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Wie
ist die Idee zu diesem Film entstanden?
In den Jahren, in denen ich auf die Möglichkeit wartete, einen nächsten
Film zu machen, habe ich Merkwürdiges erlebt, privat und beruflich.
Ich begann also nachzudenken über Dinge wie das Leben, die Liebe,
den Film und über meine Situation als Filmemacher. Oft dachte ich,
ich müsste sofort einen Film machen, um meine chaotischen Gedanken
und mein Leben zu ordnen.
In der ersten Version von SUZHOU RIVER gab es noch eine "Ich"-Figur.
Ich glaube, dass ich nichts mehr verstecken oder weglassen muss.
Ich muss nicht andere Figuren in dem Film für mich sprechen lassen.
Ich hatte das Gefühl, ich müsste ich selbst sein im Film. Ich will
die Geschichte und das Leben um mich herum aus meiner persönlichen
Sicht besprechen.
Gleichzeitig glaube ich, dass so ein Film mein Leben beeinflusst
und verändert. Ich bin überzeugt, dass die Stories, die man für
einen Film erfindet, sich immer mischen mit dem wirklichen Leben
und realen Erfahrungen. Sie beeinflussen und verändern einen immer.
Man kann beides nicht durch strikte Trennungslinien aufteilen.
Das möchte ich in SUZHOU RIVER erzählen. Ein sehr kompliziertes
Gefühl, nicht einfach eine simple, dramatische Story.
Warum nennen Sie Ihren Film SUZHOU RIVER?
Erstens, weil jeder Chinese weiß, dass der SUZHOU RIVER ein Fluss
in Shanghai ist.
Er entspringt in einer kleinen Stadt, die Suzhou heißt und nicht
weit von Shanghai ist.
Er ist vor allem dafür bekannt, dass er sehr schmutzig ist.
Die Gebäude am Flußufer sind alt und verfallen, aber für mich -ich
bin in Shanghai aufgewachsen bedeutet der Fluss sehr viel.
Für mich ist er die Wurzel des Lebens in Shanghai.
Er hat eine lange Geschichte. Ganz normale Menschen leben an seinen
Ufern, und es gibt dort das wirkliche Leben und nichts von dieser
Oberflächlichkeit, die in einigen Vierteln von Shanghai an der Tagesordnung
ist.
Die Drehorte
im Film sind alle dicht am Fluss Suzhou.
Wir haben SUZHOU RIVER mit sehr einfachen technischen Mitteln gedreht.
Ich wollte, dass der Film in einem rauhen, einfachen, direkten Stil
erzählt ist. Wichtig ist, dass die Atmosphäre und die Emotionen
sehr realistisch sind, ganz direkt aus dem Leben und aus dem Herzen
kommen.
Das erinnert mich oft an den Fluss. Deshalb habe ich den Film SUZHOU
RIVER genannt.
Das
Shanghai Ihres Films ist eine Stadt von Kriminellen, Schmugglern
und schäbigen Nachtclubs. Haben Sie die Stadt so erfahren?
Jede Stadt, wie auch jeder Mensch, trägt verschiedene Kleidung oder
verschiedene Masken. Wer kann sagen, welches die wirkliche ist?
Ist Shanghai diese moderne Stadt, wie Sie sagen, voller Schmuggler
und kleiner Krimineller? Bei 8 Millionen Menschen verändert sich
die Kultur ständig. Die Stadt ist zu groß, um ein Mikrokosmos zu
sein. Die einzige Konstante ist der Fluss Suzhou. Er nährt sozusagen
die Stadt, wie die Arterie das Herz. Er hat Shanghai immer Leben
gegeben, heutzutage nicht mehr so wörtlich "mit Nahrung aus dem
Inneren des Landes China" versorgt, sondern eher metaphorisch. Das
Wasser ist das Blut der Stadt.
Ihr
Film ist auch eine Geschichte von vier jungen Leuten ohne eine bestimmte
Richtung in ihrem Leben. Sie sind einsam, leben ziemlich ziellos
ohne wirkliche Pläne für die Zukunft. Ist das Ihre Sicht der gegenwärtigen
jungen Generation Chinas?
Ja. Aber das ist ein sehr einfacher Blick darauf. Der Film ist gedreht
aus der Sicht des Ich-Erzählers, der auch ein junger Filmemacher
ist.
Was wir sehen ist meine Vorstellung von seiner Vorstellung. Wenn
der Film etwas über junge Leute in China heute aussagt, sind dies
nicht Statements eines Aussenseiters -und es ist ebensowenig ein
junger Mensch, der Aussenseitern etwas erzählt, mit der Haltung
"wir sind die Pepsi-Generation".
Der Ich-Erzähler, die Kamera, wird von der eigenen Geschichte eingeholt.
Wenn er aus dem Fenster schaut, schaut er auch in sich selbst hinein.
Der
Film ist eine Liebesgeschichte?
Ja, sicher, aber nicht eine Liebesgeschichte im traditionellen Sinn.
