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Archimède

25. Juli 2000



 

Kevin Warwick

Das Institut für Kybernetik der Universität Reading unterscheidet sich eigentlich nicht von anderen Roboterlabors in der Welt. Wäre hier nicht Kevin Warwick, der Leiter des Instituts. Er gilt als einer der weltweit führenden Köpfe unter den Roboterforschern.

Nicht zuletzt wegen seiner provokanten Thesen was die Zukunft des Menschen betrifft, zog er in der Vergangenheit die Aufmerksamkeit auf sich. Seine Visionen sind mittlerweile um die Welt gegangen, sowohl auf Kongressen als auch in vielen Talkshows hat er für Furore gesorgt.

Prof. Kevin Warwick, Universität Reading
" In den nächsten 20 bis 30 Jahren wird es Maschinen geben, die intelligenter sind als der Mensch. Sogar in 10 Jahren schon werden Maschinen möglicherweise dieselbe Hirnleistung wie das menschliche Gehirn haben. Was Intelligenz und Fähigkeiten angeht, die sich direkt auf unser Leben auswirken - das wird alles noch ein wenig länger dauern. In 20 bis 30 Jahren werden wir einerseits Probleme bekommen, wenn intelligente Maschinen unerwünschte Entscheidungen gegen die Menschen treffen. Andererseits eröffnet sich dadurch für uns ein Potenzial, wenn wir diese Intelligenz nutzen, indem wir Menschenhirne mit Maschinenhirnen verbinden, indem wir eng zusammenarbeiten."

Professor Kevin Warwick ließ sich vor zwei Jahren einen etwa 2 Zentimeter großen Chip in den linken Unterarm implantieren. Sein Körper gewöhnte sich schnell an den Fremdkörper im Arm. Er steckte zwischen Haut und Muskelgewebe und funkte ständig Signale zum Hauptcomputer des Instituts. Warwick leitete damit die Ära der direkten Kommunikation zwischen Mensch und Maschine ein. Als Erinnerung an das Experiment bleibt ihm noch heute eine Narbe. Jedesmal wenn er sein Institut betrat wurde er vom Zentralrechner begrüßt. Türen öffneten und schlossen sich automatisch, sein persönlicher Computer schaltete sich ein. Das Implantat funkte permanent Signale. Der Computer wusste somit jederzeit, ob Warwick im Haus war und wo er sich gerade befand, wann und wie lange er sich in welchem Raum aufhielt .

Kevin Warwick
" Ich betrachtete das Implantat sehr schnell als Teil meines Körpers. Andere Menschen, die beispielsweise einen Herzschrittmacher tragen, fühlen das wohl in ähnlicher Weise. Wenn es Teil deines Körpers ist und Sachen passieren, weil es ein Computer für dich veranlasst, dann fühlt man eine gewissen Nähe zu diesem Computer. Und so ging es mir. Der Computer, der für mich Dinge machte, war ja nicht ferngesteuert, er war in gewisser Weise mit mir verbunden, weil das Implantat ein Teil von mir war. "

Bewiesen hat er damit in erster Linie, dass Computer und Implantat kommunizieren können und dass eine derartige Operation sicher ist. Mit seinem Experiment sieht er sich zurecht als Vorreiter einer Entwicklung. Als persönliche Vorbilder nennt er Charles Lindbergh oder Marie Curie. Aber Warwick plant schon ein anderes Experiment. Nächstes Jahr soll ein Chip mit seinen Nervenfasern verbunden werden. Die elektronischen Signale bei Bewegungen oder bei Gefühlen sollen dann in einen Computer eingespeist, gespeichert und wieder an ihn zurückgeschickt werden. Wie sein Köper darauf reagiert, weiß Kevin Warwick nicht.

Kevin Warwick
" Mit dem nächsten Experiment wollen wir Signale untersuchen, die Bewegungen auslösen und Menschen mit Störungen im Nervensystem betreffen, die damit Gliedmaßen wieder bewegen können, die vorher gelähmt waren. Aber wir wollen auch Wahrnehmungen außerhalb unserer Sinne untersuchen, wie zum Beispiel Ultraschall. Ähnlich wie unsere Zwergroboter - sie sind mit Sensoren ausgestattet, die den Abstand zu Objekten messen. Diese Information wollen wir in mein Nervensystem einspeisen. Damit hätte ich einen zusätzlichen Sinn für Entfernungen. Das wäre vor allem für Blinde interessant, sie hätten damit einen Sinn für Abstände und könnten sich frei bewegen. Und dann wollen wir Emotionen untersuchen, wie Schmerz, Zorn, Schock, Erregung. "

