| Im März 1980 erwachte der Mount St. Helens nach 123 Jahren aus seinem Dornröschenschlaf. Auf ein erstes Erdbeben der Stärke 4,2 folgten weitere Erdstöße mit anhaltend steigender Frequenz. Ab dem 25. März registrierte man täglich mehrere hundert Erschütterungen. Am 27. März machte der Vulkan Schlagzeilen: Um 12.36 Uhr, nach einer heftigen Explosion, die man im ganzen Gebiet vernehmen konnte, begann der Mount St. Helens, Rauchwolken und Asche zu spucken. Den gesamten April hindurch erweiterte sich der Krater des Vulkans durch zahlreiche Explosionen, deren Asche allmählich die Schneedecke schwärzte. Die Vulkanologen verfolgten aufmerksam die weitere Entwicklung des Phänomens und kamen sehr schnell zu dem Schluss, dass es sich um phreatische oder Dampferuptionen handelte, die allmählich einen früheren Dom zu zerstören drohten. Gleichzeitig registrierte man ein anhaltendes Beben, welches darauf hindeutete, dass Magmaschmelzen im Innern des Vulkans an die Oberfläche drängten. Der Hang begann sich nach oben und nach außen aufzuwölben. Das aufquellende Magma formte eine Ausbuchtung am Gipfel des Vulkankegels, die am 12. Mai bereits 150 m hoch war und täglich um 1,5 m anwuchs. Schon nach den ersten Beben verboten die Forstbehörden den Zugang zum Berg, da durch die andauernden Erschütterungen Lawinengefahr bestand. Vom 27. März an erstellten die Vulkanologen des US Geological Survey genaue Prognosen für einen Ausbruch des Vulkans und forderten die Abriegelung des Gebiets in einem Umkreis von 30 km. Das Erholungsgebiet um den Mount St. Helens war jedoch eine touristische Attraktion, und die Wälder wurden intensiv bewirtschaftet. Daher war eine völlige Räumung aus ökonomischen Erwägungen nicht durchzusetzen. Der Staat Washington beschloss letztendlich eine Einteilung des Gebiets in zwei Sperrgebiete: eines mit völligem Zutrittsverbot und eines mit begrenztem Zutritt für Befugte. Holzfäller, Anwohner und Schaulustige waren sich der tatsächlich drohenden Gefahr nicht bewusst und hielten sich dennoch unbefugt in letzterem Sperrgebiet auf. Die Vulkanologen des US Geological Survey dagegen schätzten das Risiko durchaus realistisch ein. Dennoch wollten sie ihre Mess- und Beobachtungsstation nicht aufgeben und hielten entschlossen die Stellung in der Höchstrisikozone. Am Samstag, den 17. Mai, löste der Vulkanologe David Johnston seinen Kollegen Harry Glicken (der später zusammen mit Maurice und Katia Krafft bei der Explosion des Vulkans Unzen im Juni 1991 ums Leben kam) in der Station Coldwater II ab. Für das Wochenende war Frühlingswetter angesagt, und die Natur zeigte sich von einer fröhlichen und friedlichen Seite .... 18. Mai 1980: Um 7.00 Uhr morgens gab David Johnston von seiner 8 km vom Krater entfernt gelegenen Beobachtungsstation aus per Funk seine letzten Werte an das Koordinierungszentrum in Vancouver weiter. Seine Beobachtungen der Vulkantätigkeit in Form von Erschütterungen, Auswölbungen und Schwefeldioxydausstößen unterschieden sich kaum von der laufenden Berichterstattung der Vorwochen. Um 8.32 Uhr ertönte plötzlich die aufgeregte Meldung aus dem Radio: Vancouver, Vancouver, es ist soweit! Danach wieder Funkstille. Seit diesem Zeitpunkt gilt David Johnston als verschollen. Auch von seinem Material, seinem Auto und seinem Lagerplatz fehlt bis heute jede Spur. Der Mount St. Helens war ausgebrochen. Bereits in der ersten Minute wurde das katastrophale Ausmaß des Ausbruchs deutlich. Binnen kürzester Zeit hatte die Eruption ihre volle Stärke erreicht. |
Ein heftiges Beben der Stärke 5,1 brachte die Wölbung in Gipfelnähe zum Einsturz und löste einen Erdrutsch aus. Gewaltige Gesteins- und Eismengen schossen daraufhin über den Nordhang des Vulkans in die Tiefe. Dadurch verminderte sich der Druck auf die darunter liegenden Felsen oberhalb der Magmakammer und das sie umgebende überhitzte Wasser, das daraufhin mit großer Kraft verdampfte. Zwei Explosionen detonierten gleichzeitig: Eine Dampfsäule stieß senkrecht in den Himmel, eine andere trat am seitlichen Hang des Vulkans aus. Durch den ungeheuren Druck der Lateraleruption überholte die seitliche Dampf- und Aschewolke den Erdrutsch. Der Aschesturm erreichte eine Geschwindigkeit von fast 1.100 km/h und jagte mit mächtiger Kraft über Bergkämme hinweg hangabwärts. Die Druckwelle walzte die Wälder auf einer Fläche von 600 m2 platt. Die Temperaturen im Innern der brodelnden Aschewolke, die sich auf bis zu 25 km vom Vulkankegel entfernt ausbreitete, betrugen bis zu 260° Celsius. Man schätzt, dass diese seitliche Druckwelle, der so genannte blast, nur etwa 30 Sek. dauerte. Die darauffolgende Schuttlawine bewegte über 2 Milliarden m3 Schlamm, Asche, Felsbrocken, Eis und abgemähte Bäume vor sich her, ergoss sich in den Spirit Lake und folgte dem Flusstal des Toutle River auf einer Strecke von nahezu 30 km. Stellenweise hinterließ sie eine bis zu 180 Meter mächtige Ablagerungsschicht. Durch die Hitze der Eruption kam es zu einer massiven Schnee- und Gletschereisschmelze, wodurch eine riesige Schlammflut ausgelöst wurde, die Schutt und Asche bis zu einer Entfernung von 45 km vom Vulkankegel weg vor sich her trieb. Die senkrechte Aschefontäne schoss innerhalb einer Viertelstunde in 25 km Höhe auf. Neun Stunden lang spie der Mount St. Helens Aschewolken aus. Als der Vulkan am Ende dieser paroxysmalen Explosion wieder zu sehen war, konnte man feststellen, dass sich am Gipfel des Mount St. Helens ein neuer Kegel mit einem unteren Durchmesser von 3 km und einem oberen von 1,5 km sowie einer Tiefe von 700 m gebildet hatte. Die Explosionen hatten den Berg regelrecht geköpft, und er war nun 400 m niedriger als zuvor. Die Eruption hatte 60 Menschenleben gefordert, 300 Kilometer Straße zerstört und mehrere tausend Bäume entwurzelt. Fast 6500 Hirsche und Elche sowie 200 Schwarzbären kamen dabei um. Später formte sich im Krater ein neuer Dom, aus dem bis 1986 mehrere explosive Phasen entstanden. Keiner dieser Ausbrüche kam jedoch der Wucht der Eruption vom 18. Mai 1980 gleich, deren geballte Energie man auf 500-mal höher als die der Hiroshima-Bombe veranschlagte. Jacques Durieux |
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