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Archimède

07. März 2000




Der Fall des Boxers

Wenn ein Boxer zu Boden geht und nicht innerhalb von zehn Sekunden wieder kampfbereit ist, nennt man das eine K.O.-Niederlage. Wirkt sich ein solcher K.O.-Schlag negativ auf die Gesundheit des Athleten aus?

Bevor wir uns anschauen, warum ein Boxer zu Boden geht, wollen wir versuchen zu erklären, welche Mechanismen ihn im Ring aufrecht halten...

Georges Perez
Bei einem Boxer sind Begriffe wie Bodenhaftung und Gleichgewicht von grundlegender Bedeutung. Wenn er sich bewegt, wenn er seinen Körper nach rechts oder links verlagert, verändert sich damit seine Bodenhaftung, und er muss sein Gleichgewicht ständig anpassen.
Gleichgewicht heißt also das Schlüsselwort. Um besser zu verstehen, was es damit auf sich hat, wollen wir den jungen Boxer Badis Heroui genauer beobachten. Er wird sich einigen medizinischen Tests unterziehen, die seine Fähigkeiten, sich in verschiedenen Situationen aufrecht zu halten, näher untersuchen sollen.

Michel Toupet
In unserem medizinischen Zentrum zur Erforschung von Gleichgewichtsstörungen und Schwindelanfällen haben wir schon etwa dreißig Boxer wie Sie untersucht. Gleichgewicht, das heißt sich aufrecht halten und den Blick stabilisieren. Das geschieht natürlich in erster Linie mit den Augen, die das gesamte Blickfeld analysieren, aber auch mit dem Innenohr, wo Kristalle und Kanäle beständig die Bewegungen messen. Des Weiteren ist daran die Muskulatur beteiligt, die so genannten Propriorezeptoren, mit deren Hilfe ebenfalls die Position unseres Körpers ermittelt wird.
Diese ganzen Informationen laufen im Zentrum des Gehirns - dem Bulbus - zusammen und werden dort vom Kleinhirn analysiert; das führt zu einer Stabilisierung der Augen in ihrem Blickfeld und damit zu einer Stabilisierung des gesamten Körper. Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir nun ins Nebenzimmer, und ich messe mit einer speziellen Methode die spezifischen Besonderheiten Ihres Gleichgewichtssinns.
Bitte steigen Sie auf dieses Podest hier. Stellen Sie die Füße genau in die Mitte, auf die Abdrücke. Die Analyse des Druckzentrums Ihrer Füße gibt mir Aufschluss über Ihren Gleichgewichtssinn. Wenn Sie sich nach vorne bewegen, wird dieser Druck von einer Art Waage gemessen, neigen Sie sich nach hinten, nach links oder nach rechts, nehmen wir ebenfalls die entsprechenden Daten auf. Versuchen Sie, sich so wenig wie möglich zu bewegen und schauen Sie immer auf diesen kleinen grünen Punkt dort drüben. Jetzt wird es unter Ihnen sehr instabil, so als würden sie auf einer schwimmenden Brücke oder einem Boot stehen... Bei diesem Versuch sind die Informationen Ihrer Beine trügerisch und können keinen ausschlaggebenden Beitrag zur Stabilisierung Ihres Gleichgewichts leisten, Ihr Gehirn entscheidet sich gegen diese Informationen. Die Augen sind weit geöffnet, das visuelle Blickfeld ist stabilisiert und das Ohrlabyrinth im Ruhezustand... Daran erkennt man, wie groß die Bedeutung dieser Sinne für Ihr Gleichgewicht ist. Schließen Sie nun die Augen und halten Sie den Kopf gerade. Sehr gut.

