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Guten
Tag, Roger Siffer, Wir befinden uns hier in der Choucroûterie,
dem bekannten Straßburger Mundarttheater. Wie würden Sie
die Elsässer und ihre wesentlichen Charakterzüge beschreiben?
Wie man weiß, waren die Elsässer ja ständig zwischen Deutschland
und Frankreich hin- und hergerissen; welche Eigenschaften
der beiden Kulturen sind ihnen bis heute geblieben?
Ich
kann nicht genau sagen, was ein Elsässer ist. Das ist eine
sehr schwierige Frage. Ist man schon Elsässer, wenn man
Elsässisch spricht? Das würde ja bedeuten, dass jemand,
der zwar im Elsass lebt, aber die Sprache nicht spricht,
kein Elsässer ist. Kann man Elsässer sein, auch wenn man
gar nicht im Elsass lebt, sondern zum Beispiel in Brazzaville,
aber trotzdem Elsässisch spricht? Oder ist man dann schon
kein Elsässer mehr? Ist vielleicht die weiße Hautfarbe ein
Maßstab? Wird ein Schwarzer dadurch zum Elsässer, dass er
unseren Dialekt spricht, oder kann im Gegenteil ein hier
geborener Mensch mit dunkler Hautfarbe sowieso kein Elsässer
sein? Die Fragestellung ist sehr komplex, denn es geht hier
um kulturelle und nicht um ethnische oder rassische Aspekte,
denn dann würde die ganze Sache sehr heikel und schnell
nach Blut und Boden schmecken.
Man
könnte sagen, dass die Elsässer die deutschesten Franzosen
oder auch die französischsten Deutschen sind. Oder so ähnlich.
Es ist aber schon viel einfacher, die Elsässer von anderen
Einwohnern Frankreichs zu unterscheiden, zum Beispiel von
den Bretonen. Im Großen und Ganzen möchte ich sagen, dass
der wahre Elsässer ein Mensch ist, der das Elsass liebt.
Der
größte Kabarettist, den das Elsass je hervorgebracht hat,
war Germain Muller. Er hatte eine ausgezeichnete Antwort
auf die Frage "Wos isch a Elsasser?" Er sagte: "A Elsasser
isch a Elsasser" " Wos isch a gueter Elsasser?" " A gueter
Elsasser isch a Franzos" "Wos isch a ganz gueter Elsasser?"
"A ganz gueter Elsasser isch fascht schon a halver Schwob
(Deutscher)". Das mag zwar wie eine Satire klingen, umreißt
die Situation aber sehr gut. Was mich beim Vergleich eines
Elsässers mit einem Bretonen interessiert, ist das regional
Spezifische. Das wäre zum Beispiel diese etwas eigenartige
Sprache. Aber es gibt noch wichtigere Unterscheidungsmerkmale.
Der Elsässer hat eine ganz andere Beziehung zum Haus als
die anderen Franzosen, da das elsässische Fachwerkhaus rechtlich
nicht als Immobilie gilt, sondern zu den Mobilien, den beweglichen
Gütern, zählt. Man kann es nämlich zerlegen und damit wie
mit seinen Möbeln in ein anderes Dorf umziehen. Deswegen
denke ich mir, dass diese Menschen, die seit Jahrhunderten
ihr eigenes Häuschen dabei haben, wie ein Schneckenhaus,
zwangsläufig gastfreundlicher und offener sind als andere.
Das wäre eine mögliche Beschreibung. Oder, denken Sie zum
Beispiel an Straßburg, mit seinen 620 Brücken. Ich nehme
an, diese Menschen - lassen Sie mich optimistisch sein,
sind weltoffener und warmherziger als in anderen Gegenden
auf der Welt. Im Elsass gibt es viel Wasser: Wir haben den
Rhein, die Ill. Elsass, das heißt Illsass, der Sitz der
Ill. Nach einer keltischen Auslegung ist das Elsass das
Land am Fuße der Berge. Jetzt wird es aber richtig kompliziert,
weil es auf beiden Seiten Berge gibt. Hüben sind sie blau,
drüben schwarz, und dazwischen liegt die Rheinebene. Das
würde bedeuten, dass unsere Nachbarn jenseits des Rheins,
im Badischen, keine Fremden sind, sondern dass wir alle
zu derselben Familie gehören. Genau heißt das, dass entweder
die Badener Elsässer sind, oder dass die Elsässer Deutsche
sind, womit ich so meine Probleme hätte. Das passt also
auch nicht. Ich habe daher nach weiteren Definitionen gesucht:
Die Elsässer essen Sauerkraut. Doch das tun auch viele Deutsche
und Menschen auf der ganzen Welt. Die Elsässer singen gern,
die Deutschen ebenfalls. Ein weiterer gemeinsamer germanischer
Charakterzug liegt darin, dass man gern ins Wirtshaus geht.
