Unter der Lupe

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>Interview mit Roger Siffer, der Gallionsfigur der elsässischen Identität

Interview mit Roger Siffer

 
 
Frage1: Wie würden Sie die elsässische Identität definieren? Welche Charakterzüge sind typisch elsässisch - wenn man bedenkt, dass das Elsaß mal französisch, mal deutsch war? Was von diesen beiden Kulturen hat die Elsässer geprägt?
     
Frage2: Gibt es eine elsässische Kultur und wodurch manifestiert sie sich?
     
     
Frage 3: Ist das Elsässische Ihrer Ansicht nach ein Dialekt ? Welche Besonderheiten hat dieser Dialekt und wie hat er sich entwickelt?
     
     
Frage 4: Was wünschen Sie der elsässischen Kultur und was sind Ihre eigenen Projekte?
     
     
Roger Siffers Nachricht an unsere Internauten:
     

 

Guten Tag, Roger Siffer, Wir befinden uns hier in der Choucroûterie, dem bekannten Straßburger Mundarttheater. Wie würden Sie die Elsässer und ihre wesentlichen Charakterzüge beschreiben? Wie man weiß, waren die Elsässer ja ständig zwischen Deutschland und Frankreich hin- und hergerissen; welche Eigenschaften der beiden Kulturen sind ihnen bis heute geblieben?

Ich kann nicht genau sagen, was ein Elsässer ist. Das ist eine sehr schwierige Frage. Ist man schon Elsässer, wenn man Elsässisch spricht? Das würde ja bedeuten, dass jemand, der zwar im Elsass lebt, aber die Sprache nicht spricht, kein Elsässer ist. Kann man Elsässer sein, auch wenn man gar nicht im Elsass lebt, sondern zum Beispiel in Brazzaville, aber trotzdem Elsässisch spricht? Oder ist man dann schon kein Elsässer mehr? Ist vielleicht die weiße Hautfarbe ein Maßstab? Wird ein Schwarzer dadurch zum Elsässer, dass er unseren Dialekt spricht, oder kann im Gegenteil ein hier geborener Mensch mit dunkler Hautfarbe sowieso kein Elsässer sein? Die Fragestellung ist sehr komplex, denn es geht hier um kulturelle und nicht um ethnische oder rassische Aspekte, denn dann würde die ganze Sache sehr heikel und schnell nach Blut und Boden schmecken.

Man könnte sagen, dass die Elsässer die deutschesten Franzosen oder auch die französischsten Deutschen sind. Oder so ähnlich. Es ist aber schon viel einfacher, die Elsässer von anderen Einwohnern Frankreichs zu unterscheiden, zum Beispiel von den Bretonen. Im Großen und Ganzen möchte ich sagen, dass der wahre Elsässer ein Mensch ist, der das Elsass liebt.

Der größte Kabarettist, den das Elsass je hervorgebracht hat, war Germain Muller. Er hatte eine ausgezeichnete Antwort auf die Frage "Wos isch a Elsasser?" Er sagte: "A Elsasser isch a Elsasser" " Wos isch a gueter Elsasser?" " A gueter Elsasser isch a Franzos" "Wos isch a ganz gueter Elsasser?" "A ganz gueter Elsasser isch fascht schon a halver Schwob (Deutscher)". Das mag zwar wie eine Satire klingen, umreißt die Situation aber sehr gut. Was mich beim Vergleich eines Elsässers mit einem Bretonen interessiert, ist das regional Spezifische. Das wäre zum Beispiel diese etwas eigenartige Sprache. Aber es gibt noch wichtigere Unterscheidungsmerkmale. Der Elsässer hat eine ganz andere Beziehung zum Haus als die anderen Franzosen, da das elsässische Fachwerkhaus rechtlich nicht als Immobilie gilt, sondern zu den Mobilien, den beweglichen Gütern, zählt. Man kann es nämlich zerlegen und damit wie mit seinen Möbeln in ein anderes Dorf umziehen. Deswegen denke ich mir, dass diese Menschen, die seit Jahrhunderten ihr eigenes Häuschen dabei haben, wie ein Schneckenhaus, zwangsläufig gastfreundlicher und offener sind als andere. Das wäre eine mögliche Beschreibung. Oder, denken Sie zum Beispiel an Straßburg, mit seinen 620 Brücken. Ich nehme an, diese Menschen - lassen Sie mich optimistisch sein, sind weltoffener und warmherziger als in anderen Gegenden auf der Welt. Im Elsass gibt es viel Wasser: Wir haben den Rhein, die Ill. Elsass, das heißt Illsass, der Sitz der Ill. Nach einer keltischen Auslegung ist das Elsass das Land am Fuße der Berge. Jetzt wird es aber richtig kompliziert, weil es auf beiden Seiten Berge gibt. Hüben sind sie blau, drüben schwarz, und dazwischen liegt die Rheinebene. Das würde bedeuten, dass unsere Nachbarn jenseits des Rheins, im Badischen, keine Fremden sind, sondern dass wir alle zu derselben Familie gehören. Genau heißt das, dass entweder die Badener Elsässer sind, oder dass die Elsässer Deutsche sind, womit ich so meine Probleme hätte. Das passt also auch nicht. Ich habe daher nach weiteren Definitionen gesucht: Die Elsässer essen Sauerkraut. Doch das tun auch viele Deutsche und Menschen auf der ganzen Welt. Die Elsässer singen gern, die Deutschen ebenfalls. Ein weiterer gemeinsamer germanischer Charakterzug liegt darin, dass man gern ins Wirtshaus geht. Es gibt noch ein weiteres, sehr interessantes Merkmal, das möglicherweise ein Erbe des starken jüdischen Bevölkerungsanteils ist (Straßburg hat die größte jüdische Gemeinde in Frankreich und den zweitgrößten Anteil an Protestanten): Ich spreche vom Sinn für Spott und Selbstironie.

