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Schlaf und
Altern
Seit der Mensch um seine Sterblichkeit
weiß, befindet er sich auf der fieberhaften Suche nach dem Stoff des Lebens
- dem Jungbrunnen, der Gesundheit und langes Leben verspricht. Generationen
von Alchimisten - später dann Mediziner und Wissenschaftler - haben unzählige
Nächte über ihren Experimenten verbracht, um am Ende von der Weisheit
eingeholt zu werden, daß das menschliche Leben schon nach kurzer Zeit
mit dem Tod endet. Doch genau diesen Zeitraum wollen die Forscher verlängern.
Nicht ins Unendliche - aber ein paar Jahrzehnte mehr. Verstärkt gehen
die Forschungen weiter. Und kaum ein Bereich bleibt davon unberührt. Umwelt-,
Gesellschafts- und Altersforschung - Hand in Hand mit allen medizin-wissenschaftlichen
Bereichen. Doch die Zeit läuft uns sprichwörtlich davon. Denn einen wesentlichen
Aspekt haben die meisten Wissenschaftler bisher außer acht gelassen -
den Schlaf. Der Schlaf als Jungbrunnen? Das behauptete die chinesische
Medizin schon vor einigen tausend Jahren. Ein deutscher Wissenschaftler,
nebenbei Doktor der chinesischen Medizin, behauptet sogar: die Nacht und
nicht der Tag bestimmt unser Sein.
Dr. Gunter Neeb, Altersforscher:
"Übertreibung macht anschaulich. Zu sagen, daß Schlaf eigentlich der Normalzustand
ist und Wachsein der Ausnahmezustand, ist eine Übertreibung. Wir brauchen
natürlich beides. Es gehört beides zur Physiologie. Auch in der chinesischen
Medizin gehören Ying und Yang zusammen. Aber wir haben die ganze Zeit
uns nur angeschaut, daß wir wach sind, weil wir da uns selbst wahrnehmen
und bewusst sind. Hingegen wenn wir schlafen, sind wir nicht über uns
selbst bewusst. Wir haben also den Schlaf als etwas weniger Wichtiges
dargestellt und gesagt: ja vielleicht können wir den auch ganz weglassen.
Weniger schlafen und mehr arbeiten. Vielleicht brauchen wir den Schlaf
gar nicht. Und ich stelle das nun aus der anderen Seite dar und sage:
es könnte aber auch sein, daß der Schlaf das wichtigere ist, damit wir
überhaupt lange genug leben und unsere Ziele im Leben erreichen können.
Also sprich auch ein höheres Alter erreichen können. Wenn der Schlaf nämlich
kürzer wird, wie es im Alter normalerweise der Fall ist, wird der Körper
auch schneller älter."
Auch darin gleicht der Mensch
seinen animalischen Zeitgenossen - im rhytmischen Verlauf des Lebens.
Das Leben führt ein existenzielles Verhältnis mit dem Licht und hat den
Tag-Nacht-Wechsel verinnerlicht. In jedem lebenden Organismus, egal ob
Mensch oder Tier, Einzeller oder Pflanze, geben sogenannte innere Uhren
den Takt an. Im Wechsel von Tag zu Nacht und von Nacht zu Tag steuern
die inneren Zeitgeber unzählige lebenswichtige Prozesse. Dieser vorgegebene
Takt bestimmt unser Leben. Und gehen unsere inneren Uhren nach oder vor
kann das - so die neue Vermutung - vor allem unsere Lebensspanne beeinflussen.
Was macht unseren Forscher so sicher? Und worauf gründet er seine ungewöhnliche
These?
Dr. Gunter Neeb, Altersforscher:
"Ich habe eigentlich nur eins und eins zusammengezählt und habe alle Forschungsberichte
der letzten Jahre aus der Endokrinonolgie, also sprich Hormonforschung
und Immunologie, das heißt die Erforschung des Abwehrsystems zusammengestellt
und geschaut inwieweit da ein Zusammenhang besteht. Und das fehlende Zwischenglied
hat sich für mich als der Schlaf herausgestellt. Der also eine Verbindung
zwischen den beiden Systemen darstellt und gleichzeitig wenn man sich
anschaut wie der alternde Mensch immer weniger Immunreaktionen hat, auch
endokrinologisch immer mehr abbaut, sieht man also wirklich Zusammenhänge
zwischen dem Altern und dem Schlaf, die sehr deutlich sind. Und diese
Theorie, die ich aufgestellt habe, wurde auch letztes Jahr von einem Forscherteam
bewiesen, wo man eben Leute weniger schlafen ließ und dann Entwicklungen
festgestellt hat, die mit schnellem Altern einhergehen. Oder aber auch
mit einem Frühstadium der Diabetes."
Schlafmangel verkürzt das Leben.
Eine Behauptung, die an und für sich logisch klingt. Dennoch ist sie für
viele Schlaf- und Altersforscher bisher keineswegs erwiesen. Denn vor
allem die Altersforschung steckt noch in den Kinderschuhen. Einen biologischen
Zusammenhang zwischen der Schlafqualität und dem Alterungsprozess ist
für die meisten Forscher eine Hypothese von vielen. Altern, so die bekannteste
These, ist ein universeller Prozess, der nicht willkürlich, sondern programmiert
abläuft. Ein Vorgang also an dem die inneren Uhren maßgeblichen Anteil
haben. Und dennoch bestreitet niemand, daß unser Wohlbefinden und unsere
Gesundheit wesentlich von einem fehlerfreien Funktionieren und Zusammenspiel
dieser Zeitgeber abhängt. Und genau da setzt die neue These an.