Es gibt noch ein weiteres, sehr interessantes Merkmal, das
möglicherweise ein Erbe des starken jüdischen Bevölkerungsanteils
ist (Straßburg hat die größte jüdische Gemeinde in Frankreich
und den zweitgrößten Anteil an Protestanten): Ich spreche
vom Sinn für Spott und Selbstironie.
Das
Elsass wurde Hunderte von Malen besetzt. Umgeben von Deutschland,
der Schweiz und Lothringen ist es ein Gebiet der Migration.
Auch wenn gerade einmal kein Krieg stattfand, zogen Völker
durch das Elsass: Wollten die Italiener holländischen Käse
kaufen, kamen sie durch unser Land und vergewaltigten im
Vorübergehen unsere Großmütter; wenn die Russen bretonische
Austern brauchten, reisten sie durch Deutschland und - bums!
- schon wieder mussten unsere Omas dran glauben.
Im Elsass
fand somit eine kräftige Durchmischung statt. Diese historisch
tragische und geographisch strategische Situation hat dazu
geführt, dass man hier gern spottet, auch über sich selbst.
Etwas Vergleichbares gibt es in der Bretagne nicht, auf
Korsika nicht und auch nicht in Okzitanien. Das ist vielleicht
sogar einer der interessantesten und unverwechselbarsten
Charakterzüge dieses Volkes der Elsässer, von dem ich so
gut wie nichts weiß.
Existiert
eine elsässische Kultur, und wenn ja, wie äußert sie sich?
Von
einer elsässischen Kultur zu sprechen, würde bedeuten, dass
das Elsass etwas Typisches besitzt, das es anderswo auf
der Welt nicht gibt. Das Typischste am Elsass, und das betrifft
sowohl die deutsche als auch die französische Zeit, ist,
dass es hier immer bedeutende Dichter gegeben hat, denen
allen es sehr am Herzen lag, Spott zu verbreiten.
Interessant
an der Kultur des Elsass ist die Tatsache, dass auch hier
die großen Themen vorkommen, die die Welt bewegen, was die
Elsässer gar nicht wissen. So existiert zum Beispiel eine
elsässische Fassung von Tristan und Isolde, von Gargantua,
von den Fabeln des Äsop usw. Zwischen dem 12. und dem 15.
Jahrhundert hat man sich im Elsass intensiv mit den großen
Mythen der Weltgeschichte befasst. Vergleichbares hat in
anderen Kulturen nicht stattgefunden.
Und
dann gibt es da noch die ganze Schar der Satiriker: Zu allererst
wäre Sebastian Brant zu nennen, mit seinem "Narrenschiff".
Er ist Elsässer, auch wenn damals die geographische Zuweisung
des Begriffs "Elsass" noch etwas verschwommen war. Von Brant
zu Wimpheling, Morener und den anderen Humanisten ist es
ein gerader Weg, der vielleicht nicht strikt durch das Elsass
führt, aber auch jeden Fall mit der Rheinebene zusammenhängt.
Das Elsass hatte auch später noch seine Satiriker, wie Hansi
oder den Zeichner Cislain und Gustav Stoßkopf, mit seinem
"Dr' Herr Maire", dem vielleicht bissigsten Theaterstück,
das jemals über Deutsche und Franzosen geschrieben wurde.
Und natürlich Germain Muller. Vielleicht kann man das als
eine wirklich eigenständige Kultur bezeichnen.
Wenn
ich französischen Journalisten ein Interview gebe, frage
ich sie gern, ob sie sich vorstellen könnten, dass ein französischer
Lokalpolitiker aus einer Gemeinderatssitzung kommt, die
Straße überquert und auf die Bretter einer Kleinkunstbühne
steigt, um politisches Kabarett zu machen. Bei einem französischen
Politiker ist so etwas unvorstellbar. Nicht bei uns: Germain
Muller war seinerzeit erster Beigeordneter beim damaligen
Straßburger Bürgermeister Pierre Pflimlin, also eine bedeutende
Persönlichkeit. Das hielt ihn aber nicht davon ab, 80 Mal
Jahr in seinem Kabarett "Barabli" auf der Bühne zu stehen.
