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13. März 2001 |
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Pierre Jouventin " Ich bin zurzeit
in Brest, denn hier befindet sich das Polarinstitut, dessen Projekte ich
überprüfen soll. Ich habe die Gelegenheit genutzt und dem Océanopolis
einen Besuch abgestattet. Da ich nicht an den Südpol reisen kann,
muss ich mir die Pinguine eben hier in Frankreich anschauen. Ich befand mich also am anderen Ende der Welt, und anfangs musste ich mich zunächst natürlich anpassen, aber schließlich war ich dann doch enttäuscht. Affen scheinen dem Menschen zwar näher zu stehen als Pinguine, und das macht sie uns so sympathisch, aber schließlich fand ich die Arbeit mit den Pinguinen sehr schön, weil sie relativ einfach und daher leicht zu verstehen sind. Vorhang auf für die Großpinguine - wir sprechen hier nicht von den normalen Pinguinen, die kleiner sind und fliegen können und die nicht weit von unseren Breiten entfernt leben. Demgegenüber haben sich die Großpinguine in der südlichen Hemisphäre - also am anderen Ende der Welt - angesiedelt. Wie Sie sehen, können sie nicht fliegen, sind dafür aber umso bessere Schwimmer. Dieser Königspinguin beispielsweise taucht bis in eine Tiefe von 300 Metern und kann mehrere Minuten unter Wasser bleiben. Die Tiere leben in riesigen Kolonien. Die größte Kolonie der Königspinguine befindet sich beispielsweise in den französischen Überseegebieten - auf den Crozetinseln. Hier leben eine Million Tiere im Verbund zusammen, sie pflanzen sich fort und gehen jeden Tag auf Fischfang. Im Jahresvergleich liegt ihre Ausbeute doppelt so hoch wie die Gesamttonnage der französischen Fischerei. Gehen wir nun auf die andere Seite und schauen uns die Tiere aus der Nähe an. Das Problem dieser Tiere ist, dass sie ganz und gar nicht scheu sind - weder in der Natur noch in Gefangenschaft - denn sie wurden noch nie gejagt. Unter ihnen gibt es sowohl zutrauliche als auch schüchterne Exemplare. Sie verfügen über drei verschiedene Rufe. Zu Beginn meiner Forschungsarbeit habe ich den Ruf untersucht, mit dem sich die Pinguine untereinander verständigen, das heißt, die Kontaktrufe zum gegenseitigen Wiedererkennen. Außerdem gibt es noch den aggressiven Ruf - wie wir ihn eben gehört haben - und den Paraderuf, eine Art Gesang. Dieser Ruf ist sehr viel komplexer als die anderen Singale, denn er gibt Aufschluss über die Gattung, das Einzeltier und sein Geschlecht. Man kann dieses "Han-Han-Han-Han" mit einer Art vokaler Unterschrift vergleichen. Wir haben solche Rufe aufgezeichnet und dem Jungtier oder dem Partner vorgespielt. Dabei konnten wir zeigen, dass ihnen zur Identifikation bereits zwei Zehntelsekunden ausreichen. Das ist wahrlich sehr kurz, wir selbst wussten manchmal nicht, ob der Ruf überhaupt ausgesendet worden war. Andererseits durfte die Entfernung 10 bis 12 Meter nicht überschreiten, sonst wurde die Verständigung unmöglich. Selbst wenn der Pegel eines solchen Schreis 6 dB unter den Störgeräuschen der Umgebung liegt - und die ist enorm - können die Tiere den Partner identifizieren. Ist der Abstand jedoch größer als 14 Meter, herrscht ein derartiges Spektakel, dass die Schreie nicht mehr auszumachen sind. Die Großpinguine sind - wir man hier sieht - bestens an das Leben unter Wasser angepasst. Die größten unter ihnen - wie der Königspinguin - können sich bis zu 500 oder 1000 Kilometer von ihren Brutplätzen entfernen. Das aber zwingt sie zu einem streng monogamen Leben, denn die Männchen und Weibchen müssen sich gegenseitig ablösen. Bei den Albatrossen - einer anderen großen Wasservogelart - stellt sich die Situation noch extremer dar. Wir haben sie mit Richtfunk verfolgt, wie auch die Königspinguine. Bei den Albatrossen war dies das erste Experiment dieser Art weltweit, und wir konnten zeigen, dass sie sich zur Nahrungssuche bis zu fünf- oder zehntausend Kilometer von ihren Nistplätzen entfernen. Um derartig beeindruckende Strecken zurücklegen zu können, muss immer einer - also Weibchen oder Männchen - die Eier ausbrüten oder die Jungen bewachen. Wasservögel führen ein streng monogames Leben, das heißt, Männchen und Weibchen teilen sich die Brutarbeit und die Aufzucht der Jungen. Andererseits findet man auf den selben Inseln bei den Flossenfüßer - also den Robben, wie beispielsweise den bretonischen Seehunden - völlig andere soziale Strukturen vor. Ihr Leben unterscheidet sich stark von dem monogamen Verhalten der Wasservögel. Das bedeutet, innerhalb des selben