français
 
Zusammenfassung einer Diskussion zwischen israelischen, palästinensischen und französischen Intellektuellen
(Ausgestrahlt am 9. Dezember vom Radiosender France Culture)
Seit mehreren Monaten wütet ein blutiger Konflikt im Heiligen Land. Welche sind die Gründe für die Aussetzung des Friedensprozesses? Welche Lösungsmöglichkeiten für einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten gibt es? Dieses Treffen zwischen israelischen, palästinensischen und französischen Intellektuellen hatte sich zum Ziel gesetzt, die verschiedenen Positionen zu erörtern und den schwierigen Dialog neu zu beleben, jenseits der politischen Verhandlungsdynamik und -rhetorik. Die drei Diskussionsrunden mit unterschiedlichen Gästen waren sehr lebhaft, doch meistens sachlich. Wir haben ein Teil davon zusammengefasst und übersetzt.
1. Die schwere Last der Vergangenheit
mit Zeev Sternell, Elias Sanbar, Danièle Sallenave und Alain Finkelkraut.
Die Osloer Verträge wurden 1993 und 1994 von allen Seiten mit Enthusiasmus begrüßt. Der palästinensische Historiker Elias Sambar und sein israelischer Kollege Zeev Sternell sprechen von einem geschichtsträchtigen Moment und heben besonders die erstmalige gegenseitige Anerkennung der beiden Völker hervor. Für den Israeli sind die Kompromisse, die seine Landsleute gemacht hätte ein großer Schritt nach vorne. Die Idee einer palästinensischen Autonomie habe sich in Israel endlich einen Weg gebahnt und die "Alles oder Nichts"-Mentalität wurde auf beiden Seiten überwunden. Ausschnitt.
Sternell erörtert jedoch auch das weiterhin bestehende Problem der jüdischen Siedlungen, die seit den 70er Jahren stark ausgedehnt wurden, was heute als historische Tatsache hingenommen werden muss. Elias Sambar antwortet, dass es für die Palästinenser schwierig sei zu erkennen, wo die territorialen Forderungen der Israelis enden. Sie sollten klar und mutig Stellung beziehen. Die Palästinenser hätten sich schließlich mit nur 20 % ihres ursprünglichen Gebietes zufriedengegeben.
Auf die aktuellen Ereignisse eingehend bezeichnet Sternell die Gewalt auf der palästinensischen Seite als Unabhängigkeitskrieg, als Befreiungskampf vor der eigenen Staatsgründung. Er kritisiert die palästinensischen Schulbücher, die immer noch Israel als "einen Unfall, der verschwinden muss" bezeichnen. Angesichts der Gewalt gegen die Palästinenser kritisiert die Schriftstellerin Danièle Sallenave das Schweigen der französischen Intellektuellen, die Angst hätten, als Antisemiten abgestempelt zu werden. Zeev Sternell sieht das anders: Die Haltung der französischen Presse sei nicht verantwortlich, wenn sie die Intifada als unschuldige Revolte von steinwerfenden Kindern betrachtet.
2. Eine Bilanz der Osloer Verträge
mit Leila Chahid, Jacques Revah, Alain Dieckhoff, Eric Rouleau
Auch für Vertreterin der Palästinensern Autonomiebehörde in Frankreich Leila Chahid bedeutet Oslo ein radikaler Wendepunkt. Die Palästinenser hätten auf ¾ des historischen Palästina verzichten müssen, aber die gegenseitige Anerkennung sei von unschätzbarem Wert. Doch das reiche nicht, meint Chahid. Die zweite Intifada ist der Willensausdruck eines gesamten Volkes und Ergebnis des Stillstandes im Friedensprozess. Das was in Oslo vereinbart wurde, sei nicht umgesetzt worden und die Zerstückelung der palästinensisch verwalteten Gebiete machten ein geregeltes soziales, wirtschaftliches und kulturelles Leben unmöglich. In ihren Augen müssen fünf Punkte am Verhandlungstisch diskutiert werden: das Flüchtlingsproblem, die Wasserversorgung, die jüdischen Siedlungen, die Grenzen zwischen dem palästinensischen Staat und Israel und schließlich die Jerusalemfrage. Jacques Revah von der israelischen Botschaft in Paris kritisiert diese, seiner Meinung nach, vereinfachende Analyse. Die Israelis hätten ihrerseits auf 90 % dessen verzichtet, was sie sich ursprünglich erträumt hätten. Für den Politologen Alain Dieckhoff wurden die Vereinbarungen von Oslo nicht respektiert, denn die basierten nicht auf einer "Logik der Gegenseitigkeit". Die palästinensischen Gebiete seien immer kleiner geworden und das verzerrt das Bild des Friedensprozesses auf beiden Seiten. Für die Israelis entwickelte sich die Lage positiv, während für die Palästinenser dieser neuer Frieden ein chaotischer Zustand war. Die negativen Auswirkungen würden überwiegen. Ausschnitt
Leila Chahid erörtert erneut die aktuellen Probleme, die den Palästinenser zu schaffen machen, vor allem die militärische Besetzung von mehr als 80 % ihres Gebietes durch die israelische Armee. Sie nennt die palästinensischen Bedingungen für den Frieden: einen palästinensischen Staat bestehend aus dem Gazastreifen, Westjordanland und Jerusalem-Ost als Hauptstadt. Der früherer französischer Botschafter in Israel Eric Rouleau war ursprünglich ein engagierter Anhänger der Osloer Verträge. Heute erkennt er zwei fundamentale Fehler in diesem System: Ein Ungleichgewicht in den Verhandlungen zwischen Besatzern und Besetzten entstehe dadurch, dass diese Verhandlungen nicht in einem neutralen Gebiet stattfinden, sondern bei den Besatzern. Dieses Ungleichgewicht werde noch durch die exklusive Schirmherrschaft der USA verstärkt. Alain Dieckhoff schließt daraus, dass die Verhandlungen auf eine neue Basis gestellt werden müssen und dass vor allem Israel besondere Anstrengungen anstellen muss.