Unter diesen Bedingungen - ein instabiles Podest, geschlossene Augen - bezieht Ihr Gleichgewichtssinn seine Informationen hauptsächlich vom Innenohr. Auf einer solchen Standfläche führen wir auch Vergleichsmessungen mit anderen Sportlern und ganz normalen Leuten durch, um festzustellen, wie sie in einer solchen Situation reagieren. Man kann deutlich erkennen, dass sich ein instabiler Boden sehr irritierend auswirkt, stärker als ein instabiles Blickfeld. Badis Gleichgewichtssinn steht also in enger Verbindung mit den Propriorezeptoren, das heißt, sein Gehirn bezieht seine Informationen eher von den Propriorezeptoren als vom Sehvermögen oder dem Innenohrlabyrinth. Das ist bei vielen Sportlern so.
Und jetzt wird es noch schwieriger: Wir werden mit Hilfe dieser Kugel zusätzliche Lichteffekte auf den Wänden erzeugen und den Raum abdunkeln. Sie sollen versuchen, auch unter diesen erschwerten Bedingungen - das Umfeld in Bewegung und unter Ihren Füßen eine instabile Plattform - das Gleichgewicht zu halten. Damit testen wir, inwieweit Ihr Gleichgewichtssystems fähig ist, einen der beteiligten Sinne durch einen anderen zu ersetzen.
Die oberen Graphiken dienen als Referenz: Auf einer stabilen Plattform - gleichgültig unter welchen Versuchsbedingungen - verändert sich der Schwerpunkt nur sehr wenig. Auf den unteren Bildern hingegen ist zu erkennen, dass auf einer instabilen Plattform das Gleichgewicht des Boxers stark variiert. Mit geöffneten Augen verschiebt sich sein Schwerpunkt nur minimal, dieser Effekt verstärkt sich erheblich bei geschlossenen Augen und nimmt noch einmal deutlich zu, wenn die Umwelt in Bewegung gerät.

Beim französischen Boxstil ist es noch schwieriger, das Gleichgewicht zu halten. Außer dem Einfluss der Bewegung selbst, muss man hierbei überdies mit Fußtritten rechnen, während derer die Boxer zeitweise nur auf einem Bein stehen.

Pierre Beraud
Das Problem bei einem Anfänger besteht darin, dass seine Bewegungen in Bezug auf den Gegner immer zu weiträumig sind, das heißt, entweder steht er zu nah bei ihm oder er ist zu weit weg. Daher befindet sich ein erfahrener Boxer ständig in Bewegung, er versucht immer, eine Entfernung von etwa 10 Zentimetern zwischen sich und seinen Gegner zu legen. Das ist auch der Grund, warum er ständig - und das ist erlaubt - den Körper seines Gegenübers berührt. Das Problem des Boxers ist, dass er seine Haltung immer vorausschauend überprüfen muss, damit er das mit der Bewegung einhergehende Ungleichgewicht vorwegnehmen kann und sein Ziel im Auge behält. Diese Haltungsvorbereitung nennt man Grundstellung. Sie gilt als die beste muskelanspannende Voraussetzung, um zu agieren und auf die Angriffe des Gegners zu reagieren. Es stellt sich aber das Problem des Abstandes zwischen den beiden Stützpunkten des Boxers. Hier befinden sich beide Beine auf einer Linie. Wenn hingegen die Beine nun genau nebeneinander stehen, das heißt, wenn das hintere Bein nach vorne gezogen und parallel zur Körperachse gespreizt wird, findet der Boxer immer seinen Massemittelpunkt, gleichgültig, in welche Richtung er sich bewegt. Sein Schwerpunkt liegt dann ungefähr in der Mitte der Fläche, die von seinen Beinen beschrieben wird. Wenn ich mich nach rechts bewege und beide Beine befinden sich in diesem Moment auf einer Linie, verliere ich das Gleichgewicht. In dieser Stellung kann ich das Gewicht besser nach vorne oder nach hinten verlagern. Sind meine Beine hingegen zu stark seitlich gespreizt, ist es schwierig, sich nach vorne oder nach hinten zu bewegen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.

Auch wenn er versucht, sich durch diese Bewegungen für den Gegner unerreichbar zu machen, muss der Boxer trotz allem Schläge einstecken. Welche Art von Schlägen lässt ihn schließlich zu Boden geht?

