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Der Fall
des Boxers
Wenn ein Boxer zu Boden
geht und nicht innerhalb von zehn Sekunden wieder kampfbereit ist, nennt
man das eine K.O.-Niederlage. Wirkt sich ein solcher K.O.-Schlag negativ
auf die Gesundheit des Athleten aus?
Bevor wir uns anschauen, warum
ein Boxer zu Boden geht, wollen wir versuchen zu erklären, welche Mechanismen
ihn im Ring aufrecht halten...
Georges Perez
Bei einem Boxer sind Begriffe wie Bodenhaftung und Gleichgewicht von grundlegender
Bedeutung. Wenn er sich bewegt, wenn er seinen Körper nach rechts oder
links verlagert, verändert sich damit seine Bodenhaftung, und er muss
sein Gleichgewicht ständig anpassen.
Gleichgewicht
heißt also das Schlüsselwort. Um besser zu verstehen, was es damit auf
sich hat, wollen wir den jungen Boxer Badis Heroui genauer beobachten.
Er wird sich einigen medizinischen Tests unterziehen, die seine Fähigkeiten,
sich in verschiedenen Situationen aufrecht zu halten, näher untersuchen
sollen.
Michel Toupet
In unserem medizinischen Zentrum zur Erforschung von Gleichgewichtsstörungen
und Schwindelanfällen haben wir schon etwa dreißig Boxer wie Sie untersucht.
Gleichgewicht, das heißt sich aufrecht halten und den Blick stabilisieren.
Das geschieht natürlich in erster Linie mit den Augen, die das gesamte
Blickfeld analysieren, aber auch mit dem Innenohr, wo Kristalle und Kanäle
beständig die Bewegungen messen. Des Weiteren ist daran die Muskulatur
beteiligt, die so genannten Propriorezeptoren, mit deren Hilfe ebenfalls
die Position unseres Körpers ermittelt wird.
Diese ganzen Informationen laufen im Zentrum des Gehirns - dem Bulbus
- zusammen und werden dort vom Kleinhirn analysiert; das führt zu einer
Stabilisierung der Augen in ihrem Blickfeld und damit zu einer Stabilisierung
des gesamten Körper. Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir nun ins Nebenzimmer,
und ich messe mit einer speziellen Methode die spezifischen Besonderheiten
Ihres Gleichgewichtssinns.
Bitte steigen Sie auf dieses Podest hier. Stellen Sie die Füße genau in
die Mitte, auf die Abdrücke. Die Analyse des Druckzentrums Ihrer Füße
gibt mir Aufschluss über Ihren Gleichgewichtssinn. Wenn Sie sich nach
vorne bewegen, wird dieser Druck von einer Art Waage gemessen, neigen
Sie sich nach hinten, nach links oder nach rechts, nehmen wir ebenfalls
die entsprechenden Daten auf. Versuchen Sie, sich so wenig wie möglich
zu bewegen und schauen Sie immer auf diesen kleinen grünen Punkt dort
drüben. Jetzt wird es unter Ihnen sehr instabil, so als würden sie auf
einer schwimmenden Brücke oder einem Boot stehen... Bei diesem Versuch
sind die Informationen Ihrer Beine trügerisch und können keinen ausschlaggebenden
Beitrag zur Stabilisierung Ihres Gleichgewichts leisten, Ihr Gehirn entscheidet
sich gegen diese Informationen. Die Augen sind weit geöffnet, das visuelle
Blickfeld ist stabilisiert und das Ohrlabyrinth im Ruhezustand... Daran
erkennt man, wie groß die Bedeutung dieser Sinne für Ihr Gleichgewicht
ist. Schließen Sie nun die Augen und halten Sie den Kopf gerade. Sehr
gut.
Unter diesen Bedingungen -
ein instabiles Podest, geschlossene Augen - bezieht Ihr Gleichgewichtssinn
seine Informationen hauptsächlich vom Innenohr. Auf einer solchen Standfläche
führen wir auch Vergleichsmessungen mit anderen Sportlern und ganz normalen
Leuten durch, um festzustellen, wie sie in einer solchen Situation reagieren.