Das Elsass wurde Hunderte von Malen besetzt. Umgeben von Deutschland, der Schweiz und Lothringen ist es ein Gebiet der Migration. Auch wenn gerade einmal kein Krieg stattfand, zogen Völker durch das Elsass: Wollten die Italiener holländischen Käse kaufen, kamen sie durch unser Land und vergewaltigten im Vorübergehen unsere Großmütter; wenn die Russen bretonische Austern brauchten, reisten sie durch Deutschland und - bums! - schon wieder mussten unsere Omas dran glauben.

Im Elsass fand somit eine kräftige Durchmischung statt. Diese historisch tragische und geographisch strategische Situation hat dazu geführt, dass man hier gern spottet, auch über sich selbst. Etwas Vergleichbares gibt es in der Bretagne nicht, auf Korsika nicht und auch nicht in Okzitanien. Das ist vielleicht sogar einer der interessantesten und unverwechselbarsten Charakterzüge dieses Volkes der Elsässer, von dem ich so gut wie nichts weiß.

Existiert eine elsässische Kultur, und wenn ja, wie äußert sie sich?

Von einer elsässischen Kultur zu sprechen, würde bedeuten, dass das Elsass etwas Typisches besitzt, das es anderswo auf der Welt nicht gibt. Das Typischste am Elsass, und das betrifft sowohl die deutsche als auch die französische Zeit, ist, dass es hier immer bedeutende Dichter gegeben hat, denen allen es sehr am Herzen lag, Spott zu verbreiten.

Interessant an der Kultur des Elsass ist die Tatsache, dass auch hier die großen Themen vorkommen, die die Welt bewegen, was die Elsässer gar nicht wissen. So existiert zum Beispiel eine elsässische Fassung von Tristan und Isolde, von Gargantua, von den Fabeln des Äsop usw. Zwischen dem 12. und dem 15. Jahrhundert hat man sich im Elsass intensiv mit den großen Mythen der Weltgeschichte befasst. Vergleichbares hat in anderen Kulturen nicht stattgefunden.

Und dann gibt es da noch die ganze Schar der Satiriker: Zu allererst wäre Sebastian Brant zu nennen, mit seinem "Narrenschiff". Er ist Elsässer, auch wenn damals die geographische Zuweisung des Begriffs "Elsass" noch etwas verschwommen war. Von Brant zu Wimpheling, Morener und den anderen Humanisten ist es ein gerader Weg, der vielleicht nicht strikt durch das Elsass führt, aber auch jeden Fall mit der Rheinebene zusammenhängt. Das Elsass hatte auch später noch seine Satiriker, wie Hansi oder den Zeichner Cislain und Gustav Stoßkopf, mit seinem "Dr' Herr Maire", dem vielleicht bissigsten Theaterstück, das jemals über Deutsche und Franzosen geschrieben wurde. Und natürlich Germain Muller. Vielleicht kann man das als eine wirklich eigenständige Kultur bezeichnen.

