Kinostart: 06.Dezember 2001



EIN DOKUMENTARFILM VON FOSCO UND DONATELLO DUBINI

 

Thomas Pynchon gilt als einer der meistdiskutierten Autoren der literarischen Moderne. Er verweigert sich seit fast 40 Jahren der Öffentlichkeit, gibt keine Interviews und lässt sich nicht fotografieren. Er lebt an unbekannten Aufenthaltsorten und ist nur durch seine Veröffentlichungen sichtbar.

Thomas Pynchon - A Journey into the mind of [p.] handelt vordergründig von der Biographie des amerikanischen Schriftstellers Thomas Pynchon - gleichzeitig ist es eine Reise in das literarische Universum und damit in die Gedankenwelt von P.

 

Pynchons Lebensentwurf verliert sich konsequent im Unbestimmten, Virtuellen. Doch gerade dadurch entwickelt er eine sogartige Wirkung, wie ein Schwarzes Loch, das keine Informationen nach aussen dringen lässt und alles zu verschlingen droht. Ein P.-Experte hat sogar einmal gesagt: ”Pynchon is so intensely private, that his very existence has been called into question...” Der Film folgt den Orten von Pynchons Biographie, die zufällig bis heute bekannt geworden sind und nimmt Motive und Spuren aus den Romanen auf.

Thomas Pynchon - A Journey into the mind of (P.) handelt vordergründig von der Biographie des amerikanischen Schriftstellers Thomas Pynchon - gleichzeitig ist es eine Reise in das literarische Universum und damit in die Gedankenwelt von P.

Man beginnt die Welt mit den Augen von Pynchon zu sehen, die Zeichen auf seine Art zu entziffern, die einzelnen Elemente auf seine Weise zu verknüpfen. Der Film schöpft sowohl aus dem Fundus seiner biographischen Daten, wie auch aus dem Fundus der Figuren, Orte und Spuren seiner Romane.

Wie P. seinen Romanhelden in ”Die Enden der Parabel” auf die Suche nach jener sagenhaften V2-Rakete mit der Seriennummer 00000 schickt, versucht auch der Film verschiedene Muster der Figur (P.) aufzuspüren: Themen wie: Verschwörung, Gegenverschwörung, Geschichte, Zeichen, Raketentechnologie, Manipulation. Dazu gehören aber auch die Orte, an denen P. einzelne Abschnitte seines Lebens verbracht hat. Der Film nimmt die Spur von P. in Oyster Bay auf, jenem Ort auf Long Island, ca. 1 Stunde von New York entfernt, in welchem P. in einer gutbürgerlichen und etwas puritanischen Welt aufgewachsen ist. Das Elternhaus des Schriftstellers in Oyster Bay wird ausfindig gemacht, in welchem der neue Besitzer bei Renovierungsarbeiten in einem Zwischenboden auf alte Kinderzeichnungen gestossen ist, die auf der Rückseite mit “Tom" unterschrieben worden sind.

Ein weitere Station ist Mexico City. Nach Mexico City zieht P. nach seinem Studium, weil das Leben dort billiger ist. In Mexico- City hat sich P.’s Leben an einem Tag im Jahre 1963 entscheident verändert. Als sein erster Roman "V" erscheint und wie eine Bombe in der literarischen Welt einschlägt, schickt die New York Times, die einen Artikel über P. schreiben möchte, einen Fotografen nach Mexico, um P. zu fotografieren.
Der Fotograf trifft im angegebenen Hotelzimmer einen jungen Mann, der ihm sagt, P. werde in einigen Stunden zurück sein. Als der Fotograf zurückkommt, um das Foto zu machen, ist das Zimmer geräumt. Dieses Ereignis markiert einen entscheidenden Einschnitt in P.’s Leben. Er verweigert sich diesem ersten offiziellen Foto und verschwindet.
Bis heute gibt es kein autorisiertes Foto von ihm.