"Barabli":
Allein schon der Name des Kabaretts war satirisch-programmatisch:
Während des Ersten Weltkriegs hatten die elsässischen und
die deutschen Kriegsgefangenen nicht denselben Status. Die
Elsässer waren ja annektiert worden und galten als "falsche
Franzosen, die deutsch sprachen". Da gab es einen Pfarrer,
er hieß Vetele, glaube ich. Wenn er seinen Regenschirm hochhielt,
sagten die Elsässer "s'isch a Barabli", wie man im Elsass
sagt (Anm. des Übersetzers; Ableitung von "parapluie"),
während die Deutschen "Regenschirm" und die aus dem Badischen
"Schirm" sagten. Wenn die deutschen Kriegsgefangenen sich
als Elsässer ausgeben wollten, um besseres Essen zu bekommen,
sagten sie "s'isch a Schirm", und schon wusste man, dass
das keine Elsässer waren.
Aufgrund
dieser Geschichte gab Germain Müller seinem Kabarett den
Namen "Barabli" . Er trat etwa 80 Mal im Jahr auf den Brettern,
was sich 80.000 Zuschauer pro Jahr ansahen, und das allein
mit politischem Kabarett! Eine solche Theaterkultur gibt
es sonst nirgendwo. In Deutschland gibt es extrem politisches
Kabarett und Comedy, sehr teutonisch usw. Aber politische
Satire, das ist wirklich eine spezifisch elsässische Angelegenheit.
Im Theater
Choucroûterie gab es einmal eine Show mit dem Titel "Les
Dents de la Maire" ("Die Zähne der Bürgermeisterin"; Anm.
des Übersetzers: Anspielung auf "Les Dents de la Mer" -
den französischen Titel des Films "Der weiße Hai" - und
auf C. Trautmann, die damalige Bürgermeisterin von Straßburg);
Alle 96 Vorstellungen waren ausverkauft, und es haben sich
über 15.000 Zuschauer die Show in diesem winzigen Theater
angesehen. Das zeigt ja wohl, dass die Elsässer auf so etwas
stehen, und dass das zu ihrer eigenen Kultur gehört. Es
gibt aber im Elsass nicht nur eine einzige Kultur, denn
das Elsass ist sowohl sprachlich als auch architektonisch
ein wahres Mosaik. Da gibt es den elsässischen Teil, mit
den Fachwerkhäusern, dann die elefantöse Kaiserarchitektur
an der Place de la République, die französische Bauweise
des Palais des Rohan, und viele Jugenstilgebäude. Eine bunte
Mischung, und das gilt auch für die Sprachen.
Im Elsass
wird nicht nur Elsässisch gesprochen. Jiddisch gehört ebenso
dazu wie die Sprache des Fahrenden Volks, die auf Deutsch
Rotwelsch genannt wird, und das in den Vogesen noch heute
vorkommende Welsche, ein galloromanisches Überbleibsel aus
den Anfängen der Christianisierung. Und viele Sprachvermischungen
unter den verschiedensten Einflüssen. Das Museum für elsässische
Kunst besitzt einen ganzen Flügel, der ausschließlich der
jüdischen Kunst gewidmet ist, aber nicht der jüdischen Kunst
allgemein, sondern ihren Ausprägungen im Elsass. Zum Beispiel
in den Töpferwaren aus Soufflenheim und in der Hinterglasmalerei.
Im Elsass haben sich die verschiedensten Kulturen durchmischt,
es ist ein wahrer Schmelztiegel.
Viele
im Elsässischen gebräuchliche Wörter kommen aus dem Jiddischen
und dem Hebräischen. Jetzt sitzen wir hier in einem Restaurant,
ein Elsässer würde "Beijtsch" sagen. Ich spreche zwar kein
Hebräisch, aber ich glaube, da sagt man "Bara", der Ursprung
ist somit eindeutig. Eigentlich glaube ich, dass es mit
der elsässischen Kultur wie mit den Elsässern ist: Es gibt
sie gar nicht, denn über weite Zeiträume waren die Elsässer
ausgestorben.
