Unter der Lupe

>Die Elsässer
>Gespräch mit den Drehbuchautoren
>Interview mit Roger Siffer, der Gallionsfigur der elsässischen Identität

 
Die Drehbuchautoren
Henri de Turenne und Michel Deutsch im Gespräch

"Die Elsässer" zeichnen die Geschichte des Elsass nach: von Frankreichs Verlust des Elsass an Deutschland im Jahre 1870 bis zum "Malgré-nous"-Prozess im Jahre 1953. Ein Gespräch mit den Drehbuchautoren Henri de Turenne und Michel Deutsch

Henri de Turenne: Wir wollten die allgemeine Geschichte anhand konkreter Einzelschicksale erzählen: am Beispiel einer repräsentativen Industriellenfamilie, aber auch einfacherer Leute wie Diener und Bauern. Die Story hat drei Schwerpunkte: Den ersten bildet das Jahr 1870, als Frankreich das Elsass an Deutschland verlor. Hier mussten wir zeigen, dass sich die Zeit der deutschen Herrschaft materiell sehr günstig auf die Elsässer auswirkte.

Michel Deutsch: Wir wollten das verfälschte, tendenziöse Geschichtsbild korrigieren, das da lautet: "Das Elsass war von 1871 bis 1918 deutsch und folglich sehr unglücklich". Das stimmt einfach nicht. Im Elsass wurden damals beachtliche politische Fortschritte (ab 1909 hatte es ein Parlament!) gemacht, ein unglaubliches Wirtschaftswachstum erzielt und eine sehr fortschrittliche Sozialgesetzgebung eingeführt, die in Frankreich erst mit der Volksfront kam. Natürlich hat Deutschland gleich nach der Annexion mit harter Hand durchgegriffen. Aber wir wollten differenzieren und eine geschichtlich fundierte Darstellung vermitteln, statt ideologische Vorurteile zu bestätigen.

H. de T.: Den zweiten Schwerpunkt bilden die Geschehnisse im Jahr 1918, als das Elsass wieder an Frankreich fiel. Die französische Regierung ging dabei oft sehr ungeschickt vor: Zum Beispiel schickte sie Lehrer aus Südwestfrankreich, die das Elsass überhaupt nicht kannten und auch nicht Elsässisch sprachen. Es passierten so absurde Dinge wie die Zahlung einer Kolonialzulage an die ins Elsass entsandten französischen Beamten. Als sei das Elsass eine Kolonie!

M. D.: Ab 1919 verloren die Elsässer, die mit Begeisterung wieder zu Frankreich zurückgekehrt waren, ihre Illusionen. Zu dieser Zeit setzte eine sehr starke Autonomiebewegung ein: Wir haben versucht, diese Ernüchterung, diese ungeheure Enttäuschung über Frankreich darzustellen. Wir erklären auch, warum die Autonomiebewegung nach Hitlers Machtergreifung 1933 zum Stillstand kam: Die Elsässer begriffen das Besondere und Entsetzliche des NS-Regimes nämlich sehr viel schneller als die Franzosen im Landesinnern.

H. de T.: Den dritten Schwerpunkt bildet der zweite Weltkrieg mit seinen schrecklichen Leiden, seinen Hunderttausenden zwangsmobilisierter Elsässer und seinen schrecklichen Verlusten.

M. D.: Wir mussten unbekannte Tatsachen ins Bewusstsein bringen: Zusammen mit der Normandie und einigen Atlantikhäfen war das Elsass die am stärksten bombardierte Region Frankreichs, aber auch diejenige, in der die erste Widerstandsgruppe entstand. Das andere Ereignis, das wir nicht auslassen, sondern feinfühlig behandeln wollten, ist der Prozess von Oradour-sur-Glane, auf den sich der Prozess am Ende unseres Mehrteilers bezieht. In Oradour wurden die Maschinengewehre oft von jungen Elsässern bedient, die unter dem Befehl von SS-Offizieren standen.

H. de T.: Oradour symbolisiert die Nazibarbarei, man darf nicht daran rühren. Aber von den 23 Angeklagten waren 17 Elsässer. In unserem "Malgré-nous"-Prozess haben wir viel Material aus der Verteidigung eines elsässischen Rechtsanwaltes verwendet, der im Prozess bei seiner Verteidigung von Elsässern sagte: "Meine Herren, das sind keine Henker, sondern Opfer." Der Prozess steht am Ende des Mehrteilers, denn wir wollten uns nicht in die Zeitgeschichte hineinbegeben: Man muss hoffen, dass im Zuge der europäischen Einigung auch endlich die Frage des Elsass geregelt wird.