Es gibt mehrere Momente, in denen die Story in SUZHOU RIVER unterbrochen
wird durch alltägliche Dinge, Hoffnungen, Erwartungen der Hauptpersonen,
aber auch überraschend von anderen Figuren. Es gibt keinen roten
Faden für diese Liebesgeschichte. Sie ist ein bisschen chaotisch.
Aber ich möchte mit dieser Geschichte auch sagen, dass man manchmal
erst den wahren, persönlichen Wert von etwas entdeckt, wenn man
es verliert.
Und dann geht man auf die Suche danach. Wird man es wieder finden?
Wird es so sein wie vorher?
Wird
die Liebe in der Figur der Meerjungfrau symbolisiert?
Nein, das wäre vereinfacht. Ja, okay, sagen wir die Meerjungfrau
symbolisiert die wahre Liebe. Aber Meerjungfrauen existieren nicht
in China, die ganze Idee ist ein West-Import, wie Coca-Cola und
McDonald's, diese globale Kultur, die es jetzt überall gibt.
Es wäre zu einfach für uns, die Filmemacher der 6. Generation -oder
der 386MhzGeneration: 3 steht für über 30, 8 für Studium in der
80er Jahren, 6 dafür, dass wir in den 60er Jahren geboren wurden,
wie einer meiner Freunde dies definiert- diese Atavismen auf den
Kopf zu stellen und einfach eine entgegengesetzte Meinung zu vertreten.
Die Realität ist komplexer, eine Mischung von alt und neu.
Aber wie kann man diese Linie ziehen? Ich erinnere mich, dass mir
als Kind meine Eltern Andersens Märchen von der kleinen Meerjungfrau
erzählt haben. Und wann haben meine Eltern dies zum ersten Mal gehört?
Das weiß man nicht. Das, denke ich, ist ein wichtiger Unterschied
zwischen Filmemachern meiner Generation und unseren Vorgängern.
Wir wollen keine Beamten einer kulturellen Einwanderungsbehörde
sein und bestimmen, was chinesisch ist und was nicht -das interessiert
uns nicht.
Es wäre zu simpel zu sagen, dass die Meerjungfrau mit ihren blonden
Haaren eine Art von europäischen Ideal verkörpert. Wen kümmert es,
wenn Meerjungfrauen in der chinesischen Folklore nicht existieren?
Wie
wurde der Film realisiert?
Meinen ersten Film WEEKEND LOVER machte ich 1994.
Er lief gut, bekam den Fassbinder-Preis in Mannheim-Heidelberg,
aber trotzdem konnte ich kein Geld in China auftreiben für SUZHOU
RIVER.
Es ist sehr schwer in China, besonders für junge Filmemacher.
Zwei Jahre später bot man mir eine TV-Serie an. Solche Angebote
hatte ich vorher auch schon, habe sie aber immer abgelehnt, weil
ich eiinfach nicht interessiert bin am Fernsehen. Diesmal aber nahm
ich an und überlegte, wie ich etwas Interessantes machen könnte,
interessanter vielleicht, als das Fernsehen es wollte.
Sie
meinen das SUPER CITY-Projekt?
Ja. Ich holte zehn der vielversprechensten jungen Filmemacher der,
wie wir sie nennen, 6. Generation zusammen.
Die meisten von ihnen sind in den Dreißigern und Absolventen der
Beijing Film Academy und hatten bereits mindestens einen Spielfilm
gemacht. Ich nahm das Geld und sagte ihnen, sie sollten jeder den
Film machen, den sie machen wollten, völlig ohne Hemmungen.
Und
SUZHOU RIVER war zunächst ein Teil dieses Projekts?
Ja, aber wild ich der Produzent dieser Serie war, hatte ich keine
Zeit für SUZHOU RIVER, bevor die anderen Filme nicht annährend fertig
waren.
Und als es so weit war, war das Geld aufgebraucht. Also mußte ich
woanders Geld auftreiben. Zum Glück kam Philippe Bober, und wir
konnten den Film machen, fürs Kino, nicht fürs Fernsehen.
Gibt
es Ähnlichkeiten in Ihrer Arbeitsmethode bei SUZHOU RIVER und SUPER
CITY mit dem dänischen DOGMA'95?
Ich hörte zum ersten Mal von DOGMA '95, als SUPER CITY fast fertig
war.
Es gab also leider keinen Kontakt zu den Dänen. Aber ich glaube,
wir haben ähnliche Motivationen. Vielleicht weil der Filmmarkt heutzutage
und diejenigen, die in Film investieren, nicht gerade bereitwillig
Leuten wie uns Geld geben, damit wir unsere Filme machen.
So gesehen, gibt es keinen Platz für uns in dieser Filmwelt. Wir
müssen darum kämpfen. Ein einzelner Filmemacher hat da keine Chance,
also sollten sich Leute mit den gleichen Idealen und Schwierigkeiten
zusammen tun, um ihre Ziele zu erreichen.
Ich weiss nicht, ob es so bei DOGMA war -aber für uns war SUPER
CITY eine Idee, die aus Hoffnungslosigkeit und Not geboren wurde.
Ich glaube, solche Ideen, Projekte und Situationen gibt es in allen
Ländern für viele junge Filmemacher.
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