Denken
Sie zum Beispiel an die Zeit nach dem 30-jährigen Krieg.
Es musste immer wieder "aufgevölkert" werden. In meiner
Heimat zum Beispiel, dem Willertal, das 17 Gemeinden umfasst,
gibt es ein reines Schwarzwalddorf, das von Deutschen ganz
neu besiedelt wurde, außerdem ein Dorf mit Einwohnern polnischer
Abstammung, und das Münstertal ist, was die Volkslieder
und die Kleidung angeht, hundertprozentig schweizerisch
geprägt. Nach jedem Krieg hieß es: Kommt zu uns, Ihr bekommt
kostenloses Land und könnt Euch bei uns ansiedeln. Ebenso
wie die elsässische Kultur ist auch der Elsässer wohl eher
im Bereich der Theorie anzusiedeln.
Betrachten
Sie das Elsässisch als ein Dialekt ? Wie ist es entstanden
und woraus besteht es ?
Im Französischen
gibt es eine hierarchische Einstufung des Sprachgebrauchs,
von der als vornehm geltenden "langue" (Hochsprache), über
den wegen des Nichtvorhandenseins einer Schriftsprache als
minderwertig eingestuften, regional geprägten "dialecte"
oder Mundart, bis zum geographisch noch enger eingegrenzten
"patois", das praktisch als hinterwäldlerisch gilt. Für
mich aber ist das, was man spricht, eine "Sprache". Ob man
es schreibt oder nicht. Darauf kommt es doch auch gar nicht
an. Außerdem kann man es sehr wohl schreiben. Ich jedenfalls
tue es. Es hat einfach nur keine hoheitliche Kodifizierung
der Regionalsprachen stattgefunden. Für das Elsässische
wurde niemals beschlossen, dass die Grammatik dies oder
jenes vorschreibt. Der Grund liegt doch auf der Hand: Will
ein Elsässer sich mit einem deutschsprachigen Nicht-Elsässer
unterhalten, dann tut er das auf Hochdeutsch. Wenn ein Straßburger
einem Landsmann aus Mulhouse etwas mitteilen möchte, spricht
er Elsässisch. Geht/ging es jedoch um einen Vertrag mit
demselben
Landsmann, dann wird/wurde dieser auf Französisch ausgefertigt,
oder auf Deutsch, je nach dem, zu welchem Staatsgebilde
das Elsass gerade gehört(e). Die Sprache des Elsass ist
das Alemannische, eine Sprache, deren Verbreitungsgebiet
etwa von Hagenau bis zum österreichischen Vorarlberg reicht.
Sie stammt aus dem 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung.
Die Alemannen haben sie uns gebracht, und sie hat sich seither
nur wenig verändert. Sie entspricht etwa dem Mittelhochdeutsch,
das in Deutschland gesprochen wurde, bis Martin Luther die
deutsche Schriftsprache vereinheitlichte.
Bis
zum 19. Jahrhundert wurden keine modernen Begriffe eingebracht.
Dann begann eine starke Durchmischung mit dem Französischen:
Will ein Elsässer vermitteln, dass es sich um ein Fernsprechgerät
handelt, sagt er "S'isch a Telefon", zum Fernseher sagt
er "S'isch a Télévision, Kamera" usw. Außerdem wurden, teils
aus Bequemlichkeit, teils weil Französisch so schön klingt,
viele französische Verben dem Elsässischen angepasst, was
im übrigen auch die Deutschen tun: Aus dem französischen
"déranger" wurde "derangiere", aus "accepter" "akzeptiere",
"filmer" wurde zu "filmiere" usw. An den Stamm wird einfach
die elsässische Infinitivform "iere", im Deutschen "ieren"
angehängt.
Die
Sprache ist stark durchmischt, und das ist es, was ihre
Vielfalt ausmacht, denn sie kann ebenso pikant wie ergötzlich
sein. Elsässisch ist eine Sprache fürs Schmecken, nicht
für das Denken. Sie kann alles vermitteln: Bernard Marie
Koltés wurde ins Elsässische übertragen, ebenso Thomas Bernard
und Koebelie. Nathan Katz hat Shakespeare und Germain Muller
hat Molière übersetzt. Das geht alles. Aber vor allem ist
das Elsässisch eine Sprache die dem Genuss dient, dem Feiern,
dem guten Essen, dem Trinken, mit anderen Worten, eine Sprache
für die Freuden des Lebens. Das Schöne daran, dass man über
zwei Sprachen verfügt, ist eben, dass man doppelt soviel
Spaß haben kann: Man kann in beiden Sprachen Scheiße erzählen
und - im richtigen Augenblick -sich auch in beiden Sprachen
mit Antworten zurückhalten.
