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Die
Historikerin Odile Gozillon-Fronsacq schrieb ihre Doktorarbeit,
die in diesem Jahr in Frankreich veröffentlicht wird, über Filmstrategien
im Elsass (Stratégies cinématographiques en Alsace, 1896 - 1939).
1999 erschien in Frankreich außerdem ihr Werk Alsace cinéma. Cent
ans d'une grande illusion"). Gegenwärtig arbeitet sie an der Einrichtung
eines audiovisuellen Archivs des Elsass.
"Die
große Illusion" kam 1937 in die Kinos. Wie wurde der Film in Frankreich
aufgenommen?
"Die
große Illusion" fand vor allem beim Publikum enormen Anklang. Der
Film war der größte Kassenerfolg des Jahres 1937. Und selbst die
Kritik war begeistert, eine Seltenheit bei Renoirs Filmen. Sonst
stand man ihnen eher reserviert gegenüber.
Worauf
ist dieser Erfolg zurückzuführen? Seit dem Ersten Weltkrieg waren
erst 20 Jahre vergangen, dennoch zeichnet der Film ein positives
Bild von den Deutschen. War die Öffentlichkeit damals nicht eher
deutschfeindlich eingestellt?
Der
Film zeigt meiner Meinung nach eine historische Wirklichkeit. Wie
Renoir selber sagte, präsentiert er auf der Leinwand die ungeschminkte
Wahrheit realer Situationen. Seine Geschichte lehnt sich an eine
wahre Begebenheit an und illustriert die Geisteshaltung im damaligen
Frankreich. Renoir zufolge sind "die Gestalten genauso, wie wir
damals im Jahr 1914 waren. Ich war im Krieg Offizier und habe meine
Kameraden bestens in Erinnerung behalten. Wir empfanden absolut
keinen Hass auf unsere Gegner.
Das
waren gute Deutsche, so wie wir gute Franzosen waren." In der Tat
herrschte eine extrem pazifistische Einstellung unmittelbar vor
Kriegsausbruch. Man darf nicht vergessen, 1938, wenige Monate nach
dem Kinostart, schlossen Frankreich und England mit Deutschland
das Münchener Abkommen, in dem sie die Tschechoslowakei an Hitler
preisgaben. Warum verhielt man sich so in Frankreich, und warum
wurde Dalladier bei seiner Rückkehr nach Paris wie ein Sieger gefeiert?
Weil die Franzosen nur eines wollten: Frieden. Seit dem Ersten Weltkrieg
waren schließlich erst zwanzig Jahre vergangen.
Der
Krieg hatte in allen französischen Familien tiefe Wunden hinterlassen,
und die Franzosen sehnten sich nach Frieden. Außerdem hatten die
Franzosen eine ehrliche Achtung vor den Deutschen. Renoir bekennt,
dass ihn dieser Friedenswille zu seinem Film bewegt habe: "Ich habe
‚Die große Illusion' gedreht, weil ich Pazifist war. Der Film war
ein großer Erfolg. Nein, er ist nicht besser als andere Filme, aber
er vermittelt ganz einfach die typische Einstellung des Durchschnittsfranzosen,
meines Bruders, zum Krieg." Der Film war also deshalb so erfolgreich,
weil er die Stimmung am Vorabend des Zweiten Weltkriegs exakt widerspiegelt.
Warum
wurde der Film 1939 in Frankreich verboten?
Er
wurde in Frankreich zum Zeitpunkt der Kriegserklärung verboten,
weil man ihm unterstellte, er predige das Bündnis mit dem Feind.
Sein Pazifismus machte ihn verdächtig. Aus denselben Gründen wurde
der Film im übrigen auch in Italien und Deutschland verboten: Er
widersprach dem Imperialismus und der Kriegstreiberei beider Nationen.
Der Direktor der Mostra von Venedig äußerte bereits 1937: "In diesem
Film kommt der kommunistisch und hurrapatriotisch angehauchte Pazifismus
zum Ausdruck, der bestimmte französische Intellektuellenkreise kennzeichnet."
Wie
wurde der Film nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich aufgenommen?
Der
Film erlebte ein wechselhaftes Schicksal: Als historischer Film
entsprach er 1945 nicht mehr dem Zeitgeist. Er beschreibt eine inzwischen
völlig anachronistisch gewordene Epoche. Es stellte sich die Frage,
ob der Film verboten oder bestimmte Stellen herausgeschnitten werden
sollten.
