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Kevin Warwick
Das Institut für Kybernetik
der Universität Reading unterscheidet sich eigentlich nicht von anderen
Roboterlabors in der Welt. Wäre hier nicht Kevin Warwick, der Leiter des
Instituts. Er gilt als einer der weltweit führenden Köpfe unter den Roboterforschern.
Nicht zuletzt wegen seiner
provokanten Thesen was die Zukunft des Menschen betrifft, zog er in der
Vergangenheit die Aufmerksamkeit auf sich. Seine Visionen sind mittlerweile
um die Welt gegangen, sowohl auf Kongressen als auch in vielen Talkshows
hat er für Furore gesorgt.
Prof. Kevin Warwick, Universität
Reading
" In den nächsten 20 bis 30 Jahren wird es Maschinen geben, die intelligenter
sind als der Mensch. Sogar in 10 Jahren schon werden Maschinen möglicherweise
dieselbe Hirnleistung wie das menschliche Gehirn haben. Was Intelligenz
und Fähigkeiten angeht, die sich direkt auf unser Leben auswirken - das
wird alles noch ein wenig länger dauern. In 20 bis 30 Jahren werden wir
einerseits Probleme bekommen, wenn intelligente Maschinen unerwünschte
Entscheidungen gegen die Menschen treffen. Andererseits eröffnet sich
dadurch für uns ein Potenzial, wenn wir diese Intelligenz nutzen, indem
wir Menschenhirne mit Maschinenhirnen verbinden, indem wir eng zusammenarbeiten."
Professor Kevin Warwick ließ
sich vor zwei Jahren einen etwa 2 Zentimeter großen Chip in den linken
Unterarm implantieren. Sein Körper gewöhnte sich schnell an den Fremdkörper
im Arm. Er steckte zwischen Haut und Muskelgewebe und funkte ständig Signale
zum Hauptcomputer des Instituts. Warwick leitete damit die Ära der direkten
Kommunikation zwischen Mensch und Maschine ein. Als Erinnerung an das
Experiment bleibt ihm noch heute eine Narbe. Jedesmal wenn er sein Institut
betrat wurde er vom Zentralrechner begrüßt. Türen öffneten und schlossen
sich automatisch, sein persönlicher Computer schaltete sich ein. Das Implantat
funkte permanent Signale. Der Computer wusste somit jederzeit, ob Warwick
im Haus war und wo er sich gerade befand, wann und wie lange er sich in
welchem Raum aufhielt .
Kevin Warwick
" Ich betrachtete das Implantat sehr schnell als Teil meines Körpers.
Andere Menschen, die beispielsweise einen Herzschrittmacher tragen, fühlen
das wohl in ähnlicher Weise. Wenn es Teil deines Körpers ist und Sachen
passieren, weil es ein Computer für dich veranlasst, dann fühlt man eine
gewissen Nähe zu diesem Computer. Und so ging es mir. Der Computer, der
für mich Dinge machte, war ja nicht ferngesteuert, er war in gewisser
Weise mit mir verbunden, weil das Implantat ein Teil von mir war. "
Bewiesen hat er damit in erster
Linie, dass Computer und Implantat kommunizieren können und dass eine
derartige Operation sicher ist. Mit seinem Experiment sieht er sich zurecht
als Vorreiter einer Entwicklung. Als persönliche Vorbilder nennt er Charles
Lindbergh oder Marie Curie. Aber Warwick plant schon ein anderes Experiment.
Nächstes Jahr soll ein Chip mit seinen Nervenfasern verbunden werden.
Die elektronischen Signale bei Bewegungen oder bei Gefühlen sollen dann
in einen Computer eingespeist, gespeichert und wieder an ihn zurückgeschickt
werden. Wie sein Köper darauf reagiert, weiß Kevin Warwick nicht.
Kevin Warwick
" Mit dem nächsten Experiment wollen wir Signale untersuchen, die
Bewegungen auslösen und Menschen mit Störungen im Nervensystem betreffen,
die damit Gliedmaßen wieder bewegen können, die vorher gelähmt waren.
Aber wir wollen auch Wahrnehmungen außerhalb unserer Sinne untersuchen,
wie zum Beispiel Ultraschall. Ähnlich wie unsere Zwergroboter - sie sind
mit Sensoren ausgestattet, die den Abstand zu Objekten messen. Diese Information
wollen wir in mein Nervensystem einspeisen. Damit hätte ich einen zusätzlichen
Sinn für Entfernungen. Das wäre vor allem für Blinde interessant, sie
hätten damit einen Sinn für Abstände und könnten sich frei bewegen. Und
dann wollen wir Emotionen untersuchen, wie Schmerz, Zorn, Schock, Erregung.