Dr. Gunter Neeb, Altersforscher:
"Die direkte Verbindung von Immunsystem zu Hormonsystem geht über das
Melatonin. Dies stimuliert die Fresszellenaktivität, die natürlichen Killerzellen,
die immunologischen Botenstoffe, zum Beispiel Interleukine ein und vier
und stellen so einen direkten Zusammenhang her. Über den Schlaf haben
wir jedoch viel mehr Zusammenhänge. Der Schlaf selbst wird einmal stimuliert
bei Infektionen, das heißt sobald wir eine Grippe verspüren, wird es uns
müde. Und das wird erreicht durch Interleukin eins, Tumornekrosefaktor
und Immunmodulatoren, die uns müde werden lassen.Wenn der Schlaf dann
eintritt, dann kann eine Zunahme der natürlichen Killerzellen und der
Fresszellenaktivität stattfinden. Das heißt, das Immunsystem lässt uns
müde werden, um im Schlaf wiederum eine höhere Immunaktivität zu erreichen.
Die nächste Verbindung ist das Hormonsystem zum Schlaf. Einmal hat Serotonin
eine beidseitige Feedbackwirkung auf Schlaf und Hormonsystem. Zum anderen
lässt uns das Melantonin aus der Zirbeldrüse müde werden, und der Schlaf
tritt leichter ein, sobald die Zirbeldrüse das Melantonin freisetzt. Wichtig
ist vor allen Dingen im Schlaf, daß das Wachstumshormon im Tiefschlaf
ausgeschüttet wird. Denn mehr als die Hälfte des Wachstumshormons werden
im Tiefschlaf und nicht in den Traumphasen ausgeschüttet. Wenn das Wachstumshormon
in genügender Menge ausgeschüttet wird, hat es wiederum direkte Wirkung
auf das Immunsystem und auf das Hormonsystem. Wenn das Wachstumshormon
jedoch in geringer Menge ausgeschieden wird, wie es im Alter oft der Fall
ist, dann führt es zu einer schlechteren Stoffwechselleistung und das
Altern kann nicht nur stattfinden, sondern es findet noch früher statt.
Nämlich vorzeitig."
Eine erschreckende Erkenntnis.
Es stellt sich die Frage: wieviel Schlaf braucht der Mensch? Welche Schlafmenge
fördert ein langes Leben? Die Antwort ist einfach: man weiß es nicht!
Glaubt man der Schulmedizin, ist unser Alterungsprozess genetisch vorherbestimmt.
Das heißt, verschiedene innere Uhren bestimmen, wann und wie oft sich
unsere Zellen teilen bevor sie absterben. Dieser Vorgang lässt uns in
jahreszeitlichen Zyklen altern. Man weiß aber auch, daß sich die wichtigsten
organischen Vorgänge innerhalb eines Tages wiederholen. Und dieser Tag-Nacht-Rhythmus
ist mit allen anderen Zyklen verbunden. Ab einem Alter von rund 50 Jahren
treten in der Koordination der inneren Uhren immer größere Fehler auf.
Die Folge: der Alterungsprozess beschleunigt sich.
Dr. Gunter Neeb, Altersforscher:
"Die Idee ist jetzt eben, daß wir natürlich auch ohne schlechten Schlaf
altern. Aber daß, wenn wir schlechter schlafen, einfach schneller altern.
Das also der Alterungsprozess im Körper ständig verschnellert wird, wenn
der Schlaf nicht mehr die Regeneration, die für die Aufrechterhaltung
des Körpers notwendig ist, liefern kann. Und die Statistik zeigt uns,
daß eben fünfzig Prozent aller Deutschen über fünfundsechzig unter starken
Schlafstörungen leiden, daß der Schlaf im Alter zerstückelt, frakmentiert
wird, weniger tief ist und man nimmt es allgemein so hin und sagt: na
ja wenn man älter ist, schläft man einfach weniger und schlechter. Aber
ich sage: das ist eigentlich nicht notwendig und man soll es auch nicht
hinnehmen, sondern auch versuchen etwas dagegen zu tun, um diese Beschleunigung
des Alterns etwas aufhalten zu können."
Wer möchte das nicht?! Doch
die meisten zeitgesteuerten Abläufe sind von uns gar nicht beeinflussbar.
So zum Beispiel haben Menschen mit dunkler Augenfarbe schon von Hause
aus mehr Probleme mit dem Einschlafen und Wachwerden, als blau- oder helläugige.
Das Morgenlicht eicht unsere inneren Uhren immer wieder aufs neue und
macht uns fit für den Tag. Die Dunkelheit hingegen setzt chemische Prozesse
in Gang, die für unsere Erholung und Gesundheit wichtig sind. Bei all
den komplizierten zyklischen Mechanismen - hat der Mensch überhaupt eine
Chance, den Alterungsprozess zu verlangsamen?
Dr. Gunter Neeb, Altersforscher:
"Also diese Frage würde ich eigentlich mit ja beantworten. Nicht nur weil
die chinesische Medizin das schon immer sagt, sondern auch weil Forschungen
aus der Endokrinologie, dem Hormonsystem, der Immunologie, der Schlafforschung
und so weiter in diese Richtung gehen, und uns eigentlich zeigen, daß
wir durch einen qualitativ verbesserten Schlaf im Alter zumindest mehr
in Richtung unserer natürlichen Lebensspanne leben können, die vielleicht
bei einhundertfünfzehn Jahren liegt. Die wir aber alle deshalb nicht erreichen,
weil wir unter anderem schlecht schlafen."
Viele Knöpfe und Rädchen unseres
Zeitgenerators sind noch immer rätselhaft. Aber eines wissen wir: Alles
Leben unterliegt dem Rhythmus von Tag und Nacht, von Aktivität und Ruhe.
Und wenn wir im Takt dieser Zeitgeber leben - dann ist der Schlaf der
Jungbrunnen, den die Wissenschaft seit Jahrhunderten sucht.
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