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Archimède 28. Dezember 1999
Ernst Peter Fischer
Links und Adressen zum Thema:


Eine Biographie von Ernst Peter Fischer:
http://www.ub.uni-freiburg.de/
holzen/fischer.htm
 

Porträt: Ernst Peter Fischer

Am Schreibtisch des Professors entstehen Ideen, die die Wissenschaft radikal verändern sollen. Für ihn ist Wissenschaft, wie sie heute betrieben wird, einseitig und falsch.

In Dutzenden von Büchern kritisiert er das heutige Wissenschaftsdenken als reines Nützlichkeitsdenken, das den Menschen nicht mehr in den Mittelpunkt stellt. Er fordert ein Zurückfinden zur eigentlichen Quelle der Wissenschaft, zur Fähigkeit der Wahrnehmung und des Gefühls.

Prof. Fischer:
"Die moderne Wissenschaft hat ihr eigentliches Ziel, den Menschen, aus den Augen verloren. Sie ist "ohnmenschlich" geworden, wie ich das manchmal nenne. Wissenschaftlicher Fortschritt ist kein humaner Fortschritt mehr. Um wieder zu der Gleichheit von humanem und wissenschaftlichem Fortschritt zurückzukommen, muss die Wissenschaft sich ändern und zwar hin zur Ästhetik. Sie muss sich daran erinnern, dass sie auf Schönheit ausgelegt ist und für dem Menschen erlebbar sein muss."

Es gilt, die Schönheit, die wir in der Natur so selbstverständlich sehen, auch in der Wissenschaft zu suchen.

Prof. Fischer:
"Der Chemiker ist nicht nur interessiert an seinen Reagenzien, sondern an der Schönheit der Moleküle, die er dabei findet. Der Mathematiker ist vor allen Dingen an der Eleganz seiner Ausgangsgleichungen interessiert und an der formvollendeten Lösung."

Es gab berühmte Physiker, für die eine klare, symmetrische Schönheit ihrer Theorien und Formeln interessanter war als deren Richtigkeit.

Prof. Fischer
"Das berühmteste Beispiel dafür ist der junge, damals noch unbekannte Albert Einstein, der 1905 Gleichungen über die Diffusion von Molekülen aufgestellt hatte. Da bekam er Post von einem Nobelpreisträger. Der schrieb: Sehr geehrter Herr Einstein. Ich habe ihre Theorie überprüft mit meinen Messgeräten und muss ihnen leider sagen, dass sie falsch ist. Einstein schrieb zurück: Sehr geehrter Herr Nobelpreisträger, ich habe die Theorie noch einmal angeschaut. Die Gleichungen sind so schön, so symmetrisch ich bin so zufrieden damit, sie müssen richtig sein. Prüfen sie doch bitte noch einmal nach. Eine Woche spä
ter kam die Antwort: Verehrter Herr Einstein, Sie haben recht: Die Messungen waren falsch, aber ihre Zufriedenheit war wohl zutreffend."

Ein weiteres Beispiel beleuchtet einen der spannendsten Momente in der Geschichte der modernen Wissenschaft: Die Biologen Watson und Crick entdeckten 1953 die Struktur der Erbanlagen, die DNS. Als sie diese als Modell umsetzen wollten, merkten sie, dass es nicht stimmte, obwohl sie alle Moleküle richtig dargestellt hatten. Also beauftragte Crick seine Frau Odile, eine Künstlerin, die Doppelhelix nach ästhetischen Gesichtspunkten zu malen.

Prof. Fischer
"Diese Künstlerin hat gar nicht korrekt nach den damals vorliegenden Daten gezeichnet, sondern nach ihrem ästhetischen Empfinden. Dabei ist dann das ursprüngliche Modell der Doppelhelix entstanden, das heute noch schlagartig schön wirkt und einen sofort überzeugt. Da ist eine wunderbare Symmetrie drin, eine wunderbare Gestalt, man kann sich über dieses Molekül nur freuen. Und dieses ästhetische Element ist ein Grund dafür, warum die Molekularbiologie diesen unheimlichen Aufschwung nach dieser Zeit bekommen hat."

