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Eine Biographie von Ernst Peter Fischer:
http://www.ub.uni-freiburg.de/
holzen/fischer.htm |
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Porträt:
Ernst Peter Fischer
Am Schreibtisch des Professors
entstehen Ideen, die die Wissenschaft radikal verändern sollen. Für
ihn ist Wissenschaft, wie sie heute betrieben wird, einseitig und falsch.
In Dutzenden von Büchern
kritisiert er das heutige Wissenschaftsdenken als reines Nützlichkeitsdenken,
das den Menschen nicht mehr in den Mittelpunkt stellt. Er fordert ein
Zurückfinden zur eigentlichen Quelle der Wissenschaft, zur Fähigkeit
der Wahrnehmung und des Gefühls.
Prof. Fischer:
"Die moderne Wissenschaft hat ihr eigentliches Ziel, den Menschen,
aus den Augen verloren. Sie ist "ohnmenschlich" geworden, wie
ich das manchmal nenne. Wissenschaftlicher Fortschritt ist kein humaner
Fortschritt mehr. Um wieder zu der Gleichheit von humanem und wissenschaftlichem
Fortschritt zurückzukommen, muss die Wissenschaft sich ändern
und zwar hin zur Ästhetik. Sie muss sich daran erinnern, dass sie
auf Schönheit ausgelegt ist und für dem Menschen erlebbar sein
muss."
Es gilt, die Schönheit,
die wir in der Natur so selbstverständlich sehen, auch in der Wissenschaft
zu suchen.
Prof. Fischer:
"Der Chemiker ist nicht nur interessiert an seinen Reagenzien, sondern
an der Schönheit der Moleküle, die er dabei findet. Der Mathematiker
ist vor allen Dingen an der Eleganz seiner Ausgangsgleichungen interessiert
und an der formvollendeten Lösung."
Es gab berühmte Physiker,
für die eine klare, symmetrische Schönheit ihrer Theorien und
Formeln interessanter war als deren Richtigkeit.
Prof. Fischer
"Das berühmteste Beispiel dafür ist der junge, damals noch
unbekannte Albert Einstein, der 1905 Gleichungen über die Diffusion
von Molekülen aufgestellt hatte. Da bekam er Post von einem Nobelpreisträger.
Der schrieb: Sehr geehrter Herr Einstein. Ich habe ihre Theorie überprüft
mit meinen Messgeräten und muss ihnen leider sagen, dass sie falsch
ist. Einstein schrieb zurück: Sehr geehrter Herr Nobelpreisträger,
ich habe die Theorie noch einmal angeschaut. Die Gleichungen sind so schön,
so symmetrisch ich bin so zufrieden damit, sie müssen richtig sein.
Prüfen sie doch bitte noch einmal nach. Eine Woche später
kam die Antwort: Verehrter Herr Einstein, Sie haben recht: Die Messungen
waren falsch, aber ihre Zufriedenheit war wohl zutreffend."
Ein weiteres Beispiel beleuchtet
einen der spannendsten Momente in der Geschichte der modernen Wissenschaft:
Die Biologen Watson und Crick entdeckten 1953 die Struktur der Erbanlagen,
die DNS. Als sie diese als Modell umsetzen wollten, merkten sie, dass
es nicht stimmte, obwohl sie alle Moleküle richtig dargestellt hatten.
Also beauftragte Crick seine Frau Odile, eine Künstlerin, die Doppelhelix
nach ästhetischen Gesichtspunkten zu malen.
Prof. Fischer
"Diese Künstlerin hat gar nicht korrekt nach den damals vorliegenden
Daten gezeichnet, sondern nach ihrem ästhetischen Empfinden. Dabei
ist dann das ursprüngliche Modell der Doppelhelix entstanden, das
heute noch schlagartig schön wirkt und einen sofort überzeugt.
Da ist eine wunderbare Symmetrie drin, eine wunderbare Gestalt, man kann
sich über dieses Molekül nur freuen. Und dieses ästhetische
Element ist ein Grund dafür, warum die Molekularbiologie diesen unheimlichen
Aufschwung nach dieser Zeit bekommen hat."
