10 Jahre ARTE

>Editorial
>ARTE-Chronik
>10 Jahre ARTE - europäisch fernsehen

>ARTE-Mitarbeiter erinnern sich an die Anfänge

 

10 Jahre ARTE - europäisch fernsehen

"Wenn ich an die Anfangszeiten von ARTE denke, sehe ich mich vor allem in Kellergeschossen sitzen", erinnert sich Wolfgang Bernhard, heute ARTE-Verwaltungsdirektor, an die Zeit vor gut zehn Jahren.

In den dortigen Besprechungsräumen haben die deutsch-französischen Gründungsväter die Zukunft ihres gemeinsamen Babys diskutiert - und zu dis-kutieren gab es einiges. Das Ziel hatten die eigentlichen ARTE-Väter, der damalige französische Präsident François Mitterrand und Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl im November 1988 vorgegeben: Ein deutsch-französischer Kulturkanal mit europäischer Ausrichtung sollte ins Leben gerufen werden.

Der Weg dorthin schien aber anfangs fast unüberwindbar, waren die Voraussetzungen auf beiden Seiten des Rheins doch immens unterschiedlich: Den großen, unabhängigen Rund-funkanstalten ARD und ZDF stand auf französischer Seite der kleine, staatsabhängige Partner La Sept gegenüber. Die deutschen Sehgewohnheiten entsprachen nicht denen der Nachbarn, die Fernsehästhetik und die journalistische Arbeitsweise waren eine andere - mal ganz abgesehen von den sprachlichen Barrieren, die es zu überwinden, und den rechtlichen und technischen Fragen, die es zu klären gab.

Auch Kritik und Skepsis vor allem von deutscher Seite musste zerstreut werden: Der Kulturkanal war als "kostspieliges Prestigeobjekt für eine Handvoll Kunstfreaks" ins Kreuzfeuer geraten. Kein Wunder, dass Themenabend-Chef Hans Robert Eisenhauer rückblickend sagt: "ARTE war eines der letzten Fernsehabenteuer."

Nach langen Diskussionen und vielen Kompromissen war es am 30. April 1991 aber doch endlich soweit: Der ARTE-Gründungsvertrag wurde in feierlichem Rahmen im Straßburger Rathaus unterschrieben. Damit war der Europäische Kulturkanal ARTE (Association Relative à la Télévision Européenne) geboren - ein bis heute einmaliges Projekt.

Ziel dieses europäischen Unikats ist laut Gründungsvertrag, "das Verständnis und die Annäherung der Völker in Europa zu fördern." ARTE wollte und will festgefahrene Sicht- und Verhaltensweisen verändern, Sehgewohnheiten durchbrechen und nationale Barrieren überwinden. Für den Zuschauer heißt das qualitativ hochwertige europäische Produktionen statt amerikanischer Billigware. Neben Spiel- und Fernsehfilmen zeigt ARTE Informationen aus europäischer Sicht, Musik, Theater und Tanz, Dokumentationen und Dokumentarfilme. "Wir bieten Programme an, die sonst kaum mehr produziert werden", betont Wolfgang Bernhard und denkt dabei vor allem an das Genre Dokumentarfilm.

Der Kultursender dient zudem europäischen Künstlern, Autoren, Regisseuren und Filmemachern als Forum. Kultur heißt dabei aber mehr als Museen und Kunstsammlungen. Kultur ist auf ARTE auch und vor allem auf offene, lebendige und originelle Weise die Welt entdecken, Interessen wecken, Neugier befriedigen. Und es ist ein anderer Umgang mit der Zeit: Zeit zum Zuhören, zum Verstehen, zum Sicheinlassen auf Unbekanntes. "ARTE bietet eine andere Art fernzusehen", sagt Verwaltungsdirektor Bernhard. "Wir machen Prototypen", ergänzt Programmdirektor Victor Rocaries: "Jede Sendung ist etwas Einmaliges. Das ist auf der einen Seite die Stärke von ARTE, weil wir so sehr vielfältig sind, auf der anderen Seite liegt hier aber auch unsere Schwäche, denn wir können die Zuschauer nicht an bestimmte Programme binden."

