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Archimède   29. Juni 1999
07.gif (16881 octets) Porträt: Friedrich Blutner, Psychoakustiker und Designer des guten Tons.


Wo Ruhe ist, sind Stimmen besonders laut. Eine Binsenweisheit, sind sie doch nicht lauter als da, wo Lärm ist - alles eine Frage der Wahrnehmung.

Im sächsischen Erzgebirge lebt zurückgezogen Friedrich Blutner. Ehemaliger Musikinstrumentenbauer, heute eine Kapazität im Bereich des Sound-Designs.
Sound-Design - das ist ein Grenzbereich zwischen Psychologie und Technik, basierend auf der Psychoakustik, die sich mit der Wirkung von Klang und Schall beschäftigt. Wie klingen die Dinge und welches Gefühl wird vermittelt, wenn man sie hört?

Dr. Friedrich Blutner analysiert und entwickelt in seiner Firma Töne im Auftrag und gezielt. Er kreiert Sounds für die Industrie.
Wie klingt es, wenn Rotwein ins Glas fällt und wie klingt ein weißer? Klingt ein 96er Domaine St. Hilaire anders als ein 93er Chateauneuf du Pape? Mit dem Kunstkopf werden diese Geräusche digital aufgenommen.

Das Einschenkgeräusch von Bier ist unverwechselbar. Was aber passiert, wenn es anders klingt?

Friedrich Blutner
Das Auge sieht ein Bier und das Ohr hört Wasser. Dann passiert folgendes: das sind Prozesse, die laufen im Stammhirn ab - das Stammhirn sendet eine Alarmbotschaft ans Ohr - hier stimmt was nicht - das heisst sie merken erst einmal einen Widerspruch. Das äussert sich so, dass Sie sich erst einmal unwohl fühlen und jetzt fangen Sie an zu grübeln. Und irgendwann wissen Sie es - Sie sind verulkt worden. Also das Ohr ist auch ein Organ, das kann man nicht so schnell täuschen.

Die Menschen lassen sich zu sehr durch ihre Augen täuschen - Dinge müssen vor allem gut aussehen. Unter den Geigen ist der Klang der Stradivari vollkommen und die wurde nur nach Gehör gebaut. Blutner beklagt in der heutigen Gesellschaft die Ignoranz sämtlicher akustischer Naturgesetze. Dabei gibt es kein wichtigeres Kriterium für Qualität als "Wohlklang".

Friedrich Blutner
Wir haben zunächst Vogelstimmen gehört, ein Naturgeräusch, welches überall in der Welt als sehr angenehm, positiv empfunden wird. Und anschliessend laute, aggressive Geräusch, eine Kaffeemühle. Und dieses Geräusch wird in diesem starken Kontrast als ausserordentlich unangenehm, nervend empfunden. Klang statt Lärm, das ist die Aufgabe des Sound-Ingenieuring. Man möchte ein angenehmes, positives Geräusch-Klangbild  ganz zielgerichtet erzeugen.

In der Stadt kann man sich als Akustiker allenfalls mit Lärmschutz beschäftigen. Blutner arbeitet bewußt in der Ödnis. Sein Arbeitsplatz liegt fernab von jedem Verkehrslärm, kurz vor der tschechischen Grenze. In einer Skihütte auf 1.500 Meter Höhe. Frische verkauft sich gut. Im Auftrag des größten Haushaltsgeräteherstellers Europas werden in Blutners Firma Synotec Waschmaschinen getestet. Wie hört es sich an, wenn der Waschgang gewählt wird, wenn man das Fenster schließt und auf die Maschine klopft. Materialtest.

Klingt Weißwein wirklich anders als Rotwein? Dr. Friedrich Blutner hört sich die Aufnahmen immer wieder an. Er notiert, was er hört, auf der Suche nach Parametern, nach möglichen Eigenschaften.