Wenn ich französischen Journalisten ein Interview gebe, frage ich sie gern, ob sie sich vorstellen könnten, dass ein französischer Lokalpolitiker aus einer Gemeinderatssitzung kommt, die Straße überquert und auf die Bretter einer Kleinkunstbühne steigt, um politisches Kabarett zu machen. Bei einem französischen Politiker ist so etwas unvorstellbar. Nicht bei uns: Germain Muller war seinerzeit erster Beigeordneter beim damaligen Straßburger Bürgermeister Pierre Pflimlin, also eine bedeutende Persönlichkeit. Das hielt ihn aber nicht davon ab, 80 Mal Jahr in seinem Kabarett "Barabli" auf der Bühne zu stehen.

"Barabli": Allein schon der Name des Kabaretts war satirisch-programmatisch: Während des Ersten Weltkriegs hatten die elsässischen und die deutschen Kriegsgefangenen nicht denselben Status. Die Elsässer waren ja annektiert worden und galten als "falsche Franzosen, die deutsch sprachen". Da gab es einen Pfarrer, er hieß Vetele, glaube ich. Wenn er seinen Regenschirm hochhielt, sagten die Elsässer "s'isch a Barabli", wie man im Elsass sagt (Anm. des Übersetzers; Ableitung von "parapluie"), während die Deutschen "Regenschirm" und die aus dem Badischen "Schirm" sagten. Wenn die deutschen Kriegsgefangenen sich als Elsässer ausgeben wollten, um besseres Essen zu bekommen, sagten sie "s'isch a Schirm", und schon wusste man, dass das keine Elsässer waren.

Aufgrund dieser Geschichte gab Germain Müller seinem Kabarett den Namen "Barabli" . Er trat etwa 80 Mal im Jahr auf den Brettern, was sich 80.000 Zuschauer pro Jahr ansahen, und das allein mit politischem Kabarett! Eine solche Theaterkultur gibt es sonst nirgendwo. In Deutschland gibt es extrem politisches Kabarett und Comedy, sehr teutonisch usw. Aber politische Satire, das ist wirklich eine spezifisch elsässische Angelegenheit.

Im Theater Choucroûterie gab es einmal eine Show mit dem Titel "Les Dents de la Maire" ("Die Zähne der Bürgermeisterin"; Anm. des Übersetzers: Anspielung auf "Les Dents de la Mer" - den französischen Titel des Films "Der weiße Hai" - und auf C. Trautmann, die damalige Bürgermeisterin von Straßburg); Alle 96 Vorstellungen waren ausverkauft, und es haben sich über 15.000 Zuschauer die Show in diesem winzigen Theater angesehen. Das zeigt ja wohl, dass die Elsässer auf so etwas stehen, und dass das zu ihrer eigenen Kultur gehört. Es gibt aber im Elsass nicht nur eine einzige Kultur, denn das Elsass ist sowohl sprachlich als auch architektonisch ein wahres Mosaik. Da gibt es den elsässischen Teil, mit den Fachwerkhäusern, dann die elefantöse Kaiserarchitektur an der Place de la République, die französische Bauweise des Palais des Rohan, und viele Jugenstilgebäude. Eine bunte Mischung, und das gilt auch für die Sprachen.

Im Elsass wird nicht nur Elsässisch gesprochen. Jiddisch gehört ebenso dazu wie die Sprache des Fahrenden Volks, die auf Deutsch Rotwelsch genannt wird, und das in den Vogesen noch heute vorkommende Welsche, ein galloromanisches Überbleibsel aus den Anfängen der Christianisierung. Und viele Sprachvermischungen unter den verschiedensten Einflüssen. Das Museum für elsässische Kunst besitzt einen ganzen Flügel, der ausschließlich der jüdischen Kunst gewidmet ist, aber nicht der jüdischen Kunst allgemein, sondern ihren Ausprägungen im Elsass. Zum Beispiel in den Töpferwaren aus Soufflenheim und in der Hinterglasmalerei. Im Elsass haben sich die verschiedensten Kulturen durchmischt, es ist ein wahrer Schmelztiegel.