Welche Möglichkeiten gibt es, elektronische Signale wie Schmerz vom Nervensystem aufzuzeichnen, zu speichern und sie wieder einzuspeisen? Wieviel davon können wir wieder zurückschicken? Fühle ich denselben Schmerz, wenn elektronische Signale abgeschickt werden? Vielleicht wäre es nützlich, wenn ich dem Schmerzgefühl gegensteuern könnte. Wäre es möglich, einen Chip im Rücken zu implantieren, wenn ich an Rückenschmerzen leide? Der Chip könnte den Schmerz gleich neutralisieren, wenn er auftritt. Ich muss nicht immer daran erinnert werden, dass ich Rückenschmerzen habe. Können wir den Schmerz verhindern ohne Chemikalien einzunehmen? Es geht mir also vor allem um elektronische Medizin: Kann man elektronisch die Art und Weise verändern wie das Gehirn arbeitet und wie man sich fühlt? Können wir jemanden elektronisch erregen oder beruhigen, wenn er deprimiert oder aufgeputscht ist?

Vollmundige Ankündigungen aus dem Gebiet der Roboterforschung ist man schon seit über 40 Jahren gewohnt. Wären die Prophezeiungen aus den 70er Jahren eingetroffen, dann würden wir heute alle mit fliegenden Untertassen morgens ins Büro fliegen. Wenn man die unbeholfenen Bewegungen der Roboterkatze „hissing Sid" betrachtet, so ist man versucht zu glauben, dass Warwicks Thesen wieder nur heiße Luft sein könnten. Doch die Fortschritte in der Computertechnik könnten ihm recht geben. Noch nie vollzog sich eine Entwicklung derart rasant und unvorhersehbar. Computer können schon heute vieles besser als der Mensch. Was den Mensch aber letztlich überlegen macht, ist sein Gehirn.

Kevin Warwick
" Der Grund für die herausragende Stellung, die der Mensch auf der Erde einnimmt und dass er andere Geschöpfe kontrollieren kann, ist seine Intelligenz. Weil wir intelligenter sind als alles andere, sind wir in dieser Position. Die Logik der Natur ist dann aber auch, dass wenn etwas auftaucht, das intelligenter ist als wir - wenn es auf Weisen denken kann, die wir uns gar nicht vorstellen können - dann wird es die Macht übernehmen. Wir könnten dann nicht mithalten. Das wäre, wie wenn eine Kuh uns Menschen sagen wollte, was wir zu tun und zu lassen haben. Das ist unvorstellbar, weil sie nicht in der Weise denken kann wie wir. In den nächsten 20, 30 Jahren werden wir Maschinen sehen, die in vielen Dimensionen denken können, die viel genauer und viel schneller arbeiten und die die Welt auf viele verschiedene Weisen wahrnehmen können. Wenn derartige Maschinen erst existieren, dann werden sie bestimmen, was sie tun, wenn wir es nicht vorher tun. Für mich ist es so gut wie sicher, dass es so kommen wird. "

Kevin Warwick arbeitet eng mit seinen Studenten zusammen. Eine Studentin stellt ihm einen neuartigen Schmuck vor, der seine Farbe verändern soll, wenn sich der Blutdruck erhöht oder Fieber auftritt. Warwick bleibt offen für alles. Was viele Kollegen ins Reich der platten Fantasie verweisen ist für ihn nicht selten eine Quelle der Inspiration.

Kevin Warwick
" Als Kind haben mich Roboter fasziniert. Einige meiner Ideen stammen aus der Welt der Science-Ficton, H.G.Wells zum Beispiel und der Film ‚Der Terminator' haben mich beeindruckt. Aber es gab eigentlich nicht den einen Moment, der mich prägte, es war eher eine Reihe von Dingen."

Seine Bücher sind allesamt Bestseller, nicht zuletzt wegen seiner provokanten Thesen. Und dass er es ernst meint, zeigen seine waghalsigen Experimente. Vielleicht kann er damit helfen, Leiden wie zum Beispiel die Parkinsonsche Krankheit zu besiegen. Mehr dazu in unserem nächsten Beitrag.

  © 1999 ARTE G.E.I.E