Kinostart: 27/09/2001


Ein Film von Lou Ye
"Niemand wagt es, dem Fluss Suzhou direkt ins Gesicht zu schauen, weil er der Mutterfluss der Stadt ist und gleichzeitig die Summe von Umweltverschmutzung, Chaos, Armut und den Spuren des Kolonialismus in Shanghai. Aber er ist auch ein Versteck für wunderschöne Erinnerungen. Ganz persönlich erinnert er mich an mein eigenes Leben: an Freunde aus der Vergangenheit und an Shanghai, wo ich aufgewachsen bin. Ich bin in Shanghai geboren und verbrachte meine Kindheit an den Ufern dieses Flusses. Viele meiner alten Freunde leben noch immer dort. Ich stand oft an meinem Fenster und schaute auf die Leute draußen. Und ich erfand viele Geschichten über diese Fremden, die vorbeigingen. Genau daher stammt die Idee zu dem Film. Er entstand aus Geschichten, die ich erlebt habe und die ich vor langer Zeit Freunden erzählt habe. Lange schon wollte ich diesen Film rund um den Fluss Suzhou machen, mit dem Blick auf Shanghai vom Fluss aus."
Lou Ye

Alles beginnt mit einem namenlosen Videofilmer in der Millionenstadt Shanghai. Ausgerüstet mit seiner Kamera wandert der Ich-Erzähler durch die Strassen von Shanghai und fängt Geschichten ein.

Seine Dienste sind nicht besonders gefragt in dieser Stadt, und nur gelegentlich erhält er mal den Auftrag, ein Video bei einer obskuren Hochzeitsfeier oder einer Geburtstagsparty zu drehen.
So verbringt er seine Zeit im wesentlichen damit, aus seinem Appartmentfenster auf den Fluss Suzhou zu schauen und Geschichten über Menschen zu erfinden, die er auf den Brücken sieht oder auf den zahlreichen Booten und Dampfern an ihm vorbeiziehen.

Die meiste Zeit aber kreisen seine Gedanken um seine Freundin Meimei (Zhou Xun), eine Gogotänzerin, die sich ihr Geld damit verdient, im Aquarium eines Nachtclubs im Meerjungfrauenkostüm aufzutreten.
Eines Tages bekommt der Videofilmer Besuch von Mardar (Jia Hongsheng), einem Motorrad-Kurier.

Sie sitzen zusammen in einer Bar und Mardar erzählt ihm eine sonderbare Geschichte:
Er wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen, wo er eine mehrjährige Strafe für die Entführung seiner Freundin abgesessen hat.

 

 

In der festen Überzeugung, dass sie noch am Leben ist, suchte er die Stadt nach ihr ab -und ist sich sicher, dass sie niemand anderes ist als Meimei.

Er hatte den Auftrag, erzählt Mardar dem Videofilmer, auf ein Mädchen namens Moudan (Zhou Xun) aufzupassen, die Tochter eines Schmugglers, der auf dem Schwarzmarkt ein Riesengeschäft mit Büffelgras-Wodka aus Polen machte.
Mardars Job verlief zunächst ohne Probleme, und schon bald verliebten Moudan und er sich ineinander.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis kriminelle Kumpels von Mardar mit der Idee auftauchten, das Mädchen zu entführen und Lösegeld für sie zu verlangen.
Als Moudan das herausfand, fühlte sie sich von Mardar verraten und betrogen.
Mit gebrochenem Herzen sprang sie von einer Brücke in den Fluss Suzhou.

 

Der Videofilmer erklärt Mardar, dass er sich irrt.
Dass das Mädchen, dem er jetzt auf der Spur ist, nicht Moudan, sondern Meimei ist.
Doch Mardar will das nicht glauben.
Er trifft sich mit Meimei, immer wieder -wird sie jetzt Moudan zunehmend ähnlicher, weil sie Moudan ist- Oder weil sie will, dass Mardar sich in sie verliebt?
Eines Tages werden nach einem Motorradunfall die Leichen von Mardar und einem Mädchen aus dem Fluss geborgen.