Georges Perez
Bei einer plötzlichen und heftigen Kopfdrehung infolge eines rechten Hakens z.B. ist ein Abfall der Muskelanspannung zu beobachten. Die oberen Körperglieder versagen den Dienst, die unteren sacken weg, und der Boxer geht zu Boden. Das bedeutet noch nicht den endgültigen K.O., denn er nimmt den Kampf wieder auf, aber einen kurzen Moment lang - vielleicht einige Sekunden - kam es zum Zusammenbruch der muskulären Anspannung, und das Gleichgewicht ging verloren. Dies ist das Resultat einer Störung des Nervenzentrums, das - wie ich ja schon sagte - für die Haltungsspannkraft und das Gleichgewicht verantwortlich ist.

Georges Perez
Hier nun ein weiteres Beispiel für einen solchen Schlag, ein linker Haken an die Schläfe, die Muskelanspannung bricht zusammen, die Arme fallen herunter, die unteren Gliedmaßen versagen den Dienst, und der Boxer geht zu Boden. Es kommt nicht zum K.O., und zwar in erster Linie, weil es dem Athleten gelingt, seine Anspannung im Bereich der äußerst wichtigen Halsmuskulatur aufrecht zu erhalten. Damit kann er den Drehwinkel und die Drehgeschwindigkeit der Bewegung kontrollieren. Zu einem K.O. kommt es meist dann, wenn der Kopf sehr stark ausgelenkt wird, das heißt, wenn der Drehwinkel sehr groß und die Rotationsgeschwindigkeit hoch ist. Je stärker die Halsmuskulatur und je schneller der Boxer damit zu reagieren in der Lage ist, desto besser gelingt die Kontrolle von Drehwinkel und -geschwindigkeit. Mit diesen Muskeln kann sich der Athlet gegen ein Hirntrauma oder einen K.O. schützen.

Georges Perez
Beim englischen Boxstil gibt es drei Grundschläge: Erstens die Gerade, die mit der Schlag- oder der Deckungshand geführt werden kann. Dabei handelt es sich um eine geradlinige direkte Bewegung, also eine linke Gerade oder eine rechte Gerade. Dann gibt es die uppercuts - den rechten uppercut und den linken uppercut. Und schließlich verfügt der Boxer noch über einen weiteren Schlag - den rechten oder den linken Schwinger, der mit einer horizontalen Kreisbewegungen geführt wird. Die Schläge, die am ehesten zu einem K.O. führen, sind solche, mit denen der Kopf in eine plötzliche und heftige Drehbewegung versetzt wird, das heißt also, vor allem die uppercuts, aber auch die Schwinger. Während dieser jähen, sehr starken Kopfrotation kommt es zu einem Zusammenbruch der Muskelspannung und zu Hirnverletzungen, die schließlich für den K.O. verantwortlich sind.
Wie also kann sich der Boxer gegen einen solchen K.O.-Schlag schützen? Zunächst einmal benötigt er eine gute technische Vorbereitung, damit er lernt, den Schlägen auszuweichen, das heißt, das Training sollte sich auf Techniken wie das Ausweichen oder Abblocken von Schlägen konzentrieren und dem Athleten zu einer guten Beinarbeit verhelfen. Im Verlaufe eines Kampfes muss der Boxer aber trotz seiner guten Technik immer damit rechnen, Schläge einzustecken. Dabei spielt die Halsmuskulatur eine entscheidende Rolle, denn sie kann eine plötzliche, heftige Seitendrehung des Kopfes verhindern. Bei der physischen Trainingsarbeit eines Boxers wird daher der Halsmuskulatur eine grundlegende Bedeutung beigemessen. Diese Muskelgruppe muss ganz besonders gut entwickelt werden.

Erstaunlicherweise haben wir bei den Autokonstrukteuren Filmmaterial entdeckt, in dem es um Untersuchungen hinsichtlich der Reaktionen von Boxern auf derartige Schläge geht.

