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29. August 2000 |
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Die Krankheits-Propheten Auf der Intensivstation fürchten die Ärzte den sogenannten "point of no return" - wenn eine Krankheit zu spät erkannt wurde und alle medizinischen Bemühungen zu spät kommen. Die Chance, dass ein Patient gesund überlebt, ist um so größer, je früher und präziser seine Erkrankung erkannt wird. Nicht nur diagnostizieren, sondern den Krankheitsverlauf auch vorhersagen - ein solcher Ansatz kommt nun aus der Biochemie. "Datenmusteranalyse" heißt das Verfahren. Es wurde am Max-Planck-Institut im bayerischen Martinsried entwickelt und in mehreren klinischen Studien erprobt. Krankheiten können damit entdeckt und behandelt werden, bevor sie zum Ausbruch kommen. Prof. Günter Valet, Max-Planck-Institut
für Biochemie Martinsried: Die Analyse beruht auf einem biochemischen Verfahren, mit dem Funktionen und Eigenschaften von Blutzellen bestimmt werden können. Prof. Günter Valet: In der Intensivmedizin gehört die Sepsis - die Bakterienvergiftung - zu den gefürchteten, lebensgefährlichen Komplikationen des Krankheitsverlaufs. Nur wenn septische Patienten im sehr frühen Stadium der Erkrankung identifiziert werden, sind die Heilungschancen gut. Das Ergebnis einer gemeinsamen Studie mit Münchner Intensivmedizinern gibt Anlass zur Hoffnung: Der Krankheitsverlauf von 70 Studien-Patienten konnte nicht nur präzise diagnostiziert, sondern sogar vorhergesehen werden. Wichtig für das Analyseverfahren ist, dass Veränderungen innerhalb der Zellen biochemisch sehr früh nachgewiesen werden können - manchmal schon wenige Minuten nachdem der krankmachende Prozess begonnen hat. Für den Sepsisnachweis wurden rund 150 Zelleigenschaften erfasst. Prof. Günter Valet: Andere Messungen, die zur Vorhersage
einer Sepsis durchgeführt werden, erfassen zum Beispiel die Aktivität
eines Eiweiß zersetzenden Enzyms oder den PH-Wert in der Zelle. Das Ergebnis
der Messungen ist eine Datenbasis, die im Fall der Sepsis 150 Werte für
jeden untersuchten Patienten enthält. Eine Datenflut. Nun beginnt das
Analyseverfahren: Für jeden einzelnen Messwert werden alle Patientendaten
in einer Kurve zusammengestellt - wie z.B. für die erwähnten "oxidativen
Radikalen". Im grünen Bereich der Kurve befinden sich nun alle normalen
- gesunden - Werte. Im gelben Bereich ist die Produktion von Radikalen
vermindert, im roten zu stark. Der grüne Bereich wird mit einer Null gekennzeichnet,
der rote erhält ein Plus, der gelbe ein Minus. Auf diese Weise werden
alle 150 gemessenen Werte auf die Angaben Minus, Null und Plus reduziert. Im zweiten Analyseschritt beginnt die Lernphase. Jede gemessene Zelleigenschaft wird darauf hin untersucht, wie wichtig sie für das Gesamtergebnis ist. Nur die trennschärfsten Eigenschaften verbleiben im System. Durch die Klassifizierung kann die Datenmenge um 80-95% reduziert werden. Angenommen durch diese Prozedur werden vier aussagekräftige Zelleigenschaften ermittelt, so wird der Gesundheitszustand jedes Patienten jetzt nur noch durch vier Stellen aus Null, Plus und Minus-Zeichen definiert - anstatt aus 150 Zahlen. Die Idealwerte des gesunden Patienten sind vier Nullen. Alle Zellfunktionen arbeiten normal. Patient zwei hingegen ist krank: sein Datenmuster beinhaltet keine Null. Die Zellfunktionen sind entweder zu schwach oder zu stark. Ein typisches Muster für Krankheit und eines für Gesundheit bildet schließlich eine Doppelmaske, an der jeder neu eingelieferte Patient verglichen werden kann. Es kommt nicht nur auf die Anzahl der Nullen an, sondern auch auf ihre Position, wenn zum Schluss die Prognose gestellt wird, ob der Patient zu den Gesunden oder Kranken gezählt werden muss. Nach Ablauf der Studienphase ist das Endergebnis eine Matrix, die eine ganz bestimmte Krankheit definiert.In der klinischen Praxis ist der Arbeitsaufwand dann nicht mehr groß: Es müssen nur wenige Messwerte ermittelt werden - und das Ergebnis ist trotzdem präzise: In der Münchner Studie konnten die septischen Patienten mit einer Wahrscheinlichkeit von 97 Prozent identifiziert werden. Prof. Wolfgang Kellermann,
Auch in anderen Bereichen wurden Krankheitsverläufe erfolgreich prognostiziert: in der Kinderherzchirurgie, der Krebstherapie und der Sportmedizin. Zwar keine Vorhersage, aber eine präzise Diagnose konnte für die Leukämie, das juvenile Asthma und die HIV-Infektion erreicht werden. Prof. Günter Valet: Zur Zeit läuft eine zweite Sepsis - Studie am Schwabinger Krankenhaus, die die Methodik der Datenmusteranalyse variiert. Bisher beruht die Rechnung auf der Zellanalyse, aber längst nicht jeder Intensivstation steht dieses Gerät, ein sogenanntes Durchflusszytometer zur Verfügung. Deshalb wird geprüft, ob die Datenmusteranalyse genauso erfolgreich auch mit anderen klinischen Daten durchgeführt werden kann. Prof. Wolfgang Kellermann: Zwei bis drei Tage vor dem Krankheitsausbruch kann die Datenmusteranalyse schon jetzt eine Sepsis prognostizieren. In Zukunft wird es wohl möglich sein, jede nur denkbare herannahende Komplikation bereits im Vorfeld zu erkennen. Die Intensivmedizin steht vor einer Revolution. |
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