Man kann deutlich erkennen, dass sich ein instabiler Boden sehr irritierend
auswirkt, stärker als ein instabiles Blickfeld. Badis Gleichgewichtssinn
steht also in enger Verbindung mit den Propriorezeptoren, das heißt, sein
Gehirn bezieht seine Informationen eher von den Propriorezeptoren als
vom Sehvermögen oder dem Innenohrlabyrinth. Das ist bei vielen Sportlern
so.
Und jetzt wird es noch schwieriger: Wir werden mit Hilfe dieser Kugel
zusätzliche Lichteffekte auf den Wänden erzeugen und den Raum abdunkeln.
Sie sollen versuchen, auch unter diesen erschwerten Bedingungen - das
Umfeld in Bewegung und unter Ihren Füßen eine instabile Plattform - das
Gleichgewicht zu halten. Damit testen wir, inwieweit Ihr Gleichgewichtssystems
fähig ist, einen der beteiligten Sinne durch einen anderen zu ersetzen.
Die
oberen Graphiken dienen als Referenz: Auf einer stabilen Plattform - gleichgültig
unter welchen Versuchsbedingungen - verändert sich der Schwerpunkt nur
sehr wenig. Auf den unteren Bildern hingegen ist zu erkennen, dass auf
einer instabilen Plattform das Gleichgewicht des Boxers stark variiert.
Mit geöffneten Augen verschiebt sich sein Schwerpunkt nur minimal, dieser
Effekt verstärkt sich erheblich bei geschlossenen Augen und nimmt noch
einmal deutlich zu, wenn die Umwelt in Bewegung gerät.
Beim französischen Boxstil
ist es noch schwieriger, das Gleichgewicht zu halten. Außer dem Einfluss
der Bewegung selbst, muss man hierbei überdies mit Fußtritten rechnen,
während derer die Boxer zeitweise nur auf einem Bein stehen.
Pierre Beraud
Das Problem bei einem Anfänger besteht darin, dass seine Bewegungen in
Bezug auf den Gegner immer zu weiträumig sind, das heißt, entweder steht
er zu nah bei ihm oder er ist zu weit weg. Daher befindet sich ein erfahrener
Boxer ständig in Bewegung, er versucht immer, eine Entfernung von etwa
10 Zentimetern zwischen sich und seinen Gegner zu legen. Das ist auch
der Grund, warum er ständig - und das ist erlaubt - den Körper seines
Gegenübers berührt. Das Problem des Boxers ist, dass er seine Haltung
immer vorausschauend überprüfen muss, damit er das mit der Bewegung einhergehende
Ungleichgewicht vorwegnehmen kann und sein Ziel im Auge behält. Diese
Haltungsvorbereitung nennt man Grundstellung. Sie gilt als die beste muskelanspannende
Voraussetzung, um zu agieren und auf die Angriffe des Gegners zu reagieren.
Es stellt sich aber das Problem des Abstandes zwischen den beiden Stützpunkten
des Boxers. Hier befinden sich beide Beine auf einer Linie. Wenn hingegen
die Beine nun genau nebeneinander stehen, das heißt, wenn das hintere
Bein nach vorne gezogen und parallel zur Körperachse gespreizt wird, findet
der Boxer immer seinen Massemittelpunkt, gleichgültig, in welche Richtung
er sich bewegt. Sein Schwerpunkt liegt dann ungefähr in der Mitte der
Fläche, die von seinen Beinen beschrieben wird. Wenn ich mich nach rechts
bewege und beide Beine befinden sich in diesem Moment auf einer Linie,
verliere ich das Gleichgewicht. In dieser Stellung kann ich das Gewicht
besser nach vorne oder nach hinten verlagern. Sind meine Beine hingegen
zu stark seitlich gespreizt, ist es schwierig, sich nach vorne oder nach
hinten zu bewegen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.
Auch wenn er versucht, sich
durch diese Bewegungen für den Gegner unerreichbar zu machen, muss der
Boxer trotz allem Schläge einstecken. Welche Art von Schlägen lässt ihn
schließlich zu Boden geht?