Xavier Trosseille
Diese Versuche mit den Boxern haben wir in den Jahren 1984 bis 1987 durchgeführt. Damit wollten wir untersuchen, wie das Gehirn auf die Einwirkung von Drehbeschleunigungskräften reagiert. Während des Trainings sind die Boxer sehr häufig solchen relativ starken Kräften ausgesetzt, und es ist äußerst interessant, diese Erkenntnisse auf Kriterien zu übertragen, wie wir sie während der Analyse von Crashtests verwenden. Dazu haben wir die Boxer mit Instrumenten ausgestattet, um die Kraft der Schläge, denen sie ausgesetzt sind, messtechnisch zu erfassen. Diese Boxer tragen Helme, mit denen die Beschleunigung des Kopfes gemessen wird, und zwar sowohl die lineare als auch die Drehbeschleunigung. Einen der Boxer haben wir außerdem mit präparierten Handschuhen ausgestattet, um die beim Schlag auftretenden Beschleunigungskräfte - genauer gesagt, die Kraft der Fäuste - erfassen zu können. Die Drehbeschleunigung, die auf einen Boxer einwirkt, ist ziemlich hoch. Wir haben dabei Werte in der Größenordnung von 13.000 rad pro Sekunde im Quadrat ermittelt. Diese Maßeinheit "rad pro Sekunde im Quadrat" ist ein wenig abstrakt; das rad ist ein Bogenmaß. Grob gerechnet entsprechen 13.000 rad pro Quadratsekunde ungefähr 2000 Umdrehungen. Das heißt also, dass der Kopf eines Boxers innerhalb von einer Sekunde mit einer Drehgeschwindigkeit von 2000 Umdrehungen pro Sekunde in Bewegung versetzt wird. Natürlich vollzieht der Kopf in Wirklichkeit diese Drehbewegung nicht, dazu ist die Dauer der Schläge zu kurz. Dadurch ergibt sich zwar eine sehr hohe Drehbeschleunigung, die Winkel hingegen bleiben relativ klein, und es kommt zu unsichtbaren Verletzungen, denn natürlich tragen die Boxer während eines solchen Tests keine unmittelbaren Schäden davon. Und doch ist interessant zu wissen, was dabei passiert, denn unter Umständen könnte man solche Verletzungen gerade noch als hinnehmbar erachten. Bei einem Autounfall treten Kräfte dieser Heftigkeit normalerweise nur ein einziges Mal auf, und deshalb haben wir bei unseren Experimenten nicht untersucht, was geschieht, wenn Schläge dieser Art immer wieder auf das Gehirn einwirken. Wir haben keine Vorstellung davon, wie ein Boxer reagiert, wenn er im Verlaufe eines Kampfes oder seiner Karriere immer wieder eine bestimmte Anzahl solcher Schläge einstecken muss.

Georges Perez
Wenn man von den Spätschäden für das Gehirn eines Boxers spricht, muss man wohl darauf hinweisen, dass nicht ein einziger K.O.-Schlag das gefährlichste für den Athleten darstellt, sondern die ständige Wiederholung solcher Kopfschlägen. Wenn ein Boxer beispielsweise über zehn oder zwölf Runden immer wieder Schläge einstecken muss, zu Taumeln beginnt, aber nicht K.O. geht, ist das viel gefährlicher, als wenn er mit einem einzigen K.O.-Schlag zu Boden geht.

Da diese Mikro-Traumata, die während eines Boxkampfes im Gehirn des Athleten entstehen, mit medizinischen Mitteln nicht zu erkennen sind, kann man ihre Wirkung auf das Gehirn des Boxers nur erahnen. Um schwere Unfälle zu verhindern, bleibt es den erfahrenen Schiedsrichtern und Trainern überlassen, den "angeschlagenen" Boxer, der den Schlägen nicht mehr auszuweichen vermag, rechtzeitig aus dem Kampf zu nehmen.

  © 1999 ARTE G.E.I.E