Kinostart: 27/09/2001

Ein Film von Lou Ye

 


Wie ist die Idee zu diesem Film entstanden?
In den Jahren, in denen ich auf die Möglichkeit wartete, einen nächsten Film zu machen, habe ich Merkwürdiges erlebt, privat und beruflich.
Ich begann also nachzudenken über Dinge wie das Leben, die Liebe, den Film und über meine Situation als Filmemacher. Oft dachte ich, ich müsste sofort einen Film machen, um meine chaotischen Gedanken und mein Leben zu ordnen.
In der ersten Version von SUZHOU RIVER gab es noch eine "Ich"-Figur. Ich glaube, dass ich nichts mehr verstecken oder weglassen muss.
Ich muss nicht andere Figuren in dem Film für mich sprechen lassen. Ich hatte das Gefühl, ich müsste ich selbst sein im Film. Ich will die Geschichte und das Leben um mich herum aus meiner persönlichen Sicht besprechen.
Gleichzeitig glaube ich, dass so ein Film mein Leben beeinflusst und verändert. Ich bin überzeugt, dass die Stories, die man für einen Film erfindet, sich immer mischen mit dem wirklichen Leben und realen Erfahrungen. Sie beeinflussen und verändern einen immer. Man kann beides nicht durch strikte Trennungslinien aufteilen.
Das möchte ich in SUZHOU RIVER erzählen. Ein sehr kompliziertes Gefühl, nicht einfach eine simple, dramatische Story.

Warum nennen Sie Ihren Film SUZHOU RIVER?
Erstens, weil jeder Chinese weiß, dass der SUZHOU RIVER ein Fluss in Shanghai ist.
Er entspringt in einer kleinen Stadt, die Suzhou heißt und nicht weit von Shanghai ist.
Er ist vor allem dafür bekannt, dass er sehr schmutzig ist.
Die Gebäude am Flußufer sind alt und verfallen, aber für mich -ich bin in Shanghai aufgewachsen bedeutet der Fluss sehr viel.
Für mich ist er die Wurzel des Lebens in Shanghai.
Er hat eine lange Geschichte. Ganz normale Menschen leben an seinen Ufern, und es gibt dort das wirkliche Leben und nichts von dieser Oberflächlichkeit, die in einigen Vierteln von Shanghai an der Tagesordnung ist.
Die Drehorte im Film sind alle dicht am Fluss Suzhou.
Wir haben SUZHOU RIVER mit sehr einfachen technischen Mitteln gedreht.
Ich wollte, dass der Film in einem rauhen, einfachen, direkten Stil erzählt ist. Wichtig ist, dass die Atmosphäre und die Emotionen sehr realistisch sind, ganz direkt aus dem Leben und aus dem Herzen kommen.
Das erinnert mich oft an den Fluss. Deshalb habe ich den Film SUZHOU RIVER genannt.

Das Shanghai Ihres Films ist eine Stadt von Kriminellen, Schmugglern und schäbigen Nachtclubs. Haben Sie die Stadt so erfahren?
Jede Stadt, wie auch jeder Mensch, trägt verschiedene Kleidung oder verschiedene Masken. Wer kann sagen, welches die wirkliche ist? Ist Shanghai diese moderne Stadt, wie Sie sagen, voller Schmuggler und kleiner Krimineller? Bei 8 Millionen Menschen verändert sich die Kultur ständig. Die Stadt ist zu groß, um ein Mikrokosmos zu sein. Die einzige Konstante ist der Fluss Suzhou. Er nährt sozusagen die Stadt, wie die Arterie das Herz. Er hat Shanghai immer Leben gegeben, heutzutage nicht mehr so wörtlich "mit Nahrung aus dem Inneren des Landes China" versorgt, sondern eher metaphorisch. Das Wasser ist das Blut der Stadt.

Ihr Film ist auch eine Geschichte von vier jungen Leuten ohne eine bestimmte Richtung in ihrem Leben. Sie sind einsam, leben ziemlich ziellos ohne wirkliche Pläne für die Zukunft. Ist das Ihre Sicht der gegenwärtigen jungen Generation Chinas?
Ja. Aber das ist ein sehr einfacher Blick darauf. Der Film ist gedreht aus der Sicht des Ich-Erzählers, der auch ein junger Filmemacher ist.
Was wir sehen ist meine Vorstellung von seiner Vorstellung. Wenn der Film etwas über junge Leute in China heute aussagt, sind dies nicht Statements eines Aussenseiters -und es ist ebensowenig ein junger Mensch, der Aussenseitern etwas erzählt, mit der Haltung "wir sind die Pepsi-Generation".
Der Ich-Erzähler, die Kamera, wird von der eigenen Geschichte eingeholt. Wenn er aus dem Fenster schaut, schaut er auch in sich selbst hinein.