Was
erhoffen Sie sich für die elsässische Kultur und was sind
Ihre eigenen Pläne?
Ich
wünsche mir für die Kultur des Elsass, dass sie einfach
weiter leben möge und nicht eines so genannten natürlichen
Todes sterbe oder Opfer der derzeit modischen kollektiven
elsässischen Selbstentleibung werde. Jeden Tag stirbt auf
dieser unserer Welt eine Sprache aus. Nun, tragisch ist
das an sich ja nicht. Aber das Schlimme daran ist , dass
eine Sprache, die verschwindet, wie ein Fenster zur Freiheit
ist, vor dem die Läden herunter gelassen werden. Die Lebensqualität
wäre durch das Verschwinden der Sprache des Elsass minimal
oder auch überhaupt nicht betroffen. Aber, was dann nicht
mehr stimmen würde, ist dieser wunderschöne Satz, den ich
von Deutschen gehört habe: "Ihr seid bi, Ihr lebt doppelt!".
Und, viel schlimmer: Wir würden noch viel mehr vermissen,
denn wir sind nicht nur "bi", wir sind "tri", wir reden
Deutsch, Französisch und Elsässisch! Wir besitzen somit
das dreifache an Bilderwelt, Glücksvorstellungen und Erwartungen,
die mit den jeweiligen Sprachen verbunden sind.
Ein
und dasselbe Wort hat in jeder Sprache einen ganz anderen
Inhalt: Das französische Wort "escalier" für "Treppe" ist
mein liebstes Beispiel. "Escalier" hat für mich etwas französisch-Vornehmes;
"Treppe" dagegen ist eine deutsch-steile Stiege, die auf
den Speicher führt, auf dem mich alte Dinge und vielleicht
märchenhafte Entdeckungen erwarten; wenn ich aber an die
heimische, elsässische "Stai" denke, dann habe ich schon
den Fuß auf der ersten, durchgetretenen Stufe aus rotem
Sandstein, die in den Weinkeller führt, wo es so schön nach
elsässischem Wein duftet. Ein derartig dreifacher Genuss
ist allein durch die Dreifaltigkeit der Sprache möglich.
Was
haben Sie weiterhin vor?
Für
die kommenden 312 habe ich ganz bestimmte Vorstellungen:
Ich halte mich deshalb von Arbeit frei. Meine einzige Leidenschaft
ist die Bühne. Dafür investiere ich Tage und Nächte, meine
Frau und meine Kinder akzeptieren das. Ich erfinde ständig
neue Shows und lasse mich von neuen Einfällen begeistern.
Ich möchte was ganz Neues aufziehen. Tomi Ungerer wird bald
70, er hat gerade eine Aphorismensammlung herausgebracht,
"Limericks" wie die Deutschen sagen. So etwas wie: "Das
Elsass ist wie ein Klo, immer besetzt".
Ich
möchte aus solchen Sprüchen eine witzige Show zusammenstellen,
und zwar mit einem Musiker namens Cookie Dingler. Er hat
eine gewisse Ähnlichkeit mit Tomi und trinkt auch gern Whisky,
er mag die Stones und macht gern anarchisch-alkohol-betonte
Shows nach irgendwelchen Tresenwitzen. So etwas möchte ich
gern aufziehen. Zum Beispiel Rabelais' Gargantua auf Elsässisch,
oder Äsops Fabeln, die es schon auf Mittelhochdeutsch gibt,
und die ich am liebsten mit politischen Tagesnachrichten
verbinden würde. Das ergäbe zugleich Satire und ernsthaftes
Kabarett. Ich habe mir auch schon vorgestellt, ich könnte
allein mit meiner Gitarre singend von Kneipe zu Kneipe ziehen,
wie früher. Vor Ort improvisieren und extemporieren. Für
die nächsten 312 Jahre dürfte es reichen.
Vielen
Dank für dieses Interview.
"Wanner
olles welle wisse ewer d'Elsasser mener Arte onleuye"
"Wenn Sie alles über die Elsässer erfahren möchten,
müssen Sie ARTE schauen."
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