 

In Mexico reist P. in Richtung Norden, nach Guanachuato. Die Stadt ist durch die Silberminen reich geworden und hat eine ungewöhnliche Struktur. Die Flüsse wurden umgeleitet und an deren Stelle Strassen gebaut. Diese hat man dann unterirdisch durch ein System von Stollen verbunden. Es gibt also eine Stadt unter der Stadt, zwei parallele, miteinander kommunizierende Systeme. Das ist eines der Grundthemen in P.s Romanen, in denen es immer wieder um Verschwörung und Gegenverschwörung geht.
Und schliesslich nimmt der Film P.’s Spuren noch in New York auf, dem Zentrum der amerikanischen Kultur und der Literatur. In der Public Library von New York soll P., seine Recherche zu seinem ersten Roman "V" durchgeführt haben. New York ist aber vor allem auch die Stadt in der P. heute unerkannt lebt, untergetaucht in der Masse von Menschen dieser Millionenmetropole. Man könnte an ihm auf der Strasse vorbeigehen, ohne ihn zu erkennen.

Warum hat sich P. dazu entschlossen unterzutauchen? Aus einer momentanen Laune heraus?
Vielleicht weil er sich dem literarischen Rummel nicht gewachsen fühlte. Vielleicht weil er instinktiv merkte, dass seine Person nichts mit seinen Romanen zu tun haben sollte. Vielleicht weil er durchschaute, dass der Autor lediglich ein "ideologisches Konstrukt" darstellte. Aber vielleicht hatte er auch wirklich Angst vor dem, was er in seinen Romanen beschreibt.

 

Wie macht man einen Dokumentarfilm über einen Menschen, der sich Zeit seines Lebens vor Fotografen, Journalisten und Filmemachern versteckt hält? Und seit Jahrzehnten mit dieser Strategie erfolgreich ist? Von dem gerade ein halbes Dutzend Fotografien aus Jugendtagen existieren?

Die Schweizer Brüder und Filmemacher, Donatello und Fosco Dubini haben eine sehr intelligente Lösung gefunden. Sie haben sich in die Gehirngänge des wohl bekanntesten Unbekannten Literaten unserer Zeit eingeschleust.
Haben einen Film gemacht aus dem Fundus, aus dem auch Pynchon für seine Werke schöpft. Sie haben seine Obsessionen und Ängste kennengelernt, und vermitteln sie uns. Deshalb haben sie erstaunlich viel Dokumentarfilmmaterial zusammengetragen (vom Pawlowschen Hund bis zur V2-Rakete, von Lee Harvey Oswald bis zu LSD Tests an amerikanischen Soldaten.)

Dazwischen geben Menschen, die mit Pynchon befreundet waren oder es immer noch sind über ihn Auskunft. Etwa eine Ex-Freundin, die ihm als Vorbild für eine der weiblichen Hauptfiguren in DIE ENDEN DER PARABEL diente.
So entsteht auch ein Bild des Menschen, nicht nur seiner Ideen.

Ein weitere sehr gelungene Idee der Regisseure ist es, den Film mit der Musik der RESIDENTS untrennbar zu vereinen. Denn die RESIDENTS machen genau die Art von Musik, die die abgedrehten Themen und Geschichten Pynchons musikalisch aufnimmt und verarbeitet. Die RESIDENTS sind genauso schräg, originell und unsichtbar wie Pynchon selbst. Auch sie sind seit über 30 Jahren im Einsatz, ohne daß je jemand ihre Gesichter gesehen hätte. Bei öffentlichen Auftritten verbergen sie sich hinter riesigen Augapfelmasken, und keiner weiß bis heute, wer dahintersteckt. Und auch sie haben es auf diese Weise zu beachtlichem Ruhm und Kultstatus gebracht.

THOMAS PYNCHON - A JOURNEY INTO THE MIND OF P. ist schon alleine wegen seines Themas und wegen seiner komplexen Machart mehr als nur ein Dokumentarfilm. Er ist eine höchst spannende aus vielseitigen Zeitdokumenten, Interviews, Musikstücken und Bildern, die sich alle um einen unserer mysteriösesten Zeitgenossen gruppieren.

Nana A.T. Rebhan


Liam

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