Zurück     Diese Woche    Archiv    Diskussionsforum 
Archimède   25. Mai 1999
02.gif (21432 octets) Die Entsorger

 

 

Das Kernkraftwerk Rheinsberg.
1966 wurde es in der damaligen DDR in Betrieb genommen. Heute gehört es zu einem der größten Entsorgungsprojekte in der Geschichte der Kernenergie.

An der Ostseeküste bei Greifswald waren bis zum politischen "Aus" nach der Wende 1989 vier Druckwasserreaktoren sowjetischer Bauart am Netz. Nach Abschaltung der Anlagen ab 1990 mußte rasch ein komplettes Entsorgungskonzept entwickelt werden. Die Demontage, der gemeinsame Rückbau der Kernkraftwerke
Rheinsberg und Greifswald stellt heute eine technische Herausforderung dar. Noch nie zuvor in der Geschichte der friedlichen Nutzung der Kernenergie wurde eine so umfangreiche Anlage komplett entsorgt. Das Projekt hat auch für zukünftige Stilllegungen Modellcharakter.

Dieter Rittscher
Geschäftsführer Energiewerke Nord

Das Projekt - der gleichzeitige Rückbau von sechs Kernkraftwerken - ist das weltgrößte Projekt dieser Art. Es gab für uns keinen Vorläufer. Wir haben das selbst entwickelt.

Entsorgung einzusetzen und mit 1500 erfahrenen Mitarbeitern den kompletten Rückbau in eigener Regie durchzuführen, bildet die Basis der Arbeiten hier. Zur Dekontaminierung verstrahlten Materials kommen bewährte Methoden zum Einsatz. Recycling wird beim Abbau der Kernkraftanlage groß geschrieben. Über 25.000 Tonnen Industrieschrott wurden seit Beginn der Rückbauarbeiten 1995 wieder in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt. Insgesamt werden es über 1,8 Millionen Tonnen sein. Über 90 Prozent der demontierten Teile können direkt an den Schrotthändler weitergegeben werden. Zuvor müssen sie vom Strahlenschutz freigemessen werden.

Das Problem der Entsorgung des radioaktiv strahlenden Restmülls bleibt weiter akut.

Dieter Rittscher
Geschäftsführer Energiewerke Nord

Was man natürlich immer unterschätzt: Man braucht die Zwischenlagerung! Weil wir viele Teile, die wir jetzt einlagern, erst in zehn oder zwanzig Jahren zerlegen und in Fässer verpacken oder reinigen. Das ist jetzt noch gar nicht machbar, weil wir hier das Abklingverhalten von Kobalt 60 mit einsetzen. 

Kobalt 60 ist ein Radionukleid, das beim Spaltprozeß im Kernreaktor entsteht. Mit einer Halbwertzeit von etwa fünf Jahren verliert es seine gefährliche Strahlung in einem überschaubaren Zeitraum.

Manfred Meurer
Pressesprecher, Energiewerke Nord

Im Zwischenlager können drei Dinge durchgeführt werden: Erstens: die Zwischenlagerung bis zu einer Endlagerung. Das setzt voraus, daß in Deutschland einmal ein Endlager vorhan-den ist, und davon wird auch der Zeitpunkt bestimmt. Zweitens: Die Abklinglagerung, das heißt, das Ausnutzen der Tatsache, daß sich die Radioaktivität im Lauf der Zeit verringert, und Material, das heute noch knapp über den Grenzwerten radioaktiv ist dann später freigemessen werden kann. Und drittens haben wir in diesem Zwischenlager alle technischen Voraussetzungen, um radioaktive Abfälle verarbeiten, bearbeiten und endlagerungsgerecht verpacken zu können.

100 000 Tonnen radioaktiven Abfalls muß das Zwischenlager Nord aufnehmen. Bei dieser gewaltigen Menge muß mit Platz sparsam umgegangen werden. Abfalltonnen werden in einer Spezialpresse zu Pellets verdichtet, die dann in sogenannten Konrad-Behältern lagern und abklingen können. Erster Schritt beim Rüchbau einer nuklearen Anlage ist die Entsorgung der Brennstäbe. Deionisiertes Wasser schirmt die Radioaktivität beim Verladeprozeß ab. Während noch nicht abgebrannte Brennstäbe aus Greifswald nach Tschechien und Ungarn verkauft wurden, mußte das abgebrannte Material in Castor-Behältern für die Lagerung verladen werden.

Dieter Rittscher
Geschäftsführer Energiewerke Nord

Um Brennelemente sicher zu verwahren, ist eine große Abschirmung nötig. Die beträgt beim Castor zirka vierzig Zentimeter für die Gamma-Strahlung. Eine Besonderheit dieser Transportbehälter ist die innenliegende Neutronenabschirmung. Die Brennelemente setzen auch Neutronen frei, die werden von dem Kunststoff moderiert, und letztendlich erzeugen sie dann außen keine Dosisleistung. Ein typischer Teil für diese Castor-Behälter sind die beiden Deckel. Letztendlich gewährleisten die, daß während der Lagerzeit keine Radioaktivität freigesetzt wird."

 

Die Kontrolle der Brennstäbe unterliegt der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien. Nur die lückenlose Überwachung der Kernbrennstäbe kann gewährleisten, daß hochgefährliches und waffenfähiges Plutonium 239 nicht unauffällig verschwindet. Über jeden Brennstab wird exakt Protokoll geführt. Das in Greifswald gesammelte Know-How bei der Entsorgung hochradioaktiven Materials und dem Rückbau der Anlage wird auch russischen Kraftwerken zur Verfügung gestellt.