Georges Perez
Bei einer plötzlichen und heftigen Kopfdrehung infolge eines rechten Hakens
z.B. ist ein Abfall der Muskelanspannung zu beobachten. Die oberen Körperglieder
versagen den Dienst, die unteren sacken weg, und der Boxer geht zu Boden.
Das bedeutet noch nicht den endgültigen K.O., denn er nimmt den Kampf
wieder auf, aber einen kurzen Moment lang - vielleicht einige Sekunden
- kam es zum Zusammenbruch der muskulären Anspannung, und das Gleichgewicht
ging verloren. Dies ist das Resultat einer Störung des Nervenzentrums,
das - wie ich ja schon sagte - für die Haltungsspannkraft und das Gleichgewicht
verantwortlich ist.
Georges Perez
Hier nun ein weiteres Beispiel für einen solchen Schlag, ein linker Haken
an die Schläfe, die Muskelanspannung bricht zusammen, die Arme fallen
herunter, die unteren Gliedmaßen versagen den Dienst, und der Boxer geht
zu Boden. Es kommt nicht zum K.O., und zwar in erster Linie, weil es dem
Athleten gelingt, seine Anspannung im Bereich der äußerst wichtigen Halsmuskulatur
aufrecht zu erhalten. Damit kann er den Drehwinkel und die Drehgeschwindigkeit
der Bewegung kontrollieren. Zu einem K.O. kommt es meist dann, wenn der
Kopf sehr stark ausgelenkt wird, das heißt, wenn der Drehwinkel sehr groß
und die Rotationsgeschwindigkeit hoch ist. Je stärker die Halsmuskulatur
und je schneller der Boxer damit zu reagieren in der Lage ist, desto besser
gelingt die Kontrolle von Drehwinkel und -geschwindigkeit. Mit diesen
Muskeln kann sich der Athlet gegen ein Hirntrauma oder einen K.O. schützen.
Georges Perez
Beim englischen Boxstil gibt es drei Grundschläge: Erstens die Gerade,
die mit der Schlag- oder der Deckungshand geführt werden kann. Dabei handelt
es sich um eine geradlinige direkte Bewegung, also eine linke Gerade oder
eine rechte Gerade. Dann gibt es die uppercuts - den rechten uppercut
und den linken uppercut. Und schließlich verfügt der Boxer noch über einen
weiteren Schlag - den rechten oder den linken Schwinger, der mit einer
horizontalen Kreisbewegungen geführt wird. Die Schläge, die am ehesten
zu einem K.O. führen, sind solche, mit denen der Kopf in eine plötzliche
und heftige Drehbewegung versetzt wird, das heißt also, vor allem die
uppercuts, aber auch die Schwinger. Während dieser jähen, sehr starken
Kopfrotation kommt es zu einem Zusammenbruch der Muskelspannung und zu
Hirnverletzungen, die schließlich für den K.O. verantwortlich sind.
Wie also kann sich der Boxer gegen einen solchen K.O.-Schlag schützen?
Zunächst einmal benötigt er eine gute technische Vorbereitung, damit er
lernt, den Schlägen auszuweichen, das heißt, das Training sollte sich
auf Techniken wie das Ausweichen oder Abblocken von Schlägen konzentrieren
und dem Athleten zu einer guten Beinarbeit verhelfen. Im Verlaufe eines
Kampfes muss der Boxer aber trotz seiner guten Technik immer damit rechnen,
Schläge einzustecken. Dabei spielt die Halsmuskulatur eine entscheidende
Rolle, denn sie kann eine plötzliche, heftige Seitendrehung des Kopfes
verhindern. Bei der physischen Trainingsarbeit eines Boxers wird daher
der Halsmuskulatur eine grundlegende Bedeutung beigemessen. Diese Muskelgruppe
muss ganz besonders gut entwickelt werden.
Erstaunlicherweise haben wir
bei den Autokonstrukteuren Filmmaterial entdeckt, in dem es um Untersuchungen
hinsichtlich der Reaktionen von Boxern auf derartige Schläge geht.
