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19. Juni 2001 |
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Etienne Jules Marey Etienne Jules Marey hat Bilder hinterlassen, eine Fülle von Bildern; einige sind uns kostbar, gehören sie doch zu den ersten Kinobildern überhaupt... Diesen Aufnahmen verdankt Marey seinen Platz in der Geschichte. Menschen und Tiere, die sich vor dem Objektiv eines Wissenschaftlers entwickeln, der meinte: "Wir müssen uns auf die Suche nach den Gesetzen des Lebens machen." Hinter diesen Bildern steht der Scharfblick eines Mannes, der sich folgendermaßen beschrieb: "Ich habe keine Erinnerung, ich besitze nur das Gedächtnis des Auges." Und hinter diesem Blick ein anderer, der eines träumerischen Kindes, unabhängig, sich für Mechanik begeisternd, ein junger Mediziner und Physiologe... Ein junger Mediziner, der sich vor allem für die innere Dynamik des Körpers begeistert, ein Mechaniknarr, ein Wissenschaftler, der den Kardiographen, den Sphygmographen, den Myographen, den Polygraphen erfindet... Jeder einzelne seiner Apparate revolutioniert die medizinische Beobachtung und wird bald überall auf der Welt eingesetzt. Marey versichert: "Fordert eine Bewegung das Auge heraus, ihr zur folgen, wird der Physiker dem Gedanken entrinnen können, diese Bewegung zu analysieren? Nie und nimmer! Hier ist eine solche Analyse - aufgezeichnet von einer Apparatur und auf Papier gebannt." Eine Obsession bricht sich Bahn, die ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen wird. "Ich denke, die Bewegung ist die wichtigste Aktion überhaupt. Das Entstehen einer Bewegung war früher der geheimnisvollste Teil der Biologie; bald wird sie die am besten erforschte sein." Gegen die fortschrittsfeindliche Haltung derer, die es bei der simplen Beobachtung bewenden lassen wollen, wendet sich Maray in seinem 1878 erschienen Buch, in dem er voller Begeisterung seine Methoden verteidigt. Seine "Graphische Methode", die bald auf den Bewegungsapparat von Mensch und Tier angewendet wird, lässt die kuriosesten Maschinen entstehen. Die Forschungen von Etienne Jules Marey über den Flug von Insekten und Vögeln versetzt im Collège de France die ganze kleine Welt der Aeronauten in helle Aufregung. Marey spornt zum Träumen an, er wird angebetet oder er wird bekämpft. Er erfindet eine pneumatische Maschine, mit der er die Auftriebskraft von Insekten nachahmen kann und die begeistert aufgenommen wird: "An das Problem der Bewegungen in der Luft, früher als Utopie betrachtet, geht man heutzutage mit wirklich wissenschaftlichen Methoden heran." Doch seine völlig neue Theorie, derzufolge ein Pferd nach dem Sprung mit nur einem Bein den Boden berührt, stellt die größte Sensation dar. Zur Überprüfung dieser Ansicht macht der britische Photograph Edward Muybridge seine berühmt gewordene Phasenphotographie eines galoppierenden Pferdes, die um die Welt geht und schließlich bei Maray landet. "Ich bin voller Bewunderung für die Momentaufnahmen von Monsieur Muybridge. Ich möchte ihn bitten, seinen Beitrag zur Lösung einiger physiologischer Probleme zu leisten, die mit anderen Methoden nur sehr schwer zu bewältigen sind. So träume ich hinsichtlich des Vogelflugs von einer Art photographischem Gewehr..." Doch Marey