Fischers großes Vorbild ist der Wissenschaftler und Humanist Alexander von Humboldt. Er strebte eine Synthese von Wissenschaft und Ästhetik, von Begriff und Anschauung an und hoffte, durch die Verbindung von Wissenschaft und Kunst das wissenschaftliche Vorgehen um die ästhetische Dimension der Wahrnehmung erweitern zu können. Nur auf diese Weise sah er den humanen Charakter der Naturwissenschaft gewahrt.

Prof. Fischer
"Und Humboldt hat dabei auch den entscheidenden Satz geprägt, dass die Wissenschaft nur die humane Form, die wir haben wollen, liefern kann, wenn sie sich mit der Kunst verbindet. Weil er glaubte, dass die innere Notwendigkeit der Wissenschaft mit dem Freiheitsbewusstsein des Künstlers, der die Landschaft versucht zu erkunden, zu der Form des humanen Strebens gehört, die wir als Kultur bezeichnen. Für ihn ist der Dreiklang aus Wissenschaft, Kunst und Humanität das entscheidende Element. Leonardo da Vinci hatte dieses Element, Alexander von Humboldt hatte es, wir haben es etwas verpasst."

Das Beispiel des Zoologen und Künstlers Ernst Haeckel zeigt, wie man Wissenschaft eindrucksvoll präsentieren kann. Es zeigt auch, dass das einseitige Denken, von dem Wissenschaft heute geprägt ist, damit durchbrochen werden kann. Ende des 19. Jahrhunderts hat er seine Kunstformen der Natur geschaffen, als ästhetisch schöne Wissenschaft. Wissenschaft, die präsent ist und auch den Anspruch der Kunst vermittelt, eine Interpretin der Natur zu sein. Haeckels Kunstformen der Natur fanden sich überall an den Wänden der bürgerlichen Wohnzimmer wieder. Als Kunst und wissenschaftliches Anschauungsobjekt zugleich.

Prof. Fischer
"Das Beispiel der Münze kann das erklären. Bei der Münze weiß ich, wenn ich auf die eine Seite schaue, dass ich eine andere Seite nicht sehe. Aber diese andere Seite gibt es. Der Weg, den ich gehe ist auch dadurch symbolisiert: Gefühl und Verstand sind zwei Seiten einer Münze. Und wenn ich nur den Verstand benutze, wie es die Wissenschaft tut, laufe ich Gefahr, dass ich abstürze. Ich muss sozusagen den Ausgleich zwischen dem Gefühl und dem Verstand finden, um den Weg zur Wahrheit zu finden, der über den Grat führt, den mir die Münze zeigt."

Diese Philosophie hat Ernst Peter Fischers Lebensweg bis heute geprägt. Nachdem er in Köln Mathematik, Physik und die hebräische Sprache studiert hatte, promovierte er in Kalifornien bei Max Delbrück in Biologie. Delbrück hat in so sehr beeindruckt, dass er Jahre später seine Biographie schrieb. Fischer ist Wissenschaftler aus Leidenschaft und ein genauso passionierter Redner und Bücherschreiber. Etwa 50 Bücher tragen inzwischen seinen Namen als Autor oder Herausgeber.

Seit 1994 ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Konstanz. Fischer sieht sich heute als Wissenschafts-kritiker, der verändern möchte. Gerade seine Studenten will er auf die ästhetischen Momente in der Wissenschaft aufmerksam machen. Für ihn braucht sie eine Form, die von Menschen als schön empfunden werden kann. Deshalb misst er den Gefühlen in der Wissenschaft so große Bedeutung bei. Erst sie verleihen ihr den eigentlichen Wert.

Prof. Fischer:
"Wenn ich einen Schmetterling sehe, der über eine Wiese fliegt, dann kann ich ihn durch Messung näher bestimmen, aber mein Gefühl sagt mir, dass es etwas Wertvolles ist, was ich betrachte. Wenn ich also als Wissenschaftler immer daran denke, dass ich mich mit wertvollen Dingen umgebe und wertvolle Dinge produziere, dann würde die Wissenschaft eine ästhetische Wende vollziehen, die nach meiner Ansicht die ethischen Fragen besser lösen würde als jede äußere Ethikkommission. Mein Versuch ist, den Wissenschaftlern Mut zu machen, diese ästhetische Wende zu vollziehen."

  © 1999 ARTE G.E.I.E