Dieter Rittscher
Wir haben mit einer französischen und einer englischen Firma eine Arbeitsgemeinschaft und arbeiten in Tschernobyl und beraten dort den Betreiber, wie wir die Stillegung aus unserer Sicht machen würden. Und ich erwarte auch, daß der Betreiber von Tschernobyl in Kürze einmal herkommen wird und sich unsere Erfahrungen angucken wird. Die Tschernobyl-Anlage ist ziemlich schwierig rückzubauen. Das ist kein Leichtwasser-Reaktor wie unsere Anlage, sondern eine Graphitanlage, und die zurückzubauen ist wesentlich schwieriger. Und in der Tat: Der Rückbau von russischen Anlagen wir dort nicht mit höchster Priorität betrieben, sondern es heißt: Wie können wir neue Anlagen errichten, um den Leuten Strom zu liefern? Ich bin ziemlich sicher, daß viele Anlagen dort nur einen sicheren Einschluß bekommen.

Der „sichere Einschluß" nach russischer Art, also das Einbetonieren des Reaktorblockes, stand in Greifswald nie zur Disposition. Hier werden kleinste und größte Anlagenteile fachgerecht entsorgt. Mit dem Ausbau der riesigen Dampferzeuger, in denen das nuklear erhitzte Wasser aus dem Primärkreislauf in Wasserdampf zum Betrieb der Turbinen umgewandelt wurde, beginnt ein neuer Abschnitt der Demontagearbeiten. Radioaktive Teilchen müssen auf ein absolutes Minimum reduziert werden, um Menschen bei den Demontagearbeiten nicht zu gefährden. Ganz ausschalten läßt sich die Strahlung aber nicht. Der 160 Tonnen schwere Dampferzeuger wird erst nach Jahrzehnten seine gefährliche Radioaktivität verloren haben.

Dieter Rittscher
Bei den kontaminierten Materialien ist es so, daß wir bereits jetzt vorgesehen haben, die ausgebauten Teile wie die Dampferzeuger erst in dreißig Jahren zu zerlegen. In dreißig Jahren können wir sie zerlegen, einmal noch reinigen, dann können wir sie dem Schrotthändler geben. Bei den aktivierten Materialien, wenn wir sie 100 bis 120 Jahre lagern würden, könnten wir einen ähnlichen Weg gehen.

Insgesamt vier Dampferzeuger - jeder von der Masse eines Passagierflugzeuges - müssen aus dem Schacht neben dem Kernreaktor gehievt werden. Da die Öffnung zu klein ist, muß der Dampferzeuger in eine gewaltige Schräglage gebracht werden. Kein ganz ungefährliches Manöver, das einer präzisen Planung bedarf. Millimetergenaues Hantieren ist eine Voraussetzung für den erfolgreichen Transport des Dampferzeugers. Strahlenschutz ist die andere Maßgabe. Alle Arbeiten mit kontaminierten Materialien finden unter einem besonderen Sicherheitsrisiko statt. Doch Strahlenschutz beginnt schon vor dem Ausbau. Vor dem Abtransport ins Zwischenlager wird der Dampferzeuger mit einer Kunststoffschicht versiegelt. Denn nur wenn die Strahlenwerte die Norm einhalten, darf das Material den Reaktorblock verlassen. Das gilt auch für die Menschen, die hier arbeiten.

Am Reaktor 5, der nur kurzzeitig in Testbetrieb war, wird ein eigens konstruierter Demontageplatz errichtet. Hier sollen später hochradioaktive Bauteile aus dem Reaktorinnern zerlegt werden. Menschen können hier später nicht mehr arbeiten.

Christian Rohde
Projektleiter Modelldemontage

Die kontaminierten Bauteile im Kraftwerk sind jetzt demontiert und wir haben die Räume, in denen sich die Dampferzeuger befanden, leergeräumt. Jetzt kommen wir dazu, die aktivierten Bauteile des Reaktors zu zerlegen. Die Strahlung dieser Bauteile ist so groß, daß man sie manuell nicht mehr handhaben kann. Sie müssen alle fernhantiert zerlegt werden.

Die radioaktiv verstrahlten Bauteile werden mit eigens entwickelten Manipulatoren, ferngesteuerten Armen und Händen, zerlegt. Auch moderne Robotertechnik soll dann zum Einsatz kommen, bis die letzten verstrahlten Teile sicher entsorgt sind. Fast zwei Jahrzehnte werden vom Abschalten der Kernreaktoren bis zum Abschluß der Rückbauarbeiten vergehen. Doch Sprengung und Abriß der Anlage und eine Verwandlung in eine grüne Wiese sind hier nicht mehr geplant. In ungefähr zehn Jahren soll hier ein Industriegebiet entstehen.
Die Ära der Energiegewinnung durch Atomkraft scheint - zumindest in Deutschland - langsam zu Ende zu gehen. In Greifswald sollen bald neue Gaskraftwerke die Energielücke schließen. Sicher macht der Ausstieg aus der Atomkraft die Entwicklung neuer Technologien zur Energieerzeugung zur Pflichtaufgabe der Zukunft.

  © 1999 ARTE G.E.I.E