Der Film ist eine Liebesgeschichte?
Ja, sicher, aber nicht eine Liebesgeschichte im traditionellen Sinn. Es gibt mehrere Momente, in denen die Story in SUZHOU RIVER unterbrochen wird durch alltägliche Dinge, Hoffnungen, Erwartungen der Hauptpersonen, aber auch überraschend von anderen Figuren. Es gibt keinen roten Faden für diese Liebesgeschichte. Sie ist ein bisschen chaotisch.
Aber ich möchte mit dieser Geschichte auch sagen, dass man manchmal erst den wahren, persönlichen Wert von etwas entdeckt, wenn man es verliert.
Und dann geht man auf die Suche danach. Wird man es wieder finden? Wird es so sein wie vorher?

Wird die Liebe in der Figur der Meerjungfrau symbolisiert?
Nein, das wäre vereinfacht. Ja, okay, sagen wir die Meerjungfrau symbolisiert die wahre Liebe. Aber Meerjungfrauen existieren nicht in China, die ganze Idee ist ein West-Import, wie Coca-Cola und McDonald's, diese globale Kultur, die es jetzt überall gibt.
Es wäre zu einfach für uns, die Filmemacher der 6. Generation -oder der 386MhzGeneration: 3 steht für über 30, 8 für Studium in der 80er Jahren, 6 dafür, dass wir in den 60er Jahren geboren wurden, wie einer meiner Freunde dies definiert- diese Atavismen auf den Kopf zu stellen und einfach eine entgegengesetzte Meinung zu vertreten.
Die Realität ist komplexer, eine Mischung von alt und neu.
Aber wie kann man diese Linie ziehen? Ich erinnere mich, dass mir als Kind meine Eltern Andersens Märchen von der kleinen Meerjungfrau erzählt haben. Und wann haben meine Eltern dies zum ersten Mal gehört?
Das weiß man nicht. Das, denke ich, ist ein wichtiger Unterschied zwischen Filmemachern meiner Generation und unseren Vorgängern. Wir wollen keine Beamten einer kulturellen Einwanderungsbehörde sein und bestimmen, was chinesisch ist und was nicht -das interessiert uns nicht.
Es wäre zu simpel zu sagen, dass die Meerjungfrau mit ihren blonden Haaren eine Art von europäischen Ideal verkörpert. Wen kümmert es, wenn Meerjungfrauen in der chinesischen Folklore nicht existieren?

Wie wurde der Film realisiert?
Meinen ersten Film WEEKEND LOVER machte ich 1994.
Er lief gut, bekam den Fassbinder-Preis in Mannheim-Heidelberg, aber trotzdem konnte ich kein Geld in China auftreiben für SUZHOU RIVER.
Es ist sehr schwer in China, besonders für junge Filmemacher.
Zwei Jahre später bot man mir eine TV-Serie an. Solche Angebote hatte ich vorher auch schon, habe sie aber immer abgelehnt, weil ich eiinfach nicht interessiert bin am Fernsehen. Diesmal aber nahm ich an und überlegte, wie ich etwas Interessantes machen könnte, interessanter vielleicht, als das Fernsehen es wollte.

Sie meinen das SUPER CITY-Projekt?
Ja. Ich holte zehn der vielversprechensten jungen Filmemacher der, wie wir sie nennen, 6. Generation zusammen.
Die meisten von ihnen sind in den Dreißigern und Absolventen der Beijing Film Academy und hatten bereits mindestens einen Spielfilm gemacht. Ich nahm das Geld und sagte ihnen, sie sollten jeder den Film machen, den sie machen wollten, völlig ohne Hemmungen.

Und SUZHOU RIVER war zunächst ein Teil dieses Projekts?
Ja, aber wild ich der Produzent dieser Serie war, hatte ich keine Zeit für SUZHOU RIVER, bevor die anderen Filme nicht annährend fertig waren.
Und als es so weit war, war das Geld aufgebraucht. Also mußte ich woanders Geld auftreiben. Zum Glück kam Philippe Bober, und wir konnten den Film machen, fürs Kino, nicht fürs Fernsehen.

Gibt es Ähnlichkeiten in Ihrer Arbeitsmethode bei SUZHOU RIVER und SUPER CITY mit dem dänischen DOGMA'95?
Ich hörte zum ersten Mal von DOGMA '95, als SUPER CITY fast fertig war.
Es gab also leider keinen Kontakt zu den Dänen. Aber ich glaube, wir haben ähnliche Motivationen. Vielleicht weil der Filmmarkt heutzutage und diejenigen, die in Film investieren, nicht gerade bereitwillig Leuten wie uns Geld geben, damit wir unsere Filme machen.
So gesehen, gibt es keinen Platz für uns in dieser Filmwelt. Wir müssen darum kämpfen. Ein einzelner Filmemacher hat da keine Chance, also sollten sich Leute mit den gleichen Idealen und Schwierigkeiten zusammen tun, um ihre Ziele zu erreichen.
Ich weiss nicht, ob es so bei DOGMA war -aber für uns war SUPER CITY eine Idee, die aus Hoffnungslosigkeit und Not geboren wurde. Ich glaube, solche Ideen, Projekte und Situationen gibt es in allen Ländern für viele junge Filmemacher.

 

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