Friedrich Blutner
Samten ... weich im Einsatz. Weisswein klingt eher klar ... hell und frisch, härter im Einsatz und wie es sich über die Zeit entwickelt, weiss ich jetzt noch nicht. Das muss ich ausprobieren. Das sind ja erst einmal Hypothesen, um die Eigenschaften zu finden. Vielleicht sollte ich mir dann auch einfach einmal bildlich den Wein vorstellen, dann einfach auf die inneren Bilder achten, die man hat. Dann müsste man auch das Licht ausmachen, sonst funktioniert es nicht. Dann braucht man etwa fünf bis zehn Minuten, ehe man dieses bildliche Hören kann und einfach schauen, was dann passiert.

Zur Bewertung der Klangqualität und Geräuschgüte werden die Aufnahmen der Waschmaschinenbedienung abgespielt und mittels eigens dafür entwickelten Bewertungsmustern eingestuft. Die Probanden verschiedenen Geschlechts und Alters entscheiden dabei intuitiv. Jeder Testhörer muß jeden der Töne nach unterschiedlichen Kriterien auf einer Skala von 0 bis 5 beurteilen. Die Einschätzungen der Probanden werden direkt in einen Rechner eingegeben, es ergibt sich zunächst eine verwirrende Zahlenmatrix. Werden aber aus den Zahlen Farben - blau steht für schlecht und rot für gut - erscheint ein bunter Flickenteppich. In Blutners Verfahren entwickelt sich aus diesem Farbengewirr nach und nach eine übersichtliche Strukturierung, die Aufschluß gibt über die Präferenzen der einzelnen Testgruppen. Es ergeben sich Inseln gleicher Farbe - das sogenannte synoptische Feld.

Friedrich Blutner
Wir haben zunächst die Hörerwünsche und das Urteilsverhalten ergründet. Jetzt geht’s ja eigentlich darum, das technisch umzusetzen. Es geht darum, diese Hörerwartung durch das akustische Styling, durch das akustische Design auch wirklich praxisnah zu erfüllen. Das heisst, wir müssen uns nun an die Aufgabe machen, Türgeräusche technisch zu optimieren. Das heisst, wir müssen konstruktiv technologische Parameter gezielt ändern, damit diese Hörerwartungen getroffen werden.

Warum die Stradivari so einzigartig klingt, weiß bis heute niemand. Trotz intensivster Untersuchungen, trotz Röntgen und chemischer Analysen von Holzproben, hat man ihr Geheimnis bis heute nicht lüften können. Nur eines ist klar: es liegt im Material. Bei der Umsetzung der psychoakustischen Untersuchungen wird deshalb besonderer Wert auf die Verwendung von Materialien gelegt: Qualität ist hörbar und billiges klingt oft billig.

Im zwanzigsten Jahrhundert hat man sich fast nur um das optische Erscheinungsbild der Dinge gekümmert, um den Klang so gut wie gar nicht. Das akustische Design steht noch ganz am Anfang, vergleichbar dem optischen Design in den fünfziger Jahren, das jedenfalls behauptet Friedrich Blutner. Der Philosoph Lorenz Oken schrieb vor 100 Jahren, daß das Auge den Menschen in die Welt führe, aber das Ohr die Welt in den Menschen. Die Basis des Sounddesigns.

Friedrich Blutner hat sich für die Nuancen der verschiedenen Traubensorten geöffnet. Er glaubt, die inneren Bilder der verschiedenen Weine erkannt zu haben. Rotwein klingt weich, samten und golden. Weißwein hell, klar und silbern.

So silbern wie seine Heimat, das Erzgebirge, wo es einst Silberbergbau gab, wo der Nadelwald silbern schimmert, das Licht silbrig scheint. Und auch die Instrumente, die hier gebaut werden, die Silbermann-Orgeln, klingen genauso; auch sie sind offen, hell und klar.

Kontakt: Synotec
Am Waldsportplatz 1
09468 Geyer
Tel: 037346/1040

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