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"Eine reine Liebe zu dritt"
Eine Skandalgeschichte

Truffauts "Jules et Jim" (Frankreich 1961) sollte 1962 eigentlich unter dem Titel "Eine reine Liebe zu dritt" in die deutschen Kinos kommen. Der Bewertungsausschuss der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) lehnte diesen deutschen Titel allerdings ab, wohl weil er sich zum eigentlichen Thema des Films zu offen und direkt bekannte. Man befürchtete damals sogar, diese romantische Dreierbeziehung könnte die Jugendlichen verwirren und gab so einer der schönsten deutsch-französischen Freundschaftsgeschichten die Altersbeschränkung "ab 18 Jahren" mit auf den Weg.

Das konnte die überwältigend positive Rezeption des Films in beiden Ländern allerdings nicht verhindern und heute gehört "Jules und Jim", mit dem viele Deutsche ihre dauerhafte Liebe zum französischen Kino entdeckten, schon fast zu einem gemeinsamen kulturellen Erbe - auch wenn die deutsche Rolle von einem Österreicher gespielt wird.

Wenn eine deutsch-französische Männerfreundschaft, wie die zwischen Jules (Oskar Werner) und Jim (Henri Serre), zu Beginn des 20. Jahrhunderts sich über veraltete Feindbilder hinwegsetzt, dabei künstlerische, sportliche und amouröse Interessen teilt, und diese Freundschaft nicht nur den gnadenlosen Krieg zwischen beiden Ländern überdauert, sondern sogar die große, gemeinsame Liebe zu Cathérine (Jeanne Moreau), dann ist das 10-jährige Bestehen des deutsch-französischen Kulturkanals eine gute Gelegenheit, den aus dem frischen Geist der Nouvelle Vague kommenden Film noch einmal zu zeigen. Als Vorlage diente Truffaut der gleichnamige Roman von Henri-Pierre Roché und hinter seinen Figuren stehen bekanntlich die "echten" Menschen Franz Hessel, Helen Hessel, Henri-Pierre Roché und das Kind Stéphane Hessel, später ein bekannter französischer Diplomat.

Bei Truffaut ist das gemeinsame Kind zwar ein Mädchen, und wenn die Geschichte auch in Wirklichkeit vielleicht nicht ganz so poetisch-verklärt gewesen sein mag, so ist der Film doch bis heute ein heiter-melancholischer Hoffnungsträger. Glücklicherweise ist das eingetreten, was die moralischen Bedenkenträger damals befürchteten, die Geschichte wird nicht nur in Deutschland und Frankreich als schönes Beispiel für Toleranz und Freigeistigkeit verstanden.

Kein Wunder also, dass "Jules und Jim" mindestens in der Filmgeschichte viele Nachahmer gefunden haben, zuletzt z.B. in der Regie von Marion Vernoux "Love, etc." (Frankreich 1996). "Cathérine wollte die Liebe erfinden", sagt Jim in einer Szene, "etwas besseres schaffen, ohne Heuchelei und Resignation". Das ist immer einen Versuch wert.
Thomas Neuhauser