Das erste Lehrbuch für das
Codebrechen entstand im Jahre 1412. Darin fanden sich
zahlreiche überlieferte Beispiele.
Ross Anderson
Es gibt Beispiele für frühere Anwendungen.
So hat man zu damaliger Zeit einem Sklaven den Kopf
kahlgeschoren und auf seine Glatze die zu
überbringende Nachricht tätowiert. Wenn das Haar
nachgewachsen war, schickte man ihn mit der Botschaft
los. Die Menschen hatten damals wohl mehr Zeit als
heute.
Die Steganographie, das Verstecken
von Mitteilungen, ist ein ebenso altes Grundbedürfnis
des Menschen. Hat man früher noch Buchstaben mit
Geheimtinten geschrieben, so werden heute ganze Bilder
unsichtbar gemacht. So kam man zum Beispiel in einer
harmlosen Postkarte des King`s College in Cambridge ein
Bild eines F-16 Kampfjets verbergen.
Einen Text von einer Sprache in
eine andere zu übersetzen heißt ihn zu chiffrieren.
Dabei ist der Schlüssel nichts anderes als das dafür
benutzte Lexikon.
Um den Namen eines Vertrauten an
seine Gefolgsleute weiterzugeben, verschlüsselte einst
Lord Playfair nach seiner eigenen Methode - dem
sogenannten Playfair-Cypher.
Ross Anderson
Man trägt das Schlüsselwort, in diesem Fall
alsoPalmerston, den Namen des damaligen
Premiers, ganz oben in den fünf-mal fünf-Würfel
ein. Die übrigen Felder werden mit dem Rest des
Alphabets aufgefüllt. Jetzt stehen da 25 Buchstaben,
und für die englische Sprache bedeutet das, daß man
einen Buchstaben wegläßt, in diesem Fall das
"J". Also schreiben wir "I" für
"J" und der Text bleibt verständlich. Um
diese Nachricht zu verschlüsseln, muß man
Buchstabenpaare bilden - zum Beispiel haben wir das
"L" und das "O" für die ersten
beiden Buchstaben, die in den Ecken des Rechtecks
liegen. Wenn man jetzt die Buchstaben der
gegenüberliegenden Ecken nimmt, in diesem Fall das
"M" und das "T", werden
"M" und "T" zum verschlüsselten
Text. Und so weiter. Dann gibt es Regeln, wie man mit
Buchstaben wie in Kolonnen oder in Paaren umgeht und
so weiter.
Markus Kuhn
Klassische Kryptosysteme, wir haben den
Playfair-Cypher als Beispiel gesehen, benutzen den
gleichen Schlüssel zum Verschlüsseln wie zum
Entschlüsseln. Das heißt wir müssen uns zuvor auf
ein Schlüsselwort einigen, dann können wir beide
uns geheim unterhalten und sie haben auch, wenn sie
eine verschlüsselte Nachricht bekommen, Gewißheit,
daß diese von mir kommt. Damit können sie aber
keine digitale Unterschrift realisieren. Sie können
damit nicht vor Gericht gehen und sagen, sehen sie,
dieser Text muß von mir kommen, denn niemand sonst
hätte ihn verschlüsseln können, denn sie hätten
ja den gleichen Text mit dem gleichen Schlüssel
produzieren können. Es ist kein Problem für mich
Schlüssel zu erzeugen, und zu behaupten, der gehört
dem Bundeskanzler, und den in so eine öffentliche
Liste einzutragen. Deshalb braucht man sogenannte
Certification authorities', das sind Einrichtungen,
die bestätigen, daß dieser Schlüssel einer
bestimmten Person gehört.
Codes, die noch bis vor kurzem nur
mit jahrelangem Rechenaufwand zu knacken waren, sind
heute in wenigen Minuten entschlüsselt. Nichts schützt
vor Codebrechern. Sicher sind nur Systeme, die nur einmal
benutzt werden.
Markus Kuhn
Ich habe zum Beispiel eine Folie, auf dem man nur
Zufalls-Bildpunktmuster ohne jede Struktur sehen
kann, außerdem ein Blatt Papier, ebenfalls ein
Zufallsbildpunktmuster ohne jede Struktur. Erst wenn
ich beide miteinander kombiniere, können wir sehen,
daß diese Kombination die Mona Lisa ergibt. Es
läßt sich mathematisch beweisen, daß keine der
beiden Komponenten der Bilder, weder das Papier noch
die Folie, eine Information über die Mona Lisa
enthält, nur beide zusammen. Das ist ein Beispiel
für die einzige Technik, von der man mathematisch
beweisen kann, daß sie niemals geknackt werden kann.
Solange ich für ein einziges Blatt Papier nur eine
einzige Folie verwende, und diese Folie niemals für
ein zweites Blatt Papier verwende, kann niemand
herausfinden, welchem Bildinhalt dieses Blatt Papier
entspricht. Diese Technik ist auch als 'One-time-pad'
bekannt."
Hannes Federrath
Dieses 'One-time-pad' ist so einfach und genial,
daß es eigentlich alle Sichterheitsanforderungen
noch in 100 oder 200 Jahren noch erfüllen würde,
wenn man es richtig anwendet.
Die Krypto-Technik in der Hand des
Bürgers - eine Schreckensvision für die Mächtigen.
Geheimdienste und Verbrechensbekämpfer fordern private
Verschlüsselungen zu verbieten.
Ross Anderson
Kryptographische Anwendungen werden von vielen
Ländern als Munition angesehen, als handle es sich
um Waffen, für die man eine Lizenz zum Export
braucht. Das führt zu der absolut lächerlichen
Situation, daß man zum Beispiel Elektroschock-Keulen
an jede Dikatur liefern kann, die dann dort für
Folterungen eingesetzt werden, aber Gaszähler nach
Belgien zu exportieren ist unmöglich.
Hannes Federrath
Pros für Kryptoregulierungen fallen mir keine
ein,Contras fallen mir sehr viele ein, dazu gehört
beispielsweise, daß es überhaupt nicht wirkt. Sie
können trotzdem geheim kommunizieren, ein zweites
Contra ist, es kostet relativ viel Geld, und ein
drittes Contra ist, sie schädigen natürlich auch
die deutsche bzw. europäische Wirtschaft, weil der
Vorsprung, den wir derzeit haben vor den USA, den
machen wir uns dadurch kaputt.
Mit Kryptoregulierungen läßt sich
der Fortschritt nicht aufhalten. Die Kryptologie liefert
schon jetzt elektronische Briefumschläge, die keine
Macht der Welt öffnen kann - außer der Empfänger.
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