[Umfrage]

Edgar Piel
Bodycheck - Wie viel Körper braucht der Mensch?
Eine Allensbach-Umfrage für den Deutschen Studienpreis

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Körber-Stiftung

Nachdem der Mensch im Lauf seiner Geschichte mehr und mehr gelernt hat, die Natur zu bearbeiten, hat er am Ende festgestellt, dass er selbst Natur ist. Auch wenn er sich dessen lange Zeit nicht bewusst war, ist er schon immer zugleich Subjekt und Objekt seiner Arbeit und wissenschaftlichen Bemühungen gewesen. Inzwischen wird das Bewusstsein dieser Doppelrolle unabweisbar. Zugleich wird deutlich, dass der kollektive Herrentitel "Der Mensch" für den Einzelnen zur Zwangsherrschaft zu werden droht. Denn der Mensch kann den Menschen nicht nur heilen, sondern - so steht bald schon zu hoffen oder zu befürchten - von Grund auf verändern: er macht sich einen neuen Menschen.

Welche Ängste und Hoffnungen die Deutschen mit den wachsenden Zugriffsmöglichkeiten auf den menschlichen Körper verbinden, wollte der Deutsche Studienpreis im Rahmen seiner dritten Ausschreibungsrunde herausfinden. Das Institut für Demoskopie Allensbach führte dazu im September/Oktober 2000 unter 1137 Personen eine Meinungsumfrage zum Thema Körper (Körperbewusstsein, Reproduktionsmedizin, Transplantationen und Gentechnik) durch. In diesem Zeitraum besuchten über 300 vom Allensbacher Institut geschulte Interviewer den repräsentativ ausgewählten Bevölkerungsquerschnitt, um mit jedem persönlich anhand eines standardisierten Fragebogens über seine Ansichten zu sprechen.

Schönheitsideal von Frauen und Männern

Was einem die Natur mitgegeben hat, ist offensichtlich nicht mehr das Maß aller Dinge. Der Wunsch nach Gestaltung wächst - oder ist es der Zwang zur Gestaltung? Das Grundsätzliche daran ist nicht neu. Das Recht auf den eigenen Körper - habeas corpus, wenn man so will - war auch früher schon außer Kraft gesetzt, wenn Normen, Schönheitsideale und Konventionen von außen auf den Einzelnen einwirkten. Neu ist in diesem Zusammenhang allenfalls, dass sich Mehrheiten zumindest auf der Ebene ihres rationalen Bewusstseins dagegen wehren. So betont die große Mehrheit der Bevölkerung in der Umfrage, dass ihr jegliches Schönheitsideal ziemlich egal sei: "Das spielt für mich überhaupt keine Rolle", befinden rund 60 Prozent der Bevölkerung in Ost und West (Tab. 45).

Es bedarf keines psychoanalytischen Theoriegebäudes, um sich zu fragen, ob die Ablehnung von Schönheitsidealen, welche die Mehrheit der Bevölkerung auf der Ebene des rationalen und kritischen Bewusstseins für sich reklamiert, mit dem übereinstimmt, was in dieser Gesellschaft von vielen Menschen tatsächlich gelebt wird. Körperbewusstsein bzw. der Wunsch nach Korrekturen am eigenen Körper haben im Allgemeinen nur wenig mit einem rationalen Blick auf die eigene Person zu tun. Auffällig ist immerhin, dass die meisten für sich selbst zwar jede Abhängigkeit von einem vom Zeitgeist definierten Schönheitsideal bestreiten, gleichzeitig aber sehr genau darüber Bescheid wissen, worin das Schönheitsideal heute besteht. In anderen Lebensbereichen - das zeigt die demoskopische Erfahrung - gibt es eine derartige Doppelperspektive nur selten. Ist jemand über eine Sache gut informiert, so ist er meist entsprechend involviert. Und in diesem Fall soll das anders sein? Eins steht jedenfalls fest: obwohl die meisten in der Umfrage ihr Desinteresse betonen, weiß die große Mehrheit jederzeit sehr genau zu unterscheiden, worin das Schönheitsideal für Frauen und für Männer besteht. Rund 70 Prozent sind sich einig: Für Frauen ist das Schönheitsideal "vor allem schlank", für Männer "muskulös, gut durchtrainiert" (Tab. 37 und 41).

Körperkult

Die Mehrheit kritisiert, dass heute ein regelrechter Körperkult getrieben wird (Tab.53). Ein Schönheitsideal gibt es jedoch nicht, wenn niemand sich darum kümmert. Auch ein aktueller Körperkult lässt sich nur kritisieren, wenn die Kultgemeinde groß genug ist, um für eine Zeit als symptomatisch zu stehen.

Zumindest eine Gruppe in unserer Gesellschaft gibt es, die dieser Art Körperkultivierung im größeren Ausmaß positiv gegenübersteht und dies in der Umfrage auch zum Ausdruck bringt: die Jüngeren. 42 Prozent der Unter-Dreißigjährigen plädieren ganz eindeutig dafür, dass man an seinem Körper arbeiten muss: erstens um fit zu bleiben, zweitens um beruflichen Erfolg zu haben, und drittens, um beim Wettbewerb der Geschlechter nicht vorzeitig aus dem Rennen geworfen zu werden (Tab. 59).