Viele im Elsässischen gebräuchliche Wörter kommen aus dem Jiddischen und dem Hebräischen. Jetzt sitzen wir hier in einem Restaurant, ein Elsässer würde "Beijtsch" sagen. Ich spreche zwar kein Hebräisch, aber ich glaube, da sagt man "Bara", der Ursprung ist somit eindeutig. Eigentlich glaube ich, dass es mit der elsässischen Kultur wie mit den Elsässern ist: Es gibt sie gar nicht, denn über weite Zeiträume waren die Elsässer ausgestorben.

Denken Sie zum Beispiel an die Zeit nach dem 30-jährigen Krieg. Es musste immer wieder "aufgevölkert" werden. In meiner Heimat zum Beispiel, dem Willertal, das 17 Gemeinden umfasst, gibt es ein reines Schwarzwalddorf, das von Deutschen ganz neu besiedelt wurde, außerdem ein Dorf mit Einwohnern polnischer Abstammung, und das Münstertal ist, was die Volkslieder und die Kleidung angeht, hundertprozentig schweizerisch geprägt. Nach jedem Krieg hieß es: Kommt zu uns, Ihr bekommt kostenloses Land und könnt Euch bei uns ansiedeln. Ebenso wie die elsässische Kultur ist auch der Elsässer wohl eher im Bereich der Theorie anzusiedeln.

Betrachten Sie das Elsässisch als ein Dialekt ? Wie ist es entstanden und woraus besteht es ?

Im Französischen gibt es eine hierarchische Einstufung des Sprachgebrauchs, von der als vornehm geltenden "langue" (Hochsprache), über den wegen des Nichtvorhandenseins einer Schriftsprache als minderwertig eingestuften, regional geprägten "dialecte" oder Mundart, bis zum geographisch noch enger eingegrenzten "patois", das praktisch als hinterwäldlerisch gilt. Für mich aber ist das, was man spricht, eine "Sprache". Ob man es schreibt oder nicht. Darauf kommt es doch auch gar nicht an. Außerdem kann man es sehr wohl schreiben. Ich jedenfalls tue es. Es hat einfach nur keine hoheitliche Kodifizierung der Regionalsprachen stattgefunden. Für das Elsässische wurde niemals beschlossen, dass die Grammatik dies oder jenes vorschreibt. Der Grund liegt doch auf der Hand: Will ein Elsässer sich mit einem deutschsprachigen Nicht-Elsässer unterhalten, dann tut er das auf Hochdeutsch. Wenn ein Straßburger einem Landsmann aus Mulhouse etwas mitteilen möchte, spricht er Elsässisch. Geht/ging es jedoch um einen Vertrag mit

demselben Landsmann, dann wird/wurde dieser auf Französisch ausgefertigt, oder auf Deutsch, je nach dem, zu welchem Staatsgebilde das Elsass gerade gehört(e). Die Sprache des Elsass ist das Alemannische, eine Sprache, deren Verbreitungsgebiet etwa von Hagenau bis zum österreichischen Vorarlberg reicht. Sie stammt aus dem 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Die Alemannen haben sie uns gebracht, und sie hat sich seither nur wenig verändert. Sie entspricht etwa dem Mittelhochdeutsch, das in Deutschland gesprochen wurde, bis Martin Luther die deutsche Schriftsprache vereinheitlichte.

Bis zum 19. Jahrhundert wurden keine modernen Begriffe eingebracht. Dann begann eine starke Durchmischung mit dem Französischen: Will ein Elsässer vermitteln, dass es sich um ein Fernsprechgerät handelt, sagt er "S'isch a Telefon", zum Fernseher sagt er "S'isch a Télévision, Kamera" usw. Außerdem wurden, teils aus Bequemlichkeit, teils weil Französisch so schön klingt, viele französische Verben dem Elsässischen angepasst, was im übrigen auch die Deutschen tun: Aus dem französischen "déranger" wurde "derangiere", aus "accepter" "akzeptiere", "filmer" wurde zu "filmiere" usw. An den Stamm wird einfach die elsässische Infinitivform "iere", im Deutschen "ieren" angehängt.