Man bittet den Videofilmer, die Toten zu identifizieren. Das Mädchen ist absolut identisch mit Meimei
-aber ist sie es wirklich?
Oder hat Mardar endlich seine Moudan wieder gefunden?

 

 

Der Videofilmer eilt zu Meimeis Hausboot und findet dort eine Notiz vor: "Finde mich, wenn du mich liebst." Wem galt diese schriftliche Aufforderung? Ihm? Oder Mardar?"

Lou Ye wurde 1965 in Shanghai geboren. Da seine Eltern Schauspieler am Theater waren, verbrachte Lou Ye einen großen Teil seiner Kindheit hinter der Bühne und in Bühnengarderoben.

Nach der Schule bewarb er sich an der berühmten Kunstakademie in Beijing für ein Studium der Malerei und war enttäuscht, als man ihn lediglich als Filmstudent akzeptierte.

Die Beijing Academy war damals, zur Zeit der Studentenproteste und des Massakers auf dem Tiannamen-Platz (Platz des Himmlischen Friedens), die Heimstatt einer jungen Gruppe von Chinesischen Filmemachern, die als Chinas 6. Generation bekannt wurde.


Der Einfluß des sowjetischen Kinos wurde zu dieser Zeit an der Akademie bereits schwächer, und tatsächlich wurden Lou Ye und seine Regie Kollegen der 6. Generation sehr viel mehr von europäischen Filmen und von amerikanischen Filmschulen der New York University (N.Y.U.) und der University of California Los Angeles (U.C.L.A.) beeinflusst.

So entspringt SUZHOU RIVER als einer der ersten Werke einer Art chinesischer Nouvelle Vague.
Lou Ye trug bereits mit seinem Abschlussfilm WEEKEND LOVER (1994) wesentlich dazu bei, den Filmstil der 6. Generation näher zu definieren.
Im Mittelpunkt steht eine Gruppe unzufriedener junger Leute in Shanghai während der 80er und frühen 90er Jahre.
WEEKEND LOVER ist ein entscheidender Schritt weg von der sogenannten 5. Generation der Filmemacher, deren Filme sich durch die Betonung von Tradition und offizieller chinesischer Kultur auszeichneten.

Bemerkenswert ist Lou Yes Arbeit auch deshalb, weil sein Produktionsteam das jüngste in der Geschichte des chinesischen Films ist.

Beim Internationalen Festival Mannheim-Heidelberg gewann WEEKEND LOVER 1996 den Rainer Werner Fassbinder Preis für die beste Regie.
Da es in China so gut wie unmöglich ist, Geld für unabhängige Spielfilme zu finden, ging Lou Ye 1995 zum Fernsehen und produzierte die Serie SUPER CITY, mit der er zehn seiner Kollegen von der 6. Generation die beispiellose Gelegenheit gab, die Filme zu machen, die sie machen wollten.
Seine eigene TV-Produktion DON'T BE YOUNG (1995), ein Psycho-Mystery-Film, war aufgrund seiner ungewöhnlichen Erzählstruktur auf ähnliche Weise bahnbrechend für chinesische Fernsehfilme.

1998 gründete Lou Ye Dream Factory, eine der ersten unabhängigen Filmproduktionsgesellschaften Chinas.
SUZHOU RIVER ist die erste Produktion von Dream Factory und entstand in Zusammen-arbeit mit Philippe Bober und seiner Firma Essential Film.

Lou Ye im Interview

 

Philippe Bober, Gründer der in Berlin sitzenden Firma The Coproduction Office, gelangte über den chinesischen Regisseur und Produzenten HAN Jian Wei in Kontakt mit der sogenannten 6. Generation chinesischer Filmemacher.

HAN Jian Wei, der in Deutschland Film studiert hat, schickte Bober regelmäßig VHS-Kassetten und Lebensläufe chinesischer Filmemacher nach Berlin.
Und Lou Ye erschien beiden als eines der vielversprechensten Regietalente der Gruppe.