Milieus, dem auch diese Vögel unterworfen sind, haben sich völlig andere, extrem polygame Lebensformen entwickelt. So lebt ein einziger Seeelefant beispielsweise in einem riesigen Harem von 100 Weibchen. Wie ist das zu erklären? Die Robben verfügen über sehr große Reserven, denn es sind ausgesprochen voluminöse Säugetiere. Außerdem sind alleine die Weibchen für die Aufzucht zuständig, da sie die Jungen austragen und auch säugen. Die Männchen spielen im Rahmen der Fortpflanzung also lediglich eine untergeordnete Rolle - sie haben nur Anteil am eigentlichen Vorgang der Begattung. Die sozialen Rollen stellen sich hier also völlig anders dar. Das erklärt auch, warum sich Männchen und Weibchen gegenseitig nicht wiedererkennen und identifizieren können. Bei den Wasservögeln hingegen gibt es dieses Band der Identifikation über die Stimme. Diese streng wissenschaftliche, objektive Erforschung der sozialen Strukturen bei Tieren ist eine völlig neue Vorgehensweise, eine ganz neue Wissenschaft. Man könnte sagen, dieses Gebiet vereint drei Wissenschaftsdisziplinen: Die Ökologie, die Verhaltensforschung und die Evolution. Auf diese Weise kann man wissenschaftlich an Probleme herangehen, die eigentlich der Phantasie der Natur zu entspringen scheinen. Das ist ein ganz neues Forschungsgebiet, auf dem erst seit etwa 10 Jahren gearbeitet wird. Wir haben hier im Océanopolis gerade den Ausstellungsteil besucht, in dem sich das Publikum über den Stand der neuesten Forschungen informieren kann. Nun kommen wir ins Innere des Polarinstituts, dorthin, wo das wissenschaftliche Material aufbewahrt wird. Bei langen Expeditionen in die Arktis oder Antarktis muss man natürlich Vorsorge treffen. So hat meine erste Mission ins Adélieland 15 Monate gedauert. Im Winter hat man dort mit minus 35° und Winden bis zu 350 km/h zu kämpfen, und das Schiff kommt nur zwei- bis drei-, maximal viermal pro Jahr. Unter diesen Bedingungen muss die Logistik einfach stimmen. Hier am Polarinstitut werden die Mittel verwaltet, die sowohl für die Erforschung der Arktis - wo Frankreich keine Gebiete besitzt - als auch für die Erforschung der Antarktis zur Verfügung stehen. Das Adélieland ist französisches Interessengebiet. Die Expeditionen gehen aber auch in die subantarktischen Zonen, die ebenfalls zum französischen Territorium gehören, und die - wie unsere Forschungen gezeigt haben - von ganz besonderem Interesse sind. Diese Gebiete sind wohl mit dem weltweit größten Reichtum an Fauna und Flora gesegnet: Beispielsweise gibt es hier sieben Albatros-Arten und sieben verschiedene Arten Großpinguine. Auf einem Quadratkilometer leben 60 Tonnen Vögel - das ist wohl einzigartig auf der Welt. Doch diese Fakten sind wenig bekannt und besitzen keinen offiziellen Status. Problematisch ist, dass wegen der verbesserten Reisebedingungen immer mehr Menschen und Schiffe hier anlanden und mit ihnen immer mehr Tiere und Pflanzen in dieses Ökosystem eingeschleppt werden. Das führt zu einer ökologischen Katastrophe. Wir streben daher an, dass seitens des Umweltministeriums zumindest ein Nationalpark oder - angesichts der immensen Bedeutung dieser Zone - ein internationales Schutzgebiet eingerichtet wird. Der gegenwärtige Zustand soll erhalten bleiben, denn bestimmte Inseln sind bisher von menschlichen Eingriffen in die Natur verschont geblieben. Ihre Einzigartigkeit ist in Frankreich kaum bekannt - sie verdiente viel mehr Aufmerksamkeit. Diese Forschungen erweitern logischerweise unseren Kenntnisstand. So wissen wir beispielsweise heute, dass ein großer Albatros mehrere tausend Kilometer zurücklegen kann - bisher war das unvorstellbar. Darüber hinaus lässt sich - wenn man ein wenig Distanz wahrt - der Mensch aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten, denn man wird sich bewusst, dass sich gegenwärtig die Grenze zwischen Mensch und Tier verwischt. Bisher glaubte man - und unsere gesamte Zivilisation basiert darauf - dass der Mensch sich gänzlich vom Tier unterscheidet. Aber Darwin - und diese Sichtweise geht bereits auf Aristoteles zurück - hat bewiesen: Der Mensch ist ein Tier wie jedes andere. Es verfügt zwar über einige Besonderheiten, ist intelligenter und zivilisierter, aber trotzdem existieren zwischen Mensch und Tier keine wirklichen Wesensunterschiede. Es gibt nur graduelle Abweichungen. Alles in allem könnte man sagen, unsere Forschungsarbeit beschäftigt sich ganz einfach mit der Frage, was der Mensch eigentlich ist. |
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