Xavier Trosseille
Diese Versuche mit den Boxern haben wir in den Jahren 1984 bis 1987 durchgeführt.
Damit wollten wir untersuchen, wie das Gehirn auf die Einwirkung von Drehbeschleunigungskräften
reagiert. Während des Trainings sind die Boxer sehr häufig solchen relativ
starken Kräften ausgesetzt, und es ist äußerst interessant, diese Erkenntnisse
auf Kriterien zu übertragen, wie wir sie während der Analyse von Crashtests
verwenden. Dazu haben wir die Boxer mit Instrumenten ausgestattet, um
die Kraft der Schläge, denen sie ausgesetzt sind, messtechnisch zu erfassen.
Diese Boxer tragen Helme, mit denen die Beschleunigung des Kopfes gemessen
wird, und zwar sowohl die lineare als auch die Drehbeschleunigung. Einen
der Boxer haben wir außerdem mit präparierten Handschuhen ausgestattet,
um die beim Schlag auftretenden Beschleunigungskräfte - genauer gesagt,
die Kraft der Fäuste - erfassen zu können. Die Drehbeschleunigung, die
auf einen Boxer einwirkt, ist ziemlich hoch. Wir haben dabei Werte in
der Größenordnung von 13.000 rad pro Sekunde im Quadrat ermittelt. Diese
Maßeinheit "rad pro Sekunde im Quadrat" ist ein wenig abstrakt; das rad
ist ein Bogenmaß. Grob gerechnet entsprechen 13.000 rad pro Quadratsekunde
ungefähr 2000 Umdrehungen. Das heißt also, dass der Kopf eines Boxers
innerhalb von einer Sekunde mit einer Drehgeschwindigkeit von 2000 Umdrehungen
pro Sekunde in Bewegung versetzt wird. Natürlich vollzieht der Kopf in
Wirklichkeit diese Drehbewegung nicht, dazu ist die Dauer der Schläge
zu kurz. Dadurch ergibt sich zwar eine sehr hohe Drehbeschleunigung, die
Winkel hingegen bleiben relativ klein, und es kommt zu unsichtbaren Verletzungen,
denn natürlich tragen die Boxer während eines solchen Tests keine unmittelbaren
Schäden davon. Und doch ist interessant zu wissen, was dabei passiert,
denn unter Umständen könnte man solche Verletzungen gerade noch als hinnehmbar
erachten. Bei einem Autounfall treten Kräfte dieser Heftigkeit normalerweise
nur ein einziges Mal auf, und deshalb haben wir bei unseren Experimenten
nicht untersucht, was geschieht, wenn Schläge dieser Art immer wieder
auf das Gehirn einwirken. Wir haben keine Vorstellung davon, wie ein Boxer
reagiert, wenn er im Verlaufe eines Kampfes oder seiner Karriere immer
wieder eine bestimmte Anzahl solcher Schläge einstecken muss.
Georges Perez
Wenn man von den Spätschäden für das Gehirn eines Boxers spricht, muss
man wohl darauf hinweisen, dass nicht ein einziger K.O.-Schlag das gefährlichste
für den Athleten darstellt, sondern die ständige Wiederholung solcher
Kopfschlägen. Wenn ein Boxer beispielsweise über zehn oder zwölf Runden
immer wieder Schläge einstecken muss, zu Taumeln beginnt, aber nicht K.O.
geht, ist das viel gefährlicher, als wenn er mit einem einzigen K.O.-Schlag
zu Boden geht.
Da diese Mikro-Traumata, die
während eines Boxkampfes im Gehirn des Athleten entstehen, mit medizinischen
Mitteln nicht zu erkennen sind, kann man ihre Wirkung auf das Gehirn des
Boxers nur erahnen. Um schwere Unfälle zu verhindern, bleibt es den erfahrenen
Schiedsrichtern und Trainern überlassen, den "angeschlagenen" Boxer, der
den Schlägen nicht mehr auszuweichen vermag, rechtzeitig aus dem Kampf
zu nehmen.
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