Im September 1998 bereitete Lou Ye das Spielfilmprojekt PURPLE BUTTERFLY vor, an dem sich Philippe Bober als Koproduzent beteiligen wollte.
Das Projekt sollte im Oktober auf dem Filmfestival in Pusan vorgestellt werden.
Um die Präsentation vorzubereiten, reiste Philippe Bober nach Peking.
Im Schneideraum sah er das erste Material von Lou Yes letztem -illegal in Shanghai gedrehten- Projekt, das noch nicht fertiggestellt war und dem eine Post-Produktionsfinanzierung fehlte:
SUZHOU RIVER.

Schnell entschied Bober, sich an SUZHOU RIVER zu beteiligen.
Gemeinsam schnitten Lou Ye und Philippe Bober einen 15 minütigen Trailer, den sie statt PURPLE BUTTERFLY auf dem Filmfestival in Pusan präsentierten.
Die ersten Partner fanden sich schnell: Hubert Bals Fund (Rotterdam Filmfestival) und das Göteborg Filmfestival.

Im Dezember wurde der Schnitt von SUZHOU RIVER nach Berlin verlagert.
Anhand des bereits vorhandenen Materials erarbeiteten Lou Ye, Philippe Bober und HAN Jian Wei, der mittlerweile als Associate Producer bei SUZHOU RIVER eingestiegen war, das Buch für den weiteren Dreh.
Erst in dieser Phase entstand die Figur des Erzählers, die Verschiebung der Zeitebenen und die Etablierung von Moudan und Meimei als 2 Frauenfiguren.
Zusätzlich wurde ein 40 minütiger Trailer geschnitten, den Philippe Bober im Januar 1999 auf dem CineMart in Rotterdam vorstellte.

Aufgrund der dort getätigten Pre-Sales war die Finanzierung nun gesichert, und der für 10 Tage angesetzte Nachdreh konnte beginnen.
Das Material wurde anschliessend -wie beim ersten Mal auch- von China nach Berlin geschmuggelt.
Dort entstand in 6 monatiger Arbeit (mit Unterstützung der Dramaturgen Franz Rodenkirchen und Brock Norman Brock) der Schnitt.

Die Associate Producerin Susanne Marian stellte den Kontakt zu Jörg Lemberg her, einem Absolvent der Ludwigsburger Filmhochschule, der die Musik zu SUZHOU RIVER komponierte.
Außerdem wurde ein Musikverlag gefunden, der sich finanziell an dem Projekt beteiligte.

Der Film wurde im Herbst 1999 in Peking gemischt und anschliessend auf verschlungenen Wegen wieder nach Berlin geschmuggelt, wo im Januar 2000 die erste Kopie fertiggestellt werden konnte.
Kurz darauf feierte SUZHOU RIVER in Rotterdam seine Weltpremiere und wurde mit dem TIGER AWARD ausgezeichnet.

SUZHOU RIVER, der weltweit Erfolge feiert, wurde in seinem Entstehungsland jedoch noch nicht gezeigt. Bis heute wartet Lou Ye auf die Freigabe durch die chinesische Filmzensur.

 

Der Fluss SUZHOU...

Der Fluss SUZHOU wurde ursprünglich in der Ming-Dynastie (1368-1644) als Wasserstraße für den Transport von Handelswaren vom Inneren des Landes in die wachsende urbane Region von Shanghai gebaut.

Der Fluss ist noch immer eine wichtige Transport-Verbindung zwischen Chinas Zentrum und dem modernen Shanghai mit seinen 8 Millionen Einwohnern.
Er fließt durch Industrie-Komplexe in den Randgebieten der Stadt und mündet in den
Huan-pu-Fluss im Zentrum von Shanghai.
Der Fluss ist heute durch Industriemüll und das Kloakensystem der Abwasserkanäle schwer verseucht.
Er hat zwanzig Brücken, die Shanghai mit dem vorwiegend industriellen Hong-ku-Distrikt nördlich und südlich dieser Wasserstrasse verbinden.
Die bekannteste ist die Waibaidu-Brücke in Shanghai, die 1907 von den Briten erbaut wurde.
Ihre Berühmtheit resultiert vor allem aus der Tatsache, dass man sie im Gegensatz zu anderen Brücken der Stadt ohne Wegegeld passieren durfte.
Heute befindet sich die Waibaidu-Brücke, die auch von Fußgängern benutzt werden kann, mitten im Herzen der modernen Stadt
.

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