Durfte
eine Realität gezeigt werden, die völlig überholt war? Die Filmkontrollkommission
hatte zunächst erklärt, sie werde den Film verbieten, weil "es
anstößig sei", diese Realität 1945 zu zeigen. "Aufgrund
seiner hervorragenden künstlerischen Qualität" wurde der Film
1946 letztlich doch zugelassen - vorausgesetzt Renoir stimme einer
gekürzten Version zu. Damit war dieser einverstanden unter
der Bedingung, dass sein Koautor
Spaak die Schnitte selbst ausführe. Als die Neufassung im März 1946
herauskam, löste sie heftige öffentliche Debatten aus, obwohl alle
Szenen, die auf die Rasse des jüdischen Kriegsgefangenen Rosenthal
anspielten, herausgeschnitten worden waren, ebenso die Liebesszenen
zwischen Maréchal (Jean Gabin) und der Deutschen, Elsa (Dita Parlo),
- also alle Sequenzen, die den Menschen in Frankreich zu nahe gehen
konnten, die während der deutschen Besatzungszeit großes Leid erfahren
hatten. Und trotz dieser Kürzungen kam es, wie gesagt, beim Kinostart
zu heftigen Debatten. Der Journalist Georges Altmann fasste die
Meinung der Öffentlichkeit und der Presse so zusammen: "Wir müssen
umgehend unsere Auflehnung und unseren Widerwillen kundtun. Damals,
vor der Sintflut und der Hölle des Nazismus, haben wir den Film
mit Freude aufgenommen, weil wir Opfer einer anderen großen Illusion
waren: der des sentimentalen Pazifismus.
Doch
heute, zwei Jahre nach Wehrmacht, SS und Verbrennungsöfen, haben
wir nicht das Recht, die Kunst zu Hilfe zu nehmen, um die deutsch-französische
Freundschaft darzustellen. Das Blut ist noch zu frisch." Renoir
und sein Mitarbeiter Carl Koch äußerten ebenfalls das Gefühl, dass
ihr Film 1946 eine überholte Wirklichkeit darstelle und dass sie
das Wichtige übersehen hätten: den Triumph des Totalitarismus in
der Kriegszeit. Renoir sagte dazu: "Ich war weit von der neuen Wirklichkeit
entfernt ... Ich hatte Soldaten beschrieben, die stets auch Menschen
waren." Und in der Tat, er hatte das totalitäre Naziregime absolut
nicht wahrgenommen.
Die
Rezeptionsgeschichte des Films ist eng mit der deutsch-französischen
Geschichte verknüpft. Hat es deswegen im Elsass eine Sonderregelung
für die Kinovorführung gegeben?
Ja,
durchaus! Die Kinofreigabe aus dem Jahr 1946 galt für ganz Frankreich.
Doch 1947 wurde der Film per Sonderverordnung im Departement "Haut-Rhin"
verboten. Und diese Verordnung ging nicht von Paris aus, sondern
vom Präfekten des Departements "Haut-Rhin" als Folge einer Studie
der öffentlichen Meinung im Elsass, wo der Film sehr umstritten
war. Die Kinobetreiber im Elsass und im Departement Moselle verlangten
die Rücknahme des Films mit der Begründung, er stelle für diese
Gebiete angesichts deren leidvoller Erfahrung im Krieg nach dem
Anschluss an das Deutsche Reich im Juni 1940 eine Beleidigung dar.
Daher
wurden diese Sonderbestimmungen verabschiedet. Einige Monate lang
war der Film im Departement "Haut-Rhin" verboten - um die historische
Besonderheit hier zu respektieren.
1958
erlebte der Film einen dritten Kinostart. Gab es auch diesmal Diskussionen?
Der
Film löste 1958 überall regelrechte Begeisterung aus. Nicht nur
bei den Zuschauern, sondern auch bei Leuten wie Bazin, Baroncelli,
Claude Beylie und sogar Truffaut. Denn dieser historische Film hatte
seine ursprüngliche Funktion wiedererlangt: Er gab die Geisteshaltung
einer bestimmten Zeit wieder, die inzwischen so weit zurücklag,
dass keine Fehlinterpretationen mehr möglich waren. Man konnte klar
zwischen dem Pazifismus der Vorkriegszeit und dem totalitären Wesen
des Naziregimes trennen. Deutsch war nicht mehr gleichbedeutend
mit nationalsozialistisch.
Damit wurde der Film zu einem wahrhaft historischen Film und auch
als solcher verstanden. Und als Truffaut den Film als einen "Ritterfilm"
bezeichnete, der die nationalistischen Gefühle der Deutschen im
Ersten Weltkrieg ausdrückte, war niemand schockiert! Der Abstand
zum Film war inzwischen groß genug. Heute erkennt man wieder das
Hauptverdienst des Films, seine allgemeingültige Botschaft, die
historische Grenzen überwindet. Denn Renoir lehrt uns in diesem
Film, dass wir einer Reihe von Illusionen erliegen, die uns die
Wahrheit nicht erkennen lassen. Wie Truffaut betonte, lernt der
Zuschauer, "dass es nicht darum geht, zu (ver)urteilen,
sondern zu verstehen, dass man nichts verstehen kann."
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