"
Welche Möglichkeiten gibt es, elektronische Signale wie Schmerz vom Nervensystem
aufzuzeichnen, zu speichern und sie wieder einzuspeisen? Wieviel davon
können wir wieder zurückschicken? Fühle ich denselben Schmerz, wenn elektronische
Signale abgeschickt werden? Vielleicht wäre es nützlich, wenn ich dem
Schmerzgefühl gegensteuern könnte. Wäre es möglich, einen Chip im Rücken
zu implantieren, wenn ich an Rückenschmerzen leide? Der Chip könnte den
Schmerz gleich neutralisieren, wenn er auftritt. Ich muss nicht immer
daran erinnert werden, dass ich Rückenschmerzen habe. Können wir den Schmerz
verhindern ohne Chemikalien einzunehmen? Es geht mir also vor allem um
elektronische Medizin: Kann man elektronisch die Art und Weise verändern
wie das Gehirn arbeitet und wie man sich fühlt? Können wir jemanden elektronisch
erregen oder beruhigen, wenn er deprimiert oder aufgeputscht ist?
Vollmundige Ankündigungen aus
dem Gebiet der Roboterforschung ist man schon seit über 40 Jahren gewohnt.
Wären die Prophezeiungen aus den 70er Jahren eingetroffen, dann würden
wir heute alle mit fliegenden Untertassen morgens ins Büro fliegen. Wenn
man die unbeholfenen Bewegungen der Roboterkatze „hissing Sid" betrachtet,
so ist man versucht zu glauben, dass Warwicks Thesen wieder nur heiße
Luft sein könnten. Doch die Fortschritte in der Computertechnik könnten
ihm recht geben. Noch nie vollzog sich eine Entwicklung derart rasant
und unvorhersehbar. Computer können schon heute vieles besser als der
Mensch. Was den Mensch aber letztlich überlegen macht, ist sein Gehirn.
Kevin Warwick
" Der Grund für die herausragende Stellung, die der Mensch auf der
Erde einnimmt und dass er andere Geschöpfe kontrollieren kann, ist seine
Intelligenz. Weil wir intelligenter sind als alles andere, sind wir in
dieser Position. Die Logik der Natur ist dann aber auch, dass wenn etwas
auftaucht, das intelligenter ist als wir - wenn es auf Weisen denken kann,
die wir uns gar nicht vorstellen können - dann wird es die Macht übernehmen.
Wir könnten dann nicht mithalten. Das wäre, wie wenn eine Kuh uns Menschen
sagen wollte, was wir zu tun und zu lassen haben. Das ist unvorstellbar,
weil sie nicht in der Weise denken kann wie wir. In den nächsten 20, 30
Jahren werden wir Maschinen sehen, die in vielen Dimensionen denken können,
die viel genauer und viel schneller arbeiten und die die Welt auf viele
verschiedene Weisen wahrnehmen können. Wenn derartige Maschinen erst existieren,
dann werden sie bestimmen, was sie tun, wenn wir es nicht vorher tun.
Für mich ist es so gut wie sicher, dass es so kommen wird. "
Kevin Warwick arbeitet eng
mit seinen Studenten zusammen. Eine Studentin stellt ihm einen neuartigen
Schmuck vor, der seine Farbe verändern soll, wenn sich der Blutdruck erhöht
oder Fieber auftritt. Warwick bleibt offen für alles. Was viele Kollegen
ins Reich der platten Fantasie verweisen ist für ihn nicht selten eine
Quelle der Inspiration.
Kevin Warwick
" Als Kind haben mich Roboter fasziniert. Einige meiner Ideen stammen
aus der Welt der Science-Ficton, H.G.Wells zum Beispiel und der Film ‚Der
Terminator' haben mich beeindruckt. Aber es gab eigentlich nicht den einen
Moment, der mich prägte, es war eher eine Reihe von Dingen."
Seine Bücher sind allesamt
Bestseller, nicht zuletzt wegen seiner provokanten Thesen. Und dass er
es ernst meint, zeigen seine waghalsigen Experimente. Vielleicht kann
er damit helfen, Leiden wie zum Beispiel die Parkinsonsche Krankheit zu
besiegen. Mehr dazu in unserem nächsten Beitrag.
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