Fischers großes Vorbild
ist der Wissenschaftler und Humanist Alexander von Humboldt. Er strebte
eine Synthese von Wissenschaft und Ästhetik, von Begriff und Anschauung
an und hoffte, durch die Verbindung von Wissenschaft und Kunst das wissenschaftliche
Vorgehen um die ästhetische Dimension der Wahrnehmung erweitern zu
können. Nur auf diese Weise sah er den humanen Charakter der Naturwissenschaft
gewahrt.
Prof. Fischer
"Und Humboldt hat dabei auch den entscheidenden Satz geprägt,
dass die Wissenschaft nur die humane Form, die wir haben wollen, liefern
kann, wenn sie sich mit der Kunst verbindet. Weil er glaubte, dass die
innere Notwendigkeit der Wissenschaft mit dem Freiheitsbewusstsein des
Künstlers, der die Landschaft versucht zu erkunden, zu der Form des
humanen Strebens gehört, die wir als Kultur bezeichnen. Für
ihn ist der Dreiklang aus Wissenschaft, Kunst und Humanität das entscheidende
Element. Leonardo da Vinci hatte dieses Element, Alexander von Humboldt
hatte es, wir haben es etwas verpasst."
Das Beispiel des Zoologen
und Künstlers Ernst Haeckel zeigt, wie man Wissenschaft eindrucksvoll
präsentieren kann. Es zeigt auch, dass das einseitige Denken, von
dem Wissenschaft heute geprägt ist, damit durchbrochen werden kann.
Ende des 19. Jahrhunderts hat er seine Kunstformen der Natur geschaffen,
als ästhetisch schöne Wissenschaft. Wissenschaft, die präsent
ist und auch den Anspruch der Kunst vermittelt, eine Interpretin der Natur
zu sein. Haeckels Kunstformen der Natur fanden sich überall an den
Wänden der bürgerlichen Wohnzimmer wieder. Als Kunst und wissenschaftliches
Anschauungsobjekt zugleich.
Prof. Fischer
"Das Beispiel der Münze kann das erklären. Bei der Münze
weiß ich, wenn ich auf die eine Seite schaue, dass ich eine andere
Seite nicht sehe. Aber diese andere Seite gibt es. Der Weg, den ich gehe
ist auch dadurch symbolisiert: Gefühl und Verstand sind zwei Seiten
einer Münze. Und wenn ich nur den Verstand benutze, wie es die Wissenschaft
tut, laufe ich Gefahr, dass ich abstürze. Ich muss sozusagen den
Ausgleich zwischen dem Gefühl und dem Verstand finden, um den Weg
zur Wahrheit zu finden, der über den Grat führt, den mir die
Münze zeigt."
Diese Philosophie hat Ernst
Peter Fischers Lebensweg bis heute geprägt. Nachdem er in Köln
Mathematik, Physik und die hebräische Sprache studiert hatte, promovierte
er in Kalifornien bei Max Delbrück in Biologie. Delbrück hat
in so sehr beeindruckt, dass er Jahre später seine Biographie schrieb.
Fischer ist Wissenschaftler aus Leidenschaft und ein genauso passionierter
Redner und Bücherschreiber. Etwa 50 Bücher tragen inzwischen
seinen Namen als Autor oder Herausgeber.
Seit 1994 ist er Professor
für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Konstanz. Fischer
sieht sich heute als Wissenschafts-kritiker, der verändern möchte.
Gerade seine Studenten will er auf die ästhetischen Momente in der
Wissenschaft aufmerksam machen. Für ihn braucht sie eine Form, die
von Menschen als schön empfunden werden kann. Deshalb misst er den
Gefühlen in der Wissenschaft so große Bedeutung bei. Erst sie
verleihen ihr den eigentlichen Wert.
Prof. Fischer:
"Wenn ich einen Schmetterling sehe, der über eine Wiese fliegt,
dann kann ich ihn durch Messung näher bestimmen, aber mein Gefühl
sagt mir, dass es etwas Wertvolles ist, was ich betrachte. Wenn ich also
als Wissenschaftler immer daran denke, dass ich mich mit wertvollen Dingen
umgebe und wertvolle Dinge produziere, dann würde die Wissenschaft
eine ästhetische Wende vollziehen, die nach meiner Ansicht die ethischen
Fragen besser lösen würde als jede äußere Ethikkommission.
Mein Versuch ist, den Wissenschaftlern Mut zu machen, diese ästhetische
Wende zu vollziehen."
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