träumt nicht nur, sondern kehrt in seine mechanische Werkstatt zurück... "Ich habe eine photographische Flinte entwickelt, die keine mörderische Waffe ist, sondern Bilder eines fliegenden Vogels oder eines laufenden Tieres in weniger als einer fünfhundertstel Sekunde aufnimmt. Ich weiß nicht, ob du dir diese Schnelligkeit vorstellen kannst, aber das ist wirklich eine ganz erstaunliche Sache." In seinem neu eingerichteten Laboratorium im Bois de Boulogne - "Physiologische Station" genannt - startet Marey ein umfangreiches Programm zur Erforschung der Bewegung. Eine 450 Meter lange Kreisbahn, ein 15 Meter großer Schuppen, in dem die für die Aufnahmen notwendige schwarze Leinwand untergebracht ist und Schienen für den Kamerawagen...Die Station ist ein revolutionäres Labor. Im gleichen Jahr - 1882 - entwickelt er die erste chronophotographische Kamera mit stehender Bildplatte, auf der die sich aneinander reihenden Zustände festgehalten werden. Die Photographie hat Einzug gehalten in das Leben und die Arbeit von Etienne Jules Marey. Er begeistert sich, vervollkommnet seine Aufnahmetechnik, die Herstellungsverfahren von Bildkopien. Der Photographie gilt seine ganze Hoffnung, mehr noch als seiner graphischen Methode: Sie überträgt mit einfachen Mitteln die komplexesten Bewegungsformen und macht Dinge sichtbar, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat... "Ich bitte Sie, auf Kosten des Labors hautenge Anzüge zu kaufen, wie sie Clowns tragen. Einen weißen und einen schwarzen, mit Handschuhen und Schuhen ohne Absätze." Diese Anzüge will Marey mit glitzernden Punkten und Bändern besetzen... und erhält regelrechte geometrische Skizzen, die er "Bilder des Skelettmannes" oder "Skelettbahnen" nennt. In Neapel, wohin sich Maray jeden Winter zurückzieht - weit von Paris und dem Treiben an der Akademie entfernt - forscht, konstruiert und experimentiert er unermüdlich weiter. Er photographiert die Vögel...aber die Aufnahmen geben nicht alle Geheimnisse preis, um den Vogelflug exakt analysieren zu können. "Ich werde versuchen, eine plastische Figur zu modellieren. Das ist meiner Meinung nach die einzige Möglichkeit, um eine genaue Vorstellung des Flügelschlags zu erhalten. Durch die Verteilung der Figuren auf einem Zootrop bildet man das Erscheinungsbild eines fliegenden Vogels nach. Dank des Profils der Bilder entsteht eine vollkommene Illusion, und der Betrachter erkennt einen Vogel, der sich von ihm entfernt, seitlich vorbeifliegt oder auf ihn zukommt." Marey ist von der nachgebildeten Bewegung fasziniert, aber er forscht weiter... Triumphierend kehrt er in die Akademie zurück... 29. Oktober 1888:
"Ich habe die Ehre, Ihnen heute einen Streifen lichtempfindliches
Papier präsentieren zu dürfen, auf dem eine Bildserie mit 20
Bildern pro Sekunde festgehalten ist. Die Apparatur, die ich zu diesem
Zweck konstruiert habe, kann einen Streifen Photopapier mit einer Geschwindigkeit
von bis zu 1,6 Metern pro Sekunde abspulen." Damit hatte Marey die
technischen Grundlagen für die zukünftige Kinematographie gelegt.
Alle Lebewesen, deren Bewegungen er zuvor über die graphische Methode
oder mit Hilfe der Chronophotographie erfasst hatte, werden nun von ihm
gefilmt...Die
Unterwasserwelt in der Bucht von Neapel...