 

Präsident Jobst Plog fügte jüngst in einem Grimme-Interview einen weiteren wichtigen Aspekt des ARTE-Programms hinzu: "Mit ARTE ist etwas Einmaliges in Europa gelungen - der ‚regard croisé' - der Blick über die Grenze und die Kulturen hinweg auf das Nachbarland". Dieser Blick über die Grenzen gelingt vor allem bei den dreimal wöchentlich ausgestrahlten Themenabenden. Das anfangs revolutionäre und sogar umstrittene Format, dass ein Thema von verschiedenen Seiten beleuchtet und so Zusammenhänge sichtbar macht und Brücken bauen will, hat sich inzwischen als Markenzeichen des Senders etabliert. Nach den Startschwierigkeiten hat ARTE sich in den vergangenen zehn Jahren zu ei-nem festen Bestandteil der europäischen Fernsehlandschaft entwickelt und genießt mittlerwei-le großes Ansehen. Viele haben geglaubt, dass dieses Experiment niemals klappen kann. Wir haben inzwischen aber nachgewiesen, dass es sehr gut klappt", freut sich ARTE-Präsident Jobst Plog über diesen Erfolg.

Aus dem deutsch-französischen Projekt ist zudem inzwischen ein europäisches Programm geworden, an dem zahlreiche europäische Partner mitarbeiten. Gegenwärtig bestehen Vereinbarungen mit der belgischen RTBF, der schweizerischen SRG, der spanischen TVE, der polnischen TVP, der finnischen YLE, der niederländischen NPS und dem österreichischen ORF als jüngstem ARTE-Partner. Auch die deutsch-französische Zusammenarbeit macht mittlerweile weniger Probleme: "Zu Anfang sind wirklich zwei Kulturen und zwei professionelle Arbeitsweisen aufein-andergeprallt, die teilweise sogar inkompatibel erschienen. Inzwischen hat sich aber heraus-gestellt, dass wir die gleiche professionelle Sprache sprechen und dass wir die gleiche Über-zeugung für die europäische Richtung des Senders teilen", fasst Hans Robert Eisenhauer die Entwicklungen der vergangenen Jahre zusammen und fügt hinzu: "Sowohl die Deutschen haben sich, was die Zusammenarbeit betrifft, in den letzten Jahren verändert - das merke ich immer wieder, wenn ich Kontakt mit deutschen Kollegen habe -, auf der anderen Seite haben sich aber auch die französischen Kollegen verändert."

Zum zehnjährigen Jubiläum schaut man bei ARTE natürlich auch in die Zukunft. Eines der wichtigsten Projekte ist der Ausbau zum Ganztagsprogramm. "Wir müssen aus diesem abends um 19 Uhr beginnenden Zeitghetto herauskommen und uns so entwickeln können wie andere Sender auch", fordert Jobst Plog. Wie das Programm dann aussehen wird, steht zwar noch nicht fest, Programmchef Rocaries möchte aber einen größeren Schwerpunkt auf die Bereiche Kultur und Kunst setzen.

Einen zweiten Eckpunkt sollen Gesprächssendungen bilden. "Das Ganztagesprogramm bietet die Möglichkeit, große Philosophen und Wissen-schaftler zu Wort kommen zu lassen", beschreibt der Franzose seine Vorstellungen.

Die Kellerräume sind inzwischen natürlich auch längst passé. Am 3. Mai wird in Straßburg der Grundstein für den neuen Sitz des Kultursenders gelegt. Im Neubau in direkter Nähe zum Europäischen Parlament finden ab 2003 sämtliche Redaktionen, die momentan noch über sieben verschiedene Gebäude in der ganzen Stadt verteilt sind, ein neues Zuhause.