Schönheitsoperationen

Junge Leute haben deshalb auch am meisten Verständnis, wenn jemand nicht nur Sport oder Bodybuilding treibt, sondern noch einiges mehr tut, um seinen Körper attraktiv zu machen. Wer mit seinem Aussehen nicht zufrieden ist, kann sich durchaus einer Schönheitsoperation unterwerfen. Für die Jüngeren ist das kein Problem. Die Mehrzahl der Über-Dreißigjährigen hat dafür eigentlich nur Verständnis, wenn es um die Korrektur einer Verunstaltung nach einem schweren Unfall geht. Die Jüngeren kennen noch andere gute Gründe für Schönheitsoperationen: z. B., wenn man sich ohne eine solche Operation schwer tut, einen Partner zu finden (Tab. 51). Die Bevölkerung findet ein solches Motiv für einen plastisch-chirurgischen Eingriff nur zu 19 Prozent akzeptabel (Tab. 49), jüngere Menschen jedoch zu 32 Prozent.

Transplantationen

Wenn es um den menschlichen Körper geht, ist der Mensch schon längst über die Plastische Chirurgie hinaus: Transplantation und Gentechnik sind die Stichworte von Perspektiven, deren Horizonte sich gerade erst zu lichten beginnen. Soll der Mensch, darf der Mensch in dieser Richtung, die er ja schon eingeschlagen hat, unbedacht weitergehen? - Geht es dabei nur um die Schönheit, so lautet die Antwort der meisten heute noch: "Nein." Wenn es jedoch um die Gesundheit geht, sagen die meisten: "Ja." Oder besser "Ja, ... aber."

"Ja" sagen die meisten zu allen Eingriffen, die in den letzten Jahrzehnten weltweit praktiziert werden. Zögerlich ist man, was die nächsten Schritte betrifft - Schritte, die inzwischen schon ahnbar sind. Auf keinen Fall sollte man Köpfe verpflanzen oder - mit ein wenig mehr Zustimmung - Gehirne. Aber immerhin jeder Fünfte fände es gut, wenn man durch den Einbau eines Gehirnchips die Leistungen des Gehirns verbessern könnte (Tab. 1).

Interessant ist, dass besser Gebildete sehr viel offener für derzeit noch utopisch wirkende Manipulationen an Kopf und Gehirn sind als Menschen mit einfacher Bildung. Die traditionelle "Gehirnmanipulation" durch den Besuch einer höheren Schule oder Universität sorgt offensichtlich jetzt schon dafür, dass jeder Dritte aus der Gruppe der besser Gebildeten Übertragungen von Gehirnzellen begrüßen würde. Unter den Absolventen einer Volks- und Hauptschule sind dies nur 19 Prozent. Den Einbau eines Gehirnchips würden 22 Prozent der besser Gebildeten befürworten, von den einfach Gebildeten jedoch nur 18 Prozent. Die Verpflanzung des eigenen Kopfes fände nur eine ganz kleine Minderheit gut. Allerdings ist auch diese Minderheit bei den besser Gebildeten mit 4 Prozent doppelt so groß wie bei den einfach Gebildeten (2 Prozent) (Tab. 4). Die sehr viel höhere Zustimmungsrate unter den besser Gebildeten gegenüber den einfach Gebildeten öffnet Raum für Spekulation: wie offen werden wir alle erst sein, wenn wir die ersten Manipulationen an Kopf und Hirn hinter uns haben, und uns am Ende dank dieser Prozedur alle zu den "besser Gebildeten" zählen dürfen?

Merkmale des Menschen vor seiner Geburt festlegen

Leid, Krankheit und Tod, aber auch Glück und Schönheit waren vormals Schicksal. Der Spielraum, in dem der Mensch sich selbst zum Schicksal wird, wird jedoch immer größer. Aus den Ergebnissen der Allensbacher Umfrage lässt sich erkennen, dass die meisten gegenüber dieser Selbstermächtigung des Menschen noch ein großes Unbehagen empfinden. Am deutlichsten wird dieses Unbehagen bei der Frage, ob man es gut findet, wenn die Wissenschaft den Eltern die Möglichkeit an die Hand gibt, die Merkmale ihres Kindes im Voraus festzulegen. 79 Prozent sagen: "Das finde ich nicht gut." Nur 10 Prozent würden eine solche Möglichkeit befürworten (Tab. 22).

Schon jetzt ist abzusehen, dass nicht der Bereich ästhetischer Verschönerung des Menschen das Einfalltor für solche Möglichkeiten der Merkmalsvorherbestimmung sein wird, sondern der Bereich von Gesundheitsgefährdung oder -förderung und Therapie. Nur wenige von denen, die schon vor der Geburt eines Kindes einen Katalog von Merkmalen dieses zukünftigen Menschen festlegen wollen, meinen damit sein ästhetisches Erscheinungsbild. Schön wäre es allerdings schon, wenn man bestimmte Erbkrankheiten ausschließen könnte, sagen 79 Prozent. Oder wenn man Alkoholismus auf diese Weise verhindern könnte (48 Prozent). Immerhin etwa jeder Dritte von denen, die die Merkmalsvorherbestimmung positiv finden, würde gern im Voraus das Geschlecht des zu erwartenden Kindes festlegen (Tab. 27).

Therapie und Gesundheit als Legitimation

Therapeutische Motive und Gesundheit - das waren und sind bis heute (abgesehen von Strafvollzügen) die zentralen Motive und Legitimationsgaranten der menschlichen Einwirkung auf den menschlichen Körper. Beides wird in der Allensbacher Umfrage sehr deutlich. Und beide Stichworte, Gesundheit und Therapie, werden ganz gewiss auch in Zukunft auf jenem Transparent geschrieben stehen, unter dem hindurch die Menschheit in die gen- oder transplantationstechnisch manipulierte schöne neue Körperwelt einmarschiert.

Die entsprechenden Tabellen finden Sie auf den Internetseiten des deutschen Studienpreises