Die Insekten... Während er sich der Beobachtung der Bucht von Neapel widmet, dringen Truppen in die "Physiologische Station" ein... Das Kriegsministerium hat den Wissenschaftlern hohe Kredite gewährt, und die Soldaten stehen Modell, um darüber den Rhythmus des Marschierens, die richtige Gewichtsverteilung und die Ergonomie der Stiefel erforschen zu können... "Gebt den Männern Wein und Zigarren und geizt nicht mit Effekten." Zwischen seiner Arbeit in Neapel und der "Physiologischen Station" verfolgt Marey sein Projekt zu Schaffung einer Enzyklopädie weiter, in der er die Bewegungsabläufe aller Lebewesen zusammentragen will. Seine Arbeit ähnelt immer mehr einem eindrucksvollen - zum Leben erweckten - Bestiarium. Hingerissen von den Bildern, entfernt er sich immer weiter von der vergleichenden Physiologie und der nüchternen graphischen Methode und vollzieht einen Wechsel von der quantitativen zur qualitativen Betrachtungsweise. Dieser Bruch entgeht ihm nicht: "Wie Sie wissen, verfolge ich seit mehr als dreißig Jahren ein einziges Ziel: Jede Art von Bewegung greifbar und messbar zu machen, die der Beobachtung entgeht oder die nur unvollständig erfasst wird.Größtenteils habe ich mein Ziel heute erreicht; aber die Methoden, die ich mir ausgedacht oder die ich vervollkommnet habe, entfernten mich manchmal recht weit von unseren biologischen Studien." Das Betrachten einer Großaufnahme des Concierge der "Physiologischen Station" veranlasst Marey zu folgender Überlegung: "Die Eigenartigkeit der Bilder entsteht durch das Festhalten eines flüchtigen und vergänglichen Gesichtsausdrucks, den wir in dieser Form niemals isoliert erleben." Doch wenn man diese Bilderserie des Concierge Paul im Zootropen animiert: "Verschwindet jegliche Eigentümlichkeit. Ist Hässlichkeit für uns nicht einfach nur das Unbekannte, und verletzt die Wahrheit unsere Blicke nicht nur dann, wenn wir ihrer zum ersten Mal gewahr werden?" Die schöne weiße Katze, die hier vor Marey's Objektiv posiert wird bald einen Sturz überstehen müssen. Auch wenn dieser Fall das Sprichwort bestätigt, demzufolge eine Katze immer auf die Füße fällt, lösen diese Bilder gleichwohl eine heftige Debatte an der Akademie aus, scheinen sie doch dem Zweiten Kepler'schen Gesetz zu widersprechen. So spottet Alphonse Allais: "Ach, langweilen wird man sich wohl nicht an der Akademie der Wissenschaften! Ich wette hundert zu eins, dass Sie nicht erraten, womit sich diese Kerle beschäftigen, anstatt zu arbeiten! Es muss ungeheuer komisch sein, diesen ganzen alten Typen dabei zuzuschauen, wie sie sich ernsthaft den Kopf darüber zerbrechen, wieso Katzen immer auf die Füße fallen, wenn man sie aus einem Meter fünfzig Höhe fallen lässt." An der Akademie gehen Formeln und Gleichungen hektisch von Hand zu Hand; Maray genießt seinen Triumph und den der Chronophotographie... Während die Katze unermüdlich fällt und fällt, hat Marey den hierarchischen Gipfel in der Welt der Forschung erklommen und wird zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften ernannt. Die Gebrüder Lumière machen ihre ersten öffentlichen Filmvorführungen. Marey selbst distanziert sich davon: "Die absolute Perfektion der Vorführungen, die natürlich von der Öffentlichkeit begeistert aufgenommen wird, ist nicht das, was mich am meisten beschäftigt. Die Chronophotographie wurde für wissenschaftliche Zwecke entwickelt. Ich möchte nicht ins Räderwerk des Kinematographen geraten." Marey startet ein neues Forschungsprogramm. Anlässlich der Weltausstellung von 1900 versammeln sich in Paris die besten Athleten aus der ganzen Welt. Marey bittet sie, zu ihm in die Station zu kommen und legt so seine Forschungsziele fest: "Die Aufgabe war umfangreich; es ging um die Bestimmung der physiologischen Wirkung verschiedener Sportarten auf die Organfunktionen, die Atmung, den Blutkreislauf, die Verdauung - auf die Gesundheit ganz allgemein..." Und danach scheint Marey dem spektakulären Aufsehen und der Verzauberung, die ganz offensichtlich von diesen ersten Sportfilmen ausgeht, entfliehen zu wollen. In seiner letzten Studie beschäftigt er sich noch einmal mit den abstrakten Fragen des Luftwiderstandes, die für das Verständnis des Vogelflugs unerlässlich sind. Er erfindet eine wundervolle Rauchmaschine. Der Rauch macht deutlich, wie sich die Luft verhält, wenn der Flügel des Vogels sich darauf stützt. Und auch hier wieder
deckt Marey ein Universum auf, dessen Formen vielleicht alle seine anderen
Bilder an Faszination weit übertreffen. Die Besessenheit seiner Idee,
Formen perfekt im Bild festhalten zu wollen, haben ihn wohl von seinen
theoretischen Bestrebungen entfernt. |
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