3. Ein dauerhafter Frieden im Nahen Osten?
Der israelische Jurist Claude Klein analysiert die Befindlichkeit der israelischen Gesellschaft, die vom Friedensprozess frustriert sei. Einerseits habe eine breite Mehrheit der Bevölkerung die palästinensische Autonomie und sogar den Abbau der Siedlungen akzeptiert. Doch andererseits zweifeln sie am guten Willen der Palästinenser, tatsächlich Frieden schließen zu wollen. Es ginge den Israelis darum den Status quo zu halten, solange es nur geht. Klein kritisiert die palästinensischen Politiker, die Barak in Camp David nicht helfen wollten, während der israelische Premierminister innerhalb der Knesset überhaupt keinen Rückhalt mehr hatte. Die Politologin Camille Mansour antwortet darauf, dass die Palästinenser Barak keine Geschenke zu machen haben, was die Gebietsfragen angeht. Die Haltung Baraks sei nicht verantwortlich: einerseits verhandeln und andererseits einen Haushalt für den Siedlungsausbau genehmigen. Zeev Sternell erörtert die Probleme Baraks mit den orthodoxen Siedlern. Einen Stopp des Siedlungsbaus oder gar einen Abbau der bestehenden Siedlungen hätte in Israel vermutlich einen Bürgerkrieg ausgelöst, da dieses israelische Zugeständnis als einseitig betrachtet würde, solange der palästinensische Verhandlungspartner sich nicht bewegt. Elias Sambar erinnert daran, dass Arafat selbst viel riskiert habe, indem er den Anspruch der Palästinenser auf ganz Palästina aufgegeben hat. Er verlangt von beiden Seiten viel Mut und den Willen zur Versöhnung.

   
top