Die Sprache ist stark durchmischt, und das ist es, was ihre Vielfalt ausmacht, denn sie kann ebenso pikant wie ergötzlich sein. Elsässisch ist eine Sprache fürs Schmecken, nicht für das Denken. Sie kann alles vermitteln: Bernard Marie Koltés wurde ins Elsässische übertragen, ebenso Thomas Bernard und Koebelie. Nathan Katz hat Shakespeare und Germain Muller hat Molière übersetzt. Das geht alles. Aber vor allem ist das Elsässisch eine Sprache die dem Genuss dient, dem Feiern, dem guten Essen, dem Trinken, mit anderen Worten, eine Sprache für die Freuden des Lebens. Das Schöne daran, dass man über zwei Sprachen verfügt, ist eben, dass man doppelt soviel Spaß haben kann: Man kann in beiden Sprachen Scheiße erzählen und - im richtigen Augenblick -sich auch in beiden Sprachen mit Antworten zurückhalten.

Was erhoffen Sie sich für die elsässische Kultur und was sind Ihre eigenen Pläne?

Ich wünsche mir für die Kultur des Elsass, dass sie einfach weiter leben möge und nicht eines so genannten natürlichen Todes sterbe oder Opfer der derzeit modischen kollektiven elsässischen Selbstentleibung werde. Jeden Tag stirbt auf dieser unserer Welt eine Sprache aus. Nun, tragisch ist das an sich ja nicht. Aber das Schlimme daran ist , dass eine Sprache, die verschwindet, wie ein Fenster zur Freiheit ist, vor dem die Läden herunter gelassen werden. Die Lebensqualität wäre durch das Verschwinden der Sprache des Elsass minimal oder auch überhaupt nicht betroffen. Aber, was dann nicht mehr stimmen würde, ist dieser wunderschöne Satz, den ich von Deutschen gehört habe: "Ihr seid bi, Ihr lebt doppelt!". Und, viel schlimmer: Wir würden noch viel mehr vermissen, denn wir sind nicht nur "bi", wir sind "tri", wir reden Deutsch, Französisch und Elsässisch! Wir besitzen somit das dreifache an Bilderwelt, Glücksvorstellungen und Erwartungen, die mit den jeweiligen Sprachen verbunden sind.

Ein und dasselbe Wort hat in jeder Sprache einen ganz anderen Inhalt: Das französische Wort "escalier" für "Treppe" ist mein liebstes Beispiel. "Escalier" hat für mich etwas französisch-Vornehmes; "Treppe" dagegen ist eine deutsch-steile Stiege, die auf den Speicher führt, auf dem mich alte Dinge und vielleicht märchenhafte Entdeckungen erwarten; wenn ich aber an die heimische, elsässische "Stai" denke, dann habe ich schon den Fuß auf der ersten, durchgetretenen Stufe aus rotem Sandstein, die in den Weinkeller führt, wo es so schön nach elsässischem Wein duftet. Ein derartig dreifacher Genuss ist allein durch die Dreifaltigkeit der Sprache möglich.

Was haben Sie weiterhin vor?

Für die kommenden 312 habe ich ganz bestimmte Vorstellungen: Ich halte mich deshalb von Arbeit frei. Meine einzige Leidenschaft ist die Bühne. Dafür investiere ich Tage und Nächte, meine Frau und meine Kinder akzeptieren das. Ich erfinde ständig neue Shows und lasse mich von neuen Einfällen begeistern. Ich möchte was ganz Neues aufziehen. Tomi Ungerer wird bald 70, er hat gerade eine Aphorismensammlung herausgebracht, "Limericks" wie die Deutschen sagen. So etwas wie: "Das Elsass ist wie ein Klo, immer besetzt".

Ich möchte aus solchen Sprüchen eine witzige Show zusammenstellen, und zwar mit einem Musiker namens Cookie Dingler. Er hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Tomi und trinkt auch gern Whisky, er mag die Stones und macht gern anarchisch-alkohol-betonte Shows nach irgendwelchen Tresenwitzen. So etwas möchte ich gern aufziehen. Zum Beispiel Rabelais' Gargantua auf Elsässisch, oder Äsops Fabeln, die es schon auf Mittelhochdeutsch gibt, und die ich am liebsten mit politischen Tagesnachrichten verbinden würde. Das ergäbe zugleich Satire und ernsthaftes Kabarett. Ich habe mir auch schon vorgestellt, ich könnte allein mit meiner Gitarre singend von Kneipe zu Kneipe ziehen, wie früher. Vor Ort improvisieren und extemporieren. Für die nächsten 312 Jahre dürfte es reichen.

Vielen Dank für dieses Interview.

"Wanner olles welle wisse ewer d'Elsasser mener Arte onleuye"
"Wenn Sie alles über die Elsässer erfahren möchten, müssen Sie ARTE schauen."